Kapitel 8 - Autodiebe
Kapitel 8 - Autodiebe
In der nächsten Stunde füllte sich Zettel um Zettel mit Worten, Buchstaben, Zahlen und Zeichen. Die drei Fragezeichen wälzten Bücher, suchten auf Internetseiten und schauten in Aufzeichnungen alter Fälle, die mit Sprachchiffrierung zu tun hatten. Doch die Gesichter der drei wurden mit der Zeit immer düsterer. Das Gedicht wollte sein Geheimnis nicht preisgeben. Justus war der Letzte, der den Stift auf den Tisch warf und sich mit einem Stöhnen zurückfallen ließ. „Das ist doch wie verhext!"
„Mir schwirrt der Kopf vor lauter Felsen, Stränden, Seiten und was weiß ich.", brummte Peter erschöpft.
Eine ganze Weile war es still in der Zentrale. Justus massierte angestrengt seine Schläfen. Doch dann schoss er plötzlich hoch Richtung Computer. Diese abrupte Bewegung ließ Peter und Bob vor Schreck zusammenzucken.
„Felsige, Strand, Seite, außen, drei Mal", sprach Justus aufgeregt vor sich hin.
Verwirrt sahen sich die anderen beiden Detektive an.
Justus deutete grinsend auf den Monitor. „Seht euch die ersten Worte der Verse an und übersetzt sie ins Englische.
„Felsige, Strand, heute.", sprach Bob und dann fiel auch bei ihm der Groschen. „Rocky Beach Today!", rief er aufgeregt.
„Damit ist die Zeitung gemeint, oder? Seite drei außen!", kam von Peter.
„Onkel Titus hat die Zeitung abonniert. Also nichts wie rüber!", forderte der erste Detektiv und sie liefen hinüber ins Wohnhaus. Auf dem Küchentisch wurden sie direkt fündig und Justus schlug in der aktuellen Ausgabe die dritte Seite auf. Gemeinsam scannten sie die aufgeführten Artikel.
Bob schrie auf. „Da! Mysteriöse Diebstahlserie. Das könnte es sein!"
In dem Artikel ging es um den Diebstahl einer Luxuslimousine, einem BMW im Wert von etwa 100.000 Dollar. Es gab bereits mehrere ähnliche Diebstähle, immer nachts und immer wurde das Fahrzeug vom Grundstück der Fahrzeughalter entwendet. Bis jetzt sei keiner der Wagen wieder aufgetaucht und die Polizei von Rocky Beach ermittle in dem Fall.
„Aber was hat das alles mit uns zu tun?"
„Für mich sieht das nach einem neuen Auftrag aus.", sagte Justus nachdenklich.
„Du meinst, der Typ, der in unsere Zentrale eingebrochen ist, will das wir die Autodiebe jagen, oder was?", fragte Peter skeptisch.
„Vielleicht. Ich weiß es nicht."
Eindringlich sah Peter seinen Freund an. „Ich bin wirklich mein Leben gerne Detektiv, aber das ist definitiv zu groß für uns und Sache der Polizei."
„Ich stimme Peter zu. Das ist nur eine Information. Wir wissen weder was, noch ob wir überhaupt etwas tun sollen."
Justus seufzte. „Ich brauche jetzt erstmal Brennstoff für meine grauen Zellen." Damit ging er zum Küchenschrank und griff sich eine Packung Kekse. „Überlegt doch mal.", fing er an, während er vor sich hinkrümelte. „Wer könnte hinter all dem stecken?"
Peter schüttelte ahnungslos den Kopf.
Bob warf die Theorie in den Raum, dass es einer der Autodiebe sein könnte, weil ihm die Sache über den Kopf wuchs oder weil Dinge von ihm verlangt wurden, die er auf keinen Fall tun wollte.
Peter fand diese Theorie sehr weit hergeholt, schließlich könnte derjenige damit auch einfach zur Polizei gehen. Aber Justus entkräftete dieses Argument, denn seine Komplizen würden davon schnell windbekommen, wenn ein einziger der Gruppe nicht ins Gefängnis kommen würde. Außerdem sei es äußerst schwierig so eine verschlüsselte Botschaft auf einen Polizeicomputer zu bekommen.
„Hm, alles ein bisschen mager, findet ihr nicht?"
„Egal.", meinte Bob. „Wichtig ist für uns nur der Inhalt der Gedichte. Wollen wir zurück in die Zentrale? Vielleicht hat Mr. X uns ja schon eine neue Botschaft geschickt?"
Und tatsächlich, ein neues Icon war auf dem Bildschirm erschienen.
„Wieder ein Gedicht. Länger als das letzte.", sagte Justus und die drei lasen sich die Zeilen durch.
„Heute schwindet grauer Tag
Nacht sein dunkles Bett ihm gab.
Gnade findet keiner er,
der Orangenblütenherr.
Seht nur, wie er welkt dahin!
Stimme ohne Licht.
Sein Gesicht ist ohne Sinn,
war dereinst Gedicht.
Nur die Nacht kennt seine Klagen,
Antworten und stille Fragen.
Keine Seele hört die Bitte
schwarzer Stiere Trippelschritte."
Justus schrieb wieder die ersten Worte auf, aber so richtig Sinn ergab es dieses Mal nicht. Er zupfte an seiner Unterlippe. „Heute, Nacht, Gnade. Es wäre möglich, dass er uns auf etwas hinweisen will, was heute Nacht passiert."
„Aber da steht nichts von Diebstahl oder Auto."
„Oh doch doch! Gnade heißt auf Spanisch "Merced". Vielleicht geht es um einen Mercedes!", sprach Bob aufgeregt.
„Das ist für mich ein klarer Hinweis auf einen weiteren Raubzug der Bande, Kollegen!"
„Aber wo?"
Wieder hatte Bob die Antwort mit der vierten Zeile. „Orangenblütenherr, Orange Street unten in Lupine Heights. Da wohnen eine Menge reicher Leute!"
„Okay also ist dieses Mal ein Wort aus jeder Zeile wichtig."
Jetzt kam auch Peter in den Flow. „Seht, Stimme, Gesicht. Der Typ will, dass wir die Kerle beobachten."
Bei den nächsten drei Zeilen vermuteten sie, dass die Worte "Gedicht", "Nur" und "Antworten" wichtig waren. Sie gingen davon aus, dass die drei dem Unbekannten ebenfalls nur in Gedichtform antworten sollten.
Die letzten beiden Zeilen ergaben für die drei Fragezeichen aber keinen Sinn. Sie zerbrachen sich eine Stunde lang den Kopf darüber aber ohne Erfolg. Also ließen sie den Rest erstmal außer Acht.
Kurz vor Sonnenuntergang sprangen die drei Detektive in Bobs gelben Käfer und machten sich mit einem Rucksack voller nützlicher Ausrüstung auf den Weg in den südlichen Stadtteil von Rocky Beach.
Peter und Bob war mulmig zumute. Sie hatten schließlich keine Ahnung wie gefährlich diese Leute waren und wie viele überhaupt an den Diebstählen beteiligt waren. Justus war hingegen ganz gelassen und zog drei schwarze Strickteile aus der Tasche, in denen drei große Löcher geschnitten waren.
„Sollen wir die anziehen?", fragte Bob.
„Ja, unsere Gesichter könnten uns verraten. Und das ist besser, als uns mit Ruß zu beschmieren.", erklärte Justus.
Peter verzog das Gesicht. „Sind das alte Socken von dir?"
„Nein, ich habe die aus einer von Tante Mathildas alten Wollstrumpfhosen angefertigt. Sie wollte die zur Altkleidersammlung bringen."
„Moment! Ich soll die ganze Nacht mit einer Strumpfhose von Tante Mathilda über dem Kopf rumlaufen?", rief Peter entsetzt und angeekelt.
„Das oder Ruß oder geschnappt werden.", entgegnete Justus seelenruhig.
Peter seufzte genervt auf.
Die Straßenbeleuchtung war eingeschaltet, als sie in der Orange Street eintrafen. Die Wege waren umringt von dichten Bäumen und üppigen Büschen. Die Häuser im Villenviertel waren größer und prächtiger, als anderswo und die Gärten weitläufiger. Viele der Anwesen waren von hohen Zäunen umsäumt.
„Ich frage mich, wie die Diebe da rein wollen. Die Häuser scheinen abgesichert wie ein Hochsicherheitsgefängnis."
„Das Rauskommen ist viel problematischer. Einen Mercedes klemmt man sich schließlich nicht einfach unter den Arm."
Nach Bobs Recherchen kamen zwei Autos in dieser Straße infrage. Beide um die hunderttausend Dollar wert und nagelneu. Das herauszufinden war gar nicht schwer, denn so viele Häuser standen nicht in dieser Straße. Bob hatte sich als Vertreter einer Marktforschungsfirma ausgegeben, die eine Umfrage zu Fahrzeugen aus Deutschland machte und die Familien angerufen. So wusste er schnell wer ein deutsches Modell besaß und wie viele Mercedes dabei waren.
„Wieso eigentlich ausgerechnet einen Mercedes? Hier steht bestimmt in jeder Garage ein teures Auto.", meinte Peter.
„Vielleicht Auftragsdiebstähle. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Fahrzeuge außer Landes gebracht werden zum Verkauf."
Die drei Jungs hatten die beiden infrage kommenden Häuser gefunden. Sie wollten sich gerade auf Position begeben um beide Grundstücke im Auge behalten zu können, als der silberne Mercedes von Hausnummer 27 vom Grundstück Richtung Osten fuhr. Damit blieb nur noch der schwarze Mercedes vor Hausnummer 32 als Ziel übrig und die drei konzentrierten sich auf diesen. Vor dem Haus befand sich ein kleiner Park mit Spielplatz, auf dem sich die Detektive hinter einer dichten Strauchgruppe versteckten. Justus platzierte das Richtmikrofon so weit vorne wie möglich und legte die Kamera neben sich. Dann griff er die schwarzen zweckentfremdeten Strickteile aus der Tasche und reichte sie an seine Freunde.
„Juhuu, Tante Mathildas Strumpfhose!", kam sarkastisch unerfreut von Peter.
Mit den stylischen Kapuzen auf ihren Köpfen hockten die Freunde in ihrem Versteck, während die Stunden vergingen. Es war schon kurz nach zwölf. „Wir werden so tot sein morgen in der Schule.", seufzte Peter, der die ganze Situation hier gerade bereute.
Dann ging auch noch die Straßenlaterne aus. „Na toll, die Fotos können wir auch vergessen.", raunte Bob.
„Kollegen! Dort!", sprach Justus plötzlich aufgeregt.
Auf der anderen Straßenseite huschten zwei Gestalten im Schatten der Bäume Richtung Hausnummer 32. Eine recht groß, die andere ziemlich klein, wobei der große eine Sporttasche über der Schulter trug. Justus griff das Nachtsichtgerät aus dem Rucksack und setzte es sich auf. Ihm stockte der Atem beim Blick auf die Gestalten, ihre Köpfe waren seltsam unförmig und viel zu groß. „Die haben irgendwas auf dem Kopf, Hüte oder Masken. Ich kann es nicht erkennen. Aber ich bin mir sicher, dass das die Diebe sind!"
Er schaltete das Richtmikrofon ein und nahm die Kamera vorsichtshalber in die Hand. Die Gestalten liefen Richtung Mercedes. Der helle Strahler am Haus leuchtete auf und überflutete die gesamte Auffahrt mit Licht. Die drei Jungs stutzten beim Blick auf die Diebe, sie trugen Tigermasken. Justus drückte einige Male auf den Auslöser der Kamera, auch wenn die Fotos keine große Hilfe bei der Identifizierung sein würden.
Einer der Tiger hantierte an der Fahrertür herum, die im nächsten Moment aufsprang und damit die Alarmanlage des Wagens auslöste. Auch der andere Dieb sprang in den Wagen. Die Lichter in den umliegenden Häusern gingen an, doch bevor jemand was unternehmen konnte, heulte der Motor auf. Hastig verließen die drei Fragezeichen ihr Versteck und eilten zum Käfer. Der Mercedes schoss mit quietschenden Reifen von der Auffahrt und der Käfer versuchte die Verfolgung aufzunehmen.
„Wir müssen neben sie kommen. Die haben die Masken bestimmt abgenommen. Vielleicht können wir dann ihre Gesichter sehen."
„Ich gebe mein Bestes.", kam angespannt von Bob.
„Ich rufe die Polizei an. Dann können sie den Typen den Weg abschneiden.", meinte Peter und wählte die 911. „Hallo! Wir verfolgen gerade zwei Autodiebe auf der Pineapple Road Richtung Westen. Sie fahren einen schwarzen..." Peter wurde von dem Beamten unterbrochen. „Nein, das ist kein Scherz! Wir haben..." Verdutzt schaute Peter auf das Handy in seiner Hand. „Aufgelegt! Sagte, ich soll die Leitung nicht blockieren! Spinnen die?"
„Lass gut sein. Offensichtlich glauben die uns nicht."
Der Käfer war auf zehn Meter an den Mercedes herangekommen, doch dann gab er Gas und Bob hatte keine Chance hinter ihnen her zu kommen. Sie sahen ihn noch abbiegen, doch dann war der Mercedes spurlos verschwunden.
„So ein Mist!", schimpfte Bob und die drei mussten für heute wohl oder übel aufgeben.
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