Kapitel 9 - Rocky Beach High
Kapitel 9 - Rocky Beach High
Viel Schlaf hatte Peter nicht bekommen, als sein Wecker frühmorgens klingelte. Er lag erst nach ihrer turbulenten Verfolgungsjagd mit dem Mercedes um halb zwei im Bett.Das Einzige, was ihn jetzt tatsächlich aufstehen ließ, war seine Neugier, ob er Liv wiedersehen würde und ob sie vielleicht sogar zu ihnen in die Klasse kam, schließlich lag die Chance bei 50:50, denn es gab nur zwei Abschlussklassen dieses Jahr.
Liv hatte auch nicht viel geschlafen in dieser Nacht. Sie war sehr aufgeregt wegen ihres ersten Schultags hier und diese Nervosität war so schlimm, dass sie geträumt hatte sie würde verschlafen. Nicht nur einmal war sie hochgeschreckt und hatte auf die Uhrzeit geschaut. Jetzt fühlte sie sich wie überfahren.Georgie schleckte ihr mehrere Male durchs Gesicht, um sie zum Aufstehen zu bewegen.
„Ist ja gut, ich stehe ja schon auf. Aber wehe man will morgens mit dir laufen gehen, dann bewegst du dich keinen Meter, Faulpelz.", grummelte Liv ihm entgegen. Georgie begann leicht zu hecheln und es sah ein bisschen so aus als würde ihr Hund sie gerade auslachen.
Einmal laut Ausatmen und mit Schwung aus dem Bett. Dann ging Liv zu ihrem Kleiderschrank und suchte akribisch nach einem angemessenen Outfit. Sie wollte einen guten ersten Eindruck bei ihren neuen Mitschülern hinterlassen. Dunkelblaue Jeanshose, weiße Bluse, blassrosa luftige Strickjacke und weiße Sneaker, dazu band sie ihre blonden langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. Zwei Strähnen ließ sie an den Seiten heraushängen. Sie hatte ihre Hand bereits an der Türklinke, als sie sich zu ihrem Hund umdrehte. „Kommst du?", fragte sie mit der anderen Hand in die Hüfte gestemmt, aber ihr Hund blinzelte sie nur an und legte seinen Kopf dann wieder genüsslich auf dem Kissen ab. „Pfff, Doppelmoral.", schnaubte sie empört. „Mach du dir ruhig einen schönen Tag, während ich mich durch die Schule quäle." Kopfschüttelnd verließ sie ihr Zimmer und ging die Treppe hinunter in die Küche.
„Guten Morgen. Freust du dich schon auf die Schule?", fragte ihre Mutter.
„Neeeein und ich fühle mich gemobbt von meinem Hund.", quengelte Liv.
Ihre Mutter begann zu Lachen. „Ach Süße, das wird schon. Du schaffst das und findest bestimmt schnell neue Freunde."
„Ich hoffe..." Liv schob sich schnell ein Toast mit Marmelade in den Mund, griff ihren Rucksack und verließ wehmütig das Haus.
Vor dem Schulgebäude angekommen schaute sie sich um. Das Gelände war ziemlich groß. Zögerlich lief sie auf das Hauptgebäude zu und folgte einfach dem Strom der anderen Schüler ins Innere. Vor ihr lag ein endlos erscheinender Flur, eingefasst von unzähligen Spinden. Dieser teilte sich wiederum in weitere Flure, die identisch aussahen. Auf den ersten Blick ein einziger Irrgarten nur ohne Natur. Überall standen Schüler, alleine oder auch in Gruppen, die sich ihre Bücher für den Tag aus dem Schließfach holten oder sich einfach miteinander unterhielten. Liv sah sich weiter überfordert um. Sie hatte keine Ahnung, wo sie hin musste, zumindest nicht physisch. Den Namen ihrer Klassenlehrerin hatte sie und die Information, dass sie Liv vor dem Lehrerzimmer in Empfang nehmen würde, aber wo das Lehrerzimmer war wusste sie nicht. Ihre Augen wanderten ratlos umher und überlegten, wen sie jetzt ansprechen würde, um nach dem Weg zu fragen.
Hinter ihr näherten sich Stimmen, die ihr bereits bekannt waren. Als sie dann auch noch die dazugehörigen Gesichter erkannte, kam Erleichterung in ihr auf. Justus, Peter und Bob, der Lesley an seiner Hand hielt, liefen geradewegs auf sie zu, doch hatten sie Liv noch nicht bemerkt. Ihr Blick fiel zuerst auf Peter, der über irgendetwas das Justus gesagt hatte, sehr amüsiert am Lachen war. Seine strahlend weißen Zähne blitzten heller als der frisch gewischte Boden und ließen Liv kurz vergessen, wo sie gerade war. Sie schüttelte ihren Kopf, um wieder klar zu denken. Dann setzte sie sich in Bewegung auf die Gruppe zu. „Hey.", rief sie unsicher und erhielt damit die direkte Aufmerksamkeit der vier.
„Hey Liv. Schön dich zu sehen!", strahlte Lesley ihr entgegen.
„Hey, guten Morgen.", kam freundlich von Bob. Justus nickte ihr nur knapp zu und Peter schenkte ihr ein Lächeln.
„Ihr seid meine Rettung! Ich fühle mich komplett verloren hier. Wieso ist diese Schule so verdammt groß?", fragte sie und warf verzweifelt die Arme in die Luft.
„So groß ist die Schule gar nicht, wenn man sie einmal komplett gesehen hat. Die sich wiederholende Gestaltung der Flure und Klassenräume erwecken nur diesen Eindruck. Ein einheitliches Gesamtbild in einem Gebäude erzeugt ein Gefühl von Ruhe, Harmonie und Ordnung. Es soll Stress reduzieren und ein Gefühl von Sicherheit und Entspannung fördern.", erklärte Justus den Sinn hinter dem Gestaltungskonzept der Schule, wofür er von Peter einen leichten Tritt gegen sein Schienbein und ein kaum merkliches Kopfschütteln bekam.
„Wo musst du denn hin?", fragte der zweite Detektiv freundlich und lenkte Livs Aufmerksamkeit damit auf sich, die immer noch dabei war Justus unschlüssig anzublinzeln.
„Ähm zum Lehrerzimmer. Da soll ich wohl in Empfang genommen werden."
„Peter kann dich hinbringen!", mischte sich jetzt Bob mit einem Schmunzeln von der Seite ein, der von besagtem einen durchdringenden Blick zugeworfen bekam. Das war Bobs kleine Rache für die Situation gestern in der Zentrale.
„Das wäre voll lieb von dir.", sprach Liv erleichtert.
„Klar, mache ich gerne.", lächelte Peter und signalisierte ihr mit einer Handbewegung ihm zu folgen. Bob warf ihm aus dem Augenwinkel ein Zwinkern zu, was ihn innerlich die Augen verdrehen ließ.
Gemeinsam mit Peter lief sie die Flure entlang, bis sie zu einer Tür kamen. Dahinter lag eine Treppe, die ein Stockwerk höher führte. Auch dort sahen die Flure wie unten aus. An der ersten Tür auf der rechten Seite stand "Lehrerzimmer" auf einem kleinen Schild. Liv blickte zurück Richtung Treppe, sie versuchte in Gedanken den Weg nochmal nachzuvollziehen. Fürs Erste war es plausibel, aber ob sie den Weg morgen immer noch wusste, bezweifelte sie.
„So da wären wir schon. Eigentlich gar nicht so schwierig, wenn du dir unten den Weg zum Treppenaufgang gemerkt hast. Lehrerzimmer, Sekretariat, Bibliothek und so weiter ist alles hier oben. Unten sind eigentlich wirklich nur Klassenräume und die Labore für Physik und Chemie.", erklärte er mit einem Lächeln.
„Danke, dass du mich gebracht hast. Das hätte ich nie ohne dich gefunden.", lachte Liv verlegen. „Ich hab jetzt versucht es mir zu merken, aber versprechen kann ich das nicht."
„Na ja du hast ja meine Nummer. Dann kannst du zur Not anrufen und ich gabel dich auf.", lachte er.
Liv kicherte. „Kann gut sein, dass ich darauf zurückkomme."
„Jederzeit.", versicherte Peter und die beiden lächelten sich einen Moment einfach nur an.
Dann ertönte der Schulgong, was bedeutete, dass der Unterricht in fünf Minuten starten würde und somit Peters Zeichen war, zum Klassenzimmer zu gehen.
„Okay, ich muss dann in den Unterricht. Vielleicht sehen wir uns ja gleich schon wieder."
„Hätte ich nichts gegen."
Mit einem kleinen Hüpfer, den sein Herz gerade machte, ging Peter wieder nach unten und nahm im Klassenzimmer zwischen Justus und Bob Platz.
Liv wartete nervös vor dem Lehrerzimmer und knibbelte am Bund ihrer Strickjacke, als eine freundliche Stimme sie aufschauen ließ.
„Hallo, du musst Olivia sein, richtig?", sprach die mitte-vierzigjährige Frau mit schwarzen kinnlangen Haaren und brauner runder Brille auf der Nase, die jetzt vor ihr stand. Ein Lächeln und ein Nicken bekam sie von Liv als Antwort. „Ich bin Mrs. Roalstad deine neue Klassenlehrerin. Dann lass uns mal gehen.", lächelte sie und das blondhaarige Mädchen folgte ihr mit zögerlichen Schritten.
„Guten Morgen zusammen. Ich habe euch eure neue Klassenkameradin mitgebracht. Das ist Olivia Morgan und sie wird zusammen mit euch den Abschluss machen."
Als Liv in der hintersten Reihe Justus, Peter, Bob und Lesley erblickte, löste sich ihre innere Anspannung und verwandelte sich in Erleichterung. Sie war wirklich zu den vieren in die Klasse gekommen und hoffte, damit vielleicht tatsächlich Teil ihrer Freundesgruppe werden zu können.Lesley und Peter strahlten sie fröhlich an. Auch auf Bobs Gesicht lag ein Schmunzeln. Lediglich Justus war wieder mal etwas verhalten, was Emotionen anging und zog nur seinen rechten Mundwinkel leicht hoch.
„Mrs. Roalstad, Olivia kann hier bei mir sitzen.", bot Lesley an.
„Ah, das ist sehr nett von dir, Lesley. So wünsche ich mir doch den Umgang in dieser Klasse." Die Lehrerin gab Olivia mit einem Nicken das Okay und sie ging zu dem freien Tisch neben Bobs Freundin.
„Danke!", flüsterte Liv ihr mit einem erleichterten Lächeln zu.
„Na klar! Ich freue mich, dass du in unsere Klasse gekommen bist. Außerdem habe ich dann ein bisschen weibliche Unterstützung. Es ist manchmal nämlich gar nicht so einfach mit den dreien hier.", flüsterte Lesley belustigt zurück.
„Oh ja ich auch und ich unterstütze dich dabei sehr gerne.", grinste sie.
Peter warf seinen Blick flüchtig zu ihr rüber, was Liv bemerkte und ihm ein kurzes Lächeln schenkte. Peters Wangen wurden etwas warm und er schaute schnell zurück in sein Mathebuch. Bob blieb seine Reaktion nicht verborgen und er biss sich auf die Innenseite seiner Wange, denn er musste mit großer Mühe sein aufkommendes Grinsen unterdrücken.
Peter fiel es schwer sich auf den Unterricht zu konzentrieren, denn zum einen hatten sie gerade sein Hassfach Mathe und jetzt saß auch noch Olivia in unmittelbarer Nähe zu ihm. Um irgendwie dem Unterricht zu folgen, schielte er ab und zu unauffällig auf Justus Notizen und schrieb diese ab. Der bemerkte davon nichts, denn der erste Detektiv war stets wissbegierig und somit einhundert Prozent auf die Erklärungen seiner Lehrerin fokussiert.
Die Pause verbrachten die Jungs zusammen mit Lesley und Liv draußen an der frischen Luft. Die Sonne strahlte und in den umliegenden Bäumen trällerten Zaunkönige und Sperlinge um die Wette.
„Wir sollten uns nachher auf dem Schrottplatz nochmal mit dem Gedicht befassen und eine Nachricht an Mister X formulieren.", meinte Justus an seine beiden Kollegen gewandt.
„Alles klar.", sagte Bob und Peter nickte.
„Habt ihr einen neuen Fall?", fragte Lesley ihren Freund.
„Ja, so wie es aussieht wohl. Wir müssen uns da noch einen besseren Überblick verschaffen. Aber in die Stadtbibliothek mit dir und Casie schaffe ich es wohl nicht.", sprach er vorsichtig.
Liv wurde hellhörig. Sie las auch gerne Bücher und in der Bibliothek war sie noch nicht gewesen. „Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dich an Bobs Stelle in die Bibliothek begleite? Ich lese nämlich auch gerne.", fragte die Blondhaarige vorsichtig.
Das Mädchen mit den lockigen braunen Haaren lächelte. „Natürlich macht mir das nichts aus. Im Gegenteil, voll cool, wenn du mitkommst. Casie freut sich bestimmt auch dich wiederzusehen."
„Okay super!" Liv freute sich jetzt schon sehr darauf.
Die restlichen Unterrichtsstunden verflogen schnell und so klingelte es um Punkt dreizehn Uhr zum Schulschluss. Draußen wartete die kalifornische Nachmittagswärme auf die Freunde. Sie schwangen sich auf ihre Fahrräder und fuhren gemeinsam los, wobei die drei Fragezeichen irgendwann Richtung Sunset Road abbogen und die beiden Mädchen die Stadtbibliothek im Zentrum ansteuerten.
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