Kapitel 44 / Jeanne-Marie Seydoux
Kapitel 44 / Jeanne-Marie Seydoux
Jeanne-Marie Seydoux
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Haru schaut aus dem Schlüsselloch durch.
Ein blondes Mädchen steht da, die Silhouette verschwimmt im Licht des Flurs. Man kann gerade so erahnen, dass sie blaue Augen hat. Sonst nichts, wie immer an dieser Schule, wo jeder etwas verbirgt.
Er will die Tür öffnen, doch im Augenwinkel bemerkt er: Er trägt nur seine Trainingshose.
Oh scheiße!
Er reißt sich ein Handtuch über die Schultern, sprüht hastig Deo, zieht ein Tshirt und Shorts an, dann schlüpft er in seine Schlappen. Erst dann atmet er durch und öffnet die Tür.
Das Mädchen lächelt vorsichtig. „Darf ich reinkommen?"
„Darf ich fragen warum du hier bist?" Harus Stimme ist kühl.
„Ich will nichts böses." Sie hebt die Hände leicht, als wolle sie ihre Unschuld beteuern. „Ich war diejenige die diesen Brief an dein Zimmer gelegt hatte."
Er blinzelt. „Warte... du bist... äh... wie heißt du nochmal?"
„Jeanne heiß ich."
„Seydoux?"
„Ja?"
Ok, das ist sie.
Haru hält den Atem an.
Aber was soll ich jetzt machen? Wie kann ich herausfinden, ob sie ehrlich ist?
*Wie wärs mit—*
„Bist du eigentlich eine Spionin?" rutscht es ihm heraus, ehe er sich kontrollieren kann.
Ihre Augen funkeln empört, als hätte er gerade eine Grenze überschritten. „Wie...— Wie kommst du dadrauf, dass ich eine Spionin bin?!"
Ihre Stimme zittert, doch es wirkt nicht einstudiert. Er horcht auf.
Ok. Nach ihren Emotionen zu urteilen wirkt es echt. Das bestätigt meine Spionen These, aber noch lange nicht, dass sie wirklich eine Spionin ist.
„Warum hast du eigentlich— sorry, wie hast du davon erfahren, dass ich ein Team formieren würde?"
„Ich habe euch ein bisschen beobachtet.—"
„Uns?"
„—ich hatte dich und Freya ein bisschen nachspioniert. In diesem Fall für mich selber." Sie sieht ihn direkt an. „Und Vorgestern abends hatte ich gesehen, dass Natsumi in dein Zimmer reingegangen ist. Aber nicht wieder raus."
Haru runzelt die Stirn
Das Mädchen ist schon schlau. Sie hatte uns also beobachtet und vielleicht sogar noch belauscht. Ohne das ich oder Freya etwas bemerkt hatten. Das ist schon eine gute Fähigkeit, die ich gut für meine Fraktion gebrauchen könnte.
„Und noch etwas." Jeanne lehnt sich leicht vor. Ich hatte jemand anderen noch gesehen, die euch belauscht hatten, als sie in euer Zimmer reinging."
„Wie meinst du das?"
„Ja. Ich war in dem Moment hinten am Gang am lauern, als ich drei Personen komplett in Schwarz gekleidet sah. Sie hatten auch Kapuzen an, sodass man nicht erkennen konnte, wer euch belauscht hatte.
Ich in dem Moment, war noch um dieser Uhrzeit da, weil ich noch ein Projekt Gestern fertig stellen wollte. Die Kunstlehrerin hatte mir extra den Schlüssel dafür gegeben.
Gesagt, getan. Ich war irgendwann fertig und wollte mal zu dir hoch aus Interesse halber und dann sah ich wie gesagt die maskierten drei Leute."
Haru notiert die Worte im Kopf.
Drei maskierte Leute. Wer? Und warum? ...Es wäre jetzt dumm zu fragen, wer denn mir hinterher spioniert. Weil offensichtlich bin ich der einzige Junge und ich bin wahrscheinlich die Zielscheibe von vielen Mädchen.
Bevor er mehr fragen kann, fügt sie hinzu: „Also, ich habe dir meine Geschichte erzählt, darf ich jetzt reinkommen?"
Er zögert kurz unbewusst und weicht dann zur Seite. „Von mir aus."
„Danke.", sagt sie mit einem gleichgültigen Gesichtsausdruck.
Ohne auch nur eine Forderung von ihm bekommen zu haben setzt sie sich an den Küchentisch und legt ihre Hand da drauf. Der Wasserkocher im Hintergrund brummt, als Haru gleichzeitig die Teebeutel auspackt.
„Was willst du trinken? Waldkirsche, Pfefferminz, Kamille oder Pfirsich?"
„Ich nehm Pfirsich."
Sie ist immer noch nicht verdächtig. Aber vielleicht gehe ich an die Sache auch falsch dran. Ich denke ich muss meinen Plan ändern. Soll ich sie banale Fragen einfach stellen? Oder so komische Fragen, wie „Spioniere XY aus" oder so? Ne. Das ist zu auffällig.
Er nickt, bereitet die Tassen vor, aber bleibt dennoch angespannt.
Ist das ein Test von ihr? Oder spielt sie nur?
„Zurück zu deiner Frage. Du hattest ja gesagt, das du gerne in meinem Team gerne beitreten würdest. Warum willst du das?"
„Ich will beitreten, weil ich die Schule komisch finde." Sie sagt es ohne drum herum zu reden. „Ich habe das Gefühl es passieren Sachen hier, die werden nicht von den Schülern, Lehrern, oder der Direktorin thematisiert. Und weil ich automatisch weiß, das ein Junge hier möglicherweise genauso fühlt, habe ich mir gedacht vielleicht will er ein Team formen um den auf den Grund zu gehen. Die Idee mit dem Team habe ich by the way einfach geraten. Ich wusste das davor nichtmal, als ich dich mit Freya oft sah hab ich euch ein bisschen verdächtigt."
Ihre Stimme ist klar, fast zu klar. Haru kneift die Augen zusammen.
Was sie sagt klingt schon glaubwürdig. Und sie hat es auch wie aus der Pistole geschossen mir erzählt. Ich weiß aber immer noch nicht, ob sie mir etwas vorspielt, oder ob sie wirklich die Wahrheit mir preisgibt.
„Ich könnte dir auch Informationen der Schule dir anvertrauen. Aber! Unter einer Bedingung.", fängt sie urplötzlich an. Es klingt fast wie eine Ansage.
„Und die wäre?"
Dann fixiert sie ihren Blick wieder. „Das du aufhörst mich zu verdächtigen!! Ich sehe das die ganze Zeit an deinem Blick und wie du die ganze Zeit über mich denkst. ‚Spielt sie grad eine Rolle? Oder, ‚Wie soll ich sie überführen?' Lass das! Ich bin kein Spion! Ich habe dir sogar erklärt wie ich dazu gekommen bin. Ich habe dir sogar erzählt das ihr auch spioniert wurdet!"
Haru atmet erleichtert auf. „Zum Glück bist du damit rausgekommen. Denn ich wollte es erreichen, dass du ein bisschen in Crash out gehst, damit ich dir trauen kann. Also, willkommen im Team." Haru reicht seine Hand aus.
„...du bist schon komisch." Sie legt ihre Hand in seine. „Aber von mir aus."
Zur gleichen Zeit klickt der Wasserkocher auf und es klopft wieder an der Tür.
Wer ist das schon wieder? Ich hoffe diesmal eine Person die ich kenne.
Er will aufstehen, doch Jeanne spricht hastig weiter. „Ich bin vor einiger Zeit auf etwas gestoßen. Es gibt wahrscheinlich Gruppen, von denen niemand in der Schule weiß. Ich habe mal die Direktorin gesehen. Nachts. Ganz allein. Sie hat mit jemandem gesprochen, den ich nicht erkennen konnte. Die Person war auch komplett schwarz gekleidet von Kopf bis Fuß. Der Treffpunkt war auf dem Dach der Schule."
Haru hält inne. „Die Direktorin? Was—"
Ich habe eh schon viel Stress mit dem Aufbau meiner Fraktion, jetzt sagt sie noch die Direktorin macht auch irgendwas hinter den Kulissen. Wie soll ich da noch durchblicken in diesem Chaos? Ich muss mir mal das aufschreiben später, dass die Direktorin auch irgendwas macht.
Klopf! Klopf!
„Komme ja schon."
Die Tür öffnet sich. Freya steht da, und erstarrt. Ihr Blick wandert zu Jeanne am Tisch.
„Komm herein. Hier ist noch Platz."
„Das... ist... genau sie."
„Ich weiß." Haru hebt beschwichtigend die Hand. „Also komm herein. Sie ist nicht feindlich."
Während Haru es laut sagt, atmet Jeanne hörbar auf.
„Ich werde dir helfen bei deinen Plänen. Wie Freya auch."
Freya tritt langsam ein, setzt sich, ohne die Neue aus den Augen zu lassen. Die Spannung knistert ein wenig zwischen den beiden.
„Also, willst du mitmachen bei unserem Plan?", fragt Haru noch mal mit äußerster Sicherheit nach.
Jeanne stützt sich mit ihrer Hand den Kopf ab. „Na logo!"
Freya sagt nichts, doch Haru spürt, dass sie ihre Zweifel nicht so leicht ablegt.
Und trotzdem, kurze Zeit später stoßen sie mit dampfendem Tee an. Ein stiller Pakt, vorerst. Jeanne nimmt vorsichtig einen Schluck, ihre Augen wandern kurz zu Haru, dann zu Freya. „Danke." Ihre Stimme ist leise.
Freya setzt ihre Tasse ab, ohne wirklich getrunken zu haben. Ihr Blick bleibt hart. „Danke sagen ist einfach. Vertrauen ist dagegen schwerer."
Jeannes Mundwinkel zuckt, doch sie antwortet nicht. Stattdessen dreht sie den Löffel einmal in der Tasse.
Haru hingegen versucht nicht auffällig zu sein.
Ich tue so, als wäre es nur ein normales Treffen. Trinke meinen Tee, auch wen er mir viel zu bitter schmeckt. Aber selbst dieses kleine Ritual fühlt sich an wie ein Schachzug. Jeder Zug zählt, sowie jeder Blick.
Als Jeanne später den Raum verlässt, beugt Freya sich zu ihn. Ihr Flüstern kaum hörbar für andere. „Lass dich nicht täuschen. Ich traue ihr kein Stück."