Kapitel 47 / Sag mir alles was du weißt!!
Kapitel 47 / Sag mir alles was du weißt!!
Sag mir alles was du weißt!!
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Ich erinnere mich noch, vor dem ersten Schultag im zweiten Jahr...
Ich war an dem Tag spät dran. Hatte Leyla und Natsumi gefragt, wo der Junge abgeblieben war.
„Er ist schon bei der Direktorin", hatten sie gesagt.
Also sprintete ich los. Ich weiß noch, wie mein Herz raste, während ich die Stufen hochjagte. Gerade in dem Moment kam er raus. Ein Zufall, oder besser ein Glück? Dann ohne zu überlegen packte ich ihn am Arm und zog ihn mit mir. Ich führte ihn zu seinem Zimmer, dem Ort, den die Schulte ihm bereitgestellt hatte.
Ich weiß noch, wie er mich dabei ansah. Skeptisch und zutiefst verwirrt von all dem, aber auch gleichzeitig etwas neugierig.
Sein Zimmer... ich hatte an kleinen Dingen mitgewirkt. Den Kleiderschrank zum Beispiel hatte ich entworfen, bewusst schlicht, aber nicht billig, sodass es seinen eigenen Charme hatte. Nichts auffälliges, aber genug, damit er nicht wie ein namenloses Opfer wirken musste.
Damals dachte ich, das wäre mein kleiner Beitrag, um ihn zu schützen.
Doch schon am ersten Tag rief sie mich zu sich.
Sie sagte, ich solle ihn instabil machen. Ihn so weit treiben, dass er wie ein verlorene Irrer durch die Flure taumelt. Sie wollte ihn unschädlich machen, zerstören. Nur, ich verstand nicht, wieso das alles. Heute könnte ich's erahnen. Für sie war es Unterhaltung. Reine Grausamkeit. Sie lacht, wenn andere leiden. Und ich... ich verstehe solche Menschen nicht.
Und doch, ich habe selbst jemanden leiden lassen. Was für eine Ironie des Schicksals...
Ich hatte Haru wehgetan. Aber nicht wie sie es wollte. Es war kontrollierter. Durchdachter. Ich dachte, ich könnte ihn damit retten, wenn ich's richtig dosiere. Allerdings ging alles nach hinten los...
Ihre Worte hallen immer noch in mir nach:
„Wenn du wirklich loyal bist, musst du dich beweisen. Vertrauen entsteht durch Gehorsam. Tu das für mich, und ich verspreche dir, ich werde ihm nichts antun.
Sie wusste, dass ich Gefühle für ihn entwickeln würde. Schon am ersten Tag. Genau deshalb gab sie mir diesen Auftrag.
Sie sagte mir immer: „Gefühle sind für die Schwachen, du brauchst Kontrolle über deine Gefühle, sonst wirst du bei mir keinen Platz mehr finden."
Ich erinnere mich noch, wie er irgendwann verstummte. Kein Schreien mehr, keine Gegenwehr. Nur noch Schweigen. Abgestumpft, leer. Ich redete mir ein, ihn vor Schlimmerem zu schützen, und merkte nicht das ich selbst zur Waffe wurde...
Seit dem Tag habe ich zwei Feinde mir gemacht. Den einen, der irgendwann Rache wollen wird. Und die andere, die mich immer noch benutzt. Ich stehe wieder am Anfang. Alles umsonst. Nur kurz dachte ich, dass ich aus meinet alten Rolle ausgebrochen war, doch ich bin immer noch die selbe geblieben...
Ich wollte sein Schutzschild sein. Aber ich wurde zur Klinge. Und am Ende, habe ich alles verloren.
Doch... er hat nun eine neue Beschützerin. Jemanden, der ihn wieder aufbaut, anstatt ihn niederzureißen.
Das Leben ist manchmal grausam in seiner Ironie.
Im Nebenzimmer sitzt ihre Herrin an ihrem Schreibtisch. Eine Tasse Tee in ihrer Hand und ein Buch aufgeschlagen vor sich. Auch sie hat ein Zimmer in der Schule.
Während sie liest, schweifen ihre Gedanken zu Yuki.
Ach Yuki ... meine süße Sklavin.
Sie erinnert sich an das erste Mal, als sie Yukis Gesicht sah. Leer. Hoffnungslos. So bereit, an etwas zu glauben.
„Ein Mensch wird nicht geboren mit Wissen, Überzeugung oder einem Selbst", flüstert sie fast zu sich selbst. „Alles, was er denkt, fühlt, oder glaub, wurde ihm beigebracht. Am Anfang war er nichts. Und am Ende bleibt von ihm auch nichts."
Sie lächelt in ihre Tasse. „Das ist keine Strafe. Es ist einfach die Wahrheit."
Du hast ihn geliebt, Yuki. Und genau deshalb ließ sich ich dich ihn brechen. Weil es der perfekte Zeitpunkt war, dich auf die Probe zu stellen. Deine Zuneigung war schwach. Süß, paradox. Ihn retten, indem du ihn zerstörst? Armselig. Und doch... köstlich.
Du hast ihn geliebt und gerade deswegen hatte ich dich ihn brechen lassen. Denn es gab keinen besseren Zeitpunkt dich auf die Probe zu stellen.
Deine Zuneigung war schwach. Du wolltest ihn retten, indem du ihn zerstörst? Wie süß paradox das doch klingt oder?
„Menschen wie du glauben an Schuld und Vergebung", murmelt sie. „Wie erbärmlich. Schuld bedeutet nur, dass man nicht akzeptieren will, längst gefallen zu sein."
Sie nimmt einen Schluck.
Du bist gefallen, Yuki. Und das Schönste ist: Du willst es nicht zu geben.
Ein kurzes, fast melancholisches Lächeln entsteht bei ihr.
Vielleicht, habe ich dich so lange behalten, weil du mich an jemanden erinnerst. An den Moment, als ich erkannte, wie leer Tugend ist."
„Du kämpfst für Hoffnung, und doch bist du selbst leer."
Ihre Stimme ist fast zärtlich.
„Und genau darin liegt mein Vergnügen. Du bist wie ein offenes Buch. Ich kann dich nach Lust und Laune beeinflussen."
Sie legt die Tasse ab unter der leuchtenden Nachttischlampe.
„Ich wusste, dass du mich eines Tages verraten würdest. Deshalb habe ich eine Kamera in deinem süßen Stall angebracht."
Ein leises Kichern entweicht ihr.
„Denn Puppen, Yuki, widersprechen nicht. Sie tanzen, wenn man an den Fäden zieht. Und du mein Schatz, tanzt wunderschön."
— Zwei Tage zuvor, im Versammlungsraum —
Mary sitzt auf einem Stuhl, unruhig. Leyla lehnt sich mit verschränkten Armen an der Wand, das Handy dazu noch in der Hand.
„Was denkst du wie lang braucht Yuki noch?", fragt Mary.
„Es ist schon 17:30 Uhr...", sagt Leyla und sieht auf die Uhr. „Wo bleibt sie? Sie hat doch nicht versagt, oder?"
Mary runzelt die Stirn und erhebt ihre Stimme. „Denk nicht so über unseren Boss! Sie schafft das!" Im nächsten Satz bricht ihre Stimme jedoch ab. „...Sie wird's schaffen."
„Sorry", flüstert sie, „aber ich weiß, dass Yuki es hinkriegt, Leyla."
Leyla schaut an die Decke, fast wie in einem Gebet. „Ich hoffe auch."
Yuki. Du musst es schaffen. Wir beide glauben an dich. Du wolltest ja alleine dahin, während wir sie ablenken.
Plötzlich klopft es. Beide spannen sich an, gehen sofort in Verteidigungsstellung. Sie halten den Atem an.
Plötzlich klopft jemand an der Tür. Beide gehen direkt in Verteidigungsposition und halten den Atem an.
Leyla macht Handzeichen, dass sie die Tür öffnen will.
Langsam, vorsichtig... Aber wer ist da? Ist das Yuki? Ich hoffe sie ist es.
Sie öffnet langsam die Tür... Vor ihnen steht ein großes Mädchen. Blutüberströmt und taumelnd. Jeder Atemzug klingt, als könnte es ihr letzter sein.
Leyla weicht ein paar Schritte zurück. Ihr Blick auf die Blutspuren gerichtet, das vom Mädchen tropft. „Scheiße... was ist mit dir passiert?! Wer hat dir das angetan?!"
„Ich... bin Nyra", keucht sie. „Ich war... die, die gegen Yuki gekämpft hat."
Mary springt auf, die Fäuste geballt. „Du hast was?!"
„Ich habe verloren...", stößt Nyra hervor. „Aber sie... hat mich in euer Team geholt. Sie sagte... ich soll hierher kommen."
„Du bist verletzt...", murmelt Leyla. Dabei ist sie Unsicher ob sie Mitleid oder Misstrauen haben sollte.
Mary Augen verengen sich. „Du tauchst hier blutend auf, nach einem Kampf mit Yuki, und erwartest, dass wir dir glauben?"
Dennoch hält Leyla ihren Arm vor Mary damit sie nicht direkt auf einen verletzten losstürmt. Das könnte sie jetzt echt nicht gebrauchen.
„May. Warte!"
Nyra ringt nach Luft, sie lässt sich schließlich schwer auf den Stuhl fallen. „Unser Kampf war gleichzeitig eine Wette. Entweder ich verrate meine Meisterin... oder ich hole Yuki zu ihr."
Marys Adern pochen auf der Stirn. „Wenn du uns anlügst, wirst du's bereuen!"
„Du bist hier willkommen, aber, unter einer Bedingung", Leyla bleibt kühl, „nur wenn du uns die ganze Geschichte erzählst. Und bedenke, Vertrauen wird nicht jemanden geschenkt. Es wird sich verdient!"
Mary knurrt weiterhin. Leyla bleibt dahingegen ruhig. Sie hält das Gleichgewicht, vorerst.
„Dann erkär uns alles. Von Anfang an." Leylas Stimme wird ernster. „Und kein Detail, ist unwichtig."
Nyra nickt, müde. „Gut... Es begann so: Ich sah bewusstlose Wachen am Boden liegen. Kurz darauf hörte ich schnelle Schritte. Plötzlich war sie hinter mir. Sie war schnell... unheimlich leise. Ich packte sie am Hals, hob sie hoch—"
„Du hast was getan?!—", schreit Mary.
„May! Halts Maul. Lass sie ausreden.", schneidet Leyla ihr Wort.
Ich glaube aber sie hat recht. Denn wir hatten Yuki gehört, wie sie gegen jemanden gekämpft hatte. Das könnte vielleicht Nyra gewesen sein.
Denn kurz bevor die Meisterin nach unten gesprintet war um zu schauen, kam ein Geschrei.
Ich dachte, ich hätte mir das eingebildet, aber es war dann wohl Yukis schrei gewesen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie gegen so ein Monster gekämpft hatte. Aber ich überlasse das Gespräch mal dir. Mary. Ich greife nur ein, wenn du die Beherrschung verlierst.
Leyla lehnt sich an der Wand nahe der Tür an und hört zu. Sie übergibt mit nur einem Blick die Position an Mary weiter.
Obwohl es dumm sein könnte ihr die Frageposition an zu vertrauen, obwohl sie vor zwei Sekunden noch sie fast boxen wollte, muss ich gucken, ob was auffälliges bei ihr ist.
Mary fängt nochmal ganz von vorn an. „Erkläre uns mal, was alles vorgefallen war. Von Anfang bis ende. Und kein Detail ist unwichtig."
„... Es war so:
Ich hatte bemerkt das ein paar Wachen bewusstlos und regungslos auf dem Boden lagen. Ich hatte mich umgeschaut und blieb bei dem bestimmten Gang stehen um zu gucken, wie sie bewusstlos geschlagen wurden.
Kurz darauf bemerkte ich, dass jemand hinter mir angesprintet kam. Die Person war schnell, aber dennoch auch so leise, dass es schon unheimlich war.—"
„Hast du sowas wie einen sechsten Sinn.", fragt Leyla neugierig.
„Könnte man so sagen. Aber sei es drum. Ich hatte gewartet bis sie in meiner Reichweite war und habe sie dann am Hals gepackt und hoch gehoben.—"
Obwohl Mary wieder ausrasten würde, bleibt sie gelassen. Denn Leylas Blick schneidet komplett in ihre Seele rein. Mary widmet sich wieder Nyra zu.
„—Wenn du fertig bist, kann ich weiter erzählen. Danach hatte ich vorgeschlagen mit ihr zu kämpfen.—"
„Und dann?"
„Dann... hatte sie angenommen und wir begannen an zu kämpfen."
Leyla hebt ihren Finger an ihr Kinn. Wohingegen Nyra abwechselnd die beiden ansieht.
Die beiden sind immer noch Misstrauisch eingestellt. Mary würde mich liebend gern Krankenhaus reif schlagen, aber wegen Leyla tut sie es nicht. Ob Mary es schaffen würde ist aber natürlich eine andere Frage.
„Also, du willst uns weiß machen, dass Yuki dich einfach so verschont hat?"
„Nicht verschont. Im Kampf selber hatte sie komischerweise um unsere Ehren spielen wollen."
„Was für Ehren? Erzähl!", fordert Mary.
Nyra kocht auch langsam auf wegen Marys Bemerkungen. „Würde ich ja wenn du mich mal aussprechen lassen würdest!"
„Mary, mach's ruhiger!"
Sie dreht sich zu Leyla um und ist überrascht.
Ich hoffe ich kann man damit die Stimmung ein bisschen auflockern. Eigentlich wollte ich die neutrale Rolle einnehmen, aber Mary lässt mir keine Wahl dabei. Sie ist zu impulsiv wenn es um Yuki geht.
„Sie hatte ihre Ehre im Sinne von, dass sie euch beide verriet eingesetzt und ich habe meine Ehre im Sinne von, ich verrate die Meisterin eingesetzt. Und wie ihr nun seht, habe ich verloren und Yuki ist in die Höhle des Löwen reingesprintet."
Sie hat überzeugende Argumente. Ich vertraue ihr schon, dass sie sich das nicht ausdenkt. Aber, ich muss trotzdem eine Schippe drauf legen.
Allerdings merkt man das sie nicht die auffälligen Merkmale, wie Schwitzen, stottern, oder sonstiges hatte, während des Redens. Das ist schon einmal ein Pluspunkt.
Leyla schaut rüber zu Mary. Aber wenn ich mir so die ansehe, dann merk ich schon, dass sie Nyra eine gescheuert hätte, wäre ich nicht da gewesen.
„Okay", sagt Leyla schließlich. „Wir glauben dir."
„He?!", Mary schaut sie skeptisch an.
„Nicht war, May?"
Mary knirscht mit den Zähnen. „...Ja."
Gut gemacht. Ich dachte sie hätte ihre impulsive Phase schon längst hinter sich gebracht, aber das Leben steckt wohl voller Überraschungen.
„Gut. Dann will ich dir ein paar Fragen zur Meisterin stellen, wenn du nichts dagegen hättest."
„Natürlich."