LNCrawler

Kapitel 57 / Sind die Antworten dort?

Hinter Den Gardinen — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 57 / Sind die Antworten dort?

Sind die Antworten dort?

______

— Harus Erinnerung im Dezember —

Während die ganze Klasse sich wegen der ESA-App den Kopf zerbricht, schweifen seine Gedanken ab. Zurück zu den Weihnachtsferien.

Er sitzt auf seinem Bett, das Zimmer halbdunkel, sein Ipad offen, aber unbenutzt. Draußen immer noch der Schnee auf den Dächern, und in der Ferne hört man Kinder lachen.

„Ich mag es eigentlich nicht, meine Geburtstage zu feiern", murmelt er. Heute ist der 22. Dezember.

Ach. 6 Monate vergangen. Es ist sehr viel Scheiße passiert. Und das Ding meine Schwester und den Eltern die ganze Sache zu erklären mache ich irgendwann.

Aber wenigstens ist er jetzt wieder Zuhause. Seine Mutter hätte ihn fast eigenhändig aus der Schule gezerrt, hätte er sich geweigert, über die Ferien zu kommen.

Die erste Reaktion seiner Eltern, als sie ihn sahen, war unbezahlbar. Sein Vater lachte und nannte ihn den ‚zweiten Schwarzenegger', und Haru konnte nicht anders, als zu schmunzeln. Seine Mutter hingegen war sprachlos. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie die Veränderungen sah.

Mütter sehen halt als erste Veränderungen an deren Kindern, dass liegt denen irgendwie. Und ich bin auch froh darüber.

„Du bist ja ein richtiger Mann geworden", sagten beide fast gleichzeitig. Er konnte nur still nicken. Ein Kompliment wie diese hatte er noch nie gehört, und es traf härter, als er zugeben wollte.

Und ich musste schweren herzens sie wieder anlügen, dass ich nicht mehr nachhause kommen kann, wegen der Schule. Ich hatte ihnen gesagt, dass ich mich auf die Schule weiter konzentrieren musste. Es ist ja auch keine volle Lüge gewesen. Zur hälfte stimmt es ja auch. Aber ich muss mich auch für andere Sachen mich konzentrieren.

Zum Glück war seine kleine Schwester nicht da. Sie war bei einer Freundin, irgendein Projekt, irgendwas mit Gruppenarbeit. Er hatte gar nicht zugehört.

Un trotzdem...

Irgendwo im Inneren spürt er ein leises Ziehen. Eine Sehnsucht, die er nicht mehr richtig einordnen konnte.

Bis dann sein Handy vibrierte.

Mika

| Bowlingbahn um 17 Uhr

| Komm mit bester Laune Geburtstagkind

Er lächelt. Wenigstens für heute kann er so tun, als wäre alles normal. Bowling, Freundin, Filmabend. Ein Recap von Season 1 und die ersten zwei Folgen von Season 2. Ein Stück Normalität in einem Leben, das längst nicht mehr normal war.

Haru kommt von der Rückblende wieder zu sich und sitzt immer noch im Klassenzimmer.

„Wir haben also eine neue Lehrerin", denkt Haru und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

Frau Siwzcyk. Polin. Scharfer Blick, klare Stimme. Irgendwie einschüchternd.

„Auch mal 'ne Abwechslung", murmelt jemand in der Klasse.

Haru runzelt die Stirn.

Ich hasse es ahnungslos zu sein. Diese Schule... jedes mal, wenn man denkt, man hat sie etwas durchschaut, verlagert sich das Mysterium wieder.

Vielleicht sollte ich nach der Stunde mal in die SChulbibliothek gehen und da mal nachsehen. Irgendwas dort unten muss Antworten enthalten.

Denn eines Steht fest: Die Schule verändert sich. Tagsüber ist sie eine normale Schule, aber nachts... Nachts ‚atmet' die Schule in irgendeiner gewissen Weise.

Und mit jedem Tagen scheinen die Grenzen zwischen den beiden Welten zu verschwimmen.

Als würde jemand die Schule als Experiment betrachten.

Nach dem Sowi Unterricht packt er seine Sachen, bereit, in den Keller der Schule zu gehen. Doch bevor er den Raum verlässt, bemerkt er Cleo im Flur. Sie läuft langsam, die Schultern zitternd, die Hände vorm Gesicht gedrückt.

Er folgt ihr, tritt vorsichtig näher. „Hey... was ist los?"

Sie reagiert nicht. Nur das leise Zittern ihrer Schultern.

„Es ist nichts", haucht sie, wischt sich eine Träne ab.

Die beiden Klassen von ihm und ihr schauen zu ihnen beiden rüber. Es passt ihm nicht, dass er wieder im Rampenlicht steht, aber was solls.

Haru seifzt leise, greift sanft nach ihren Armen, die ihr Gesicht verdecken.

„Ich will wissen, was mit dir los ist. Sonst würdest du nicht so durch die Gänge laufen."

Hinter ihm fängt die Menge an über ihn zu flüstern.

„Was geht da ab?"

„Betrügt er Freya etwa?"

„Typisch Haruki."

Er ignoriert es, doch Cleo scheint jedes Wort zu hören. Ihre Finger krallen sich fester in ihre Ärmel, als würde sie sich selbst feshalten wollen.

Plötzlich versucht sich ein Mädchen aus der Menge wegzuquetschen. Ein Mädchen mit Zwillingszöpfen, deren Strümpfe fast ihr komplettes Bein verdecken.

„Was denkst du, wer du bist?!"

Sie schlägt Harus Hände weg. Er blinzelt überrascht, seine Arme bleiben in der Luft hängen.

Er versteht gar nicht.

Sie hingegen blickt ihn an, als hätte er etwas Unverzeihliches getan.

Dann— völlig unerwartet, zieht sie Cleo in eine Umarmung.

„Alles wird gut", flüstert sie, streicht ihr durchs Haar. „Bist du froh?"

Haru steht da. Im kompletten Durcheinander.

„Ich hab doch... gar nichts gemacht." Seine Stimme bricht fast. Aber niemand hört ihm zu. Sein Blick immer noch planlos auf die beiden.

Obwohl er jeden Schritt im Kopf durchgegangen ist, den er in den paar Sekunden gemacht hat, versteht er's immer noch nicht.

Die Menge öffnet sich. Beide Mädchen verschwinden, und Haru bleibt stehen, allein, im Mittelpunkt der Blicke.

Ein paar Lacher entstehen. Ein paar skeptische Blicke dazu.

Anstatt das die Situation sich löst, wird sie gefühlt schlimmer.

In der gleichen Zeit kommt Freya aus dem Klassenzimmer raus und fragt was passiert ist. Denn eine Horde an Schülern hat sich versammelt.

Sie lehnt sich mit verschränkten Armen an der Klassenzimmertür an und spricht zu Haru rüber.„Was hast du diesmal gemacht, hm?"

Daraufhin fängt es an ein bisschen stiller zu werden. Die Gespräche vermindern sich. Jeder schaut nun die beiden an.

„Das würde ich ja auch gerne wissen."

Danach fangen wieder an Flüstereien über Freya und Haru wieder die Runde zu machen. Eigentlich das, was er nicht haben wollte. Denn eigentlich wollte er nur Cleo helfen. Doch er fragt sich wer das ist.

Er kratzt sich den Kopf und muss es wohl oder übel jetzt akzeptieren. „Kommst du mit?"

Freya starrt ungläubig auf ihn. „Wohin denn?"

„Ich zeig's dir."

Freya runzelt die Stirn, folgt ihm aber.

Gerüchte flammen wieder auf, als sie gemeinsam den Flur hinuntergingen.

Obwohl er die Gerüchte nicht weiter entfachen wollte, hat er es unbewusst noch weiter entflammen lassen. Und das die Mädchen sein Zimmer schon entdeckt hatten war ihm auch neu. Nur haben sie nie an seiner Tür gestanden, weil es unmoralisch und falsch gewesen wäre.

Sie gehen beide also die Treppen hinunter in den Keller.

„Das jemand mal straight up entschieden hat, dass eine Bibliothek im Keller sein soll ist mir auch'n Rätsel.", murmelt er.

„Tja. So isses halt. Find ich auch nicht schön, aber was wolltest du denn hier?"

Als sie die Bibliothek betreten, schlägt ihnen der Geruch alter Bücher entgegen. Die Luft ist frisch, wegen der geöffneten Fenster nahe der Decke.

Trotz Tageslicht wird der Raum von kleinen, warmen Lampen erhellt.

Der Architekt hat ahnung gehabt wie man eine gute Atmosphäre erstellt.

Haru flüstert: „Ich will hier gucken, ob's irgendwas über diese Drecksschule gibt."

Er dreht sich um, schaut, ob die Bibliothekarin es gehört hat.

Sie hat nichts gehört.

Freya lächelt, senkt ihre Stimme: „Ich weiß, dass du diese Schule hasst und liebst zugleich. Aber beherrsch dich."

Dann kneift sie ihm in die Wange, leicht, spielerisch.

„Au au au— okay Boss."

Sie grinst. „So ist's brav."

Er wirft einen Blick auf die Bücherreihen. Staub. Akten. Alte Jahrgänge.

Aber nach ein paar Minuten von Überfliegen haben sie nichts gefunden.

Sie treffen sich wieder ganz vorne, wo ein paar Schüler gerade ihre Aufgaben machen.

„Hab nix gefunden.", fängt er an.

„Same."

„Dann lass wieder nach oben. Ich würde sagen... man kann mal irgendwann anders in Ruhe mal gucken."

Freya hört ihn nicht einmal zu, sondern verabschiedet sich von der Bibliothekarin.

Er atmet aus und geht zurück.