Kapitel 59 / Nach dem Frost
Kapitel 59 / Nach dem Frost
Nach dem Frost
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Er nimmt sein Zeugnis dankend entgegen, obwohl er Sorgen hat. Die ganze Klasse hat sich längst in kleine Gruppen aufgespalten. Stimmen hallen durcheinander, Lachen, Klatschen, laute Rufe— das Chaos eines typischen Zeugnistags.
Als Haru das dünne Papier in den Händen hält, kommen ein paar Mitschüler zu ihm.
„Na? Wie isses ausgefallen?"
Wie bei einem Pack Opening klappt er das Dokument auf, und gemeinsam mit den Mädchen, die ihm höchstens bis zum Kinn reichen, beugt er sich über die Zeilen.
13 Punkte in Sport?!
Was?! Warum hat sie mir nicht gegönnt? Ich war doch immer gut drin! Okay, ja— vielleicht hab ich mich oft beschwert, dass wir nie Fußball gespielt haben... aber trotzdem!
„Du hast in den sprachlichen Fächern echt gute Noten", sagt eine von ihnen.
Dieses Mal trägt sie keine Maske. Und Haru denkt sich nur: Manche Mädchen haben leider Gottes immer zwei Gesichter.
„Danke", meint er. „Aber ich hätte trotzdem mehr erwartet."
„...Du warst oft nicht mal da. Das ist schon großzügig von der."
„Was? Ok..."
Eine von ihnen legt ihm die Hand auf die Schulter, sanft, fast, beschwichtigend. Damit er nicht als Beleidigung aufnimmt. Denn mit der Betonung hätte man es leicht so verstehen können.
„Sonst find ich's aber echt okay", sagt er stolz. „Ich dachte schon, ich müsste meinen eltern ein richtig schlechtes Zeugnis zeigen. So lauter Defizite und so... aber so geht's fit."
Zwei Defizite hab ich zwar trotzdem in Chemie und Physik, aber jucken tut's mir nicht wirklich. Leben geht weiter. Hauptsache hab ich bei den anderen durchschnittliche Noten bekommen.
Bei Kunst staunt er: 10 Punkte.
Dabei kann er nicht einmal richtig zeichnen.
Er erinnert sich an sein letztes Bild. Stalin, H*tler, Roosevelt und Churchill sitzen gemeinsam in einer Bar und spielen Mensch-ärgere-dich-nicht.
Das Bild war unvollendet, aber sie hat gegönnt! Die Idee hatte ihr auch gefallen. Ich glaube das lag daran.
Sein Schnitt: 3,25
Schlecht— aber egal.
Er nimmt sich vor, sich zu verbessern. Auf 3,0 oder besser.
Auf dem Papier klingt es mager, doch wenn man bedenkt, dass ich kaum etwas dafür getan hatte, ist es... akzeptabel. Und, ein Halbjahreszeugnis juckt eh keinen.
Im Vergleich zu Freya steht er natürlich schlecht da.
Sie hat einen Durchschnitt von 1,9.
Natsu liegt dazwischen. Ein solider 2,3 Schnitt. Und obwohl sie sich im Unterricht selten meldet, hat sie ihre Klausuren mit Bravour bestanden.
Aber Jeanne? Die hängt sie alle ab.
1,3.
„Ich glaub Jeanne, du kannst Medizinstudium schonmal einplanen", sagt jemand in ihrer Klasse.
Haru will gerade zu Freya rübergehen, um ihr Zeugnis zu sehen, doch dann kommt ein kurzer Stich in seine Erinnerung. Fast schon wie ein Flashback.
Direkt nach den Ferien hatten die beiden eine Auseinandersetzung.
Freya steht vor ihm. Er sitzt an der Bettkante.
Dann— klatsch!
Eine Backpfeife.
Dann noch eine.
Und noch eine.
Bis seine Wangen vor roter Farbe glühten.
„Ich hab dir gesagt, dass ich da nicht mehr dahin will.", sagt er. Seine Tränen kommen schon fast raus, von den unzähligen Backpeifen.
„Ich habe dir gesagt, dass ich nicht mehr dahin will."
„Und warum hast du dann am Anfang so getan, als wolltest du?! Ich dachte, du willst die Premium-Vorteile— und diese eine ausschalten!"
Er wirkt leicht überfordert. Es ist nicht das erste Mal, dass sie so ausrastet.
„Es ist...—"
Sie tippt ungedludig mit dem Fuß.
„—Ich bin kein Politiker. Ich bin jemand, der Fragen stellt, nicht verwaltet."
„Das ist kein Grund, du Hohlbirne!"
Sie packt seine Wange, kneift fest. „Lügen darf man nicht sagen!"
„Au, au! Okay, ich hab's verstanden, lass mich wieder los."
„Mach ich nicht!"
Obwohl er versucht ganze Zeit ihren Griff loszuwerden ist Freyas Griff fest wie von einer Zange.
„Ich will das du dich entschuldigst."
Er schaut sie an. Ihr Blick ist kalt, brennend vor Wut.
Nicht, weil sie ihn schlagen will, sondern weil sie ihn einschüchtern will.
„Ent—"
Sie zieht stärker.
„Ich hör nix."
„ENTSCHULDIGUNG!"
„Na geht doch."
Sie lässt los, und seine Wange schnellt zurück wie ein Gummiband.
Als Haru diesen Flashback vor Augen hat, dreht er sich um und verlässt das Klassenzimmer.
Endlich frei.
Er hat Lust in der Freistunde nachhause zu gehen.
Ein paar Stunden später im Versammlungsraum sitzt sie mit dem Blick zur Wand.
„Boss, boss!", ruft Mary und rennt durch die Tür..
Yuki sitzt dort, spielt mit einer Strähne ihres Haares.
Nyra lehnt an der Wand, verschränkt die Arme, dazu blickt sie auf Yuki.
Es ist Ende Januar. In zwei Wochen beginnen die neuen Prüfungen. Und Yuki... hat sich verändert. Seit der Mission. Über den Weihnachtsferien. Ihre Ausstrahlung ist anders. Härter. Kühler. Gefährlich ruhig.
Yuki neigt ihren Kopf leicht zu Mary. „Du wirkst... unruhig. Sowas mag ich gar nicht."
Mary zögert und kratzt sich an ihren Locken. „Leyla ist ja gerade nachhause gegangen. Willst du nicht auch gehen?"
Yuki starrt sie einfach an. Kein Wort. Nicht mal ein Blinzeln.
Marys Stimme bricht fast, als sie versucht, das Schweigen zu füllen.
Doch der Blick, den ihr Yuki zuwirft, lässt sie fast ersticken.
Zwei Sekunden lang herrscht eine Stille in dem Raum.
Dann, ohne etwas zu sagen, dreht sie sich um und verlässt den Raum.
„Das war nicht nett, Yuki", murmelt Nyra
Yuki neigt nun den Kopf zu ihr.
„Vergiss nicht, dass du mir Untergeben bist."
„Ich versteh das ja... aber so geht man nicht mit seinen Leuten um."
„Es ist mir wirklich gleichgültig was du denkst", antwortet Yuki kühl.
„Solang du an meiner Seite bist, befolgst du auf Schritt und tritt meine Befehle. Haben wir uns verstanden?"
Nyra weiß selber, obwohl sie groß und stark ist, dass sie Yuki nicht das Wasser reichen kann. Denn seit dem letzten mal ist Nyra nicht stehen geblieben, sondern hat weiter trainiert. Yuki tat und tut es ebenfalls.
„Wie du es wünscht", sagt sie schließlich.
Yuki legt ihre Füße auf den Tisch, zückt ihr Handy.
„Wenn du nichts mehr zu sagen hast, dann geh. Ich brauche Zeit für mich."
Obwohl ihre Befehle falsch sind muss Nyra es akzeptieren, denn sie hat Yuki die ewige Treue geschworen und ihre Ehre drauf verwettet. Sie fängt es an zu bereuen, aber sie darf es nicht nach außen hin zeigen, wegen der Angst vor ihr.
Yuki bleibt allein.
Ein schweres Atem, dann ein leises Klirren, als ihr Handy auf den Tisch fällt.
Sie starrt an die Decke.
Draußen läuft Nyra den Gang entlang. Langsam, mit bedachten leisen Schritten.
Ich wünschte, ich wäre nie an diese Schule gekommen...
Drinnen, in der Stille, lebt Yuki in ihrer eigenen Welt.
Ich werde nicht mehr leichtgläubig in eine Falle tappen. Die Kraft hatte ich damals schon— aber jetzt hab ich die mentale Reife dazu.
Ein leises Lachen entweicht ihr.
Dann ein zweites.
Ein drittes.
Immer lauter. Immer schiefer.
Es klingt irgendwann nicht mehr menschlich, sondern wie das Lachen von jemandem, der gerade etwas Wunderschönes entdeckt hat.
Sie greift unter den Tisch, und holt das kleine Foto hervor. Von Haru.
„Obwohl ich dir wehgetan habe... spüre ich keine Schuld. Es hat sich richtig gefühlt, es dir anzutun."
Ein kurzes, kaltes Lachen entsteht. Dann rötet sich ihr Gesicht.
„Denn wenn ich an dich denke..." ihre Stimme zittert leicht, „...fängt mein Herz an zu rasen."