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Kapitel 63 / Das Schlachtfeld

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Kapitel 63 / Das Schlachtfeld

Das Schlachtfeld

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Also ich muss nur gucken, dass ich mindestens eine 2+ oder besser habe. Frau Sizwcyk hatte vor ein paar Tagen klar gesagt, wann man Punkte verlieren oder gewinnen kann.

[Note 4 oder schlechter] = 10 Punkte Abzug

[Note 4+ bis 3-] = 5 Punkte Abzug

[Note 3 bis 2+] = 2 Punkte plus

[Note 1- bis 1+] = 5 Punkte plus

Also Brust raus, Arsch rein und ab gehts.

Sie steht wieder auf und kommt mit Umschlägen näher. Es sieht aus, als würde sie die Umschläge als Spielkarten betrachten. Ihr Blick gleitet prüfend, durchdringend über die Rehen. Keiner der fünfzehn Prüflingen wagt es, die Stille zu brechen. Nur Haru sitzt da, Oberkörper gerade, Pokerface aufgesetzt, während seine Augen jeden Einzelnen versucht abzutasten.

„Nun beginnt die Prüfung."

Ihre Stimme hallt wie ein Hammer. Sie wirft die Umschläge nicht einfach auf die Tische. Jede Bewegung ist geübt, präzise, als würde sie seit Jahren Blackjack spielen. Jeder Umschlag landet punktgenau vor den Schülern.

Haru nimmt seinen Umschlag in die Hand mit der Nummer 7 am unteren rechten Rand. Er merkt sich die Zahl, streicht mit dem Daumen über die scharfe Kanten des Papiers. Die anderen machen es fast synchron, ein kurzer Moment, wo man den Geruch der Nervösität in der Luft wahrnehmen kann.

Die Karten gleiten aus dem Umschlag heraus. Haru liest seine Nachricht:

[Beobachte. Und überlebe.]

Er atmet leise durch. Kein Zucken, kein Stirnrunzeln.

Wie passend. Genau das, was ich ohnehin tue. Oder... ein bewusster Test?

Haru schaut kurz zu der Prüferin nach oben leicht.

Andere blicken überrascht, einige nervös, ein paar versuchen hastig, die Zettel so schnell wie möglich unter den Tisch zu schieben. Es ist nicht schwer zu erkennen, wer schauspielert und wer echt schockiert ist.

„Die Aufgabe lautet", beginnt sie, „dass ihr ein System entwickelt, mit dem ihr festlegt, wer von euch am wertvollsten ist. Nur die wertvollsten Personen dürfen Punkte erhalten. Der Rest geht leer aus."

Ihre Worte brennen sich in die Köpfe der 15 Prüflinge ein. Wert. Menschlicher Wer. Ein Thema, das   nicht nur akademisch klingt, sondern gefährlich nahe an Identität und Stolz kratzt.

Kalindra ist die Erste, die sich traut, die Stille zu brechen.

„Also... wir sollen quasi eine Regierung bauen? Ein System, das uns einordnet?"

Ihre Stimme zittert leicht, doch sie zwingt sich zur Klarheit.

Linz nickt. „Und dann entscheiden wir, wer wertvoll ist. Aber wie willst du das messen? Nach Charakter? Nach Stärke? Oder Beliebtheit?"

Praha verschränkt die Arme. „Man bewertet Menschen nach Inneren und äußeren Werte. Innere sind: Charakter, Durchhaltevermögen, Optimismus. Dagegen sind Äußere: Beziehungen oder Einfluss. Das ist eigentlich simpel und ganz grob erklärt."

„Alles schön und gut—"

„—Lass mich aussprechen." Praha fährt dazwischen, die Spannung steigt sofort. „Wir brauchen Struktur. Chaos bringt uns nicht weiter. Ich übernehme die Leitung fürs erste."

Einige sind erleichtet, andere skeptisch überrant.

Haru schweigt weiterhin. Sein Blick wandert zu den Raumecken. Vier Kameras an jeder Ecke des Raumes. Alles wird beobachtet.

Natürlich... nicht nur das Gruppenspiel wird bewertet. Sondern auch jeder Einzelne wird analysiert. Sehr schlau.

Aselya lehnt sich selbstbewusst vor. „Du willst führen? Das hier ist kein Teamspiel— das ist ein Schlachtfeld. Wer führt, wird zuerst angegriffen."

Lyra grinst spöttisch. „Und was ist mit dem jungen? Der tut so, als wäre er der Mastermind, der nur sitzt und uns beobachtet."

Alle blicken wandern zu ihm.

Fünf Sekunden, in denen man sein Pokerface sprengen könnte, wenn man nur genug Druck erzeugt.

Doch er blinzelt nicht einmal. Sein Zettel liegt an der Lippe, die Augen halb geschlossen, als würde er die Show genießen wollen.

Vier Stimmen habe ich gehört. Vier Rollen. Anführerin, Skeptikerin, Provokatuerin, Vermittlerin. Aber wer spielt und wer ist echt?

Kalindra bricht die Stille. „Wir verlieren uns. Wir müssen ein Zielsystem finden. Lasst uns fürs erste die Namen aufschreiben und dazu Punkte vergeben. Neutral und ehrlich."

„Guter Plan." Linz nickt sofort.

Haru hebt eine Augenbraue.

So schnell, so bereitwillig? Verdächtig.

Lyra schnaubt. „Ich sag's euch. Ich stehe weiter oben als die Hälfte hier. Deal with it."

Ein Knall. Das Ego kracht mitten auf den Tisch. Sofort brodelt es, Stimmen überschlagen sich, Vorwürfe prallen aufeinander.

„Das zerstört alles nur junge!", ruft Aselya.

„Wenn ihr nur schweigt, dann setzt euch schon mal auf den letzten Platz!", donnert Praha und fixiert Haru wie einen Feind.

Alle Augen wieder auf ihn. Diesmal mit mehr Druck und mehr Intensität als davor.

Er sagt nur leise: „Wenn wir nur streiten wollen, haben wir schon verloren."

Die Worte fallen wie große Offenbarung in den Raum rein. Ein paar Schüler stocken, andere verziehen ihr Gesicht.

„Ich sage: Jeder schreibt seinen Namen auf einen Zettel und stuft sich selbst ein. Danach sehen wir, wer ehrlich ist."

Einen Moment lang ist niemand sicher, ob er gerade das Spiel gerettet oder noch tiefer ins Chaos gestoßen hat.

Doch langsam, einer nach dem anderen, drehen sie ihre Blätter um und beginnen zu schreiben. Ein Kritzeln von Stiften. Zögerliche Blicke. Jeder überlegt, ob er lügen, bluffen oder ehrlich sein soll.

Haru lehnt sich zurück, Pokerface unerschütterlich. Aber in seinem Kopf klickt es bereits.

Das ist der Moment. Das erste Netz ist ausgeworfen. Jetzt zeigt jeder seine wahre Maske.

Nun kommen die Stift alle zum Stillstand. Ein Rascheln, das fast wie Donner klingt, als die ersten Zettel gedreht werden. Fünfzehn kleiner Karten liegen jetzt auf den Tischen, beschriftet mit Namen und Zahlen, als hätte jeder sein eigenes Urteil gefällt, über sich selbst.

Haru stützt sein Kinn mit der Hand. Sein Blick wandert von Blatt, schweift über Augen, die nervös flackern, über Finger, die unruhig tippen, über Haltungen, die zu sehr kontrolliert wirken.

Gut. Jetzt kann ich vergleichen.

Lyra ist die Erste, die auffällt. Sie hat sich erstaunlich niedrig eingestuft. Eine Abweichung, die wie ein rotes Warnsignal in Haru aufblinkt.

„Ich mache diesen Kindergarten nicht mit", sagt sie, ohne aufzustehen. Ihre Stimme ist kühl, aber darunter brennt eine Wut, die sich kaum kontrollieren lässt.

Keiner reagiert. Manche zucken die Schultern, andere sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Haru beugt sich nach vorne, sein Blick bohrt sich in sie. „Spielst du?"

Die Worte hallen in ihren Ohren. Lyra reißt den Kopf herum, Augen weit aufgerissen. „Was?"

„Ich dachte, du bist mehr, als deine Einstufung. Aber wie du dich eingestuft hast ist lächerlich niedrig." Er sagt es mit einer Ruhe die jeden Nerv der Gruppe anspannen lässt.

Lyras Miene verzieht sich, ein Mix aus Unsicherheit und Aggression. „Und du? Du tust so, als würdest du nicht spielen, dabei bist du der größte Blender hier!"

Einige halten schon den Atem an. Ich spüre schon das es hier keine Diskussion wird, sondern eine Konfrontation zwischen zwei Parteien.

Doch Haru blinzelt nicht. „Wenn ich spiele... warum erkennst du die Regeln nicht?"

„Was redest du da?", zischt Lyra, die Stimme höher, schriller.

Haru verschränkt die Arme. Seine Stimme bleibt tief, unerschütterlich. „Die Karten, die wir gezogen haben. Die Aufgabe, die uns gestellt wurde. Das war nur der Vorwand. Der wahre Test läuft schon längst."

Es fühlt sich an als würde die Luft auf einmal gefrieren. Manche sind verwirrt, andere überfragen alles was sie bis jetzt gemacht haben.

Kalindra die schon wie Haru auch die Pose des stillen beobachters eingenommen hat, ist sich dem ebenfalls bewusst.

Praha schnaubt. „Oh, der Philosoph ist aufgewacht." Doch selbst sie klingt weniger überzeugt als sonst.

Haru ignoriert sie. „Die meisten reden, um zu reden. Ich habe geschwiegen, um zu hören."

Seine Worte kratzen an etwas in den Köpfen der anderen, das sie nicht ignorieren können.

Verena beugt sich vor, ihre blauen Augen fixieren ihn. „Was meinst du damit? Dass wir schon geprüft werden?"

„Genau das."

Obwohl er gerne aufstehen würde, wäre es in diesem angespannten Raum etwas peinlich.

„Wenn man einem Menschen eine Rolle gibt... zeigt er sich selbst." Seine Worte fallen wie ein Urteil.

Und plötzlich klingelt es in den meisten Köpfen.

Brassias Überambition, Prahas Dominanz, Lyras Aggression, Verenas Harmonieversuche, Kalindras Neutralität. Jeder hat seine Maske aufgesetzt, ohne es zu merken.

Die Prüferin tippt beiläufig auf ihr iPad, ein kurzes Grinsen huscht über ihr Gesicht. Sie wusste genau, worauf sie gewartet hat.

Sie weiß es. Genau darauf hat sie gewartet.

„Gut." Frau Siwzcyk erhebt die Stimme. „Das war der erste Teil. Ihr hab nun eine halbe Stunde Pause. Um 10:50 Uhr geht es weiter."

Eine Kombination aus Erleichterung und Unsicherheit geht durch die Gruppe. Stühle rücken, Gespräche brechen los, Stimmen überschneiden sich.

Haru atmet tief durch. Endlich. Den Lärm hätte er nicht länger ertragen. Er verlässt den Raum, ohne sich umzudrehen.

Der Getränkeautomat im Gang summt monoton. Haru wirft eine Münze ein, eine kalte Limo fällt scheppernd in das Fach. Er öffnet sie, nimmt einen langen Zug.

Seit dem neuen Halbjahr haben sie's hier hin gebaut. Praktisch, wenn man darüber nachdenkt.

Es treten zwei Gestalten auf höhe seines Halses neben ihn. Verena und Aselya.

Verena ist die Erste, die spricht, leise, fast verschwörerisch: „Du hast ziemlich viel beobachtet... Wir brauchen jemanden wie dich. Zusammen könnten wir die anderen ausmanövrieren."

Aselya nickt, ihre hellroten Haare glänzen. „Ich wollte anfangs führen, aber... das war voreilig. Ich glaub, du bist der einzige, der wirklich versteht, was hier abgeht."

Haru trinkt noch einen Schluck. Stille. Dann sagt er trocken: „Wenn ihr denkt, ich leite euch... habt ihr euch geschnitten. Ich bin kein Anführer. Ich will nur es verstehen."

Verena verengt die Augen. „Und? Was hast du bisher verstanden?"

„Noch nicht genug. Aber nah dran."

Er zerdrückt die Limodose mit einer Hand und wirft sie weg. Sein Blick bleibt kalt, unbeeidruckt.

„So nah klang es eben nicht, Herr Zweistein." Aselya versucht, ihre Skepsis in Humor zu verpacken, doch man spürt, dass sie angespannt ist.

Haru zieht nur die Schultern hoch. „Dann warten wir's ab."

Er geht mit offenen Schritten den Gang entlang. Brust raus, nicht aus Arroganz, sondern weil er gelernt hat, dass Haltung Eindruck macht.

Phase 1 ist finito. Ich bin gespannt, was uns jetzt erwartet. Weil ich bin überzeugt, dass es nicht die ganze Prüfung ist, vermeintlich den Wert eines Menschen zu bestimmen. Da steckt noch mehr dahinter.

Verena und Brassia folgen, schweigend. Und Haru tritt in den Raum, mit direktem Blick in die Gruppe.

Ich habe eine neue Seite von mir entdeckt. Aber bin ich bereit sie zu akzeptieren?