Kapitel 66 / Ein Datum im Kopf
Kapitel 66 / Ein Datum im Kopf
Ein Datum im Kopf
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Während Haru nach der Prüfung erstmal sich entspannen kann und jeden Tag ein gewisses Chaos im Zimmer schon vorprogrammiert ist, beginnt für seine kleine Schwester ein ganz normaler Morgen. Allerdings fühlt es sich für sie nicht mehr normal an.
Der Bus fährt an der Haltstelle vor. Fünf Leute steigen an, Haruka mitgezählt. Sie zieht die Schultern leicht hoch, als sie einsteigt.
Bitte lass heute wenigstens halbwegs okay werden. Seit der weg ist, ist alles einfach nur noch scheiße langweilig. Und auf meine Anrufe reagiert er auch kaum noch. Was ein Typ!
Sie setzt sich in die Mitte, ans Fenster. Die meisten Sitze sind leer, nur hinten lachen ein paar Fünftklässler, als gäbe es nichts anderes Wichtiges auf der Welt.
Strickjacke sitzt, die Schuhe auch, aber meine Haare... egal. Heute offen. Kein Nerv heute.
Der Bus fährt los. Wie automatisch lehnt Haruka den Kopf gegen das kalte Fenster und lässt ihre Gedanken treiben.
Halten die Mädchen ihn dort fest oder was? Was ist los mit dem? Ich wollte ihn ja mal besuchen, aber hab kein Plan, wo diese verdammte Schule überhaupt ist.
Die Straßen ziehen vorbei, die Sonne blendet sie leicht. Die Straßen wirken lebendig an dem Morgen. Nur sie fühlt sich irgendwie außen vor.
Niemand sitzt neben ihr. Ihre Tasche liegt auf dem Sitz. Der Bust fast leer, sie geht immer etwas später los. Lieber ‚pünktlich' als überpünktlich.
Ob er in den Ferien überhaupt zu Hause war?
Sie schüttelt den Kopf.
Ich war's jedenfalls nicht. Projekt mit meiner Freundin gehabt. Wie immer aufgeschoben. Und natürlich auf den letzten Drücker es erledigt.
Der Bus hält an einer roten Ampel. Das Fenster vibriert leicht. Haruka schließt die Augen und muss kurz lächeln.
Trotzdem 'ne gute Note. Ich glaub, die Lehrer mochten einfach unser Charisma. Anders kann ich mir das nicht erklären.
Dann trifft sie der Gedanke wie ein kalter Stich.
Elternsprechtag. Irgendwann ist der ja auch noch. Nicht, dass ich Angst davor hätte. Meine Noten sind gut. Aber...
Ihre Freundinnen fehlen. Vielleicht verschlafen. Normalerweise sitzen sie immer zusammen.
Sie drückt auf den Stopknopf. Der Bus hält, sie steigt entspannt aus.
Ich hoffe, er ist nicht umsonst weggegangen.
Sie kichert leise.
Oder er brauchte einfach eine Pause von mir. Ich frag mich echt, was er da macht. Ob er überhaupt dort klarkommt.
Heute ist Freitag. Am Montag nächste Woche fährt ihre komplette Stufe in die Klassenfahrt.
Eigentlich hätte ich heute blau machen sollen. Zuhause bleiben. Oder mit Freunden raus. Dieser Tag fühlt sich eh unnötig an.
Nichtsdestotrotz ist es 7:50 Uhr an einem schönen Freitag.
Sie denkt sich nichts beim eintreten des Schulgeländes. Treppen hoch. Alles wie immer. Doch als sie das Klassenzimmer betritt, schlägt ihr sofort lautes Geschrei entgegen.
„Da ist ja unsere Haruka!"
Ja, ja. Was auch immer ihr denkt von mir.
Sie stellt ihre Tasche ab und setzt sich in die dritte Reihe an der Wand seite. Der zugeloste Platz von letzter Woche. Ihre Laune kippt sofort.
Ich hasse diesen Platz. Aber wenigstens sitzt jemand großes vor mir.
Ihre Mimik ist schon sofort unten. Nach einer Sekunde als sie den Klassenraum begegnet hat.
Bestimmt bekommen wir heute noch die finalen Informationen über die Klassenfahrt. Meine Eltern haben die Fahrt eh bezahlt. Danke Mama und Papa. Und hoffentlich wird der Aufenthalt dort angenehm.
Doch keine zwei Minuten als sie sich an ihren Platz setzt kommen Mädchen und Jungs zu ihr. Als wäre sie ein Idol der Klasse.
Man sieht ihr an, dass sie nicht gestört werden will, aber sie lassen es drauf ankommen.
„Du hattest doch mal gesagt, dass dein Bruder auf eine Mädchenschule geht—"
„Ja ja. Was ist mit ihm jetzt?"
Man sieht an ihrer Reaktion das sie es schon bereut es ausversehen gesagt zu haben. Eigentlich sollte sie es niemandem weiter sagen. Sie stützt den Kopf in die Hände und beugt sich nach vorne.
„Alles okay bei dir?", fragt sie der Junge.
Das Mädchen fängt sie an vom Rücken zu umarmen.
Fass. Mich. Nicht. An!
Ruckartig springt sie auf. Das Mädchen schreckt zurück und wirkt wie eingefroren. Ihre Arme hängen in der Luft.
„Mir geht's gut.. Verpiss dich einfach von mir!"
Ein lautes ‚Oooooh' geht durch die Klasse.
Geht zurück in die Charakterentwicklung ihr unausgereiften NPCs, euer „ohhhh" könnt ihr euch sonst wohin schieben!!
Ohne zu zurück zu kontern, geht der Junge weg. Sie fasst sie sich am Kopf und fällt in den Stuhl.
Meine Fresse. Wie kann man so krass am Morgen mich abfucken. Ich bin dir ehrlich, ich hab jetzt schon kein Bock auf den Tag.
„Geht's dir wirklich nicht gut?"
Harukas Stimme wird ruhiger und versucht trotz Frust noch zu lächeln. „Alles gut. Bin nur bisschen Müde. Hatte nur fünf Stunden Schlaf."
Ihre Freundin weiß schon seit langen das Haruka nicht besonders gut ist, ihre Emotionen verstecken zu können, und schreckt deshalb etwas ab. Daraufhin sagt sie noch: „Dann... reden wir später?"
Haruka nickt leicht.
Kurz darauf kommt die Klassenlehrerin rein. Deutsch, Geschichte, Tutor— alles bei ihr.
Unsere Lehrerin ist echt der Hammer. Jung, motiviert, checkt uns. Tutor in der ersten Stunde ist immer Jackpot.
Als Begrüßung setzt ihre Lehrerin erstmal den Tee auf den Tisch. Dann direkt das Klassenbuch, bevor sie endgültig die große Begrüßung an die Klasse vornimmt.
Nach dem checken, ob jeder anwesend ist, geht sie direkt zum organisatorischen über.„Der Elternsprechtag ist am 30.3. Ich lese gleich noch die Namen vor—"
Haruka zuckt kurz zusammen.
An meinem Geburtstag?! Och nö...
Als ihre Klassenlehrerin jeden Namen aufzählt der beim Elternsprechtag sein wird, macht sich schon Haruka bereit, dass sie dort ebenfalls stehen wird. Sie hat schon die Hoffnung daran aufgegeben.
***
„Nun kommen wir zur Klassenfahrt. Ich hoffe ihr freut euch alle dadrauf. Denn das Reiseziel wird, wie ihr wisst, Italien sein."
Sie betont das Wort Italien, sodass man merkt das sie sich ebenfalls darauf freut dort hinzugehen. Denn nach ihrem Alter zu urteilen, war sie noch nie in Italien.
Die ganze Klasse fängt an zu kreischen und zu hüpfen. Die Klassenlehrerin pausiert ihr Wort und lässt ihre Klasse kurz sich austoben.
Dabei nimmt sie einen Schluck Tee und erhebt ihre Stimme.
„Wir übernachten auf dem Festland, bei einem Hotel. Unsere Ausflüge werden nach Venedig, Verona und Mailand stattfinden."
Sie lächelt zufrieden und pausiert wieder ihr Wort, um die Reaktion der Menge zu erleben. Jedoch bleiben sie erst einmal noch leise.
Haruka stützt das Kinn auf die Hand.
Klar. Italien klingt mega. Aber was bringt mir das... wenn meine Eltern nicht mal da sind?
„Ganz wichtig: Ich brauche eine unterschriebene Einverständniserklärung eurer Eltern."
Haruka friert innerlich ein.
Scheiße. Meine Eltern.
Ihre Finger krallen sich in die Tischkante.
Ihre Lehrerin bemerkt sofort, dass Haruka angespannter wird.
„Haruka? Schaffst du das rechtzeitig?"
Sie lächelt erzwungen. „Ja... klar."
Lüge. Die sind am anderen Ende der Welt.
Ihre Gedanken wirbeln durcheinander. Noch vor einer Woche hatten ihre Eltern ihr einfach beiläufig gesagt, dass sie für mehrere Monate nach Japan fliegen müssen. „Geschäftlich", hieß es. Irgendwas mit der Firma ihres Vaters. Keine große Erklärung, nur die Info, dass sie eben weg sind.
Sie beißt sich auf die Unterlippe und versucht, das Chaos in ihrem Kopf zu verdrängen.
„Also, wir verteilen jetzt gleich die Formulare. Ihr bring sie bitte am Montag mit." Die Lehrerin klappt eine Mappe auf.
Während die Blätter durch die Reihen gehen, starrt Haruka aus dem Fenster. Sie sieht, wie auf dem Schulhof zwei Vögel um ein Stück Brot kämpfen.
Typisch. Alle kämpfen um irgendwas. Und ich kämpfe gerade darum, nicht komplett abzukacken.
Ein Zettel landet auf ihrem Tisch. „Hier, Haruka", sagt das Mädchen neben ihr leise.
Sie nimm ihn wortlos entgegen und schiebt ihn in ihr Etui.
Ich muss mir was einfallen. Irgendwas. Vielleicht kann maein Bruder helfen? Wenn er überhaupt ans Telefon geht...
Sie schließt kurz die Augen. Der Gedanke an ihn ist wie ein Messer und Trost zugleich.
Wenn er nur wenigstens an meinem Geburtstag da wäre. Aber stattdessen... Elternsprechtag. Ausgerechnet an meinem verdammten Geburtstag.
Ihr Blick fällt nach unten. Sie lächelt bitter.
Ich bin erledigt...