Kapitel 72 / Silent Strike
Kapitel 72 / Silent Strike
Silent Strike
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Sie sprinten die andere Treppe hinunter. Stufe für Stufe, ohne zu zögern. In der ersten Etage angekommen, drücken sie sich instinktiv an die Wand.
Freya späht zuerst um die Ecke.
Der Gang ist leer. Dunkel. Still.
[„Test, Test. Hört ihr mich?“]
„Laut und deutlich“, flüstert Freya. „Was gibt’s?“
[„Das sollte nur so ein Test sein. Wenn ich was verdächtiges sehe, meld‘ ich mich. Bye.“]
Sie seufzt.
Jeanne. Manchmal völlig neben der Spur, aber ein Genie, wenn es darauf ankommt. Die Ohrstöpsel, die Umhänge, die improvisierten Walkie Talkies— alles aus ihrer Hand. Obwohl sie sich erst seit ein paar Monaten kennen, ist sie längst unverzichtbar geworden.
Natsumi dagegen ist nervös. Ihre Beine zittern leicht, sie hält sich instinktiv im Schatten.
Freya blickt sie kurz an.
Alles wird gut, sagt sie sich, sagt Natsu sich immer. Wir haben ja aber auch ‘ne Mission für unsern Boss.
Sie setzen sich in Bewegung. Schritt für Schritt den Gang entlang, dorthin, wo das Mondlicht durch die Fenster fällt.
Acht Monate. So lange ist er jetzt hier.
Vorher war Schule für Freya nur… nebensächlich. Gute Noten, kein Ärger, aber auch kein Grund, wirklich hier sein zu wollen.
Mir hatte etwas gefehlt, wofür es sich lohnt jeden Tag um 7 Uhr aufzustehen. Dann hatte ich ihn gefunden auf dem Boden im Zimmer.
Sie hätte weitergehen können. Tat sie aber nicht. Es war dieses eine Gefühl was sie selber kennt.
Ich konnte ihn doch nicht dort liegen lassen. Ich wollte ihn zu jemandem machen, wo er später sagen wird: Zum Glück habe ich damals durchgezogen.
Also trainierte sie ihn etwas. Pushte ihn. erinnert ihn immer wieder daran, dass Angst kein Dauerzustand sein darf. Dass er— wenn der Moment es zulässt— cool bleiben muss. Vielleicht sogar etwas abgehoben.
Und man sieht die Veränderung. Nicht nur an seinem Körper. Sondern an seiner Präsenz.
Am Anfang hatte er null Erfahrung mit Mädchen gehabt. Wer soll‘s ihm übel nehmen? Freya selbst hatte vorher kaum Kontakt außerhalb zu Jungs. Er ist ihr erster, sowie auch von Natsumi und Jeanne.
Und ich fand ihn seit Anfang an auch relativ cool. Ich bleibe gerne an seiner Seite und will ihm helfen seine Ziele zu erreichen. Unabhängig davon ob er es schafft oder nicht. Wenn er doch untergehen sollte, dann bin ich glücklich darüber das wir als Crew eine schönte Zeit zusammen hatten.
Natsu und Jeanne sind ihr ebenfalls ans Herz gewachsen.
Drei Chaoten. Eine Crew.
Und er— ihr Meister.
Er ist einfach ein cooler Typ, der manchmal verplant ist, aber das lieben wir drei bei ihm einfach. Aus diesem Grund lieben wir ihn einfach.
Freya hebt plötzlich die Hand. Ein Signal.
[„Hallo?“]
Ruckartig ziehen sich beide hinter die Wand zurück.
[„Irgendwas stört hier mein System“] meldet Jeanne. [„Falls die Verbindung abbricht— ihr seid gewarnt.“]
Gut zu wissen. Aber wir dürfen jetzt auch keine Panikmache mehr machen. Es geht nämlich um die Mysterien hier. Haru ist schon ein schräger Vogel.
Die Wilde Jagd, denkt Freya und musst immer noch schmunzeln. Beide finden ihn speziell.
Währenddessen sitzt Jeanne vor ihrem Laptop, die Finger auf den tasten. Das Display flackert leicht, begleitet vom leisen Rauschen wie bei einem alten Röhrenfernseher.
„Was ist da los…? Hackt sich jemand ein, oder ist es nur ein Störsignal?“, murmelt sie.
Sie prüft nochmal alles. „Als wär ich in einem Mafia Film gelandet. Ich glaub man hat schon jedes Klischee an diesem Tag gesehen.“
Die Windgeräusche draußen könnte ein Faktor sein— aber das reicht nicht als Erklärung. Sie tippt erneut drauf los. Irgendein Hinweis muss dort sein. Irgendein Überbleibsel von der Störung.
An der Treppe stehen sie hinter Wand. Natsumi spürt, wie ihre Beine leicht zittern.
Ruhig bleiben. Einfach nur das. …Ich bin zu aufgeregt.
Freya wirft einen Blick um die Ecke. Der Gang ist leer. Dunkel. Still. Kein laut, außer dem fernen Tropfen irgendwo im Flur.
„Hier ist niemand“, flüstert Freya über den Ohrhörer zu Jeanne.
[„Okay, hmmmm… Schaut mal in die zweite Etage vorbei. Haru bewegt sich… millimeterweise? Guckt es euch mal an.“]
Millimeterweise?
Natsu runzelt die Stirn, sowie auch Freya.
Was macht der irre jetzt schon wieder?
Das er sich freut ist uns allen klar. Aber ‚milimeterweise‘ ist etwas verdächtig.
Die beiden bewegen sich geduckt weiter, die Füße setzen nur auf, wo das Licht des Mondes sie nicht verrät. Jeanne hat das Problem weitgehend im Griff, die Verbindung ist stabil.
Sie erreichen die zweite Etage, bleiben geduckt hinter der Wand stehen und spüren das Adrenalin ihren Bäuchen. Die Hände ruhig am Gut unter den Umhängen.
Dann sehen sie ihn. Haru. Er kämpft— millimeterweise bewegt er sich, wie Jeanne gesagt hatte— und doch so präzise.
„Zeig mal, was du drauf hast“, denkt Freya.
Die Maskierten stehen mit dem Rücken zu ihnen. Perfekt. Natsus Augen leuchten kurz auf, ihr Herz schlägt schneller, doch sie bleiben kontrolliert.
Die Seile sind bereit unter den Umhängen. Jeder Schritt muss sitzen, jeder Atemzug darf kein Geräusch erzeugen.
Haru kniet kurz vor den beiden Gegnern und murmelt etwas:
„Ich hab dir gesagt, geht nicht so leichtsinnig in jeden Kampf rein. Muskeln hast du bekommen, aber es fehlt noch der Verstand.“
[„Er ruft euch beiden.“]
Unsere Chance!
Beide nicken. Beide entschlossen. Die tagelange Arbeit wird sich zeigen, ob sie es schaffen werden. Beide haben ein Seil-Set unter dem Umhang, während Haru seine üblichen zwei Holzstäbe hatte.
Sie schleichen sich geduckt an die vier Maskierten herein. jeder Schritt wie bei einer Wildkatze auf der Jagd.
Ganz ruhig… vorsichtig… langsam
Freyas Hand liegt die ganze Zeit über nah am Seil. Sie spürt die Aufregung— selbst die Gedanken von Natsumi kann sie fast schon spüren.
Haru steht nun auf und kämpft weiter mit seinen Gegnern.
Sie befinden sich nicht im Blickfeld von Haru und den fünf Maskierten— sicher für den Moment. Als würde ihr Boss die Gefahren förmlich anziehen.
Freya und Natsumi stehen zwar hinter den vier. Aber es scheint, als würden sie Marionetten sein. Keine Bewegung. Kein Mucks.
Freya zuckt ein wenig als sie sich aufrichtet.
Sorry. Aber das wird ein bisschen weh tun.
Patsch!
Die Köpfe der beiden Wachen krachen ineinander— perfekt koordiniert von Freya und Natsumi. Bevor jemand auch nur Verdacht schöpft, rennen sie lautlos sofort zur Treppe.
Perfekt. Niemand hat was gehört, obwohl es alles andere als leise war.
Natsu redet mit Seydo um die Lage abzusichern.
[„Perfekt. Kommt dann langsam nach oben. Oder wollt ihr auf Haru noch warten?“]
„Wir müssen auf den halt aufpassen. Ich beobachte ihn mal sicherheitshalber.“, teilt Freya ihr mit.
Natsumi nickt, lehnt sich kurz gegen die Wand und atmet tief durch. „Alles klar… er hat‘s echt drauf. Aber ich bleib hier, falls noch was kommt. Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass alles safe ist.“
Freya setzt sich auf die Treppe und lässt ihren Kopf in ihre Handfläche fallen. Dabei schmunzelt sie noch.
Wir müssen auf ihn aufpassen. Aber später, da kann er von mir aus auf und aufpassen. Ich verlange immer, eine Gegenleistung. Und du, weißt es am besten Haru.
Freya und Natsumi hören seine Bewegungen. Wie etwas an die Tür geworfen wird, und die lauten Geräusche die aus dem Klassenraum kommen.
„Er ist wirklich… auf einem guten Leben“, flüstert Natsumi.
Freya nickt. „Aber ich weiß, dass er das unter Kontrolle hat.“
Freya kann manchmal recht haben, aber diesmal nicht.
„Er weiß, was er tut. Nur… ich will ihn trotzdem nicht aus den Augen verlieren.“
Deswegen schleichen sie sich zum Raum an die Wand und bleiben dort fürs erste. Bis Haru aus dem Zimmer rausrennt direkt nach oben, ohne auf sich aufmerksam zu machen.
Sein Tempo überrascht ihn selbst. Sein Herz pocht im Takt seines rasendes Atems. Die Stufen verschwimmen unter seinen Füßen, und doch bleibt jeder Aufprall kontrolliert und auch präzise.
Ich komme zurück. Aber das nächste Mal… werde ich nicht fliehen.
Er spürt die Energie in jedem Muskel, die Kraft, die druch seinen ganzen Körper pulsiert. Adrenalin, Erinnerungen, Entschlossenheit— alles verschmilzt. Das Gefühl das er gleich explodieren würde ist gleich auf hundert.
Sie hat‘s mir gezeigt.
Ich bin stärker geworden. Viel stärker.
Und trotzdem… war ich unterlegen.
In dieser Schule lauert etwas, das mich noch nicht ernst nimmt. Aber bald wird es das müssen.
Seine Gegnerin beobachtet ihn, ihren Blick voller Mischung aus Überraschung und Respekt. Seinen Umhang lässt er dabei in dem Raum zurück.
Er ist schwach. Aber aus ihm könnte sich eine schwerwiegende Bedrohung entwickeln. Wenn er in dieser Zeit schon so stark geworden ist, dann will ich nicht wissen, wie es weiter mit ihm gehen wird. Womöglich wird er in naher Zukunft schon die Schule auf den Kopf stellen können.
… Wir müssen das verhindern! Ich muss es direkt melden gehen.
Haru rennt um sein Leben, obwohl niemand hinter ihm ist. Schnur gerade auf die dritte Etage. Direkt zu seinem Zimmer. Freya und Natsu haben an der gleichen Treppe in der dritten Etage auf ihn gewartet.
[„Allez! Allez! Macht schneller!“]
Hören alle drei synchron. Als sie oben sind, verzichten sie aufs leise rennen.
In seinem Kopf durchläuft alles blitzschnell: Erinnerungen an Trainingsstunden, kleine Siege, Fehler, die er überwunden hat. Ein Geistesblitz trifft ihn wie ein Stromstoß.
Ein stechender Schmerz durchzuckt ihn. Kurz, messerscharf. Doch er verwandelt sich in Klarheit.
Als sie hoch rennen erfährt Haru einen Geistesblitz. Ein kurzer stechender Schmerz erfährt ihn.
„Wolltest du nicht schon immer bei allem gewinnen?“, erfährt eine Stimme in ihm.
Nein. Ich kann nicht so einfach aufgeben. Was wenn ich morgen ein wichtiger Tag ist, und ich den Tag davor verloren habe.
Doch dann, aus dem Nichts, dreht er um. Wie eine federnde Katze stürzt er wieder die Treppe hinunter. Die Welt fliegt an ihm vorbei.
Seine Augen färben sich dunkel, die Iris leuchtet hellblau. Ein unwillkürliche Veränderung die er selbst nicht einmal bemerkt.
Währenddessen erreichen Freya und Natsumi das Zimmer. Ihre Körper sind etwas erschöpft, die Muskeln zittern von der Spannung. Sie lehnen sich schwer atmend gegen die Tür, die Energie des Moments hängt zwischen ihnen.
Als Jeanne schließlich die Tür öffnet, fallen Freya und Natsumi hinein, als wären sie ausgelaugt Kämpfer. Der Körper schwer wie Blei.