Kapitel 74 / Eine Nacht zum Durchatmen
Kapitel 74 / Eine Nacht zum Durchatmen
Eine Nacht zum Durchatmen
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Ein paar Stunden später liegt Freya in Harus Bett und denkt über die Erkundungstour nach.
Ich frage mich warum die anderen vier sich nicht bewegt haben? ...Waren das Marionetten wie Haru schon geglaubt hatte? Aber da ist noch ein Problem... Obwohl alle friedlich schlafen können, kann ich es nicht. Ich habe als seine rechte Hand versagt.
Sie setzt sich an die Bettkante. Die Schultern nach vorne gebeugt die Hände fest ineinander verschränkt.
Das wir heute gelernt haben, dass in der Nacht Patroullien laufen ist mir selber neu gewesen. Und das Jeanne ebenfalls kämpfen kann, ist mir auch neu.
Mit einem leichten Seufzer richtet sie sich auf. Ihre Körperhaltung gerade, sie bewegt langsam den Kopf von rechts nach links, als wolle sie überprüfen, ob die anderen beiden tief am Schlafen sind. Dann schleicht sie sich erst zum Trainingsraum.
Natsumi und Jeanne schlafen auf frische Matratzen, die noch nach warmer Wäsche riechen. Freya tippt vorsichtig an die Tür, öffnet sie einen Spalt, und ihr Blick huscht durch den Raum. Die kalte Luft streicht über ihre nackten Arme und lässt die Haare leicht in der Luft tanzen.
Nach dieser Erkundung muss ich ein bisschen dampf ablassen. Die anderen machen's mit Schlaf, ich mit Training.
Beim Umziehen fällt ihr ein Buch auf, welches im Schrank liegt. Sie beugt sich vor, ihre Augen verengen sich leicht, die Finger greifen zögerlich danach.
Ich hoffe... Ich hoffe, das ist kein Tagebuch. Denn sonst... tut's mir leid. Meine Neugier hat mich überrannt.
Sie öffnet die erste Seite, die Hände zittern leicht. Die Augen wandern über jede Zeile, die Schultern leicht gebeugt, als würde sie damit rechnen das jemand in den Raum reinplatzen könnte. Ihr Atem stockt gelegentlich vor Spannung.
[Montag] [Dienstag] [Mittwoch] [Donnerstag] [Freitag] [Samstag] [Sonntag]
Klimmzüge Gym Freya 1/2 Liegestütze Freya Gym Rest
Sein kompletter Trainingsplan. Von dem ersten Oberschultag bis jetzt. Jeden Tag hat er dokumentiert.
Freya lächelt schwach, ein kurzer Aufzug der Mundwinkel, während sie sanft durch die Seiten geht. Neben ‚Freya' wurden kleine Kreise eingezeichnet. Mal durchgestrichen oder doppelt markiert. Mittwoch: ‚Ich wurd beerdigt.'
Und es ist unheimlich süß das er sogar die Trainingstage mit mir sich dort eingetragen hat. Manchmal schmilzt mein Herz bei ihm. Aber manchmal kocht es auch.
Sie legt das Buch zur Seite, atmet tief durch, streckt die Hände nach oben, die Finger dehnen sich, so auch die Schultern.
Das ein Junge so etwas wie ein ‚Journal' benutzt ist wirklich Interessant. Ist das bei allen Jungs so?
Sie schließt den Kleiderschrank, als hätte niemand je sein Buch gefunden, geschweige denn gelesen. Dann tritt sie zum langen Spiegel, der über den Hanteln steht. Die Handflächen drehen sich nach außen, die Schultern kreisen, dazu knacken die Handgelenke leise.
Ich muss noch an mir arbeiten. Viel mehr.
Kurz danach fasst sie sich an den Nacken und knackt ihn. Die Muskeln in den Armen und im Rücken spannen sich.
„Alles klar. Wir können loslegen!"
Nach der ersten Liegestütze und Klimmzüge tropft der Schweiß auf den Boden, ihre Haare kleben schon am Gesicht. Das weiße ärmellose Top ist etwas nass. Sie wischt sich über die Stirn und streicht das Haar mit ihrem lilanen Haarreif zurück.
Ich bin immer noch neugierig, was er für einen ‚wichtigen' Termin Morgen hat...
Sie zieht die Brust ein, stemmt die Hände an die Hüften, ihre Augen funkeln entschlossen.
Wie ich ihn trainiert hatte und habe, so muss ich's auch bei den anderen Mädels es versuchen. Wenn er schon vor Fesarina überwältigt wurde, muss ich noch stärker werden! Selbst wenn es das letzte ist was ich tue!
Nach einer guten halben Stunde ist sie fertig. Freya setzt ihre pinken Latschen an und läuft leise ins Badezimmer. Ihr kompletter Körper ist unter Spannung, durch das auch viele Wasser.
Das Training war gut, würde er jetzt bestimmt sagen.
Ein kurzes Lächeln huscht über ihr Gesicht.
...Ich merke, dass ich irgendwie wie er werde, was mir gefällt.
Sie zieht ihr Unterhemd aus und springt unter die heiße Dusche. Der Dampf steigt auf und hüllt den Raum im Nebel. Die Arme, die den Rücken schwer entlang fahren bereiten ihr Probleme. Die Muskeln spannen immer noch.
Ich musste mich schon immer in so einem Umfeld beweisen.
— Zwei Stunden vorher im Haus —
Sie schaltet das Licht vom Flur aus. Sie ist die einzige, die nun zu Hause ist. Ihre Eltern sind in Japan, Haru ist immer noch in der Schule. Nur ein leichter Lichtstreifen von draußen fällt ins Zimmer hinein.
Haruka legt sich in ihr Bett und versucht einzuschlafen. Sie dreht sich zur Seite, dann auf den Rücken und wieder auf die Seite. Aber der Schlaf will nicht kommen.
Ihre Finger tasten nach dem Handy auf dem Nachttisch. Keine neue Nachricht von ihm. Kein ‚Ich komme gleich.' Nichts.
Aus Frust legt sie das Handy beiseite und zieht die Decke über ihren Kopf.
Ich hoffe, der Typ hat den Elternsprechtag morgen nicht vergessen. Und... wann will er überhaupt nach Hause kommen? Es ist schon fast 0 Uhr geworden.
Ihre feuchten, offenen Haare machen das Einschlafen nicht gerade einfacher. Und auch die vielen rumschwirrenden Gedanken tragen nicht bei.
Sie schließt wieder die Augen und hofft einfach aufs Beste.
Eine halbe Stunde später hört sie dumpf ein Geräusch. Als hätte jemand das Haus betreten. Das Klirren der Schlüssel klingt nicht wie ein Einbrecher.
Langsam, hörbare Schritte kommen in Richtung ihres Zimmers. Die Tür öffnet sich ein Spalt, ein Schatten schaut hinein. Als es sieht, dass Licht in den Raum fällt, schließt er die Gardinen und zieht sich wieder leise zurück.
Ich habe irgendwie das Gefühl das wenn ich intensive Emotionen wie Spaß oder Gefahr spüre meine Iris anfängt zu leuchten. Aber es kommt niemandem komisch vor— und ich weiß nicht einmal ob ich der einzige bin mit diesem Phänomen. ...Ich hoffe schon.
Der Nächste Tag ist schon im vollen Gange, und Haru schläft noch immer.
Bzzt bzzt. Sein Handy vibriert neben ihn.
Sein fast endloser Schlaf wird vom Vibrieren des Handy unterbrochen. Seine Hand fummelt am Kopfkissen herum, bis er es gefunden hat.
„Hallo...?" Seine Stimme kratzt noch von seiner trockenen Kehle.
„Bist du immer noch am schlafen???" Eine Stimme schießt durch den Lautsprecher. Panisch, energisch, klar erkennbar. Er reißt die Augen auf, halb im Schlaf, halb schockiert. Har er etwas Wichtiges vergessen?
„Ja... ich bin ziemlich platt.", bringt er hervor, die Stimme noch tief und verschlafen.
„Hast du geschaut, wie viel Uhr es ist?!—"
„Eh? Was?" Er schaut mit halboffenen Augen die Uhrzeit an seinem Handy an. Sein Herz setzt kurz aus, dann beschleunigt sich sein Puls.
„—Heute ist doch Elternsprechtag, schon vergessen? Mama und Papa sind grad weg."
Er richtet seinen Oberkörper langsam auf. „Wann... muss ich da sein?"
Er spricht es schnell aus, als würde es schon gleich stattfinden wollen.
„14 Uhr!"
Ein kurzer Moment der Erleichterung verfliegt über sein Gesicht.
„Schaff ich schon... Aber, wie geht's dir?" Seine Stimme klingt plötzlich unsicher, untypisch sanft für sie.
„...Du fragst mich, wie's mir geht?! Du hast die Eier sowas mir zu fragen?!! Weißt du, wie lange du nicht—!!" Er legt sofort auf. Das Handy bleibt in seiner Hand sitzen und sein Blick starr auf den Boden gerichtet.
Ach... da habe ich doch was wichtiges Vergessen. Ich habe einfach über Nacht vergessen das heute Elternsprechtag ist. Zum Glück war mein Handy noch an...
Haru setzt sich an die Bettkante und muss auf sein Leben erst einmal wieder klarkommen. Seine Hände an den Haaren, die wie gewöhnlich ins Gesicht fallen und ihn stören.
Ich habe meine Haare lange nicht mehr geschnitten. Ich glaube seit Anfang des Schuljahres nicht mehr. Sie gehen mir schon über die Ohren.
Er steht kratzend von seinem Bett auf und geht sofort unter die kalte Dusche. Das Wasser prasselt auf ihn nieder und zwingt ihn in die Realität zurück. Der Schlaf ist vom einen auf den anderen Moment erloschen.
Habe ich überhaupt gute Klamotten, was soll ich anziehen? Ich will ja nicht wie ein Obdachloser dort auftreten.
Nach dem Duschen sucht er seinen ganzen Kleiderschrank nach Outfits. Jedes Fach und jeder Kleiderbügel wird durchgesucht. Aber jedes Kleidungsstück ist ihm zu klein, oder zu eng.
Das ich lange nicht mehr hier war, macht sich ehrlicherweise bemerkbar...
Zudem Zeitpunkt sind all seine T-shirts, Hoodies und Hosen auf dem Boden verteilt.
Doch zuletzt findet er unter dem ganzen Chaos etwas versteckt einen Anzug. Er ist noch neu und es ist nicht lange her seitdem er ihn gekauft hatte.
„Würde der mir noch passen?"
Er versucht, das Sakko über die Schultern zu ziehen. Ein mühsamer Kampf. Die Ärmel haken sich, die Knöpfe wollen nicht zugehen. Die Hose spannt unangenehm an der Taille. Er beißt sich die Zähne zusammen und spürt wie sich die Muskeln in Armen und Schultern anspannen. Als wollen sie die Kleidung auseinanderreißen wollen.
„Yup. Ich bin aufjedenfall größer und breiter geworden." Ein schwaches Lächeln, gemischt mit leichter Frustration entsteht auf seinem Gesicht.
Schönes Gefühl, aber auch schlecht. Ich muss shoppen gehen.
Er betrachtet den Spiegel: definierte Schultern, breiter Torso, sichtbare Bauchmuskeln. Alles anders geworden. Leicht streicht Haru über seinen Oberarm.
Wenn man sich immer so verändern würde nach einem Schulwechseln... ich würde nix anderes mehr wollen.
Zum Glück haben meine Eltern für uns beide Geld gelassen. Ich brauche dringend neue, gute und passende Kleidung für mich. Und ein Anzug wäre eh nicht die richtige Wahl gewesen, wenn ich gerade darüber so nachdenke. Ich werd mir was besseres kaufen.