Kapitel 75 / Lehrer-Bruder-Tag
Kapitel 75 / Lehrer-Bruder-Tag
Lehrer-Bruder-Tag
______
Die Uhr zeigt 12:30 im Wohnzimmer.
Ich habe noch etwas Zeit. Ich brauche auch mal dringend einen neuen Haarschnitt. Meine Haare gehen mir bis schon über die Ohren. Ich muss mal meine Koteletten und Nacken säubern lassen und dafür auch oben es kürzen lassen.
Er blickt auf seine Haare im Spiegel an. Das Wasser am Wasserhahn läuft, doch er nimmt es kaum war.
Jeder hatte meine Haare verkackt. Das sauber machen war immer gut, weil... was will man da falsch machen? Aber oben zu kürzen, haben die immer verkackt.
Ein Freund von Mikail hatte ihm diesen Laden empfohlen. Angeblich der beste in der Gegend.
Ich geh dahin zum ersten mal. Hoffentlich hat Mika nicht übertrieben. Ich brauch einfach jemanden der zuhört, nicht jemanden, der schneidet, wie er gerade Lust hat.
Vor dem Barbershop stehen natürlich oben die bekannten Barber-Pole dran. Er schluckt. Die Hände fangen schon an ein bisschen zu zittern.
Es entscheidet gleich, ob ich für ein paar Wochen eine cap oder wie ein Meister rumlaufen kann.
„Hi mein Freund.", begrüßt ihn einer der Barber.
Nach ungefähr 10 Minuten ist Haru endlich dran und setzt sich auf sein Stuhl. Sein Friseur ein bärtiger Junger Türke.
„Was möchtest du haben?"
„Ja schon." Haru ist entspannt, obwohl er immer noch die gewisse Angst in sich trägt.
„Schön. Was willst du heute haben?"
„Mach mir ein Lowfade und mach oben kürzer. Ich will die so wellig nach vorne tragen, wenn du verstehst."
„Sıkıntı yok. Kriegen wir hin."
Im Hintergrund laufen alte Türkische Lieder und der Barbershop riecht vertraut nach Haarspray. Im Hintergrund sind ein paar alte Männer und ein jugendlicher ungefähr in Harus Alter der ihn ein bisschen beobachtet. Nichtsdestotrotz schaut Haru sich im Spiegel an, während ihm die Haare geschnitten werden.
Man sagt ja immer, ein Haarschnitt für die Männer ist wie das Make-up für die Frauen. Vielleicht sehe ich wirklich anders aus nach dem neuen Haarschnitt.
In der gleichen Zeit schneidet der Friseur seine Seiten auf Null und verpasst ihm einen Übergang.
„Bruder", sagt Haru leise. „ich habe später einen wichtigen Termin, mach bitte so gut wie du kannst."
Der Barber lächelt. „Überlass das nur mir."
Die Atmosphäre die er im Moment bekommt fühlt sich einladend an. Normalerweise wäre er früher nie zu solch einem Friseur gegangen. Viel lieber hätte er bei jemand anderen geschnitten der nicht aus der Umgebung kommt.
Der Barber legt die Maschinen beiseite, löst seine Haare von den Klammern und teilt es oben in kleine Bereiche auf. Ganz vorsichtig mit dem Kamm, nachdem er seine Haare nass gesprüht hatte.
„Du hast eigentlich schönes Haar. Man muss nur wissen, wie man's schneidet."
Haru kann nicht anders, als zu lächeln bei seinem Kommentar. Direkt danach sagt er: „Ich hatte immer Probleme bei Friseuren. Entweder sie hatten meine Haare immer zu kurz geschnitten oder zu lang gelassen."
Kurz macht der Barber eine Pause von dem Schneiden mit der Schere.
„Du musst es so sehen, dass die meisten Barber viele Kunden direkt weghaben wollen. Die meisten geben sich keine Mühe mehr."
Er setzt wieder an und schneidet wieder als er noch dazu sagt: „Du musst deswegen immer gucken wen du als Stamm Friseur haben willst."
„Wenn du bei mir das gleiche denkst... dann ist das halt so, was soll ich sagen?", sagt er lachend. Haru lächelt zurück.
„Wenn ich nicht gut schneide, dann kannst du zum nächsten Friseur oder Barber gehen. Dann hast du wenigstens bei mir probiert und brauchst nicht mehr herzukommen."
Sie führen weiter beide Smalltalk als würde eine Freundschaft zwischen den beiden entstehen. Schneiden, und gleichzeitig etwas reden. So sind die ganzen 20 Minuten im Friseursalon vergangen.
„So." Er hebt einen Spiegel, damit Haru seinen Hinterkopf sehen kann.
Haru schaut schockiert auf sich selber. Er erkennt sich fast garnicht wieder. Er fasst seinen Kopf an, als würde er in einem anderen Körper plötzlich sitzen.
„Ist gut geworden.", sagt Haru zurück.
„Die langen Haare schön und gut, aber es sah etwas ungepflegt aus. Jetzt siehst du wie ein Mann aus."
Er gibt das Geld ab und läuft wie ein neugeborener durch den Barbershop raus. Seine Frisur sitzt genau wie er es wollte. Keine Cap die nächsten Wochen tragen.
Obwohl es schon 13.10 Uhr ist und er schon zum zweiten mal unter die Dusche ging muss er mit seinen leicht nassen Haaren direkt wieder raus. Haru nimmt sofort die Autoschlüssel und steigt in den Geländewagen seines Vaters ein.
Ich habe mir während des Friseurs auch einen schönes Outfit mir überlegt. Wenn es das Outfit nicht gibt, dann wird's heute nicht mehr... Bin mir eigentlich sicher das es das geben wird.
Er tritt ins Einkaufszentrum und bleibt kurz stehen. Die Palmen in der Mitte der Mall wirken fast paradiesisch, die Sonnenstrahlen fallen durch die Glasdecke hindurch. Mehrere Stockwerke voller L#de, Menschen streifen durch die Gänge. Es ist ein Ort, der selbst außerhalb der Stadt beliebt ist.
Ich war schon lange nicht mehr hier. Eigentlich könnte man mal mit den Mädels hier einkaufen gehen. Palmen, und mehrere Stockwerke, das würde denen schon genügen.
Er beginnt, Laden für Laden abzugehen. Suchen, vergleichen, anprobieren, wieder rausgehen. Immer wieder: Rein. Blick. Raus.
Scheiße. Gibt's das Outfit echt nicht?
Nach weiteren Minuten stößt er schließlich auf sein Lieblingsladen. Ein kurzer Blick auf die Auswahl, ein geübtes Durchwühlen der Regale— und dann Jackpot.
„Jawoll!!! Ich habs! Ein mal Applaus für mich bitte!", murmelt er leise, während er das Outfit aus dem Regal zieht.
Nach ungefähr 40 Minuten hat er sein Outfit Gott sei Dank gefunden. Er steigt sofort in sein Auto im Parkhaus ein und fährt schnell, aber auch vorsichtig zur Schule. Ohne auch nur Zeit vergeudet zu haben, musste er sich in den Garderoben umziehen und zügig los fahren.
— Uhrzeit: 14 Uhr — Harukas Mittelschule —
Er parkt auf dem schattigen Lehrerparkplatz und springt aus dem Wagen. Die reflektiert auf dem Asphalt, aber es stört ihn nicht. Denn pünktlich ist er trotzdem.
Vor dem Schuleingang wartet Haruka, die Arme verschränkt, dazu sichtbar genervt.
„Hey!"
Ihre Augen weiten sich, der Atem stockt. „...Bru—der??"
Haru muss grinsen, als er den überraschten Blick sieht. „Was ist? Erkennst du deinen Bruder nicht mehr?"
Sie mustert ihn komplett an. Von oben bis unten. Beiges Leinenhemd, karamellfarbene Hose, Ärmel hochgekrempelt. Von wem hat er diesen Style, denkt Haruka. Etwa von den Mädchen der Schule?
„Es ist weil... du hast dich verändert."
„Sollte ich lieber mit 'nem Jogginganzug hierher kommen sollen?"
„Es ist nicht deswegen..." Haruka schluckt. Ihr Mund steht offen. Sie kann kaum fassen, wer vor ihr steht. Ihr alter Bruder scheint wie eine Silhouette aus der Vergangenheit, neben einem jungen Mann, der in wenigen Monaten einen solchen Sprung gemacht hatte.
Wie kann man sich in so kurzer Zeit so krass verändern??
Haru bemerkt ihre Unsicherheit, sein Lächeln wird weich. „Pass auf, dass dir der Kiefer nicht auf den Boden fällt. Ich geh schon mal vor."
Sie beobachtet ihn, wie er locker die Schritte hinaufgeht, wie sein Gang selbstbewusst, aber nicht überheblich wirkt. „Seine Stimme ist sogar tiefer geworden.", flüstert Haruka, als er sich weiter entfernt.
Seitdem der auf die Mädchenschule gewechselt ist, ist glaube ich vieles bei ihm passiert.
Haru ging damals selber auf diese Schule. Er schloss die Schule mit einem überdurchschnittlichen Zeugnis ab. Somit konnte er auf die Oberschule ohne Probleme rübergehen. Mit den Erinnerungen von damals weiß er noch ungefähr wo was ist.
„Hey— warte auf mich!"
Haru bleibt kurz stehen, dreht sich zu ihr nach hinten, ein halbes Lächeln auf den Lippen. „Dann beeil dich."
Drinnen angekommen, fällt Haruka der Geruch auf. Parfüm? Haru scheint noch einmal mehr an seiner Präsenz gearbeitet zu haben.
„Gefällt's dir?", fragt er.
„...Geht noch besser", sagt sie, obwohl sie schwer nein sagen kann. Eigentlich wollte Haruka ihn nicht belügen, aber als kleine Schwester macht sie es gerne.
Seine Mittelschule hat sich kaum verändert. Die Flure, die Stufen, selbst der Geruch von alten Klassenzimmern ist immer noch vertraut geblieben. Haru führt sie weiter, ohne dass sie eine Wegbeschreibung geben muss. Die Beschilderung an den Türen macht es leicht, sich zu orientieren.
Während er mit Haruka umherschlendert grüßt er ein paar Lehrerinnen. Einige mit einem überrascht freundlichen Ton.
„Oh, hallo, junger Mann!"
„Hat er seinen Abschluss hier bekommen? Wenn ja — würde ich so einen Kerl doch niemals vergessen."
Das mein Bruder mal so cool werden wird... ich glaube ich bin in einem Traum gerade.
Auch Schülerinnen beobachten ihn. Haruka spitzt die Ohren, während die Mädchen flüstern. „Wow... er sieht aber gut aus.", „Warte, ist das Haruka neben ihm?", „Dann muss er Harukas Bruder sein. Cool."
Sie nimmt alles genau wahr, wohingegen Haru es kaum wahrnimmt, und weiter konzentriert voran geht.
„Du bist aber beliebt hier, findest du auch?"
Er lächelt nur still.
„Warte... grade wo ich so darüber nachdenke, du hattest doch immer das Essen zuhause hingestellt oder?", fragt sie schließlich.
„Klar. Ich durfte dich ja nicht verhungern lassen."
„...Man könnte das auch netter sagen."
„Wie hat's denn geschmeckt? Konnte es ja noch nicht fragen—"
In dem Moment schießt in ihm die Erinnerung auf, wo er von seiner Schwester angerufen wurde. Aber er hatte nie die Kraft dazu an sein Handy ranzugehen. Und selbst wenn sie angerufen hatte, hatte er immer gehofft das sie von alleine auflegt.
„Es gibt bessere", kommentiert sie kühl, ohne mit der Wimper zu zucken. Eigentlich wollte sie ihn auf die verpassten Anrufe ansprechen, doch es blieb keine Zeit mehr.
Er lacht leise. „Du musst doch nicht immer herumzicken"
„...Du hast dich nicht verändert.", entgegnet sie mit einem leisen Ausatmen.
„Und, wir sind da."
Er sieht sie an. „Was machst du jetzt?"
„Zurück zum Unterricht. Heute ist ja nur Elternsprechtag— besser gesagt... Lehrer-Bruder-Tag."
„Soll ich dich abholen."
„Ne brauchste nicht. Also dann... viel Spaß."