Kapitel 76 / Der Eindruck
Kapitel 76 / Der Eindruck
Der Eindruck
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„Du musst also Harukas Bruder sein."
Sein erster Eindruck von ihr: Sie sieht aus wie eine typische Lehrerin in ihren 30ern. Sie hat eine warme und entspannte Ausstrahlung. Man merkt das sie gerne eine Lehrerin ist.
„Und wie geht's dir? Ich hätte nicht gedacht das unsere Haruka so ein coolen großen Bruder hat."
„Danke...", sagt er etwas zögerlich, direkt danach leiser: „schätz ich."
„Wenn du nichts dagegen hättest, dann setz dich bitte auf den Stuhl vor dem Tisch hier vorne.", befiehlt sie ihm in einem entspannten Ton. Der Raum könnte fast wie von einer Luxusklasse sein. Er setzt sich auf leicht gepolsterten Schul Stuhl drauf.
Sie hat bestimmt an der Schule angefangen, als ich erst neu aus der Schule entlassen wurde. Der Raum sieht auch neu aus.
Sie holt einen Hefter heraus, in dem alle Noten der Schüler in der Klasse stehen. Haru spürt ein leichtes kribbeln im Bauch. Es ist für ihn aufregend als erwachsener Bruder plötzlich seine Schwester zu vertreten.
„Natürlich ist das jetzt eine gewöhnungsbedürftige Situation. Aber, ich will natürlich dich, wie auch die anderen Eltern gleichbehandeln."
Haru nickt leicht. Die Situation fühlt sich merkwürdig normal an, fast wie eine Rolle, die er spielen muss. Die Hände auf dem Tisch die ganz leicht feuchter werden.
„Du bist, oder ihr seid euch ja bewusst, dass Haruka auf die Oberstufe gehen will. Und die Türen für sie sind ganz weit offen. In den letzten Klausuren hat sie gute Noten geschrieben. Im Unterricht meldet sie sich sehr oft und leitet manchmal sogar den Unterricht.—"
Haru lächelt innerlich stolz. Das sie den Unterricht leiten soll... dieser Satz bleibt in ihm hängen. So fühlt er sich jetzt auch selbst ein bisschen: Selbstbewusst und jemand der Verantwortung trägt und leitet.
„Das freut mich als großer Bruder besonders.", entgegnet er ihr. Seine Mimik strahlt Stolz und Freude auf. Als würde er eine ganz andere Haruka sehen und hören als wie sie normalerweise Zuhause drauf ist.
„—Finde ich als Lehrerin auch. Ihre Noten sind sehr gut. Über dem durchschnitt. Und sie wird da erstmal bleiben. Denn sie hat in keinem Fach die Gefährdung schlechter zu werden. Entweder bleibt sie gleich, oder wird besser. Die anderen Schüler meinen auch, dass sie eine vertrauensvolle und ehrliche Person ist. Von manchen wird sie sogar als Vorbild wahrgenommen."
Ihre Klassenlehrerin blättert zwischendurch mal durch ihr Notizbuch, ob sie ein paar Sachen vergessen hat oder droht zu vergessen. Haru lehnt sich dabei ohne das sie es bemerkt sanft zurück.
Wenn Haruka ein Vorbild für andere ist, dann will ich zumindest nicht wie ein kompletter Versager daneben stehen.
Es sind ungefähr 10 Minuten seit dem eintreten von Haru vergangen und das Meeting ist beendet. Die Atmosphäre entspannt. Entspannter als er es sich anfangs zugetraut hatte.
„Zum Schluss — wenn ich fragen darf. Was machen sie eigentlich grade, als ihr großer Bruder."
„Ich gehe gerade auf die Oberschule. Und Werde das zweite Jahr beenden."
„Und... auf was für einer Schule gehst du?"
Sein Atem stockt ganz kurz. Unhörbar. In dem Moment weiß Haru nicht, ob er die Wahrheit sagen oder lügen soll. Er könnte es sagen, doch vielleicht sieht sie ihn dann in einem falschen Licht. Schließlich entscheidet er sich für letzteres.
„Auf eine ganz normale Oberschule."
„Okay, okay. Und was hättest du nach der Schule vor?"
„Ich habe vor einen Job als Fluglotse zu machen. Das war schon seitdem ich ein Kind mein Traumberuf. Und wenn ich die Oberschule hoffentlich bestehen werde, werde ich sofort die Ausbildung anfangen. Denn ich bin optimistisch das ich die Aufnahmeprüfung und im Anschluss die Ausbildung bestehen werde."
„Das sind sehr schöne Ziele. Ich drück dir den Daumen und hoffe das du dein Traumberuf in der Zukunft ausüben kannst."
Er nickt freundlich. Ein ehrliches Lächeln.
„Wenn du von deiner Seite nichts mehr zu sagen hast, dann würde ich sagen, du darfst wieder gehen."
Er steht beruhigt auf und wandert durch die aufgehaltene Tür raus. Sie verabschieden sich, ansonsten läuft Haru die Treppen hinunter zum Ausgang.
Es war garnicht mal so schlimm. Ich hatte mir das irgendwie voll schlimm vorgstellt. Mit Lehrern ein bisschen Smalltalk zu machen klang in dem Moment nicht mal so schlimm. Und die Lehrerin ist auch ehrlich gesagt ein bisschen süß. Aber dieses Geheimnis bleibt unter uns.
„Trotz des neuen Styles, der Muskeln und dem Outfit, fragt sich ein kleiner Teil von mir immer noch, ob ich wirklich so cool rüberkomme... oder ob das alles nur so für mich scheint.", murmelt er vor sich, als die Sensortür sich vor ihm öffnet. Davor verabschiedet er sich noch an einem Lehrer der mittig zwischen den zwei Türen drinnen saß.
Er lacht kurz vor sich hin. „Die Schule hat sich nicht verändert."
Er zückt sein Handy raus. Mit der Vorstellung das er vielleicht etwas vergessen hatte.
„Heute blau machen hat sich wieder gelohnt."
Er steigt ins Auto ein und stellt alles ein, als er erst halb im Sitz ist. Die Sonne strahlt auf die Motorhaube und die Vögel in den Bäumen am Parkplatz zwitschern. Das Auto brummt und verschwindet direkt danach vom Parkplatz. Haruka bleibt zurück für noch zwei Unterrichtsstunden bevor sie mit ihren Freundinnen raus kommt.
„Was macht ihr noch heute?", fragt Haruka, mit ihrem Arm am Rucksack.
„...Lass mich überlegen.", klingt ihre Freundin ersteinmal motiviert. Als sie jedoch weiß was sie heute noch erwartet, kippt ihre Stimmung etwas. „Ich hab heute wieder Volleyball Training."
„O-kay?", reagiert Haruka etwas vorsichtig. Sowie auch ihre andere Freundin, die ebenfalls mitläuft.
Die Umgebung schon in einem orangenen Licht eingehaucht mit einem leichten Wind. Als ihre anderen Freundin Haruka selbst fragt, was sie heute machen wird, ist die Reaktion etwas angenehmer.
„Heute mit meinem Bruder mein Geburtstag feiern.", sagt sie dennoch mit etwas wut in der Stimme, die man ganz leicht nur raushört. „...Ich hoffe er hat's nicht vergessen."
„Der hat's schon nicht vergessen.", klopft ihre Volleyball freundin auf die Schulter. „Der war doch heute hier.", zwinkert sie zu Haruka rüber.
„Aj und das noch...", reagiert Haruka schwerer atmend.
Somit verabschieden sich die drei von einander und laufen in jeweils drei andere Richtungen nach Hause. Die eine fährt mit dem Bus in die entgegengesetzte Richtung und die andere muss nur 5 Minuten nach Hause laufen.
„Ich hätte ihn doch hierher rufen sollen..."
Als sie jedoch Zuhause eintritt erblickt sie die Dunkelheit des Hauses. Die Gardinen runter gezogen. Nur der große Spiegel vor ihr spiegelt sie und das Licht vom Treppenhaus.
„...Der war wenigstens hier."
Ein kurz erleichterndes Gefühl fließt durch ihr. Sie zieht ihre Schuhe aus und tritt ins Haus hinein. Den Rucksack legt Haruka neben der Tür in den kleinen Flur hin, während sie direkt in ihr Zimmer geht. Sie öffnet das Licht und sieht ein Karton der auf ihrem Bett gelegt wurde.
„Sag mir nicht..."
Sofort wirft sie ihre Jacke an ihren Kleiderständer hinter der Tür. Sie schüttelt etwas und hört ein dumpfes poltern das gegen etwas schlägt.
Direkt danach reißt sie den Karton auf und erblickt etwas, was sie fast zu Tränen rührt.
Ein kleiner Brief, ebenfalls in Karton gehüllt wo steht: Alles gute zum Geburtstag. Ich hoffe es gefällt dir.
Beige Sneaker, die er extra für sie gespart hatte. Ihre Eltern wussten davon Bescheid, nur sie nicht.
„Ach du dummer bruder..." An ihrem Ton merkt man das sie sich freut, aber es nicht zugeben will. „das wäre doch nicht nötig gewesen.", sagt sie etwas stockend. Langsam zieht sie sich die Mütze vom Kopf und legt sie neben den Karton. Erst dann wischt sie sich die paar Tränen weg, die sich unbewusst auf ihrem Gesicht gebildet haben.
Im selben Moment kommt er hinein. Das klirren der Schlüssel und das seufzen, wie immer eigentlich. Er wirft die Tasche hin und sieht direkt in ihr Zimmer rein. Ohne auch nur ein Wort auszutauschen rennt sie direkt auf Haru zu und umarmt ihn eng.
Lächelnd streichelt er sie am Kopf, wartet bis Haruka sich von alleine löst. Die Tränen von ihr saugen sich an seinem Hemd auf. Trotzdessen sagt sie kein Wort und schließt die Tür als Haru zum Wohnzimmer übergeht.
Früher hat Haru immer wie Mama ausgesehen, fanden alle. Aber jetzt seine Kieferlinie, die Augen, das ist einfach Papa. Schon komisch, wie sich sowas einfach verändert, ohne dass man's merkt.
Der Tag vergeht in folgedessen ruhiger. Während Haru im Wohnzimmer sitzt und Haruka in ihrem Zimmer sich fast schon verbarrikadiert hat, ist die Spannung im Haus eher ruhig. Keine unnötig schwere Luft schadet die beiden.
Das meine Eltern nicht anrufen ist schon ein bisschen verdächtig.
Kurz nachdem er den Gedanken bekommt vibriert sein Handy. Er denkt sich nichts dabei und sieht auf dem Screen das es seine Eltern sind. Seit einer Woche hatten sie nicht mehr angerufen und gefragt was die beiden machen.
Wenn man vom Teufel spricht würde man sagen.
Er nimmt vom Tisch eine Wasserflasche und stellt sein Handy dagegen. Denn sie rufen natürlich im Videoanruf an. Instinktiv senkt er kurz seinen Kopf leicht als er annimmt.
„Hi Haru Schatz. Wie gehts euch? Wie war der Elternsprechtag?"
Der Hintergrund ist noch leuchtend. Obwohl es schon Mitternachts ist ruft sie ihn an. Im Hintergrund die traditionellen Schiebetüren zu sehen.
„War eigentlich ganz in Ordnung. Die Lehrerhin war völlig entspannt und... man kann sagen, ich habs genossen.", er sagt es mit einem lächeln, welches man nicht überhören kann. In folgedessen stellt er sein Handy so laut und redet deutlicher das seine kleine Schwester ebenfalls hierherkommen sollte.
„Schön. ...Ich seh sogar, dass du etwas einkaufen warst. Sieht gut aus."
Mama. Du warst schon immer mein no.1 Supporter bei solchen Sachen.
Nach ein paar Minuten kommt Haruka aus dem Zimmer herausgesprintet im Pyjama und ihrem Teddy in der Hand. Energiegeladen nimmt sie das Handy und zeigt sich sofort. Sie nimmt sich das Handy und muss etwas sagen. Als würde es ihr sehr am Herzen liegen greift sie sein Handy fest um.
„Der Typ da", sie dreht das Handy direkt zu ihm, „der kommt heute mit so einem Style in die Schule, ich bin innerlich gestorben, als ich das gesehen hatte. Was ist mit dem passiert, dass er sich so... verändert hat?!!"
Währenddessen legt er seine Hände an sein Hinterkopf und ist einfach stolz auf sich. Haruka bemerkt es und schaut etwas grimmiger auf ihn, bevor ihr Blick wieder aufs Handy geht. Yuriko kichert ein wenig über ihre Bemerkungen.
„Ja, Schatz. Wir hatten genau dieselben Reaktionen, als wir ihn so ähnlich gesehen hatten."
Yuriko lächelt sanft. „Dein Vater hatte noch 'ne Schippe drauf gelegt.", äußert sie sich leise lachend.
Noch bevor Haruka etwas erwidern kann, tauch sein Vater im Bild auf und nimmt ihr das Handy ab.
„Dein Bruder hat sich wirklich verändert", sagt er ruhig. Harukas Augen weiten sich bei dem Anblick von ihrem Vater. „Nicht nur äußerlich. Sein Auftreten ist auch selbstbewusster."
„JAA! Genau das sag ich doch!", fällt Haruka ihm sofort ins Wort.
Takeshi nickt. „Er wirkt jetzt wie ein junger Mann."
Das Gespräch wird fortan immer ruhiger. Alltäglicher. Trotzdem liegt immer noch etwas Spannung, jedoch mehr etwas Warmes in der Luft. Etwas... das bleibt.
Nach dem sie sich verabschiedet haben, legt Haruka das Handy langsam zurück auf den Tisch. Im Haus ist es still geworden.
Er lehnt sich zurück und atmet tief durch.