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Kapitel 80 / Verschiebungen

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Kapitel 80 / Verschiebungen

Verschiebungen

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Die Sirenen sind längst verstummt, doch in Harus Kopf hallen sie weiter. Während andere nach Hause gehen, während Gerüchte wachsen, während Namen fallen, beginnt sich etwas Unsichtbares zu verschieben.

Im Krankenhaus flimmert das grelle Neonlicht über Yukis Bett. Der linke Arm dick bandagiert, in einer Schiene fixiert. Jede Bewegung jagt einen brennenden Strom durch ihren Körper.

Ich kann meine Vergangenheit nicht mehr ändern. Aber das Ergebnis... das bestimme ich.

Sie presst die Zähne zusammen, die Stirn feucht vom Schweiß. Der Geruch von Desinfektionsmittel hat sich in ihre Sinne eingebrannt.

...Ich muss von neu anfangen. Anders kann ich nicht gegen so eine bestehen.

Die Tür öffnet sich. Eine Krankenschwester tritt herein und kontrolliert die Infusion. „Tut es noch sehr weh, Frau Kurose?"

„Nein." Yuki lügt ohne zu zögern. Ihr Blick ist leer, hart, fast trotzig. Sie will nicht schwach wirken, schon gar nicht vor Fremden. Die Schwester glaubt ihr ohne eine Nachfrage zu stellen. Yuki bleibt allein zurück. Minuten vergehen, nur das monotone Piepen des Geräts neben ihr füllt den Raum.

Ich muss hier schnellstmöglich raus. Andererseits, hätte ich diese eine Fähigkeit benutzt... wäre das wahrscheinlich alles nie passiert. Ich hätte diese Schlampe mit Style ins Jenseits befördert!!

„Aber, so leicht lässt sich eine Yuki Kurose nicht brechen!!" Ihre Stimme klingt heiser, doch in ihren Augen glüht etwas wildes.

Sie presst die Zähne zusammen, als ein neuer Schmerz durch ihren Arm jagt. Der Schweiß sammelt sich diesmal in ihrem ganzen Körper.

Scheiß auf blind loszustürmen. Scheiß auf Feinde machen. Ich darf nie wieder mehr in so eine Falle tappen. Wenn ich falle, dann nur weil ich will und nicht, weil sie mich bricht.

Ein ganz kurzer Film streift ihr über die Augen, wo sie ihre Erfolge in der Zukunft sich vorstellt.

Ich werde alles aufbauen. Ich brauche nur jemanden, die mir zeigt, wie ich es mache... und ich weiß auch schon, wer.

Eine weitere Stunde vergeht, während Yuki versucht, sich auszuruhen. Ihre Gedanken schwirren wie Kämpfer um ihren Kopf. Jeder Gedanke will seinen Platz einnehmen.

„Yuki..." Nyras Kopf streckt sich durch die Tür. „Geht's dir wieder gut?"

„...Irgendwie schon."

„Tut mir leid, dass ich nicht da sein konnte."

Yukis Stimme zerbricht fast, aber sie bemüht sich, keine Tränendrüse zu drücken. Obwohl der Drang hoch ist, kann sie dagegen wirken. „Es ist alles gut."

Während Yuki im sterilen Weiß des Krankenhaus mit sich selbst ringt, geht der Schulalltag draußen weiter, als wäre nichts geschehen. Doch nicht jeder ist bereit, den Vorfall einfach zu vergessen. Vor allem wenn es um die eine bestimmte Person geht.

Haru steht mit dem Rücken zum Raum, die Schultern angespannt, die Hände leicht geballt. Im Augenwinkel nimmt er eine Bewegung wahr.

„Das ist wirklich interessant von dir." Die Person löst sich von der Mauer, die Schultern gestrafft, der Blick klar und herausfordernd.

Haru verengt seine Augen. Gleichzeitig registriert er die Gestalt und die Art, wie sie den Raum einnimmt.

Ein Mensch kippt niemals von jetzt auf gleich in eine andere Persönlichkeit.

Der Gedanke lässt ihn die Lippen leicht zusammenpressen. Das Yuki sich so schnell verändert hatte, war ihm schon Anfang an suspekt. Alles hat einen Grund. Immer.

„Was ist los? Warum schaust du mich so grimmig an?"

Haru antwortet nicht. Er blendet dazu ihre Stimme und die allgemeine Außenwelt ab. Stattdessen fixiert er sie. Jede Bewegung und jede Regung ist in seinem Blick.

Dieser Windstoß im Raum... kann nicht echt sein.

Als er vor ein paar Monaten mit ihr ‚gekämpft' hatte, hatte sie nicht so eine Präsenz. Dunkel. Bedrohlich. Wie ein Wirbelsturm, der alles zertrümmern könnte. Sein Herz schlägt schneller, doch er zwingt sich, keine Regung zu zeigen.

...Aber das beweist meine Theorie noch nicht.

„Du denkst bestimmt, ich bin die Täterin, nicht wahr?" Ein leises Lächeln spielt um ihre Lippen, doch die Augen sind kalt. Sie denkt: Wer lange genug sucht, findet immer etwas. Ob es die Wahrheit ist... ist eine andere Geschichte.

Haru bleibt starr. Früher hätte er sich verraten: ein Zucken im Augenwinkel, oder ein schiefer Atemzug. Doch diesmal hängt er die Arme locker an die Seite, sein Gesicht schwer lesbarer.

„Du bist wirklich ein interessanter Junge." Sie beginnt, ihn langsam zu umrunden, wie ein Raubtier seine Beute. Jeder Schritt ist präzise, jeder Blick ein Test. „Ich bin erstaunt, wie weit du es bis jetzt geschafft hast."

Haru spürt die Nähe, das Spiel mit der Distanz. Seine Muskeln spannen sich, bereit sich zu bewegen, doch der Instinkt sagt ihm, dass jedes Zucken ihn verraten könnte.

Sie ist fast so groß wie ich...

Und doch wirkt sie, als würde sie über ihm stehen, als könnte sie ihn mit einem Finger zerdrücken. Ein Schauer läuft über seinen Nacken.

Fesarina verschränkt die Hände hinter dem Rücken, bleibt vor ihm stehen. Nur Millimeter trennen sie voneinander, der Atem der Gefahr fast spürbar. Ein Schimmer von Spott liegt in ihren Augen.

„Ich freu mich, auf unser neues Wiedersehen.", sagt sie leise. Und dann geht sie. Ohne ein weiteres Wort. Die Stille, die sie zurücklässt, hängt schwer im Raum.

Wie man so schön sagt: Man begegnet sich immer zweimal. Und beim zweiten Mal... ändert sich die Rollenverteilung.

Haru atmet langsam aus, seine Augen verengt. Dieses Mädchen... ich werde aus ihr nicht schlau. ...Eigentlich ist es bei jedem so.

Noch während der Nachhall ihrer Schritte verklingt, zieht er nochmal sein Handy und nimmt eine Sprachnachricht in die Gruppe seiner Truppe auf.

[„Ich muss euch noch etwas sagen."]

Danach bleibt er kurz stehen. Er lässt die Schultern sinken, atmet tief ein, bevor er die Tür schließt. Seine Gedanken wirbeln wie die Herbstblätter im Wind rum. Alles fühlt sich für ihn wie ein test an, eine Erinnerung, dass manche Begegnungen niemals einfach sein werden.

Zur gleichen Zeit steigt Frau Siwzcyk langsam die Treppe zum Dach hinauf. Ihr Blick bleibt an einem kleinen Tisch hängen, der dort scheinbar beiläufig steht. Zwei Stühle, ein Sonnenschirm. Alles wirkt wie eine sorgfältig inszenierte Bühne.

Sie bleibt stehen, lächelt leicht, ein Ausdruck, der weder wirklich freundlich noch unfreundlich ist.

Interessant. Schüler werden immer kreativer mit ihren Treffpunkten.

Sie nimmt einen Schluck Kaffee, dessen Wärme sie leicht beruhigt. Ihr Blick in die Ferne durch den Metallzaun rund ums Dach.

Ich bin gespannt mit wem du hier ein Treffen arrangiert hat auf dem Dach. ...Nur Schade das ich bald gehen muss, wegen eines wichtigen Termins.

„Was wollen, sie denn hier?"

Sie dreht sich zur Tür, durch die Jeanne hereingekommen ist. Sofort fällt ihr der weiße, enganliegende Longsleeve auf. Jeannes Haltung ist gerade, doch ein Hauch von Unsicherheit schwingt mit.

„Jeanne, wie geht's dir so?" Ihr Tonfall ist ruhig, doch jedes Wort schreit fast nach Aufmerksamkeit.

„Nun... ich wollte sie etwas fragen, wegen der Schule." Ihre Stimme klingt ernst, doch leicht zögernd. Sie streicht ihre offene Strähne über die Schulter.

„Was denn?", fragt Frau Siwzcyk. Sie mustert Jeanne aufmerksam. Ihr Tonfall ahnungslos, jedoch interessiert.

„Ich wollte mit ihnen über Fesarina reden. Wenn sie es nicht schon ohnehin wissen."

Harus Lehrerin hebt eine Augenbraue. „Zufälligerweise hat mir dein Freund die selbe Frage gestellt."

Jeannes Augen weiten sich. Sofort versucht sie sich auszumalen, was er gefragt haben könnte.

„Wenn ich fragen darf—"

Sie wird sofort unterbrochen. Nicht abweisend, nicht kalt, sondern ruhig und kontrolliert.

„Er hat mir gesagt, dass ich es niemanden erzählen darf.

„Nicht einmal mir?" Jeanne blickt auf, überrascht, einen Moment lang die Unsicherheit stark sichtbar.

„Er hatte niemanden gesagt. Vielleicht bist du ausgeschlossen, aber riskieren tue ich nichts. Ich hoffe, du hast Verständnis für seine Entscheidung."

Jeanne schaut zu Boden. Eine Ader pulsiert leicht an ihrer Schläfe.

„Dann... auf Wiedersehen. Ich muss kurz was erledigen."

„Tu dir kein Zwang an, Marie."

Jeanne verschwindet durch die Tür, und kaum ist sie weg, öffnet sich die andere Tür. Fesarina tritt ein, die Schultern gestrafft, den Blick klar, doch ihre Präsenz ist schwerer.

„War sie schon hier?"

„Natürlich. Aber warum ausgerechnet ich?", sie blickt Fesarina tief in die Augen. Der Kaffe Rauch erfasst ihr Gesicht leicht. „Ich bin doch nur eine junge Lehrerin, die zufällig hier gelandet ist."

„Es ist nicht deswegen." Die Luft wird dicker. Jedoch zuckt die Lehrerin kein Schritt zurück. „Es geht um die Sache, die er ihnen vorhin gestellt hatte."

Die Gespräche enden, doch ihre Bedeutung bleibt. Worte, die im Verborgenen fallen, brauchen keine Zeugen, um Wirkung zu entfalten. Einige Tage später wirkt die Schule bereits wie gewohnt.

„Ah... endlich nach Hause.", murmelt er leise, doch im nächsten Augenblick spürt er das Gewicht der Realität. Die beiden großen Taschen in seinen Händen lasten schwer auf seinen Schultern.

Wäre ich doch im Zimmer geblieben...

Der Gedanke huscht ihm durch den Kopf, währen er die Taschen neu ausbalanciert. Die anderen laufen mühelos neben ihm. Freya und Natsu tragen nur ihre kleinen, leichten Taschen, und Jeanne, wie immer gelassen, schlendert neben ihnen her, als wäre sie überhaupt nicht belastet.

„Na, Haru, siehst aus wie ein Packesel", ruft Freya grinsend und stupst ihn spielerisch an.

„Haha, sehr witzig", murmelt Haru, bemüht nicht zu doll zu schwitzen. „Ich liebe es, dass ich euch meine Stärke demonstrieren kann."

Ein kleiner Schmerz zieht durch seine Schultern, doch er ignoriert ihn und spürt ein winziges, stolzes Ziehen in der Brust.

Jeanne, die ihre Augen kurz schließt, dreht sich zu ihm um.

„Ernsthaft, Herr Evonar, du solltest mal wirklich überlegen, wie man effektiv trägt, statt sich wie ein Anfänger zu quälen."

„Ja, ja, danke für die motivierende Ansprache", seufzt Haru und stolpert beinahe über einen Bordstein. Er schüttelt leicht den Kopf und versucht, das Kichern von den dreien zu überhören.

„Ach komm, Haru, du machst das schon. Ich würde dich unterstützen... aber dann müsstest du mir die nächste Runde Stein-Schere-Papier wieder abkaufen", lacht Natsu locker und klopft ihm auf den Rücken.

Freya kichert und zwinkert ihm zu. „Du solltest nächstes Mal wirklich nicht immer Stein wählen. Das macht es für uns nur einfacher."

„Ich hab's fair gespielt!", protestiert er, aber sein Lachen verrät, dass er den Spaß daran hat. Ein kleines Gefühl von Leichtigkeit breitet sich in ihm aus, trotz der Last zusammen mit der hochstehenden Sonne.

Die Straßen glänzen und flimmern im Licht. Haru kämpft sich weiter voran, die Taschen drückt auf die Schultern, doch gleichzeitig genießt er die Bewegung, das Lachen seiner Freunde, das Summen der Stadt. Jeanne gleitet elegant wie ein Model neben ihm, Natsu plaudert fröhlich, und Freya wirft ihm kleine Spitzen zu, die ihn zum Schmunzeln bringen.

„Haru, du weißt, dass ich dich nächste Woche trotzdem herausfordere", sagt Jeanne mit einem selbstzufriedenen Grinsen.

„Komm nur her", erwidert er, während er sich bemüht, nicht zu stolpern. „Dann zeig ich euch, wie stark ich wirklich bin."

Natsu klopt ihm auf den Rücken. „Das will ich sehen, Mann. Aber bis dahin... genieß einfach dein Workout auf dem Heimweg."

Freya lacht und stößt Haru leicht gegen die Schulter. „Und danke fürs Tragen. Ich meine, wer sonst bekommt schon so ein Gepäckträger gratis?"

Haru rollt die Augen und grinst zugleich. „Ihr seid unmöglich... aber okay, Deal. Nächstes Mal seid ihr dran."