Kapitel 83 / Vorbereitung auf etwas…?
Kapitel 83 / Vorbereitung auf etwas…?
Vorbereitung auf etwas...?
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Der Sommer hat sich schon fest in den Alltag eingegliedert. Warme Luft ist fast den ganzen Tag zu spüren. Allerdings fühlen sich die letzten Wochen des Schuljahres etwas seltsam an. Als würde die Zeit gleichzeitig rennen und stillstehen. Überall sprechen die Leute über Ferien, Heimfahrten, Pläne für den Sommer.
Nur in Harus Zimmer sieht es aus, als würde jemand einen Kriminalfall vorbereiten wollen. Im selben Moment geht die Tür auf.
Jeanne tritt hinein, zwei schwere Einkaufstaschen in den Händen. Für diese Woche ist sie mit Einkaufen dran, und heute übernachtet sie auch hier. Die Hitze hängt ihr noch in den Schultern, der Schweiß klebt stark an ihrer Stirn. Der erste Blick, fast automatisch zu den beiden im Raum. Noch kein zweiter Gedanken, sie bleibt abrupt stehen.
„Was — zur — Hölle — macht ihr da?"
Die Taschen rutschen ihr aus den Händen. Die Lebensmittel springen fast aus den schweren Tüten hinaus.
Haru steht vor der Wand. Überall stecken Reiszwecken im Putz. Fotos, Notizzetel, kleine Skizzen. Alles chaotisch verteilt. Manche mit Linien verbunden, andere halb überlappend. Eine Sprache die nur er verstehen würde. Er hält eine Hand am Kinn, den Blick fest auf eines der Bilder gerichtet. Jedenfalls hebt er leicht den Kopf, als hätte er die Frage nur halb gehört.
„Oh. Bonjour, Jeanne."
„Bonjour...", murmelt Jeanne langsam. „Aber was machst du da?"
„Wir wollten doch eine weitere Erkundung machen", sagt er, als wäre das völlig selbstverständlich. „Ich hab doch gesagt, dass ich dieses Schuljahr noch irgendwas finden will."
„Ja schon, aber—"
In genau diesem Moment geht die Tür wieder auf. Natsumi kommt herein, einen ganzen Stapel weiterer Fotos und Reiszwecken in der Hand. Sie flitzt schnell an Jeanne vorbei. Ihre Augen an Natsumi fest.
„Du auch noch?"
Sie lässt sich fast fallen, aber fängt sich noch am Türrahmen ab. Fast ohnmächtig wäre sie geworden, ohne einen speziellen Grund gehabt zu haben. Doch Natsumi zuckt nur mit den Schultern.
„Ich finde sowas cool. Dieses ganze Detektiv-Zeug hat mich schon immer interessiert, Jeanne. Weißt du doch."
„Bei mir auch.", fügt Haru nebenbei hinzu, ohne aufzuschauen.
Während die beiden sich über Bilder, Winkel und irgendwelche Pläne austauschen, steht Jeanne einfach nur da und starrt sie an. Ohne jetzt auch nur etwas falsches zu machen, schiebt sie die Taschen zur kleinen Kochinsel neben der Tür und stellt sie mit einem dumpfen Geräusch ab.
Was zur Hölle... Wir haben Juni. Es ist warm. Ich schwitze vom Einkaufen. Und der setzt sich hier hin und macht Pläne für— was weiß ich was der hier für Pläne macht!
Sie verschränkt die Arme. Der Atem von ihr hat sich immer noch nicht reguliert.
„Schön" Beide blicken Jeanne an. „...was genau plant ihr denn?"
„Eine kleine Erkundung im Juni", antwortet er. „Hab ich doch gesagt."
„Sorry", sagt Jeanne trocken. „Ich hab nicht zugehört. Aber ernsthaft— was zur Hölle? Von außen würde man denken, wir wohnen nicht in einer Schule, sondern mitten in einem Kriminalroman."
Haru grinst leicht. „Ein bisschen hat es sich ja auch so entwickelt."
Er deutet direkt mit einer Hand auf die Wand.
„Raus aus der Schule. Rein in Erkundungen. Geheimnisse lüften."
„Oh mein Gott... egal. Ich bin heute wie gewohnt hier, und du machst heute den Haushalt."
Keine Reaktion beider. Die beiden starren wieder auf die Wand und tuscheln. Vom einen auf den anderen Moment wieder komplett im Fokus. Jeanne lässt fasst ihren Kiefer fallen.
„Hallooo??"
Jeannes Stimme hängt einen Moment im Raum, verliert sich aber zwischen den konzentrierten murmeln der beiden. Für Haru und Natsumi klingt sie nur noch wie ein dumpfer Laut irgendwo im Hintergrund. Ihre Aufmerksamkeit klebt längst an der Wand.
„Ich... geh dann mal..."
Sie wartet noch einen kurzen Moment als würde sie hoffen, dass wenigstens einer von ihnen reagiert. Schließlich zieht sie die Tür hinter sich zu. Haru und Natsumi merken nicht einmal, dass sie weg ist.
Er tritt einen halben Schritt zurück und betrachtet die Wand. Fotos von Fluren, Treppenhäusern und Kreuzungen der Schule hängen überall verteilt. Manche leicht schief, manche überlappend, dazwischen kleine leere Stellen.
„Guck mal", sagt er und tippt mit dem Finger auf eine Reihe Bilder. „Wir haben wirklich jeden Gang erwischt. Alle drei Etagen. Komplett fotografiert."
Kurz wandert sein Blick über die Wand.
„Und ehrlich gesagt sind die Fotos ziemlich gut geworden."
Neben ihm lächelt Natsumi leise über den Stolz in seiner Stimme. Er legt seinen Unterarm auf ihren Kopf und verlagert das Gewicht auf das eine Bein.
„Das Problem ist nur... wir wissen nicht, was wir damit anfangen sollen."
Er mustert das Durcheinander aus Fotos und Zetteln. „Im Moment ist das Ganze wie ein Schiff ohne Ziel. Es fährt irgendwohin, aber keiner weiß wohin."
„Könntest schon Recht haben.", sagt Natsumi mit dem Finger am Kinn.
„Das ding ist—"
Kurz verliert er sich in seinen Gedanken.
Ich habe immer noch dieses Gefühl... Als würde irgendwas mit meinen Augen passieren, wenn ich lange über etwas nachdenke. Oder wenn ich starke Emotionen spüre.
Ein seltsames Ziehen hinter den Augen. Etwas komisches.
„—was haben wir letztens alles gemacht? Vor den Ferien mein ich."
Natsumi holt ihr Notizblock aus der Tasche und blättert durch ein paar Seiten.
„Wir hatten letztens uns aufgeteilt.", sagt sie schließlich. „Freya und ich zusammen, du alleine. Jeanne hat und herumkommandiert."
Sie blättert eine Seite weiter. „Aber sonst, hast du eben ein bisschen palaber gemacht und am Ende aus eigenem Willen in einem Kampf verwickelt."
Bei den letzten Worten hebt sie den Blick sieht ihn ernst an. Haru hebt sofort die Hände.
„Ich hab mich doch dafür oft genug entschuldigt."
Ein leises seufzen entweicht ihm. Dann dreht er sich wieder zur Wand und stützt beide Hände links und rechts neben einem der Fotos ab.
„Okay. Wir machen es einfacher." Er deutet auf die Bilder.
„Wir verbinden erstmal wieder alles. Schreiben auf, was wo passieren könnte. Wo es gefährlich wird."
Seine Finger wandert über die verschiedenen Fotos. „Treppen. Dunkle Gänge. Engstellen. Alles."
Sie betrachtet die Wand kurz nocheinmal, als würde sie etwas sicherstellen wollen. Dann nickt sie langsam.
„Hm... okay. Können wir machen."
Die nächsten Stunden vergehen fast unbemerkt. Fotos werden verschoben. Neue Zettel angepinnt. Linie zwischen einzelne Stellen gezogen. Haru schreibt kleine Stichpunkte unter manche Bilder. Und kratzt immer wieder über die kleinen Zettel.
„Hier könnte jemand ausrutschen."
„Hier ist die Beleuchtung schlecht."
„Dieser Gang ist zu eng."
Immer mehr Linien ziehen sich über die Wand, bis das Ganze langsam wirklich wie eine Karte aussieht. Manche Notizen sind ernst gemeint. Andere eher nebensächlich.Draußen sinkt währenddessen langsam die Sonne. Das Licht im Zimmer verändert sich, wird weicher, orangefarbener. Die Schatten werden länger, bis schließlich nur noch der rot-orange Streifen des Himmels über dem Horizont zu sehen ist.
Als sie schließlich beide einen Schritt zurücktreten, lassen sie sich gleichzeitig nach hinten sinken und stützen sich mit den Händen auf dem Boden ab.
Haru atmet tief aus. „Ich glaube... das war einer der anstrengendsten und langweiligsten Sachen, die ich je mit jemanden gemacht hatte."
Sie lacht leise. „Irgendwie schon."
Haru schaut nach rechts zur Terasse und in der selben Sekunde weiten sich seine Augen. „HÖÖÖÖÖÖÖ?!!"
Sie zuckt kurz zusammen. „Was denn?!"
„Wie es ist schon Abends???? Wir hatten doch..."
Er greift reflexartig nach seinem Handy. Es ist 21:47 Uhr an diesem warmen Juniabend. Auf dem Home Bildschirm zeigt sein Handy mehrere neue Nachrichten auf.
Freya [19:56]
| Was habt ihr heute so schönes gemacht?
Jeanne [20:50]
| Die haben irgendwelche Pläne gemacht oder so
Freya [20:51]
| ??
Jeanne [20:52]
| Kein Scheiß
| Die standen beide vor der Wand und haben Detektivmäßig irgendwelche Zettel und Bilder an die Wand geklatscht
Freya [20:53]
| ...?
| Warum antworten die beiden überhaupt nicht?
| @Du @Natsumi
Du [20:53]
| Wir hatten sowas gemacht wegen der nächsten Erkundung
| Du weißt doch
Freya [20:54]
| Was für nh Erkundung??
Du [20:54]
| Du weißt doch
| Part 2
| So noch nh Runde
Kurz darauf tauchen mehrere lachende Emojis von Jeanne im Chat auf. Als würde sie sich immer noch über das Bild amüsieren, das sie im Kopf hat. Oder... sie schickt es mit strichgeradem Mund ab um Stimmung zu erzeugen.
Er starrt kurz auf seinen Bildschirm und legt es danach weg. Den Unterarm legt er auf sein Gesicht, nach dem er sich nach hinten fallen lassen hat.
„Weißt du was...", sagt er schließlich, als die Abendsonne auf sein Gesicht strahlt.
Natsumi dreht leicht den Kopf zu ihm. „Hm?"
Er blickt zur Decke. „Lass uns einfach nächstes Schuljahr anfangen."
Sie runzelt leicht die Stirn und richtet sich ein wenig auf, die Hände noch hinter sich auf dem Boden abgestützt. „Dein Ernst?"
Er atmet langsam aus. Sein Blick wandert von Decke zur Wand voller Fotos, Linien und Notizen. Stunden Arbeit, verteilt über die ganze Fläche.
„Ich meine... wir haben fast Sommer."
Er hebt eine Hand deutet vage in Richtung der Wand, ohne wirklich hinzusehen. „Und irgendwie haben die beiden auch Recht."
Ein kleines, schiefes Grinsen huscht über sein Gesicht.
„Wir machen jetzt einfach das Setup fertig. Planung, Ideen, alles." Kurz lässt er die Hand sinken. „Und das eigentlich Erkunden... machen wir nächstes Jahr."
Für einen Moment sagt Natsumi nichts. Sie folgt seinem Blick zur Wand, betrachtet die Fotos, die Zettel, die Verbindungen zwischen den einzelnen Stellen. Dann lächelt sie leicht.
„Das klingt ganz nach dir."
Sie neigt den Kopf ein wenig. „Erst alles vorbereiten..."
Er ergänzt trocken: „...und dann irgendwann später anfangen."
Im nächsten Moment lässt er seine Hände an seinen Hinterkopf. Der Blick ganz gelassen, als hätte er es sagen müssen.
„Was soll ich sagen", murmelt er zur Decke. „Prokrastinieren hat mich schon immer umgebracht."
Sie schüttelt leise den Kopf, immer noch lächelnd. Dann streckt sie ihm eine Hand entgegen.
„Dann aber wirklich nächstes Jahr."
Haru hebt den Arm vom Boden, greift nach ihres— und schlägt ein.