LNCrawler

Kapitel 84 / Wichtige Nachrichten

Hinter Den Gardinen — www.fanfiktion.de · All chapters

Kapitel 84 / Wichtige Nachrichten

Wichtige Nachrichten

______

Innerhalb der nächsten Tage läuft Haru durch die Flure der dritten und zweiten Etage. In seiner Hand hält er einen zusammengefalteten, briefartigen Zettel. Auf der Vorderseite steht nur ein Wort:

| Wichtig!

Wo ist sie? Ist das Idol der Schule wieder in der ersten Etage oder wie?

Er erreicht die Treppe und rutscht wie immer das Geländer hinunter, statt normal die Stufen zu nehmen. Sofort stellt er davor seinen handelsüblichen Timer an, bevor er es tut.

10 Sekunden?! Ich roste seit den Weihnachtsferien unnormal ab.

Unten angekommen klopft er kurz sein weißes Hemd ab und geht weiter, den Zettel locker in der rechten Hand. Als er um die Ecke nach links biegt, sieht er sie sofort.

Yuki.

Sie steht mit ihren zwei Freundinnen im Flur. Ihr Rücken ist zu ihm gewandt.

Bingo!

Um ihr Gespräch nicht direkt zu unterbrechen, lehnt Haru sich einfach gegen die Wand und blickt halb nach oben, als würde er nur zufällig dort stehen. Er fasst dabei seine Strähne an, die schon halb in sein Auge fällt.

„Was ist eigentlich mit Fibonacci passiert?", fragt eine ihrer Freundinnen. „Ich hab dich schon lange nicht mehr in deiner Insta-Story gesehen."

Yuki kratzt sich leicht am Kopf und lächelt verlegen. „Weißt du... bei uns ist etwas passiert."

„Wirklich?"

Beide beugen sich sofort interessiert zu ihr.

„Ja... aber nichts außergewöhnliches. Einen Tag später war eigentlich schon wieder alles normal."

Zumindest hoffe ich das...

„Was ich dir auch sagen wollte...", beginnt eine der beiden und wird langsamer. „Du hast dich irgendwie... verändert."

Yukis Auge zuckt, ohne zweiten Gedanken denkt sie: Was ist das bitte für ein Kompliment?

„Findest du?", fragt Yuki mit einem gespielt höflichen Lächeln.

„Jaaa. Du bist fröhlicher, als du vom Krankenhaus zurückgekehrt bist."

Die andere nickt zustimmend. Ihre andere Freundin führt das Gespräch fort. „Wir hatten Angst, dass dir etwas Schlimmes vorgefallen ist."

Yuki fühlt sich fast erschlagen von ihrem Gerede. Die beiden sind schon immer dafür bekannt gewesen—

Eher mehr zu labern als zu reden.

Währenddessen holt Haru sein Handy aus seiner Hosentasche heraus und überkreuzt die Beine. Die freie Hand am Kinn. Dabei blickt er abwechselnd und unauffällig aus dem Augenwinkel zu Yuki rüber. Sie hat ihn zwar längst bemerkt, ihre Freundinnen genau so, jedoch lässt er sich dies nicht anmerken.

„Ich glaube, ich habe einen wichtigen Termin vergessen.", sagt Yuki plötzlich. „Wir sehen uns morgen—"

Sie dreht sich um— und stößt fast direkt gegen Haru, der plötzlich hinter ihr steht.

„Du... Haru?", sagt sie und fasst sich an die Stirn.

„Hast du kurz Zeit?", fragt Haru ernst. „Ich will mit dir etwas bereden."

Sein Blick hat eine Intensität, die Yuki nur zu gut kennt. Als würde ihm dieses Gespräch wirklich wichtig sein. Kurz bevor er ihr Handgelenk umgreift und mit sich zieht, lächelt er die anderen beiden an. Aber die beiden nehmen es etwas... allergisch wahr.

Die beiden verschwinden in einem leeren Klassenraum. Haru schließt die Tür. Yuki sitzt bereits auf dem Tisch, die Beine übereinandergeschlagen, die Arme verschränkt. Ihr Blick wirkt demonstrativ desinteressiert, doch ihre Augen verfolgen jede ihrer Bewegungen.

„Was willst du nun von mir?"

„Ich will dir nur das hier geben." Er hebt den Zettel und übergibt ihn schließlich. Ihre Augen weiten sich kurz.

„Nur wegen das hast du mich hierhin gerufen?"

Haru verschränkt die Arme, die Schultern leicht nach hinten gezogen. Sein Blick fixiert sie, fordernd, aufmerksam. Yuki öffnet den Zettel, liest konzentriert.

„Du weißt doch, was wir noch zu tun haben."

„Ich weiß. Du hattest mir ja schon die erste Nachricht vor der Prüfung zu kommen lassen."

„Ja. Und hier ist der nächste. Ich habe mir den genauen Ort und Zeitpunkt ausgesucht."

Sie schaut verwirrt auf, dann wieder aufs Blatt. Ihre Augen flackern zwischen Neugier, Unsicherheit und Verwirrung.

„Warum aber nächstes Jahr? Ist das nicht ein bisschen zu spät?"

Haru beginnt, langsam um sie herumzugehen. Die Schritte leise und bedacht. Sein Blick ruht auf ihr, während er den Anschein gibt, sie zu analysieren.

„Weißt du... wir sind ja vier Jahre hier, nicht drei. Deswegen können wir es ja ein bisschen nach hinten verschieben."

„Ich check ja... aber ich dachte, du willst es sofort erledigen."

„Die Zeiten haben sich geändert. Sowie du und ich uns verändert haben, hat sich auch mein Plan verändert."

Yuki richtet ihren Blick auf seine Unterarme, die hochgekrempelten Ärmel des Hemdes zeichnen die Muskeln nach. Ein unbewusster prüfender Blick.

„Hörst du mir überhaupt zu?"

Sie erschrickt, blinzelt, erwacht aus der kleinen Trance. „Sorry."

„Hast du schon angefangen, damit zu trainieren?"

„Schon... aber noch nicht genug."

Haru atmet schwer aus. „Dann wird's Zeit, richtig über die Sommerferien damit anzufangen. Du weißt, es bedeutet mir — sowie dir — ALLES."

„Das ist mir klar, Haru."

Er lässt die Schultern locker, ein kleines Lächeln umspielt seine Lippen.

„Dann ist ja alles paletti. Dann schönen Tag noch, und viel Spaß beim Trainieren fürs nächste Jahr."

Er öffnet die Tür, bleibt kurz stehen, dreht sich halb zurück: „Und vergiss nicht— wir haben den selben Gegner. Aber das macht uns noch lange nicht zu Verbündeten."

Yuki bleibt zurück. Die Tür schließt sich hinter ihm fast schon automatisch. Der leere Raum, das entfernte Rauschen der Flure draußen. Alles wirkt auf einmal intensiver. Irgendwas an seiner Art lässt sie innehalten.

Irgendwas an seiner Art macht mir klar, dass ich ihn nicht mehr einholen könnte, wenn ich jetzt nicht anfange.

„Über was hat er mit dir geredet?"

Yuki blickt auf, überrascht. Ihr Herz schlägt schneller, die Aufmerksamkeit der Freundinnen drängt in den Raum, die Energie von draußen mit hinein. Sie setzt sich etwas aufrechter, versucht die Ruhe zu wahren, doch die beiden treten selbstbewusst näher, ihre Blicke fordern eine Antwort.

„Es war nichts. Er hatte mir nur seine Hausaufgaben übergeben."

Sie versucht, die Worte lässig klingen zu lassen, aber ihre Stimme hat einen Hauch von Nervosität.

„Hausaufgaben? Er? Wir reden über den selben Jungen, oder?"

Die eine Freundin tritt einen Schritt vor, die Augen groß vor Verwunderung, die Stimme laut genug, dass der leere Raum ihre Worte trägt.

Yuki nickt knapp. „Ja. Ausnahmsweise hat er mal die Hausaufgaben gemacht."

„Und, hattet ihr nicht mal Streit oder so?"

Die andere verschränkt die Arme, lehnt sich leicht an die Wand, die Augen spitz.

Yuki zuckt nur mit den Schultern. „Schnee von gestern."

In dem Aufenthaltsraum in der selben Etage sitzt Cleo an einem der Tische. Die Schultern leicht nach vorne gezogen, die Hände ineinander verschränkt. Sie blättert ziellos durch ihr Heft, doch ihre Gedanken scheinen ganz woanders zu sein. Immer wieder hebt sie den Kopf, schaut zu Nisha rüber, nur um dann schnell wieder wegzusehen.

„Ich... ich weiß nicht, ob ich das richtig ausdrücken kann", murmelt sie, die Worte fast verschluckt.

Nisha lehnt sich leicht vor, die Ellenbogen auf die Tischkante gestützt. Ihr Lächeln sieht fast gespielt aus.

„Ach komm, Cleo. Du bist doch nicht so verklemmt, oder?"

Cleo senkt ihren Kopf. Ihre Schultern ziehen sich noch etwas mehr zusammen, als wolle sie sich selbst in etwas verkriechen.

Aus der Ecke des Raumes wirft ein Mitschüler einen kurzen Blick auf die beiden. Cleo ist schon gewöhnt an die Blicke von den anderen.

„Cleo wirkt irgendwie seltsam seit letzter Zeit." murmelt von der anderen Seite des Raumes zu ihrer Freundin, während sie sich ihre Bücher zurechtrückt. Die Worte sind beiläufig, fast unbemerkt, doch Cleo zuckt innerlich zusammen.

Nisha beobachtet sie genau, ihre Augen flackern kurz. „Hm. Wenn du willst, können wir's Schritt für Schritt angehen. Du musst nicht alles auf einmal sagen."

Cleo nickt nur langsam, die Lippen zusammengepresst. Sie fühlt die kleine Wärme zwar, aber sie ist trotzdem verunsichert in der allgemeinen Situation. Ein kurzer Windstoß vom offenen Fenster bewegt die Seiten der Hefte, und Cleo folgt unwillkürlich der Bewegung ihrer Finger.

„Es ist nur... alles wirkt gerade irgendwie kompliziert. Ich weiß nicht, wem ich vertrauen soll."

Nisha zieht die Stirn leicht zusammen, ein Hauch von Strenge in der Miene. Dann nickt sie fast unmerklich. „Verständlich. Aber hey, du bist nicht allein, du musst das nicht alles in deinem Kopf herumwälzen."

Cleo atmet tief durch. „Danke... dass du das sagst", flüstert sie. Ihre Augen treffen kurz die von Nisha, die wiederrum nur schmal lächelt, fast rätselhaft.

Sie lehnt sich leicht zurück, die Arme immer noch verschränkt, ein abwägendes Lächeln auf den Lippen. „Na gut. Dann lass uns langsam anfangen. Schritt für Schritt. Und du redest, wenn du bereit bist."

Cleo nickt, etwas entschlossener diesmal, die Finger noch immer leicht verkrampft um den Stift. Die Pause verstrich, die Sonne fällt schräg durch die Fenster und wirft lange Schatten auf den Tisch. Cleo spürt, dass sie vielleicht einen kleinen Schritt in Richtung Klarheit gemacht hat.

Nishas Stimme ist weich, fast beiläufig: „Du weißt ja... manchmal ist es einfacher, wenn man Dinge Stück für Stück sortiert. Keine Eile nötig."

Langsam löst sich ein kleiner Knoten in Cleos Brust. Sie weiß, dass Nisha mehr versteht, als sie zu zeigen mag. Doch sie spürt auch, dass das Vertrauen zu zerbrechlich ist, um es jetzt leichtfertig auszusprechen.

Eine Woche vergeht nach diesem Gespräch im Aufenthaltsraum. Eine Woche, in der die Geräusche über die anstehenden Kurswahlen und die Aufregung über die bevorstehende reise die Flure der Schule wie ein Lauffeuer erfüllten.

Der Bus rumpelt über die Landstraße, während die Sonne langsam hinter den Bäumen sinkt. Haru lehnt sich in seinem Platz hinten in der Mitte. Die Beine ausgestreckt, die Arme locker hinter dem Kopf verschränkt. Neben ihm sitzen Natsumi, Cleo, Freya, Jeanne und ein paar andere, die sich gegenseitig mögen. Die meisten halten ihre Wahlzettel oder Tablets bereit, die LKs fürs nächste Jahr zu markieren.

Haru blättert gedankenverloren durch seinen Plan, murmelt leise die Kombinationen der Kurse vor sich hin.

„Mathe und Physik zusammen... oder doch lieber nur Physik?", fragt er sich selbst, während Natsumi neben ihm den Stift über ihr Blatt schweben lässt.

„Du überlegst schon wieder zu viel", sagt Cleo trocken, ohne aufzusehen, während sie ihren Wahlzettel prüft. „Einfach aussuchen und fertig."

Haru zuckt leicht mit den Schultern, grinst und richtet sich dann ein Stück auf, als vorne im Bus plötzlich Jubel ertönt.

„Haru! Haaaruu! Los, wähl schnell!"

Fast die ganze Reihe von vorne lehnt sich nach hinten mit dem Blick zu ihm. Fast jeder hat schon sein Ergebnis abgegeben, außer er und ein paar andere.

Er verdreht die Augen, aber ein leichtes Schmunzeln huscht über sein Gesicht. „Schon gut, ich arbeite dran."

Freya lacht leise. „Immer noch beliebt, hm?"

Er blickt über die Schulter, sieht die Jubelnden und nickt fast beiläufig. „Die Motivation ist stark, aber wartet kurz."

Die Gespräche werden dann aufeinandermal im Bus leiser, die meisten checken ihre Wahlzettel auf dem iPad. Cleo tippt vorsichtig rum, die Stirn leicht gerunzelt. Nisha sitzt ein paar Reihen weiter vorne, beobachtet die Truppe aus den Augenwinkeln.

„Also, ich nehm auf jeden Fall Kunst und Deutsch", sagt Natsumi plötzlich und tippt die Fächer auf ihrem Tablet an.

„Wirklich?", fragt Cleo und wirft ihr einen skeptischen Blick zu.

„Klar, mal was anderes ausprobieren. Außerdem, du weißt ja, ich will nicht nur Zahlen sehen", antwortet sie lachend auf Cleo.

Haru lehnt sich wieder zurück, tippt nachdenklich auf sein Tablet.

„Wenn man das alles richtig plant, könnte das nächstes Jahr... interessant werden."

Freya nickt zustimmend. „Yess. Aber egal, was wir wählen, wir halten zusammen."

Draußen zieht die Landschaft vorbei. Die Sonne taucht die Baumreihen in warmes Orange, und für einen Moment ist alles ruhig. Nur das leise Knistern von Papieren, das Klackern von Tablets und das entfernte Lachen der jubelnden Mitschüler sind zu hören.

„Und jetzt schnell alles absenden, bevor die Plätze weg sind", murmelt Haru, während er die letzten Kurse anklickt.

„Done." Natsumi zeigt zufrieden ihr Tablet.

Cleo nickt still. „Passt."

Freya streckt sich. „Endlich erledigt."

Haru lehnt sich zurück und genießt die möglicherweise letzten Minuten der Fahrt. Der Blick aus dem Fenster und die leichten Gespräche lassen ihm ein Gefühl von Urlaub geben. Die hintere Reihe wirkt entspannt, doch er weiß, dass hinter all den Fächern, Stundenplänen und Jubelrufen, etwas auf ihn warten wird.