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Kapitel 87 / Eine kleine Entspannung

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Kapitel 87 / Eine kleine Entspannung

Eine kleine Entspannung

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„Und was gibt es dort sonst noch, Haru?", fragt Natsumi und beugt sich neugierig nach vorne zwischen die Sitze.

„Sehr schön eingerichtete Zimmer, 'nen Onsen und ja..."

„Warte mal...", platzt es aus Haruka raus. Ihre Stimme überschlägt sich fast vor plötzlicher Freude, als würde sie glauben, sich verhört zu haben.

„Sag's nochmal."

„Schön eingerichtete Zimmer..."

„Nein, das andere!"

„Meinst du den Onsen?"

„JA DAS! Wie hast du so ein Ferienhaus klargemacht?!"

Er lehnt sich entspannt in sein Sitz zurück und hält die eine Hand am Lenkrad.. „Sagen wir mal so: Ich habe ein paar bekannte gehabt, die's für mich geklärt haben."

Den beiden Mädchen bleibt glatt der Mund offen stehen. Kein Wort kommt mehr heraus, als wäre ihnen die Stimme im Hals stecken geblieben.

„So, da sind wir."

Nach zwanzig Minuten Fahrt die steilen Serpentinen hinauf erreichen sie endlich ihr Ziel. Alle drei steigen aus dem Wagen. Haru lässt den Motor noch bewusst laufen, damit das grelle Fernlicht die Umrisse des dunklen Hauses ein wenig ausleuchtet.

„...Eine alte... Holzhütte?!", seine Schwester verzieht das Gesicht, ihre Stimme kippt am Ende ins Nörgelnde. Mit verschränkten Armen steht sie da, als wäre der Urlaub für sie schon zu Ende bevor es überhaupt angefangen hat.

Natsumi hingegen blickt direkt zu Haru. Sie wartet ab, bevor sie ihre Meinung preisgibt. An ihrem Blick kann man etwas ablesen das sie weiß das Haru sie nicht einfach so verarschen würde.

Ohne sich von Harukas Gemecker aus der Ruhe bringen zu lassen, bleibt er völlig entspannt. „Keine Holzhütte."

Demnach schließt er die Fahrertür zu. „Vertrau mir einfach."

Der Wind, der hier oben auf dem Berg pfeift, gleicht fast einem leichten Sturm. Die Äste des alten Baumes neben dem Haus peitschen wie Seile durch die Luft. Das laute, beinah rhythmische Rascheln der Blätter verleiht der Dunkelheit eine seltsam beruhigende Atmosphäre.

„Gehr ihr schon mal vor. Ich hole die Taschen reintragen."

„Oki-doki!", schießt es aus Harus Schwester heraus, und schon sprintet sie los. Die kleine Umhänge Tasche schwebt mit jeder Bewegung etwas in der Luft. Obwohl sie den schlechten Ersteindruck hat, muss sie sich wohl oder übel damit abfinden, dass sie die nächsten paar Wochen hier verbringen wird.

„Ist's okay, wenn ich dir helfe?", fragt Natsumi leise.

Sie steht direkt vor den Scheinwerfern des Wagen, sodass Haru von ihr nur eine schmale Silhouette im Lichtkegel sieht. Während er langsam die ersten Taschen greift, genießt er für einen Moment den warmen, starken Sommerwind auf seiner Haut.

„Alles gut, schaff ich schon. Geh schonmal rein."

Als hätte sie nur auf diese Bestätigung gewartet, nickt sie und verschwindet in einem normalen Tempo ebenfalls im Haus, oben weiter zu widersprechen. Davor beobachtete sie so gut wie jede Ecke des Hauses.

Haru blickt auf den vollen Kofferraum und kratzt sich am Kopf als würde er schon etwas bereuen. Fünf Taschen. Für drei Personen. Und noch 'ne kleine Überraschung für euch beiden.

Das gleichmäßige Brummen des Motors lässt die Ankunft seltsam surreal wirken. Fast so, als würde er noch im eigenen Bett liegen und das alles nur träumen. Nacheinander trägt er dann etwas mühseliger die Taschen an die Vordertür. Dann zuletzt das Handgepäck von der Rückbank.

Am Ende der zweiten Runde fühlt er schon den leichten Schweiß der sich an seiner Stirn schon angesammelt hat. Ein wenig Später wo alles fertig parkt er das Auto unter den dichten Blätter des Baumes, damit die heiße Morgensonne den Lack nicht röstet.

Mal schauen wie die auf die Tüte reagieren werden.

Drinnen sieht er, dass die Mädchen bereits die Lichtschalter gefunden haben. Das Haus erstrahlt in einem warmen Licht. Sofort sieht er das die eine sich ihren Platz gefunden hat und die andere noch auf den Beinen steht.

„Und? Zweiter Eindruck?"

„HAMMERRRRR!", schreien beide beinah gleichzeitig. Harukas Stimme übersteuert vor Begeisterung komplett, während Natsumi versucht, sich halbwegs normal anzuhören.

Haru rollt leicht die Augen dabei zu einer Person. Ach Haruka... Hauptsache, sich erstmal vom äußeren Eindruck täuschen lassen. Jaja, ich kenne dich.

Im Anschluss darauf bemerken sie erst die Tüte die Haru in der linken Hand festhält.

„Was hast du eigentlich in der Tüte?", fragt Natsumi neugierig. Sie erkennt ein Kabel, das oben herausschaut, kann aber noch nicht entschlüsseln, worum es sich handelt.

„Ach, das hier", sagt er mit monotoner, leiser Stimme. Er zieht den Gegenstand behutsam heraus, als wäre es eine goldene Trophäe.„Ein... mobiler Router!"

Die Skepsis verfliegt sofort. Fast synchron fragen beide: „Warte mal... dieses Haus, und jetzt auch noch der Router? Das ist doch gottlos teuer, oder nicht?"

„Na ja, das wurde uns praktisch überlassen für ein paar Wochen. Und für den Router... hab ich mir ein paar Schulden bei Papa eingebrockt."

„Schulden? Wie das?"

„Sagen wir so...", sein Blick wandert nahezu verlegen nach etwas nach unten. „Ich muss nach dem Urlaub wohl eine ganze Weile in seiner Konditorei schuften müssen."

Kurz scheint es so, als würde seine kleine Schwester einen Funken Mitleid haben... doch ohne einen weiteren Gedanken rast sie los, um das komplette Haus zu erkunden. Sie reißt Schränke auf, begutachtet Vasen, wirft kurze Blicke aus den Fenstern und kichert ununterbrochen vor sich hin. „Wow, hier könnte man echt dauerhaft wohnen...", murmelt sie und fühlt den Stoff der Couch.

Natsumi hingegen geht mit nur einem leichten nicken hingegen ins obere Stockwerk. Langsam geht sie an allem vorbei. Selbst bei Kleinigkeiten bleibt sie stehen und betrachtet die Wände, die Fensterrahmen und die Türen ganz genau. Es wirkt nahe zu so, als würde sie die Umgebung auf Schwachstellen prüfen. Reine Vorsicht oder doch eine alte Angewohnheit?

Haru dagegen seufzt tief und wirft sich kurz auf die Couch. Sein Zeige Finger und Daumen drücken auf seine Augenbrauen, nach dem er eine Box mit Handtüchern in die Schlafzimmer gelegt hat. Dazu holt er seine gerollte Fitnessmatte und stellt sie draußen neben dem Baum auf.

„Hammer, Hammer, Hammer! Mein Bruder ist ja doch noch zu was Nütze!", hört er ihr leises Kichern durch das offene Küchenfenster dringen.

Er schmunzelt kurz, spart sich aber einen Kommentar. Ihr Enthusiasmus ist ansteckend, aber er will jetzt erst mal etwas Ordnung haben. Denn davor räumt er die Einkäufe in die Schränke und sortiert die Lebensmittel nach einer ganz eigenen, stillen Taktik, die nur er versteht.

Oben lässt sich Natsumi derweil aufs Bett sinken und starrt an die hölzerne Decke. Plötzlich überkommt sie ein schlechtes Gewissen, weil sie ihm beim Schleppen der Tasche nicht geholfen hat. Sie rappelt sich auf und läuft wieder nach unten.

„Kann ich dir bei irgendwas helfen?"

Haru ist zeitgleich dabei, die letzten Sachen aus den Koffern zu ordnen. „Ja, tatsächlich", er fischt den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche und reicht ihn ihr. Kannst du das Auto abschließen und gucken, ob alle Türen und Fenster zu sind?"

Sie blickt kurz etwas enttäuscht drein, sie hatte sich auf etwas wichtigeres erhofft. Erledigt aber die Sache nichtsdestotrotz mit vollem Eifer. Mit einem leichten Lächeln sperrt sie den Wagen ab. Im Vorbeigehen beim kurzen aufblitzen der Scheinwerfer fällt ihr Blick auf die zusammengerollte Matte am Stamm.

Will er jetzt noch trainieren?

Einige Tage später ist die erste Aufregung der Ankunft schon längst verfolgen, und die drückende Hitze des Bergsommers hat sich wie eine Decke über das Ferienhaus gelegt.

Nachdem die grundlegenden Dinge für den späten Nachmittag erledigt sind, zieht es Haru direkt nach draußen. Seine Matte lehnt am Baum wie eine versiegelte Schriftrolle, die nur darauf wartet, ausgerollt zu werden.

„Ich bin zwar froh, dass es den beiden gefällt", flüstert er in die Dunkelheit, als er zum hell erleuchteten Haus blickt. Seine Stimme wird dann augenmerklich leiser: „Mein Geldbeutel sieht das allerdings ein bisschen anders..."

Nichtsdestotrotz bindet er sich sein weißes Stirnband um den Kopf, und sein Blick wird schlagartig ernst und fokussiert. Er breitet die Matte aus. Zu seiner Linken das Haus, zu seiner Rechten das Auto.

Haru stellt sich auf die Matte und beginnt mit dem Aufwärmen. Ein paar Minuten intensives Seilspringen, während sein Blick über den weiten Horizont schweift. Ein Ausblick, den er in der Stadt sonst nie zu Gesicht bekommen würde. Schließlich geht er über zu den Liegestützen. Gleichmäßig, kontrolliert explosiv. Unter seinem weißen Unterhemd spannt sich die Brust an, und auf seiner Stirn fängt der Schweiß an auszubrechen.

Natsumi hat sich mit etwas Abstand auf den Boden gesetzt neben ihn. Zuvor hatte sie ihm hintergelauscht und aus der Ferne beobachtet. Sie winkelt die Beine neben ihn an sitzend und guckt ihn schweigend zu. Nach einer Weile hält sie es jedoch nicht mehr aus, nur still dazusitzen.

„Trainierst du eigentlich immer... selbst im Urlaub?", fragt sie schließlich leise, beinahe wie eine Feststellung die unbedingt mal gesagt werden muss.

Ohne den Rythmus zu brechen, hört er ihr zu. Seine Stimme klingt durch die körperliche Anstrengung etwas gepresst, als er antwortet: „Einfach dranbleiben..", antwortet er schlicht, ohne jede Spur von Angeberei. „Sonst verliert man die Routine."

Sie zieht nach seiner Antwort die Knie enger an ihre Brust und überlegt kurz ob sie mitmachen soll. Während Haru ungehindert weiter sich vom Boden hochdrückt, versucht sie selbst in die Liegestützposition zu gehen und ein paar Wiederholungen mitzumachen. Allerdings passen ihre Bewegungen nicht ansatzweise zu seinem mörderischen Tempo.

Ein leises Kichern entweicht ihr, als sie nach der dritten, extrem wackeligen Wiederholung erschöpft aufgibt. „Puh... verdammt anstrengend. Viel härter, als es aussieht."

Haru nickt nur, ohne sich von seiner kurzen Pause ablenken zu lassen. Er will nicht, dass es so aussieht, als wolle er vor ihr angeben. Nach einer Weile beendet er ein paar weitere Sätze und setzt sich ab, während Natsumi nach einer kurzen Atempause ehrgeizig weiterprobiert. Doch schon nach wenigen Runden ist sie völlig k.o, während Haru so wirkt, als wäre er noch fast bei maximaler Energie.

Sie wischt sich den Schweiß mit dem Kragen ihres T-Shirts ab. „Echt crazy, was du für 'ne Ausdauer hast."

Anschließend beendet Haru sein kurzes, schnelles Workout für heute. Die Ziel Wiederholungen sind erreicht, bis er sich auf der Matte im Schneidersitz hinsetzt, um kurz zu verschnaufen.

„Practice makes perfect... würd ich sagen, glaub ich.", kurz danach kneift er leicht die Augen zusammen: „...oder so."

„Wo steckt ihr denn?", ertönt plötzlich Harukas Stimme aus der Ferne. Kurz um sieht sie ein paar Silhouetten in der Ferne die sie nicht überblicken kann ohne das Licht ihres Handys.

„Ah, da seid ihr ja." Sie legt ihr Handy beiseite und kommt zu den beiden rüber. „Ihr seid doch krank", meint sie trocken, reicht Haru aber ein frisches Handtuch und eine Flasche Wasser.

Ihr blick deutet an, dass das ihre Art ist, sich für die Organisation und das Haus zu bedanken. Trotzdem sieht Haruka aus, als würde sie immer noch gleich Vorfreude platzen.

„Hast du den Onsen schon gefunden?", fragt er grinsend, als er ihr sie ansieht. Er weiß zwar die Antwort längst, will es aber dennoch aus ihrem Mund hören.

„JA!", schießt es lautstark aus ihr heraus. „Ich kann's kaum erwarten!"

Er schmunzelt und bedeutet Natsumi, dass sie ruhig schon mitgehen kann. Er richtet sich auf währenddessen die beiden schon dorthin gehen und rollt die Matte wieder ein.

Bin kaputt alter...

Schließlich ist er nun allein. Er setzt sich an den Stamm der alten Kiefer und blickt auf sein Notizbuch, während am Horizont die Sonne endgültig versinkt. Der Himmel hat sich in ein tiefes, warmes Orange-Gold verwandelt. Der Duft der Eichenblätter erfasst seine Nase während er anfängt den Stift übers Papier zu streichen.

Ich fühle mich gerade so, als wäre ich in einem Märchenland. Der Sonnenuntergang sieht so anders aus, so... ich weiß nicht... magisch.

Aus dem dampfenden Onsen neben dem Haus dringen gedämpfte Stimmen zu ihm herüber. Das lässt die Vorfreude die sich neben dem Schreiben in ihm hochkocht nicht verhindern. Das Lächeln   selbst entsteht ganz automatisch in seinem Gesicht. Nach einer Weile, die sich für Haru nicht mal lang angefühlt hat kommt die Stimme seiner Schwester und unterbricht seinen Fokus zu schreiben.

„Haru! Wir sind fertig! Du kannst jetzt auch rein!", ruft seine Schwester ein paar Minuten lachend heraus.

Doch anstatt direkt dorthin zu gehen schließt er sein Notizbuch mit der einen Hand und starrt in die Dämmerung.

Ich kann leider nicht immer alles aufschreiben... manche Momente im Leben sind einfach nur dafür da, um still zu bleiben und sie zu genießen.

Daraufhin rappelt er sich auf, geht in den Duschbereich wäscht sich gründlich ab, bevor er den Onsen betritt. Das Becken liegt direkt dorthinter. Leicht erhöht und perfekt in eine Terrasse aus hellem Naturholz eingelassen.

Der heiße Dampf steigt leise zwischen den Lücken nach oben, wird vom Wind erfasst und verwehrt. Man hört nur das gleichmäßige fließende Wasser und das ferne Zirpen der Grillen. Es ist vollkommen still und friedlich, wie ein perfekter Rückzugsort.

Das war die beste Entscheidung meines Lebens hier hin zu kommen.

Haru legt sich das kleine, zusammengefaltete Handtuch auf den Kopf, lehnt sich zurück und schließt Augen, während sich die intensive Wärme des Wassers auf seiner Haut ausbreitet. Doch die Entspannung lässt seine Gedanken tief abdriften. Finstere Gedanken.

Manchmal frage ich mich... ob ich es überhaupt wert bin, jeden Tag zu leben. Bin ich wirklich der Stolz meines Erschaffers? Oder nur ein Junge, der verzweifelt nach dem Sinn des Lebens sucht und bis dahin einfach nur vor sich hinvegetiert? Ich will nur ein einzges Mal wie ein Charakter in diesen Geschichten sein... der am Ende ein wirklich freies, sorgenloses Leben führen darf. Ich hoffe, das passiert mit irgendwann. Im nächsten Leben. Oder im übernächsten. Hauptsache es soll passieren..

Der Dampf umhüllt ihn völlig. Er lässt sich so weit in das heiße Becken gleiten, bis er fast mit dem kompletten Kopf unter Wasser ist, um die Welt um sich herum auszuschalten.

Es ist heftig, wie schnell diese Tage vorbeigehen. Als würde die Zeit mit jedem Jahr schneller rennen. Gefühlt war ich doch gestern erst neu in der ersten Klasse und musste mir die ganzen fremden Gesichter einprägen...

Im Anschluss nach einer ordentlichen langen Zeit steigt er schließlich aus dem dampfenden Wasser. Er knotet sich das Handtuch fest um die Hüfte, schlüpft in seine Schlappen und schlurft langsam zurück in sHuas. Doch als er die Tür öffnet erfasst ihn nicht nur eine kälte, sondern auch die absolute Dunkelheit in der Dunkelheit.

Sind die beiden etwa echt schon eingepennt?