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Kapitel 88 / Tage, die es wert sind

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Kapitel 88 / Tage, die es wert sind

Tage, die es wert sind

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„Aufstehen aufstehen, raus aus den Federn!", ruft er klatschend durch das Haus. Die Stimme hallt durch die Räume, bricht die Morgenstille und erreicht das Schlafzimmer. Natsumi, die oben im Bett liegt, wird mit voller Lautstärke getroffen, während seine kleine Schwester es nur dumpf wahrnimmt. Sie reibt sich verschlafen die Augen, blinzelt ins Licht, das durch das Fenster fällt, und seufzt resigniert.

Haru selbst hatte jahrelang jeden Morgen kämpfen müssen, um überhaupt aufzustehen. Nicht mal vor langer Zeit war er ein Morgenmuffel. Bestimmt einer der schlimmsten Sorte gewesen, doch jetzt hat er gelernt, seine Energie zu bündeln und andere mitzureißen. Er beobachtet die Mädchen, während sie ihre ersten verschlafenen Bewegungen ausführen, und ein leichtes Lächeln huscht über sein Gesicht.

„Für einen kurzen Moment hatte ich Angst, dass diese Ruhe nicht echt ist.", redet er sich selber ein, während er in der Küche den Wasserkocher anschaltet.

Die Vögel zwitschern an dem Küchenfenster als Haru den Wasserkocher anschmeißt und hofft das sie wenigstens durch die paar mehr Geräusche wacher werden.

Beide stehen auf, als würden sie von einer Lawine erfasst worden sein. Sie reiben sich die Augen und reagieren fast zeitgleich mit der gleichen Reaktion: Ist es wirklich schon wieder Morgen?"

„Ja ja, steht auf. Ich mach uns essen.", ruft Haru aus der Küche. Natsumi humpelt zum Badezimmer, während Haruka noch im Bett liegt und auf ihr Handy starrt. Die Helligkeit reflektiert ihre verschlafenen Augen, doch langsam kommt Bewegung in sie.

„Die Frage ist aber nur... wie macht man Frühstück?", fragt er sich selbst. Normalerweise haben seine Eltern immer frühstück vor seiner Nase gemacht.

Am großen Esstisch angekommen, nehmen sie Platz. Das Gespräch beginnt langsam, doch schon nach wenigen Minuten lösen sich die Müdigkeit und die Trägheit. Sie lachen über kleine Missgeschicke des Morgens teilen Momente der Freude, und für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Haru beobachtet die Szene, seine Gedanken schweifen ab: Diese Tage... sie sind vielleicht die wahren Geschenke der Ferien.

„Seid ihr soweit?", ruft er schließlich vom Eingang. Das weiße Hawaiihemd schützt ihn vor der Sonne, die schon hoch am Himmel steht. Schatten gibt es kaum, doch sie genießen die unbarmherzige Wärme.

„Jo.", sagt Haruka.

„Ja.", sagt Natsumi.

„Dann können wa ja los."

Alle drei nehmen Tüten mit. Haru die dickste, Haruka und Natsumi etwas dünnere. Der Weg bis zum Tal geht über den Bergabstieg. Leichte Rutschgefahr ist da, mit den Flipflops, die alle drei jeweils anhaben. Nichtsdestotrotz spüren die drei selbst beim etwas gefährlichen Abstieg eine Art Abenteuer Gefühl, dass alle jeweils selten zu spüren bekommen haben.

Nach etwa zwanzig Minuten erreichen sie den See. Die beiden springen vor Freude auf, Haru lacht, und die Anspannung des Aufstiegs fällt von ihnen ab.

„Ich muss euch was sagen", sagt Haru plötzlich, „es gab einen Treppenabstieg bis hierhin."

Die beiden können nicht einmal sauer auf ihn sein. Das Gefühl der Freude überwiegt es. Sie sehen ihn nur kurz an, dann folgen sie ihn weiter.

Der See liegt still vor ihnen, an den Rändern fließt das Wasser des Wasserfalls in sanften Kaskaden. Die Geräusche vermischen sich mit dem Zwitschern der Vögel, und für einen Moment fühlen sich die drei wie in einem Märchen.

Sie stehen im Wasser vor dem Wasserfall. Die Holzschwerter bereit.

Wir haben noch zwei Wochen Zeit. Mal schauen was sie in der Zeit gelernt hat.

„Greif mich an!"

Ein kräftiger Hieb von oben. Haru blockt es mühelos. Ein Arm hinter dem Rücken.

Direkt danach von oben, der Seite, unten, diagonal, oben. Alle Schläge geblockt, dafür aber ihn etwas zurückgedrängt.

Sie atmet durch.

„Mit deiner Geschicklichkeit bist du gut. Aber willst du so kämpfen wollen?"

„Ja!"

Haruka sitzt währenddessen auf einen Campingstuhl. Ihr Drink in der Hand und die Sonnenbrille am Kopf. Als würde sie nichts anderes machen wollen.

Das ich mir mal sowas antun werde... aber hey, es macht Spaß zuzugucken.

Der Sonnenschirm bedeckt sie fast komplett von der Sonne. Ihre Augen folgen jeder Bewegung, selbst wenn sie vorgibt, desinteressiert zu sein. Neben ihr steht ein Eimer Wasser, der den Sonnenschirm fest hält. Ein einfacher Life Hack den sie schätzt.

Nach der Pause geht das Training weiter, welches sich Natsumi gewünscht hatte. Haru konzentriert sich, blockt, kontert, führt sie durch Übungen, die nicht nur Geschicklichkeit, sondern auch Geduld erfordern. Die Sonne brennt, doch ihre Haut nimmt die Wärme auf, bräunt leicht, und sie genießen es.

Später springen sie in den See, lachen, lassen sich treiben und genießen das kühle Wasser. Alle beobachten sich gegenseitig, nehmen die Szene in sich auf: das Lachen, das Wasser, die Sonne, die Freiheit.

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Nach der Pause trainieren sie weiter. Die Sonne strahlt auf die beiden drauf und verleiht ihn eine leichte Bräunung, die sie gebrauchen könnten. Etwas kämpfen, dann schwimmen an dem Fluss und später an dem See und wieder hoch in den Onsen im Haus. So, sieht fast immer der Tagesablauf der drei aus. Wenn Haruka mal langweile hat, dann guckt sie sich vom Fluss aus das Spektakel an.

Danach fingen die Tage an zu fliegen. Training, Ruhe, Lachen. Alles wiederholte sich, doch es ist nie das gleiche passiert. Es gab immer etwas, dass anders war. Und so, sitzen die Geschwister unter dem Baum oben. Das Sonnenlicht fällt zwischen den Blättern befleckt auf die beiden. Haruka die vor kurzem angelehnt an seinem Rücken eingeschlafen ist, schnarcht ein bisschen.

Wohingegen Haru sein Notizbuch in der Hand hält. Der einem Kugelschreiber, der daran angeheftet war. Ein Kugelschreiber mit einem Fußball den man drehen kann.

[02.08.2024]

Heute ist ein Tag wieder jeder andere hier. Die Sommerferien laufen wirklich gut. An das Ferienhaus haben sie sich sehr schnell gewöhnt und mit mit meinen geplanten Dingen hatten sie bis jetzt auch viel Spaß. Gestern sind wie sogar alle drei in die große Mall in der Stadt gefahren, um ein bisschen Abwechslung zu haben. Meine Schwester hat natürlich wie immer direkt die ganzen Läden auf den Kopf gestellt. Heute Morgen hatten wir und alle drei Essen gemacht und wollten eigentlich wieder runter zum See, Aber die beiden brauchten mal eine Pause und sind direkt eingeschlafen.

...]

Er blickt zu ihr rüber und sieht wie sie tief und fest schon schläft. Selbst ein Eichhörnchen hat sich ohne das er es bemerkt an sie geschlichen und angelehnt. Haru lächelt und schließt ebenfalls die Augen.

Solche Tage... sind es wert, gelebt zu werden

„Mal schauen wann wir wieder zum See gehen werden.", sagt er halb flüsternd, halb energiegeladen. Die Euphorie in sein Gesicht eingebrannt. Die Blätter rascheln in dem Moment, das Auto ruht von seiner heutigen Fahrt in die Stadt.

In der Nacht vor der Abreise schlägt das Wetter hier komplett alle drei um. Ein schweres Sommergewitter zieht über die Gipfel. Grelle Blitze zucken durch die Vorhänge und erhellen Natsumis Zimmer oben im Sekundentakt, gefolgt von tiefem, grollenden Donner, der die Fensterscheiben vibrieren lässt.

Natsumi liegt hellwach im Bett. Die drückende Hitze der letzten Wochen ist in eine stürmische Kälte gewichen. In ihrem Kopf kreisen die Gedanken um die morgige Heimreise, das anstehende Schuljahr und die Angst davor, wie schnell der Alltag diese friedliche Zeit auffressen wird.

Plötzlich gibt es ein leises Klack von unten. Das vertraute, leise Brummen des Kühlschranks im Erdgeschoss verstummt augenblicklich. Der Strom ist weg. Totale, absolute Finsternis.

Das laute Peitschen der Ängste gegen die Hauswand lässt Natsumi keine Ruhe mehr. Sie tastet nach ihrem Handy, nutzt das schwache Displaylicht und schleicht sich leise auf die schräg liegende Leiter die nach unten führt. Sie schaut, ob alles noch in Ordnung ist.

Als sie die Leiter mit konstant dem Blick hinter sich gewandt runtersteigt, bemerkt sie einen warmen, flackernden Schein im Wohnzimmer. Direkt hinter der Leiter steht der Raum. Als sie vorsichtig mit bedachten Schritten um der Ecke blickt, bemerkt sie das Haru auf der Couch, eine einzelne brennende Kerze auf dem Couchtisch vor sich. Er starrt schweigend in die Flamme, während draußen der Regen gegen die Scheiben peitscht.

„Auch wach?", fragt er leise, ohne sich umzudrehen.

Natsumi nickt ertappt, obwohl er es im Dunkeln kaum sehen kann, und setzt sich mit etwas Abstand zu ihm auf die Couch. „Bei dem Donner kann doch niemand schlafen. Und jetzt auch noch der Stromausfall..."

Er schmunzelt schwach. Das weiche Kerzenlicht wirft lange Schatten auf sein Gesicht. „Das Haus verabschiedet sich wohl mit einem Knall von uns. Ist irgendwie unheimlich hier oben, wenn alles dunkel ist, oder?"

Natsumi zieht die Knie an die Brust und blickt zum Fenster, an dem die Regentropfen herunterlaufen. „Nicht nur das Haus. Ich glaube... ich habe einfach ein bisschen Angst vor dem, was kommt, wenn wir morgen wieder im Tal sind."

Ein heftiger Blitz erhellt für den Bruchteil einer Sekunde das komplette Zimmer, direkt gefolgt von einem ohrenbetäubenden Donnerknall, der das Holz unter ihren Füßen spürbar beben lässt. Natsumi zuckt unwillkürlich zusammen und rutscht ein Stück näher zu ihm. Direkt gefolgt von dem starken Regenschlägen.

Haru sieht dagegen so aus, als würde er ruhig bleiben könne. Was aber wenn man seine verschränkten Hände genau ansieht nicht der Fall ist. Er blickt raus aus dem Fenster neben sich und versucht die Gelassenheit zu haben, die ihr gerade fehlt. „Alltag wird hart, klar. Aber wir nehmen doch diese Erinnerungen von hier doch mit. Die Berge laufen ja nicht weg. Und im nächsten Sommer gehen wir einfach ins nächste Chaos."

Seine bodenständige Art vertreibt die drückende Sorge in ihrer Brust viel besser, als es jeder Schlaf hätte tun können. Sie sitzen noch eine ganze Weile so da, reden mit gedämpften Stimmen über Gott und die Welt, während das Gewitter über sie hinwegzieht. Als Natsumi schließlich merkt, wie ihre Augenlider schwer werden, ist die Angst verflogen. Die Dunkelheit fühlt sich nicht mehr bedrohlich an, sondern warm und sicher.

Sie verabschiedet sich mit einem leisen Lächeln und schleicht zurück ins Bett, während Haru die Kerze auspustet und die Stille der Nacht einkehrt.

„Ich kann nicht glauben, dass wir schon wieder nach Hause fahren...", sagt Haruka am nächsten Morgen leise, fast mehr zu sich selbst als zu den anderen. Ihre Finger streichen über das Holzgeländer der Treppe und über das blanke Parkett, das sie in den letzten Wochen so oft poliert hatten.

Haru wirft einen Blick über die Schulter. „Kopf hoch. Wir kommen schon wieder. Und wer weiß, vielleicht machen wir im nächsten Sommer andere Abenteuer."

Er lächelt breit, die Sonnenbrille perfekt auf der Nase und die Arme voll mit Gepäck.

Haruka lehnt sich kurz an den Türrahmen und verschränkt die Arme. Ich werde auf jeden Fall vermissen, wie... aufgeräumt hier alles ist. Und du? Du mit deinem Optimismus...", sie schmunzelt schwach, „...das ist schon irgendwie ansteckend."

Natsumi nickt, die Augen von der Nacht noch leicht gerötet. Ich werde auch alles vermissen... sogar deine miesen Frühstückexperimente, Haru."

Ein kurzes Kichern bricht durch ihre Stimme, dann senkt sie den Blick. „Danke, dass ihr mir gezeigt habt, wie... normal und gleichzeitig verrückt Ferien sein können.

Haru legt den größten Rucksack ins Auto, dreht sich um und schaut seine fast schon beiden Schwestern nebeneinander an. „Ich bin froh, dass wir die Zeit zusammen verbracht haben. Nicht nur wegen dem Spaß oder Chaos, sondern auch wegen... alles andere."

Während dann noch die letzten Sache ins Auto gestellt werden und das Haus wieder verriegelt wird, wird die Ruhe hier oben nur vom gleichmäßigen Brummen des Motors leicht unterbrochen. Obwohl es gerade erst Mittag geworden ist, pfeift ein ordentlicher Wind über den Berg. Die Sonne strahlt heiß auf das Metalldach des Wagens.

Haruka wirft noch einen letzten Blick in die Ferne, bevor sie ins Auto einsteigt. „Na gut, dann los. Wir haben ja noch eine Fahrt vor uns."

Die Fahrt beginnt ruhig. Natsumi sitzt hinten in der Mitte, den Kopf entspannt an die Rückenlehne gelehnt. Sie schaut aus dem Fenster, während die Landschaft wie in Zeitlupe vorbeizieht, und ein ehrliches Lächeln schleicht sich über ihr Gesicht.

„Ich werd's fürs nächste Mal auch schon klären", sagt er plötzlich und zwinkert ihr durch den Innenspiegel zu.

Als sie schließlich nach einer Zeit ankommen, warten Natsumis Eltern schon bereits ungeduldig an der Straße. Ihre Mutter wirkt sichtlich besorgt, als sie ihre Tochter fest in die Arme schließt, während ihr Vater versucht, eine Fassade aus Gelassenheit zu wahren, auch wenn eine leichte Spiegelung unterhalb seiner Augen ihn sofort verraten.

Haru schiebt seine Sonnebrille auf seinen Kopf als er ihre Eltern sieht.

„Ich bringe ihre Tochter wohlbehalten zurück", sagt Haru, als er die Handbremse anzieht und mitten auf der Straße hält. Er holt ihre Tasche heraus und stellt sie vorsichtig vor ihnen ab. Sein Lächeln ist nicht aufdringlich, aber voller Respekt.

Natsumi wirft einen letzten Blick zu den beiden. „Danke für alles. Wirklich."

Ihre Stimme ist leise, aber bestimmt.

Haru nickt, die Augen leicht zusammengekniffen. „No Problemo. Wir sehen uns bald wieder. Pass auf dich auf."

Unter den Abschiedswinken der Familie biegt er mit seiner Schwester über die Kreuzung auf die Hauptstraße ein. Als sie kurz an einem Zebrastreifen stehen bleiben, lehnt er sich entspannt zurück. Der eine Arm aus dem Fenster gelehnt.

„Ich hab gehört nächstes Jahr Abschlussjahr und so", sagt Haru völlig aus dem Nichts.

„...Ja, ja."

Sie verdreht nur leicht die Augen, während Haru ein breites Grinsen nicht unterdrücken kann. Es tut gut, ihre melancholische Stimmung direkt wieder mit den üblichen Sticheleien zu brechen, jetzt, wo Natsumi weg ist.