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Kapitel 89 / Neues Jahr, neues Glück

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Kapitel 89 / Neues Jahr, neues Glück

Neues Jahr, neues Glück

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In dem allerersten Brief, den Haru damals in den Händen gehalten hatte an der Tür, stand noch nicht einmal der Name der Schule drauf. Obwohl er schon wusste, wie die Schule hieß, haben sie es warum auch immer aus irgendeinem Grund als Geheimnis gekennzeichnet. Dort stand nur „Ihre neue Schule". Erst jetzt, auf den offiziellen Dokumenten für das neue Schuljahr, gaben sie den Namen endlich offiziell preis: Die Rosenfeld Akademie.

Haru schlendert den Gehweg entlang, eine Hand tief in der Hosentasche vergraben. Der Wind fährt ihm durch die Haare, und er hofft instinktiv, dass sie heute nicht völlig katastrophal abstehen.

Zum stylen leider keine Zeit mehr gehabt.

Kaum hatte er die Haustür hinter sich gelassen, merkt er bereist die Blicke der Schulkinder aus der Nachbarschaft. Sie besuchen die normale Gesamtschule um die Ecke und schließen schon nach wenigen Metern zu ihm auf. Sie umringen ihn regelrecht, die Augen voller Neugier und einer Spur Spott.

„Ey, bist du jetzt wirklich schon seit 'nem ganzen Jahr dort?"

„Hast du dir schon 'ne Freundin geholt?"

„Wir läuft's da so? Sag schon!"

„Der denkt auch, er wär der coolste hier, nur weil er da auf die Schule geht..."

Jetzt fängt das schon wieder an...

Haru atmet hörbar durch die Nase aus. Er ignoriert die Kommentare fixiert einen Punkt in der Ferne und zieht das Tempo leicht an, um die Leute um sich herum hinter sich zu lassen. Nach ein paar schnellen Schritten sieht er schon die vertraute Umgebung von vor ein paar Wochen, die ab heute wieder zur Normalität wird.

„Ujujuj, wenn das mal nicht mein Lieblingsjunge ist!"

Die Stimme hallt aus einigen Metern Entfernung über den Gehweg. Sie besitzt diesen gewohnten, spöttisch-warmen Unterton der unverkennbar zu Freya gehört. Sofort blickt Haru auf und sieht sie mit gehobenem Arm am Straßenrand stehen. Seine Schultern entspannen sich ein Stück.

Die haben also auch die neue Kleidung bekommen... Na super. Gar kein Bock darauf.

Aber als er nähert tritt, muss er zugeben, dass es schlimmer hätte kommen können. Statt der langweiligen Standart-Kombination tragen alle orangene Jogginganzüge, kombiniert mit deren eigenen Handtaschen oder Rucksäcken.

„Jo", hebt Haru beiläufig die Hand zur Begrüßung.

Freya mustert ihn von oben bis unten, legt den Kopf schief und grinst. „Siehst gut aus damit."

Ein Kompliment von Freya war und ist noch eine Seltenheit. Sie streut es nicht einfach so in den Raum, weshalb solche Worte jedes Mal ein unerwartetes Gewicht besitzen.

„Tze. Wenn du ihm schon Komplimente machen kannst, kann ich das auch", ertönt es direkt von der Seite.

Jeanne tritt einen Schritt vor und verschränkt trotzig die Arme. Ihre Augenbraue hebt sich leicht zu Freya rüber.

„Höäää? Bitte, Jeanne", seufzt Freya und dreht sich genervt um. „Wir haben uns vor genau drei Sekunden lieb begrüßt. Fang bitte nicht schon wieder so an."

„Was soll ich denn sonst machen?", protestiert Jeanne augenblicklich und deutet auf Harus Schuhe hin. „Soll ich vielleicht auch noch sagen, dass seine Schuhe heute gut aussehen?"

„Hast du doch schon längst!", ruft Freya zurück.

Binnen Sekunden schrumpft der Abstand zwischen Freya und Jeanne gefährlich zusammen. Ihre Gesichter nähern sich so dicht aneinander, als wollen sie sich im nächsten Moment gegenseitig zerfleischen. Jeanne mischt sich lautstark ein.

„Willst du wieder Stress wie letztes Mal?!"

„Ich bin immer bereit, Freya! Versuch's doch!"

Haru beobachtet das Spektakel schweigend an. Er sieht den Größenunterschied, das Jeanne um ein paar Zentimeter Freya überragt und spürt die Hitze der Emotionen, die zwischen den beiden aufkocht. Mehrere Schüler von der Nachbarschule bleiben stehen, tuscheln und glotzt rüber, bevor sie kopfschüttelnd weitergehen. Er lässt seinen Kopf leicht in die Hand fallen.

Mädchen... immer das selbe.

„Könnt ihr euch vielleicht mal beruhigen? Ihr habt nichtmal bemerkt, dass Natsu gekommen ist."

Die Stimme schneidet durch den Lärm. Jeanne und Freya halten inne. Natsu hat sich klammheimlich direkt neben ihm gestellt. Sie hebt die Hand, ihre Fingerspitzen zucken in einer leichten Begrüßungsgeste.

„Hi."

„Wie war eigentlich euer Urlaub zusammen?", fragt Freya vollkommen abrupt. Die Aggression in ihrer Stimme ist wie weggeblasen, als hätt jemand einen Schalter umgelegt.

„Genau!", fügt Jeanne sofort nickend hinzu, ihre Augen blitzen neugierig auf.

Haru verlagert sein Gewicht auf das andere Bein. „Es war... in Ordnung. Wir hatten 'ne schöne Location drüben in den Bergen. Ein schönes, hausmäßiges Heim eben."

„...Kannst du mal ein bisschen mehr beschreiben? Bitte, bitte!", hängt Jeanne unnachgebiegig nach und tritt noch einen Schritt näher. Sodass Hau instinktiv gezwungen wird, sich leicht nach hinten zu lehnen.

Er spürt, wie ihm ein nervöses Lächeln auf die Lippen schleicht. Er hebt die Hand und kratzt sich verlegen an der Wange. „Wie wäre es, wenn wir das später machen? Auf dem Schulhof oder so?"

„Na gut Okay", gibt Freya nach und verschränkt zufrieden die Arme. Dagegen sagt Jeanne ausatmend: „Spielverderber."

Harus Blick wandert an ihr vorbei zu Natsumi. Sie ist bereits ein paar Schritte vorausgegangen und steuert mit den anderen beiden den Haupteingang an. Der Wind erfasst ihr Haar und in dem Moment fällt es ihm erst richtig auf: Sie hat sich die Haare kürzer schneiden lassen. Sie fallen viel geschmeidiger, gepflegter um ihre Schultern.

Warte mal..., denkt er und verengt die Augen. Was hab ich verpasst? Seit wann die Stähne mitten im Gesicht? Im Urlaub hatte sie die doch definitiv noch nicht... oder?!

Daraufhin folgt er den Mädchen durch die Sensortür. Die kalte übliche Schulluft schlägt ihm nicht entgegen, stattdessen fühlt sich die Atmosphäre in den Fluren überraschend weich und einladend an. Normalerweise riecht es hier nach Stickigkeit und dem Linoleumböden, doch heute liegt eine komische Frische im Raum.

Er streicht im Vorbeigehen über den Ärmel seines neuen Hoodies.

Aber ich muss schon sagen... dieser Hoodie— ich weiß nicht... In meiner alten Schule hatte ich zwar auch warum auch immer Schulkleidung als Tshirts, aber dass— obwohl das besser ist— ich weiß nicht, bin kein Fan von Schulkleidung.

Immer wieder wenden sich ihm Schülerinnen zu, und erwidert ihre Blicke mit einem kurzen Nicken oder einem flüchtigen Lächeln. Sein erstes Ziel ist direkt da. Sein eigenes Zimmer in diesem irgendwie halb Internatstrakt. Schlimmer als es klingt.

Als er den Korridor erreicht und vor seiner Tür steht, fällt ihm sofort auf, dass die Türen zum Badezimmer und zum direkt daneben liegenden Trainingsraum weit offen standen. Der Raum riecht noch zwar leicht abgestanden und stickig vom langen Sommer, aber alles ist genau so und ordentlich hinerlassen worden.

Endlich wieder in meinem Zimmer.

Ohne lange zu überlegen, lässt er seine Tasche einfach von der Schulter runter gleiten. Sie knallt auf den Boden. Währenddessen Haru sich längst im Stoff des Bettes sich vergräbt. Er umarmt sein Kissen mit aller Kraft. Er atmet tief den vertrauten Geruch ein.

„Haru? Was machst du da?"

Er zuckt leicht zusammen. Sie steht am Türrahmen. Eine Hand hälrt Natsumi vorsichtig am Türrahmen fest, ihren Oberkörper lehnt sie leicht nach innen. Ihre Stimme klingt ungewohnt warm, fast schon fürsorglich.

Obwohl er merkt, wie ihm schlagartig die Hitze ins Gesicht ansteigt und vermutlich schon komplett rot anläuft, versucht er mit fast schon übertriebener Ruhe ihr zu antworten.

„Ich hab einfach nur das Zimmer vermisst."

Kurz Seufzend stößt er sich im selben Augenblick stramm vom Bett hoch und greift hastig nach dem Riemen seiner Tasche. Natsumi lächelt. Sie verschränkt die Arme hinter ihrem Rücken und fragt ihm: „Was sollen wir heute machen?"

Während sie spricht, fährt sie sich spielerisch mit den Fingern durch ihr schwarzes Haar, streicht die neue Strähne zurecht und fixiert ihn mit den Augen.

Hat er meine Haare schon bemerkt?, schießt es ihr durch den Kopf, während ihr Herz einen Tick schneller schlägt. Wie findet er sie wohl? Oder... stehen sie mir etwa gar nicht?

Er bemerkt zwar ihren Blick, deutet es aber völlig falsch. Wahrscheinlich auch der Grund das er nur kurz schweigend sie ansieht. Er streicht sich über den Nacken danach und sagt zu ihr:

„Lass uns nach unten gehen", deutet er mit seinem Kopf, „Ich will den Neuen mal ein bisschen kennenlernen." Bis dann seine Stimme dann direkt eine gewisse Entschlossenheit darunter zeigt: „Mal sehen, vielleicht sehen wir auch Fesfiena— Fesfienchen?— egal, komm mit."

Beim Namen Fesfienchen verengen sich Natsumis Pupillen schlagartig. Ihre Augen weiten sich für den Bruchteil einer Sekunde, bevor ihre Mimik wieder einfriert.

Zeitgleich schleudert Haru seine Tasche lässig über nur eine Schulter, schiebt die freie Hand tief in die Hosentasche und latscht mit ihr aus dem Zimmer. Als sie die Treppen erreichen und den Blick hinunter ins Erdgeschoss gleiten lassen, sehen sie Fesarina bereits unten durch den Gang gehen. Sie wirkt suchen, geht langsam, fast schwebend.

Plötzlich verharrt sie mitten im Schritt. Ihr Kopf dreht sich langsam nach oben. Direkt zu Haru und Natsumi.

Da ist sie!

Da... ist sie.

Doch Fesarina unternimmt keine Anstalten, heraufzukommen. Alles, was sie tut, ist ein langsames, seitliches Lächeln, das ihre Mundwinkel nach oben zieht. Statt davon eingeschüchtert zu werden hebt Haru den Kopf an, legt den Kiefer schief und grinst zurück.

Natsumi spannt sich neben ihm komplett an. Ihre Knöchel werden weiß, als die Hände vor der Brust verschränkt. Sie starrt Fesarina mit einem Blick an, der von purer Panik und Unverständnis zeugt.

Was findet er nur an so jemanden interessant?, denkt Natsumi krampfhaft, während ein kalter Schauer ihren Rücken hinabgleitet. Findet er etwa dieses Unberechenbare, Gefährliche an ihr so faszinierend...?

Bis dann im selben Moment die schrille Schulglocke schallt durch das gesamte Gebäude uns reist alle aus der Erstarrung.

„Jetzt schon Unterricht?!, entfährt es Haru enttäuscht. Er zieht sein Handy heraus und starrt ungläubig auf die Uhrzeit drauf. Mit leicht aufeinander gepressten Lippen schiebt er wieder das Handy in die Hosentasche.

„Ja. Sehen uns dann spöter!", sagt sagt Natsumi schnell, als würde sie es schon eilig haben. Ihre Stimme klingt fast schon erleichtert, so, als könne sie den Unterricht gar nicht schnell genug herbeisehnen, nur um aus dieser Situation zu entkommen.

Sie steigt die Treppen hinab und geht mit zügigen Schritten nach links davon. Er bleibt noch einen Moment stehen, legt nachdenklich den Zeigefinger an sein Kinn und sieht ihr hinterher in die Leere, bevor er sich ebenfalls auf den Weg zu seinem Klassenraum macht.

Sie ist irgendwie fürsorglich geworden..., geht es ihm durch den Kopf, während seine Sneaker leise auf dem Boden quietschen. Liegt das an mir? Um Urlaub war sie eigentlich... na ja, normal eben. Nicht mehr das ängstliche Wrack von davor, aber definitiv auch nicht dieses extreme, das sie jetzt ist.

Bis er dann vor sich hin anfängt zu schmunzeln. „Na ja. Wenn ihre neue Seite jetzt so ist, kann ich mich echt daran gewöhnen.", murmelt er in den lauten menschen überfluteten Flur hinein.

Im Klassenzimmer angekommen, herrscht bereist lauter Tumult. Alle saßen schon auf ihren Plätzen, außer natürlich außer unser Stammgast. Der Raum erstrahlt in neuem Glanz, und das einheitliche ist auch mal was neues wieder.

„Guten Morgen Herr Evonar."

Als Haru nur einen Schlitz die Tür geöffnet hatte, begrüßt sie ihn schon direkt. Sie weißt, dass er meistens zu spät kommt und immer etwas anderes zu sagen hat.

„Morgen...?"

Als Haru das sagt, wandert sein Blick an seiner Lehrerin vorbei. Sein Hauptaugenmerk liegt sofort auf der Technik an der Wand.

„Was ist deine Ausrede für heute?"

„...Der Himmel war heute schön?"

„...Setz dich bitte hin.", sagt sie seufzend. Als würde Haru schon früh morgens den bestimmten Nerv getroffen haben. Sie fasst sich kurz ans Gesicht bevor sie anfängt mit dem Organisatorischen.

„Wie ihr seht", beginnt sie mit ihrer gewohnten monotoneren Stimme, während sie vor die Tafel tritt, „hat unsere Schule über die Sommerferien aufgerüstet. In jedem Raum befindet sich nun ein digitales Whiteboard inklusive passendem Beamer. Denn..."

Sie greift nach ihrem handelsüblichen Klemmbrett und tippt mit dem Kugelschreiber darauf.

„...ich werde gleich die Namen aufrufen für etwas anderes was noch neu ist. Ihr geht in Fünfergruppen in den Raum gegenüber und holt euch eure iPads ab."

Sie legt das Klemmbrett ab, blickt auf die Klasse und fügt mit einer überraschend warmen, einladenden Geste hinzu: „Der Unterricht entfällt für die ersten zwei Stunden.

Bie ihren Worten huscht ein sanftes Lächeln über ihr Gesicht. Es ist einer der sehr seltenen Fälle, seit Haru bei ihr Unterricht hat, dass diese Frau eine menschliche Wärme ausstrahlt. Er sitzt zwar immer noch in der Mitte, wo er immer der Mittelpunkt ist und starrt mit leicht weiten Augen an. Fast schon erschreckt er sich davon.

Das diese Frau das kann, ist jedesmal irgendwie... krass. Aber was mir noch viel neuer ist: Die Gardinen sind offen! Ich kann nach draußen sehen!! Endlich!!

Sein Blick wandert begeistert aus dem Fenster über das grüne Schulgelände.

Die gesamte erste Stunde vergeht wie im Flug, geprägt von rein organisatorischem Kram. Die ersten Fünfergruppen holten ihre iPads ab, einige Schülerinnen scheren sich um das Lehrerpult, um Fragen zu stellen, während die Gruppe in der letzten Reihe lautstark über das schlechte Schul WLAN meckert. Andere wiederum feiern die Hochgeschwindigkeit, sobald sie eingeloggt waren. Und Haru? Er sitzt einfach nur da, streicht über sein glattes Handydisplay und strahlt über das ganze Gesicht.

HAMMER GEIL!!