Kapitel 90 / Falsche Wahrnehmung
Kapitel 90 / Falsche Wahrnehmung
Falsche Wahrnehmung
______
In dem Moment, in dem Harus Augen diesmal vom glänzenden Display des neuen iPads aufblicken, läuft er mit seiner fünfer Gruppe wieder aus dem Raum nebenan hinaus. Er blickt flüchtig zur Seite während die anderen schon ins Klassenzimmer zurückgehen. Zu dem Zeitpunkt kommt Yuki geradewegs den Flur entlang auf ihn zu. Doch sie erwidert sein Blick nicht. Es scheint mehr vielmehr so, als wolle sie einfach stumm an ihm vorbeigehen.
Yu...ki?!!
Er erblickt sofort in den kurzen Sekunden die Veränderung. Die vormals weiße Strähne in ihrem Haar ist durch ein kräftiges, leuchtendes Rot ersetzt worden. Obwohl ihr Haar sonst dunkelbraun, fast schwarz ist, sticht dieser rote Akzent unbarmherzig ins Auge.
Er blickt ihr kurz hinterher, bevor sie kurz mit den Fingern durch ihre Spitzen fasst und infolgedessen im Klassenzimmer verschwindet. Bei dem kurzen Anblick noch bliebt sein Blick an jemand anderen hängen. Es ist ein Junge, etwa so groß wie Freya.
Das ist also der Junge, von dem manche letztes Jahr gesprochen haben...
So gut wie automatisch schießt Haru das Gespräch ins Gedächtnis, das er vor den Ferien mit Frau Siwczyk auf dem Schuldach geführt hatte. Ein paar Tage vor der Zeugnisvergabe, hat er rechts und links in jeder freien Minute das Gerücht gehört. Dazu erinnert er sich noch perfekt dran, als wäre es erst Gestern passiert.
„Ich höre Gerüchte, dass ein neuer Junge an unsere Schule kommen soll. Was wissen sie darüber?"
Sie hatte damals oben an der Brüstung des Daches gestanden. Seine Lehrerin stand mit dem Rücken zu ihm, er dagegen fasste sich ans Kinn. Ein ganz zufällige Begegnung, da er schon in vorne hinein weiß, dass sie meistens in den Pausen mal kurz auf dem Dach zu finden ist.
„Da hast du etwas Richtiges gehört", hatte Frau Siwczyk geantwortet und sich langsam umgedreht. Eine spürbare Anspannung hatte sich zwischen ihnen gelegt.
„Was hat es damit auf sich?", hatte er nachgehakt. „Dass ich auf diese Schule eingeladen wurde, war schon komisch genug. Aber warum kommt jetzt noch einer hierher?"
Ihr Blick ist starr auf ihn gerichtet gewesen. „Ich weiß es auch nicht—"
Kurz um kneift er die Augen etwas zusammen. „Wie? Sie sind doch eine Lehrerin hier! Wenn jemand Bescheid weiß, dann ja wohl sie!", unterbricht er sie.
„Tut mir leid, aber ich bin genau wie du erst letztes Jahr an diese Schule gekommen."
Nach dem Satz wendet sie seufzend den Kopf und plant zu gehen. Währenddessen starrt Haru in die Leere. Inmitten der geweiteten Iris pulsiert die Pupille im hektischen Rhythmus. Sie blickt zu ihm flüchtig nur kurz rüber, bevor sie fast von der Tür schon die Treppe hinabsteigt.
„Halt!", hatte Haru ihr fast schon befohlen. Ihre Hand war mitten an der Klinke wie festgefroren. „Wissen sie etwas über diesen schwarzen Umschlag?"
Sie hatte schwer wieder aufgeatmet und dreht ihren Kopf halb zu ihm rüber. „Ich weiß nichts davon. ...Aber wenn man logisch nachdenkt, ist Schwarz nun mal die Farbe des Pechs. Man sagt ja nicht ohne Grund ‚pechschwarz'."
Er nickte in dem Moment zwar nachdenklich, doch der Zweifel der sich in ihm wieder aufbaute, musste er irgendwie wieder in eine Frage formulieren. Vielleicht ist da was dran... aber warte...
„Warum denken sie, dass das der Grund für die schwarze Farbe bei meinem Umschlag war?"
„Intuition würd ich sagen, lieber Herr Evonar."
„Intuition? Das kann nicht sein. Sie wissen doch irgendwas. Ich bin davon überzeugt!", hatte
„Wirklich?" Sie war ein Schritt näher getreten und hatte sich leicht an den Hals gefasst. „Was macht dich so sicher, dass ich mehr weiß?"
„Na weil—", wollte Haru ansetzen, doch mitten im Satz war seine Sicht verschwommen. Seine Augen hatten angefangen, sich rasant von Punkt zu Punkt zu bewegen.
Warte... warum sehe ich die Umgebung verschwommen?! Ich seh ihre Muskeln... ihre Statur... Warum sehe ich das alles?!
Schnell blinzelnd, versucht er dieses Phänomen was er an sich zufällig ‚entdeckt' hat weg zu machen. Das schnelle blinzeln sah für außenstehende eher krankhaft als hilfreich aus. Bis er dann die Augen schließt und fest zusammenkneift, als nichts hilft. Dagegen rollt seine Lehrerin die Augen während ihre Brauen immer weiter nach unten zeigen.
„Was ist los? Hattest du keine Frage?"
Kurz um ging sie zu ihm und packte ihn an der Schulter und rüttelte ihn leicht. „Hallo?"
Schlagartig öffnet er die Augen und das merkwürdige Phänomen ist plötzlich erloschen. Es scheint, als wäre er wieder in die Realität zurückgekehrt.
Seit diesem Moment hab ich irgendwie etwas Angst vor... irgendwas. Ich weiß nicht mal wie ich das beschreiben soll ehrlicherweise. Irgendwie das war da und wieder weg. ...Aber gerade wo ich darüber nachdenke...
Damals als er die erste Erkundung von der Schule gemacht hatte mit den anderen dreien und erschöpft niedergeschlagen auf dem Boden lag, hatte er dieselbe Wahrnehmung gehabt. War das bloß Einbildung... oder verbirgt sich dahinter ein bestimmtes Muster?
Er geht schließlich dann wieder in die Klasse rein, nachdem er diese Erinnerung beiseite schüttelt. Die Stunde vergeht damit das sich alle langweilen oder schon die ersten Spiele im Browser sich angeguckt haben. Oder einfach nur Selfies mit anderen gemacht haben.
So, die Stunde ist zu ende. Wo ist der jetzt? Wo steckt dieser neue Junge jetzt?
Auf der anderen Seite des Gebäudes schließt sich der neue Junge hastig die Tür seines Zimmers auf und schlüpft hinein. Er atmet schwer, lehnt sich mit dem Rücken gegen das Holz und hält hie Klinke fest gedrückt, als würde er verfolgt werden.
Ich muss zum Zimmer. Ich brauch jemanden... Ich brauch mich... Ich brauch niemanden... Ich brauche... etwas...
Die Luft hier unterscheidet sich hier in dieser Schule zu seiner alten in fast keinster Weise. Als wäre der Wechsel nie von statten gewesen. Als wäre sein neu Anfang kein neu Anfang, sondern nur eine Erweiterung.
„Das Zimmer ist ja schön, aber... womit hab ich das verdient? Womit hab ich's verdient in diese Schule eingeladen worden zu sein?", flüstert er ins leere Zimmer hinein.
Er blickt auf seinen Arm hinab. „Bin ich wirklich so schwach? So ein Versager? Ich will doch nur, dass alle glücklich und Sorgenfrei leben können..."
Direkt neben seiner Tür schrillt die Schulglocke auf. Sportunterricht steht auf seinem Plan an.
„Warum muss ich immer in solche Situationen geraten? Warum kann ich kein Leben führen, wie jeder andere..."
Trotz der Mischung aus Trauer und Wut schleppt er sich auf den Gang. Sein Zimmer liegt genau eine Etage unter dem von Haru, sind quasi Nachbarn, ohne dass einer von beiden davon etwas ahnt. Er macht sich auf den Weg zur Sporthalle. Obwohl es noch die ersten Stunden nach den Sommerferien sind, fühlt er sich schon so, als wäre er schon am Ende.
„Die Sporthalle ist schon groß", murmelt er, „Der Gang dafür aber zu lang irgendwie."
Seit dem Haru dort ist, hat er einfach den Raum genommen der frei blieb. Da jetzt aber nun zwei von ihnen da sind, hatte die Schulleitung vor einer der Umkleiden ein Schild angebracht. Ein Raum mit Bänken für mindestens zehn Personen, den nun zwei Jungs nutzen müssen.
„Sportunterricht wird in Ordnung gehen. Da ist nichts besonderes. Es ist einfach nur Sport mit vielen Mädchen. ...Vielen... Mädchen...?"
An einem der nächsten Tage erwacht Haru ungewohnt früh. Er setzt sich an seinen Tisch im Klassenzimmer, lehnt den Kopf auf die verschränkten Arme die sich beinahe wie Kissen anfühlen. Dazu blickt er halb aus dem Fenster raus.
Heute mal ausnahmsweise früher aufgestanden... Hab gestern nicht gut schlafen können. Irgendwie hab ich wieder diese Gedanken die ich schon lange nicht mehr hatte.
Er richtet sich auf, stützt das Kinn auf die Faust und blickt hinüber zum Gebäude seiner alten Schule, das von hier aus zu sehen ist. Er gähnt kurz, doch dann blickt er irritiert auf.
Hm? Wie komisch.
Am Fenster der gegenüberliegenden Schule sitzt sein ehemaliger Kurs. Obwohl es erst 7:50 Uhr ist, blicken einige Schüler geschlossen zu ihm herüber. Anstatt überfordert zu sein, breitet sich ein Schmunzeln auf Harus Gesicht aus. Er hebt die Augenbrauen, öffnet das Fenster noch ein Stück weiter und winkte ihnen zu.
Irgendwie fühlt sich das an wie Zuhause. Auch wenn diese Mauern uns trennen, findet Verbundenheit immer ihren Weg.
Kurze Zeit später, auf dem Weg durch das Treppenhaus, bemerkt Haru den Neuen, der unschlüssig im Gang steht. Lässig tritt Haru an den Türrahmen, lehnt sich an und schattet das Licht ab.
„Suchst du was Bestimmtes?", fragt Haru ruhig. Sein Blick ist kontrolliert und auch friedlich, doch auf den neuen wirkt es völlig anders.
Die Brust des Jungen zieht sich eng zusammen. Selbst das Atmen und das gleichzeitige Pochen seines Herzens fühlen sich dadurch schmerzhafter an. Er schluckt tief, als er vorsichtig und flüchtig Haru mustert.
Was ist das für einer?! Er sieht genauso aus wie... er!
Bis er dann den perfekten Moment abwartet und um die Ecke rennt. Sofort rennt er zu der Treppe. Wohin? Ungewiss. Um der Ecke hört man nur das einer hinfällt. Fesarina mit der er zusammengestoßen ist, blickt starr und eiskalt auf ihn herab.
„Suchst du was?", fragt sie mit gleichmäßiger Stimme.
Er spürt direkt eine Last auf sich. Eine Ruhe, die sich gefährlich anfühlt. Etwas, was ihn beim bloßen Anblick direkt erdrücken lässt. Bin ich etwa in einer Schule voller Monster gelandet...?!
„N-Nein, nichts!", stammelt er schweißgebadet.
„Na dann", meint Fesarina kühl und geht an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten.
Der arme Junge sinkt erschöpft an der Wand herab. Seine Knie zittern unkontrolliert. Zwei Gestalten. Haru und Fesarina. So verschieden und doch mit genau demselben gefährlichen Blick. Wie zwei Raubtiere die sich im selben Revier eingenistet haben.
Was zur Hölle war das?! Warum... warum haben die beiden mich mit demselben Blick angesehen? Derselben Ruhe, demselben... Gefühl?
Er fällt endgültig auf die Knie und starrt mit leerem Blick nach oben an die Decke. Bin ich... in einer Schule voller Monster gewechselt...?
Bis er sich dann panisch aufrappelt und hechtet auf und davon, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter ihm nun her. Das rennen unkontrolliert, als würde er jeden Moment einfach so hinfallen.
„Ist was passiert?", erklingt dagegen eine warme und fast schon vertraute Stimme hinter seinem Rücken.
Haru dreht sich um und blickt Natsumi hinter sich. Kurz um lässt er sich etwas mehr in den Türrahmen fallen und tut die Hände automatisch in die Hosentasche.
Mit ihrer Handtasche an der Schulter hebt sie licht die Augenbraue und fragt ihm: „Suchst du was Bestimmtes?"
Er steht schnell auf und sagt: „Nein, nein!", kichert kurz nervös und klopft sich den Staub seitlich der Hose weg.
Wohingegen sie den Finger nachdenklich ans Kinn hält. Mit der anderen Hand streicht sie kurz ihre neue Strähne übers Ohr.
„Ich hab grad den Neuen weglaufen sehen. Hast du was damit zu tun?", fragt ihre Freundin aus der Klasse, die ihr entgegenkommt. Natsumi hat sie vom kurzen Nachdenken gar nicht bemerkt.
Im nächsten Mometn sieht sie sie erst. „Nein, nein!", reagiert Natsumi panisch. „Ich hab nix gemacht, das musst du mir glauben!"
Ihre Freundin kichert kurz über ihr Verhalten. „Du hast dich wirklich verändert."
„Ach ja?"
„Ja! ich weiß nicht ganz genau, wer oder was dich dazu gebracht hat, aber ich könnte mir shcon denken, wer das war."
„Jo, Natsu."
Kurz ging Haru ins Klassenzimmer rein und merkte, dass er den kompletten falschen Raum genommen hatte. Denn eigentlich hatte er eine Etage dadrüber seinen Unterricht. Er schwingt die Tasche über die Schultern und hält den einen Riemen fest.
„Ja?", dreht sich Natsumi zu ihm um. In derselben Sekunde verabschiedet sich ihre Freundin sich von ihr und geht weiter. Kurz lässt sie einen Handschlag machen, bevor sie endgültig geht.
„Weißt du wo der hin ist? Keine Lust jetzt die ganze Schule nach dem zu suchen. Obwohl ich nichts gemacht hab, haut der einfach ab."
„Hab ich nicht."
„O-kay...?"
Seine Augenbrauen verziehen sich verwirrt zusammen. Sein Rucksack, der auf seiner Schulter ruht, fällt schon fast wieder runter. „Sag mal, hab ich einen ernsten Blick, wenn ich jemanden anschaue?"
„Wie kommst du jetzt darauf?"
„Na ja... irgendwie hab ich das Gefühl, dass das der Grund war, warum er weggelaufen ist."
„Ja.", kommt es aus ihr ganz trocken raus. Ohne Filter.
„Ja? ...Du findest das auch so?!"
Ein ersticktes Schluchzen bricht aus seiner Kehle, als er kraftlos in sich zusammensackt. Es fühlt sich an, als läge seine gesamte Welt nun in Trümmern.
„Nein, nein. So hab ich das nicht gemeint."
„Ich will sterben gehen..." Die Tasche rutscht ihm von der Schulter neben ihn.
Sie fasst ihm an die Schulter und beugt sich etwas zu ihm. „Du musst dir nur antrainieren, deinen Blick etwas sanfter wirken zu lassen— zumindest manchmal. Das ist nicht so schwer", sagt sie mit einem Lächeln. „Wenn du willst, kann ich dir Übung darin geben."
„Ich glaube... das wäre am besten." Haru steht wieder auf, als wäre nichts passiert. Von einem auf den anderen Moment sind seine sorgen verschwunden.
„Apropos, was hast du gerade gehabt?"
„Bio LK. Die Lehrerin fuckt mich irgendwie übelst ab. Die denkt auch Professor."
Natsu hebt ihre Tasche vom Boden auf. „Geht mir so ähnlich. Wir machen im Deutsch Lk jetzt schon Gedichte und so."
„Also bis dann—"
„Halt. Was hast du jetzt?"
„Hm", er dreht sich um, er fasst sich kurz ans Auge während er nachdenkt. „Hab jetzt 'ne Freistunde. Danach zwei Stunden zweite Fremdsprache."
„...Schön für dich", erwidert Natsu mit einem leisen Schmunzeln und wiegt den Kopf hin und her. „Ich darf mich jetzt durch 'ne Doppelstunde Deutsch quälen."
„Mein Beileid", grinst Haru gelassen, hebt kurz zwei Finger zum Abschied und winkt ihr flüchtig zu. „Wir sehen und später auf dem Flur. Lass dich nicht stressen, hehe."
Haru fasst sich an die Stirn und denkt nochmal über den Jungen nach. Nicht, als irgendwas bösartiges, sondern an seinen Namen. Obwohl er den Namen schon ein paar Mal gehört hat, bekommt er es nicht in sein Kopf eingebrannt.
...Kairo—nein. Karye...—auch nicht... Wie hieß der nochmal? ...Ah! ...Kayra! Genau so.