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Kapitel 91 / Wer ist der wahre Feind?

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Kapitel 91 / Wer ist der wahre Feind?

Wer ist der wahre Feind?

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Nach dem kurzen Gespräch mit Natsumi dreht sich Haru um und mach sich auf den Weg in sein Zimmer. Die eineinhalbstündige freie Zeit nutzt er, um etwas zu schlafen. In den ersten Wochen ist man natürlich so stark angeschlagen nach den Ferien, dass man einfach diese freie Zeit nutzt, um sich zu entspannen, hehe.

Tasche hinschmeißen, Pyjama anziehen und Gesicht waschen. Ganz wichtig!

Während des Gesichtswaschen kommt ihn ein bestimmter Gedanke auf. Etwas, was er sich schon seit einiger Zeit fragt, aber in der selben Sekunde meistens vergisst. Er öffnet beiläufig die Duschkabine.

Warum zur Hölle brauchen Frauen eigentlich so viele Produkte?! Ich meine, Sachen wie Body Milk, Duschgel oder Schampoo für braunes Haar, das kapier ich noch irgendwie. Aber da hört es noch lange nicht auf. Hier steht noch so ein Gelée mit Kokosgeschmack. Man denkt, das war's schon? Nein, nein! Feuchtigkeit und Glanz noch... was soll das überhaupt sein? Dann noch Bodylotion mit Aloe Vera und Anti-Schuppen-Schampoo.

Aber letzteres check ich. Ich hab auch Anti Schuppen Schampoo. Aber die Sachen, die ich aufgezählt hab, SIND VON EINER PERSON! Ich schwöre, welcher Mensch braucht hier sechs oder sieben Produkte?! Bei uns Jungs ist das simpel: ein gutes Schampoo und ein Duschgel, das nach Sport riecht. Fertig. Mehr braucht man nicht.

...Hauptsache wir haben 'ne Regendusche. Hauptsache das man.

In den letzten Monaten ist sein Zimmer von dem ganz ruhigen Entspannungsresort zu einem Hotel geworden, in dem gefühlt schon die ganze Welt übernachtet hat. Hauptsache die Matratzen werden immer in dem einen Raum direkt abgestellt. Hauptsache etwas.

Er zieht die Vorhänge zu, stellt sich einen Wecker und schließt die Augen.

„Heute Abend noch trainieren irgendwie", murmelt er erschöpft in seinem Kissen. Der Gedanke an sie bringt ihn zum Schmunzeln, „Sie sieht dann immer so gut aus."

Noch bevor das Lächeln ganz von seinen Lippen verschwindet, ist er schon tief und fest eingeschlafen.

Nach genau einer Stunde schrillt sein Wecker. Müde und völlig verschlafen fummelt er unter seinem Kissen nach dem Handy. Das Geräusch allein lässt die Wut in ihm hochkochen. Die Kraft, die in dem Moment noch nicht da ist, gleicht er damit aus, dass er mit den Zähnen ganz fest aufeinander beißt.

„...Ist schon wieder Unterricht?", brummt er und lässt das Handy direkt auf seine Kommode fallen. Er dreht sich auf den Rücken und legt sich den Arm über die Augen. „Wie scheiße hab ich bitte geschlafen??!"

Er richtet sich langsam auf. Aus dem Augenwinkel bemerkt er plötzlich eine Bewegung und zuckt erschrocken zusammen.

„Was zum Teufel machst du hier??"

Freya sitzt auf dem Stuhl an der Kochinsel, kaut gelassen Kaugummi und lackiert sich die Fingernägel schwarz. „Eigentlich wollte ich dich aufwecken, aber das hat sich ja schon erledigt."

„Brauchst du doch nicht", lächelt er müde und kratzt sich am Hinterkopf unfreiwillig. „Ich bin dir schon dankbar, wenn du mich weiterhin begleitest."

„Mach ich doch sowieso immer", grinst Freya. „Also hopp, hopp!"

Sie klatscht einmal laut in die Hände und steht auf. Dann greift sie nach ihrer Tasche und dreht das Nagellackfläschchen zu.

Haru hebt die Decke und setzt sich schwerfällig an die Bettkante. Er sieht noch völlig mitgenommen aus vom tiefen Mittagsschlag.

„Los, Junge!" Sie packt ihn am Arm und versucht ihn aus dem Bett zu ziehen. Doch er rührt sich keinen Millimeter. Es ist, als würde sie versuchen, einen tonnenschweren Felsen zu verschrieben.

„Darf ich noch fünf Minuten schlafen...?", jammert er.

„Nein!"

Sie stellt sich hinter ihn und versucht ihn mit ganzer Kraft vorne zu schieben. „Steh auf! Ich hab schon oft meine Cousins so aufgeweckt, aber niemand war so schwer wie du!"

Ihre Stimme kratzt schon fast vor Anstrengung. Schließlich atmet sie schwer aus und gibt genervt auf.

„Ich warte unten auf dich. Und wehe, wehe, du schläfst wieder ein! Dann macht es patsch, patsch!", fügt sie drohend hinzu, bevor sie die Tür leise hinter sich verschließt.

Manchmal sieht sie echt selbstbewusst aus, wenn sie so was wie eben bringt...

Währenddessen Freya entspannt im Flur umher wandert und ihre anderen Freundinnen sucht, die sie im Moment nicht finden kann, läuft Lena währenddessen mit schnellen Schritten den Flur entlang. Sie laufen sich sogar entgegen ohne auch nur ein Blick treffen zu lassen. Ihr Gesichtsausdruck ist eine Mischung aus Unsicherheit und sturer Entschlossenheit.

Cleo hatte mal gesagt, dass wir einen Raum brauchen...

Da gleich schon Mittagspause ist und dann alle eine Stunde Pause haben, nutzt sie die Pause um sich nach Kayra umzusehen, dem neuen. Ob er wohl die gleichen Gemeinschaften wie Haru schließen wird? Nichtsdestotrotz ist er nun im Moment das brandheiße Thema hier.

...Warum muss ich überhaupt ständig das machen, was Cleo mir sagt...?

Plötzlich läuft ihr Yuki über den Weg. Sie wirkt wieder etwas erholter. Doch auch Lena fällt direkt die rote Strähne auf, die gepaart mit Yukis Blick beängstigend wirkt.

„Hast du kurz Zeit?", fragt Yuki über die Schulter, als die beiden schon ein paar Schritte aneinander vorbeigelaufen sind.

Lena bleibt abrupt stehen und blickt eher zur Seite, statt sich umzudrehen. Nicht arrogant, eher so, als würde sie die Präsenz sich nicht anmerken lassen wollen. „Es kommt drauf an, worum es geht", entgegnet Lena sachlich.

Nyra die das geschehen etwas von weiter weg beobachtet, verlagert ihr Gewicht auf ein Bein und spannt die eine Seite des Mundwinkels fester an. Der Blick geht ganz kurz zur Seite bei dem Anblick. Dabei atmet sie etwas tiefer durch die Nase aus.

„Ich könnte dir etwas geben", meint Yuki und dreht sich langsam um, die Hand an die Hüfte gelegt, „...etwas über jemanden."

Lena verzieht leicht ihren Mund und dreht sich um und blickt direkt in Yukis noch braunen Augen hinein. Die rote Strähne, dazu ihr schiefem Lächeln fühlt sich für Lena fast schon wie eine offene Kriegserklärung an.

„Warum redest du überhaupt mit mir?"

Sie zeigt nicht den Hauch von Interesse an den Dingen, die aus Yukis Mund kommen. Dass sie in dieselbe Klasse gehen und die meisten Kurse mit einander teilen, macht es nicht gerade besser. Zumindest bei eine von ihnen.

Die Luft zwischen ihnen wird spürbar schwerer, als würde sich eine unsichtbare Spannung im Raum aufbauen und jeden Moment abwarten sich endlich zu entladen.

„Ich brauche keinen Grund", lächelt Yuki geheimnisvoll, „Du bist der Grund."

„Yuki!", ertönt Nyras Stimme scharf aus der Entfernung. „Ich habe gesagt: nicht heute!"

Ihre Stimme klingt streng, lässt aber eine deutliche Dosis Fürsorge erahnen. Man merkt ihr an, dass sie sich Sorgen um Yuki macht. Lena hingegen verzieht keine Miene.

Yuki wirft Nyra einen Blick zu, als hätt sie gerade eine Todsünde begangen. Lena sieht das, zieht leicht die Mundwinkel und geht kaltblütig davon, das Handy fest in der Hand.

Trotz dessen bleibt Nyra standhaft stehen. Yuki läuft wortlos an ihr vorbei danach draußen auf den Hof. Sie lässt ihr hinterher, die Hoftür hinter sich ins Schloss fallen und folgt Yuki ins freie.

Später neigt sich der Schultag dem ende zu. Die meisten sind bereist auf dem Heinweg oder schon längst Zuhause angekommen. Haru hatte zwar Entfall, aber da er meistens etwas länger bleibt und oft als Letzter nach Hause geht, ist es immer entspannt.

Der Flur ist still. Außer dem leisen Summen der Deckenlampen ertönt nur seine Stimme, während er mit seinem Vater telefoniert. Ein kurzes Gespräch, das genauso schnell vorbei ist, sowie es auch angefangen hat.

Als er das Handy in die Hosentasche steckt, die letzten Schritte zur Tür macht udn sie sich öffnet, spürt er plötzlich einen Duckt an seiner Schulter. Eine Hand legt sich von hinten auf. Nicht fest, aber bestimmt genug, dass er nicht weitergehen kann.

„Sag mal...", die Stimme hinter ihm ist ruhig und intensiv. „...hast du dir je Gedanken gemacht, wer hier eigentlich der Feind ist?"

Sein Atem stockt augenblicklich. Sein Verstand schaltet auf absolute Leere, während sein körper augenblicklich einfriert und jeden Befehl verweigert. Kaum beginnt er, sich umzudrehen drückt etwas fest gegen seinen Rücken. Nicht stark genug, um ihn zu verletzen, aber deutlich genug, dass er sofort versteht: Jede falsche Bewegung hätte sofort Konsequenzen. Wegzulaufen wäre zwecklos.

„Wehe, du drehst dich um!"

Die scharfe Warnung lässt ihn augenblicklich erstarren. Die begonnen Bewegung bricht im Ansatz ab. Sein Körper spannt sich extrem an, als er schwer schluckt, um die Trockenheit in seiner Kehle zu vertreiben.

„Wenn ich mich nicht umdrehen darf...", seine Stimme klingt leise, aber leicht brüchig, „...was meinst du damit?"

„Ich meine...", die Person senkt die Stimme noch weiter, „...du kämpfst gegen ein System, das du nicht einmal verstehst. Du misstraust den Lehrern, den Schülern, sogar den Regeln hier. Aber hast du dich je gefragt, ob du selbst vielleicht Teil dieses Systems bist?"

Die Luft im Raum scheint schlagartig stillzustehen. Er blinzelt ein paar Mal, starrt fassungslos geradeaus und spürt, wie sein Herz schwer gegen dei Rippen schlägt.

„...Teil?"

„Eines Tages", sagt die Person hinter ihm, „wirst du verstehen, dass der Feind kein Gesicht trägt. Und dass es manchmal die sind, die am meisten wissen wollen, die am Ende alles zerstören."

Bis er dann spürt wie der Druck auf seiner Schulte nachlässt. Sie lässt ihn einfach los, aber die Lähmung in seinen Gliedern bleibt noch. Doch die leisen, fast unhörbaren Geräusch von Schritten, die sich rasch entfernen bekommt er noch.

„Ich hätte noch...", beginnt er noch mit leicht brüchiger Stimme und starrt weiterhin geradeaus nach draußen.

Er holt tief Luft, strafft die Schultern und dreht sich abrupt um. Er blickt im Augenblick sofort nach hinten, doch er starrt nur in die leere des Flurs hinein. Niemand ist dort. Draußen strahlt nur die Sonne auf seinen Rücken in einem goldenen Licht, doch in seinem inneren ist alles kalt geworden.

„eine Frage...!"

Doch seine Worte verhallen im Nichts. Er starrt nur in die Leere des stummen Flurs. Niemand ist dort. Draußen strahlt die Sonne in einem goldenen Licht auf seinen Rücken, doch in seinem Inneren ist es eiskalt geworden.

Aus der anfänglichen Erstarrung wird im nächsten Moment ein gewaltiger Adrenalinschub. Er geht aus der Tür, tritt aus dem Schatten des Gebäudes ins Freie und zückt im selben Atemzug sein Handy. Mit zittrigem Daumen drückt er auf das Mikrofonsymbol der Gruppe.

Die Stimme kam mir auch irgendwie bekannt vor...

„Ich glaube, wir müssen eine weitere Erkundungstour in Gang setzen", spricht er mit gedämpfter, dringlicher Stimme hinein. „Irgendwas ist klarer geworden, aber ich habe immer noch mehr Fragen als Antworten auf die ganze Sache. Mal schauen, ob wir diesmal was finden werden."

Dann lässt er seine Stimme wieder normaler klingen und sagt: Und Natsu, wir haben ja dafür extra ein bisschen geplant."

Egal... wer oder was auch immer du bist, hast mir grade wieder neue Motivation gegeben jetzt anzufangen. Die ersten Wochen sind zwar schon vergangen, aber man muss ja jetzt loslegen.

Durch den Schulhof, über den großen Parkplatz geradewegs nachhause gehen. Obwohl es noch Nachmittag ist, sind die Straßen überraschend leer. Liegt an den 30 Grad in der knallenden Sonne oder an der drückenden Hitze im Schatten?

„Vielleicht würde man dazu ‚Harus merkwürdiges Abenteuer in Lorien' sagen... oder so ähnlich.", würfelt er sich irgendwas vor sich hin, während er sich den Hoodie locker um die Hüfte bindet.