Kapitel 92 / Prioritäten
Kapitel 92 / Prioritäten
Prioritäten
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Ding!
Mika
| Ich muss mit dir was bereden
| Hast du kurz Zeit?
Haru blickt auf das Display und ein ehrliches Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Fast schon ungewohnt, das er beim Namen allein schon ein gutes Stück glücklicher wird. Gleichzeitig denkt auch Haru, dass er wieder mit ihm mehr abhängen will. Das gesamte letzte Jahr hab ich selbst meine Familie und meine alten Freunde vernachlässigt für diese Schule.
Früher hatte es kaum einen Tag gegeben, an dem sie nicht miteinander unterwegs gewesen waren.
Du
| Klar
| Warum nicht
| Wo treffen wir uns?
Sie verabreden sich im Park, genau dort, wo er nach dem Weihnachtsmarkt mit Freya war. Haru kommt als erster an. Er setzt seinen Rucksack auf den Boden und lehnt sich an die Parkbank an. Er überschlagt die Beine und stützt die Arme auf die Rückenlehne. Von hier kann man die tiefstehende Sommersonne sehr gut sehen wie es den Spielplatz in ein mattes, orangenes Licht eintauchen lässt.
Papa, ich werde wahrscheinlich später nach Hause kommen.
Es vergehen ein paar Minuten, ehe das Knirschen von Kies auf dem Weg Mikail Ankunft ankündigt. Sein Kumpel sett sich scherfällig neben ihn hin. Keine überschwängliche Begrüßung, kein Schulterklopfen. Eine dichte Stille legt sich zwischen sie, die nur vom fernen Kinderlachen auf den Gerüsten durchbrochen wird.
„Haru... darf ich dir was erzählen?", beginnt er leise. Seine Augen sind starr auf seine eigenen Hände gerichtet, die er im Schoß ineinander verkrallt hat.
„Klar, bro. Was ist los?", antwortet Haru und dreht ihm seinen Körper voll zu. Er merkt sofort, dass Mikail hier nicht ist wegen einem Smalltalk.
Mika atmet tief aus. Die Luft zittert leicht um ihn. „Es geht ja um... meine Freundin. Ich hatte dir ja erzählt, dass wir uns im Winter kennengelernt haben."
„Ja, ich erinnere mich."
„Am Anfang... Mann, am Anfang war alles perfekt. Wir haben fast täglich geschrieben, stundenlang telefoniert. In der Schule haben wir sogar versucht es bedeckt zu halten, um nicht im Mittelpunkt zu stehen. Alles schien normal. Wir haben direkt gevibet... bis der Sommer kam."
Haru schweigt und blickt mit leicht gerunzelter Stirn ihn an. Er sieht, wie sich Mikails Kiefermuskeln anspannen.
„Plötzlich... war da— eine Wand", fährt er fort, und seine Stimme wird brüchiger. „Sie antwortete spät. Erst nach drei Stunden, dann nach sechs. Manchmal den ganzen Tag nicht. Und das Schlimmste war nicht mal die Zeit, Haru. Es war die Art und Weise. Keine Erklärung, kein ‚Hey, tut mir leid, ich hatte viel zu tun'. Einfach... Nichts. Wenn ich nachgefragt habe, ob alles gut ist oder ob sie Raum braucht, hat sie das Thema ignoriert. Als wären meine Sorgen völlig wertlos für sie."
Mikail schluckt schwer, um den Kloß im Hals noch irgendwie herunterzudrücken.
„Ich habe tagelang an mir selbst gezweifelt", flüstert er. „Ich habe überlegt: Hab ich war Falsches gesagt? War ich zu aufdringlich? Man sucht die Schuld automatisch bei sich selbst, weißt du? Bis ich gemerkt hab, dass ich der Einzige war, der überhaupt noch versucht hat, diese Brücke zu halten. Nach mehreren Streits, in denen ich ihr klar gesagt habe, dass diese Gleichgültigkeit mich kaputt macht und so nicht weitergeht... kam wieder nur ein trockenes ‚okay'. Keine Einsicht. Keine Verantwortung. Da hab ich die Grenze gesetzt. Ich hab sie dann blockiert."
„Einfach so? Von Heute auf Morgen?", fragt Haru ganz vorsichtig.
„Was hätte ich sonst tun sollen?", schießt Mikail hoch. Er blick Haru jetzt direkt in die Augen. Ein Blick voller Enttäuschung, aber auch einer verzweifelten Klarheit. „Mich weiter demütigen lassen? Bitten und betteln, dass mir jemand die Aufmerksamkeit schenkt, die in einer Beziehung selbstverständlich sein sollte? Ein trockenes ‚Okay' auf ein ehrliches Geständnis ist kein Versehen. Es zeigt dir genau, welchen Wert du im Leben dieses Menschen hast. Nämlich gar keinen."
Mikail lehnt sich wieder zurück und fährt sich mit beiden Händen übers Gesicht. Seine Finger zittern leicht, doch seine Stimme gewinnt an Kraft.
„Ich weiß ja selbst nicht, ob ich das richtige getan hab", murmelt er schließlich. „Ich hab sie geliebt, Haru. Das macht's ja so beschissen."
Er lässt die Hände langsam sinken und starrt wieder auf den Boden.
„Wir hatten ja schöne Momente. Aber sie hat das alles eigenhändig entwertet. Wenn sie jetzt im Nachhinein darüber weint oder mich als Bösen hinstellt, der einfach abgehauen ist... dann ist das ihr Problem. Ich trage diese Last nicht mehr."
Haru nickt langsam. Die Worte seines besten Freundes hallen tief in ihm nach.
„Weißt du...", beginnt Haru behutsam, „manchmal denkt man, man hat jemanden gefunden, mit dem man ein Stück Zukunft baut. Und am Ende muss man sich eingestehen, dass dieser Mensch nie vorhatte zu bleiben. Sie war nur da, um für eine bestimmte Zeit irgendeinen Platz zu füllen."
Mikail bringt ein schwaches, bitteres Lächeln zustande. „Genau so. Und man muss lernen, den Unterschied zu erkennen. Ich musste es einfach jemanden erzählen... Vielleicht hilft dir das irgendwann. Passt ja irgendwie zu der Welt, in der du dich bewegst."
„Danke", sagt Haru ernst. „Echt. Bin dir dankbar, dass du mit mir so etwas privates teilst."
„ich konnte es auch sonst niemandem sagen", gibt Mikail ehrlich zu. „Die anderen hätten nur Sprüche gehabt. 'Ach, gibt andere Mütter mit schönen Töchtern' oder so ein Müll. Aber niemand versteht, wie scheiße es ist, wenn dir ein Mensch schleichend die Würde nimmt."
Die beiden stehen synchron. Ohne große Worte klopfen sie sich auf die Schulter und ziehen sich in eine feste, stumme Umarmung. Eine Umarmung unter Brüdern, die sich seit elf Jahren kennen und wissen, was der andere durchgemacht hat.
„Ich wollt dir auch noch was sagen", fängt Haru an, als sie sich voneinander lösen. „Es tut mir leid, man. Sorry, dass sich unsere Wege einfach nach den Jahren so getrennt haben und uns auch nicht mehr so oft sehen konnten."
Mikail wischt sich unauffällig eine Träne aus dem Augenwinkel und winkt ab. „Mach dir keinen Kopf. Leider passiert sowas. Ich weiß, wie's läuft."
Kurz als sie sich schon verabschieden und Haru sich schon leicht abwendet, bleibt er nach zwei Schritten aber noch einmal stehen. Der Gedanke lässt ihn nicht los.
„Glaubst du wirklich nicht... dass sie vielleicht einfach überfordert war? Dass sie vielleicht einfach keine Zeit hatte?", fragt er leise.
Mikail lacht trocken auf. Ein kaltes, kurzes Lachen.
„Haru, hör mir zu. ‚Keine Zeit' ist die größte Lüge der Welt. Niemand ist 24 Stunden am Tag so beschäftigt, dass er nicht zehn Sekunden hat, um einem Menschen, den er angeblich mag, Bescheid zu geben. Es geht nie um Zeit. Es geht um Prioritäten. Du hast keine Zeit, du nimmst sie dir für die Dinge, die dir wichtig sind. Und wenn jemand meint, es ist okay dich tagelang Ungewissen hängen zu lassen... dann muss dieser Mensch auch damit leben können, dass du irgendwann nicht mehr da bist, wenn er sich doch wieder erinnert."
Er starrt in Richtung Horizont, wo nur noch ein bisschen Dämmerung über den Baumkronen zu sehen ist.
„Vielleicht muss man genug Selbstrespekt haben, um einen Tisch zu verlassen, an dem keine Wertschätzung mehr serviert wird. Egal wie sehr man diejenige liebt."
Sie bleiben demzufolge noch etwas auf der Parkbank sitzen. Sie lehnen sich zurück und eine Stille breitet sich auf. Die Reife, die aus Mikails Worten spricht, lässt Haru viele male durch seinen Kopf drehen. Es entspringt aus tiefem Schmerz, aber sie ist wahr.
Bis dann Haru die Stille kurz durchschneidet. „Du hörst es nie auf, mich zu überraschen."
Als Haru den Park verlässt und der Wind spürbar kühler wird, blickt er noch einmal zurück. Der Himmel ist mittlerweile vollständig abgedunkelt worden. Aber in seinem Kopf ist es hell. Er muss unwillkürlich die Lippen aufeinander pressen, wenn er an das Gespräch denkt.
Du hast in deinem Leben schon viel zu viel mit dir herumgetragen. Aber... nimm diese Narbe mit. Lass dir von niemanden jemals wieder deinen Wert absprechen.
Irgendwann später an einem anderen Tag in der selben Woche sitzt Haru an seinem Küchentisch. Sein Oberkörper nach vorne auf den Tisch gebeugt. Das leise Brutzeln in den Töpfen auf dem Herz ist verstummt, doch der warme, heimelige Duft nach Gewürzen und frischem Gemüse liegt noch dicht in der Luft. Seine Mutter steht an der Arbeitsplatte und bereitet schweigend das Essen für den morgigen Tag vor. Das gleichmäßige Klackern ihres Messers auf dem Holzbrett bildet den einzigen Rythmus im Raum.
„Und? Was hast du heute in der Schule so gemacht?", bricht seine Mutter das Schweigen, ohne sich umzudrehen.
„War eigentlich wie immer", antwortet er und lässt seinen Blick über die Tischplatte gleiten. „Wir hatten ja iPads bekommen, und sonst die ersten Hausaufgaben besprochen und hab bisschen Unsinn gemacht, so Standart halt."
„Du und immer dein Unsinn.", sie seufzt. „Was gabs sonst noch?"
„Sonst... eh, ein neuer Junge ist an unsere Schule gekommen."
„Und weiter?", fragt sie weiter. Das Klackern des Messers stockt für einen kurzen Moment.
„Er ist klein, rund und hat 'ne Brille. Bestimmt kein schlechter Typ, aber ich weiß nicht..." Haru lässt den Satz einfach so im Raum stehen.
Harus Mutter hält in ihrer Bewegung inne, dreht sich leicht um und sieht ihren Sohn sanft an. „Hilf ihm doch, wenn er kein übler Kerl ist. Du wolltest doch damals auch immer Aufmerksamkeit von jemanden bekommen. Weißt du das nicht mehr?"
Er senkt etwas den Kopf, der Blick wandert auf die Flasche neben ihn. „Schon..."
„Gib doch die Erfahrung an jemand anderen zurück", sagt sie leise, mit einem Blick, der tief in seine Vergangenheit reicht. „Bestimmt macht er gerade so was Ähnliches durch wie du damals. Warum probierst du es nicht einfach bei ihm?"
„...Okay, ich schau mal, wie ich es mache.
Haru greift nach dem Glas vor sich und nimmt einen Schluck Wasser. Das kühle Nass bringt ihm für eine Sekunde Erfrischung, doch seine Gedanken drehen sich weiter.
„Worüber redet ihr denn?", ertönt plötzlich eine tiefe, vertraute Stimme.
Sein älterer Bruder steht im Türrahmen angelehnt. Der Blick geht erst auf seine Mutter, bevor er direkt auf Haru blickt. Ein schiefes Grinsen bildet sich auf seinen Lippen.
„Ach, du bist es, Ryo", sagt Haru fast nur beiläufig und stellt das Glas ab.
„Was heißt hier ‚nur du bist es'? Freust du dich nicht mich zu sehen?", stichelt sein älterer Bruder theatralisch.
Ryo schlendert herüber, zieht einen Stuhl zurück und setzt sich direkt vor Haru hin. Von seiner Größe her, verdeckt er fast die komplette Sicht auf die Mutter. Haru stützt seinen Kopf seufzend mit der Faust ab und umklammert mit der anderen Hand sein Glas.
„Eigentlich schon. Aber... mir schwirren gerade viele Gedanken durch den Kopf, wenn du verstehst."
„Okay? Was denn zum Beispiel? Geht's um deine neue Schule?— Wobei, neu kann man ja nicht mehr sagen..."
„Ja, schon", unterbricht ihn Haru schnell. „Ich hab' irgendwie viel zu tun dort."
„Ja, was denn?", fragt Ryo nach und die Geduld in seiner Stimme wird immer kürzer. Sodass er sich sogar nach vorne lehnt. „Du redest immer nur in Rätseln. Nie kannst du—"
Haru zieht leicht die Augenbrauen zusammen und gibt ihm mit einem schnellen, unauffälligen Blick Richtung Yuriko das Zeichen, leise zu sein. Er will auf keinen Fall, dass seine Mutter auch nur das Geringste von der wahren Natur der Schule erfährt.
Ryos Augen weiten sich ganz leicht vor Erkenntnis. „Ahh. Ich check."
„Hast du die Antwort bekommen, Ryo?", fragt seine Mutter von der Spüle aus, ohne die heimliche Zeichensprache bemerkt zu haben.
„Ja", entgegnet Ryo grinsend.
Yuriko wischt sich die Hände an einem Tuch ab, trocknet die Arbeitsfläche noch einmal gründlich und verlässt schließlich mit einem sanften Nicken den Raum. Das leise Klick der schließenden Küchentür hallt nach.
Jetzt brennt nur das warme, gelbliche Licht der Unterschrankbeleuchtung. Es tauch die Küche in eine dämmrige, fast geheimnisvolle Atmosphäre. Die Schatten der beiden Brüder werden sich lang über den Tisch. Kurz strecken sie ihre Ohren an die Tür und warten bis die Schritte komplett weg sind.
„Sag mal, du als Student könntest mir doch bei dieser einen Frage helfen...", fängt Haru danach an, als Ryo sich noch nicht einmal wieder zurückgedreht hatte.
„Ich denk schon. Red nicht drumherum, sag es mir!", unterbricht ihn Ryo direkt, schwungvoll wie immer.
Haru lockert seinen Griff um das Glas. „In den letzten tagen hatte mich eine Lehrerin was gefragt... irgendwas davon, dass der Feind kein Gesicht trägt. Hättest du eine Idee, was die meinen könnte?"
Ryos Grinsen verblass nach jedem Wort. Das Grinsen verwandelt sich eher in ein monotonen Gesichtsausdruck mit einem Hauch an Skepsis. „Hm... ein Feind ohne Gesicht, sagst du."
Sein Zeigefinger wandert an sein Kinn, während sein Blick nach leicht nach oben geht. Er lehnt sich langsam in seinem Stuhl zurück, die Holzlehne knarrt leise. Er überlegt kurz, die Stirn in Falten gelegt.
„Vielleicht meint sie, dass du aufpassen sollst, wen du verdächtigst oder wem du misstraust", sagt Ryo schließlich und sieht Haru wieder ernst an. „Ich meine, du warst ja schon seit der Grundschule so... wenn man's genau nimmt."
Haru verzieht das Gesicht. „...Musst du direkt wieder auf der Vergangenheit rumhacken?"
„Sorry, kleiner Mann, war keine Absicht", winkt Ryo ab, auch wenn ein Funkeln in seinen Augen verrät, dass er Haru ein bisschen aufziehen will.
„Also sagst du, ich soll...— ich check gar nicht, was du damit sagen willst."
„Guck, wir machen's von Anfang an", sagt Ryo, lehnt sich noch weiter zurück und verschränkt die Hände hinter seinem Kopf. „Also... du gehst auf die komische Schule, ja? Erst mal ganz brav, machst dein Ding. Dann fangt ihr an, Leute zu bewerte— keine Ahnung, was für ein kranker Müll das überhaupt sein soll— und am Ende wirst du noch von einem Mädchen umgeklatscht, dass doppelt so gefährlich aussieht wie du."
Haru seufzt tief und reibt sich die Schläfen. „Ich war fast k.o., ja?!"
„Jaja, fast", lacht Ryo leise auf. „Und jetzt kommt da plötzlich so eine Lehrerin um die Ecke und labert was von einem gesichtslosen Feind? Junge, was ist das bitte für eine Schule?"
„Ich wünschte, ich wüsste es." Er starrt ins leere.
„Hm... was ich vielleicht denken könnte ist... dass das vielleicht der Grund sein könnte."
Ryo verschränkt die Arme fest vor der Brust, seine Stimme wird spürbar ernster. „Vielleicht will sie dir sagen, dass du verdammt gut aufpassen sollst, gegen wen du da wirklich kämpfst. Weil du manchmal unbewusst selbst der Typ bist, der am meisten kaputt macht, ohne es überhaupt zu merken."
Die Worte hängen wie eine Last in der warmen Küchenluft. Haru öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, doch Ryo lässt ihm keine Chance und setzt direkt nach.
„Aber mal ehrlich... wofür kämpfst du dort eigentlich?", fragt Ryo ganz spontan, aber mit absoluter Bestimmtheit.
Haru hebt überrascht den Blick, die Augenbrauen springen kurz nach oben.. „Wie meinst du das?"
„Nicht gegen wen im Sinne von welcher Person. Ich meine... wofür?"
Haru lässt seinen angestauten Atem raus und spannt unbewusst die Unterlippe an. Sein Blick gleitet zur Seite. Ryo hingegen mustert ihn aufmerksam an.
„Was willst du am Ende eigentlich erreichen?", hakt Ryo weite nach.
Haru öffnet den Mund, doch kein einziges Wort kommt heraus. Sein Hals wie zugeschnürt. Ryo wartet einen Moment ab, ob doch noch etwas kommt, ehe er sich langsam zurücklehnt.
„Siehst du? Du rennst einer Sache hinterher, ohne zu wissen, was es dir bringen wird."
„Hast Recht", murmelt Haru schließlich und senkt den Kopf
Die Worte hängen von beiden in der Luft. Haru starrt ins Leere, als genau in dem Moment der Türgriff anfängt leise zu quietschen. Die Tür öffnet sich ausgerechnet jetzt, direkt nach Ryos Ansage.
„Was macht ihr die ganze Zeit? Ich höre von drüben nur Gemurmel und Gerede", ertönt eine kleine, verschlafene Stimme.
Deren Schwester steht in der Türöffnung. Sie reibt sich mit einer Hand die Augen während sie mit dem anderen Arm ihren zerzausten Teddybär fest an sich drückt. Die beiden Brüder schauen gleichzeitig zu ihr rüber, und die ernste Stimmung löst sich augenblicklich auf.
„Alles gut, kleine Schwester. Geh wieder schlafen", sagt Ryo sanft und schickt sie mit einem aufmunternden Winken zurück auf den Flur. „Ist nichts wichtiges."
Wenig später, als Haruka wieder ins Bett zurückgeht und die Brüder allein zurückgeblieben sind, bricht Ryo das Eis erneut. Sein altes Grinsen kehrt zurück.
„Wie läuft's eigentlich mit den Mädchen dort?", stichelt er und wackelt mit den Augenbrauen. „Komm schon, du bist der einzige Junge an einer Mädchenschule. Das muss doch... interessant sein."
Haru schnaubt leise, schüttelt den Kopf und kann sich ein trockenes Grinsen nicht verkneifen. „...Tja. Wenige mögen mich, manche hassen mich immer noch, und wieder andere gehen mir einfach komplett aus dem Weg."
„Man sagt ja eigentlich, dass Jungs dort wie Könige behandelt werden", lehnt sich Ryo weiter vor, die Ellenbogen auf dem Zisch aufgestützt. „So richtig... Idol mäßig. Der eine Typ, auf den jedes Mädchen steht. Wie in so 'ner Serie."
Dagegen lehnt sich Haru langsam in seinem Stuhl zurück. Er greift nach dem Wasserglas, zieht es zu sich heran und blickt einen langen Moment nachdenklich in die transparente Flüssigkeit, in der sich dämmrige Schranklicht durchscheint.
„Einen romantisierten Harem oder so was sucht man bei mir vergeblich", sagt Haru leise. Seine Stimme klingt erstaunlich abgeklärt. „Verlangen oder Durst in dieser Hinsicht kenne ich ehrlich gesagt überhaupt nicht. Die Wahrheit ist eher... das es eher wie ein Terrarium ist. Jeder denkt, er kennt dich, aber in Wahrheit kennt niemand irgendwen."
Dazu hebt er das Glas an die Lippen und nimmt noch einen tiefen, langsamen Schluck. Das kühle Wasser rinnt seine Kehle hinunter, während Ryo ihn schmunzelnd beobachtet.
„Also bist du enttäuscht deswegen?", grinst sein Bruder.
„Ich sag mal so, wenn es so gekommen und ich ein König wäre, würde ich freiwillig und dankend zurücktreten."
Ryo bricht in ein lauteres Lachen aus und klopft einmal kräftig auf die Tischplatte. „Okay, okay! Dann bist du einfach du selbst geblieben. Gut so."
Das Lachen verhallt langsam unter ihnen. Für ein paar Sekunden hört man nichts. Das Summen des Kühlschranks fühlt sich auf einmal laut an. Ryo zieht schmunzelnd immer noch die Mundwinkel nach oben, doch Haru bleibt still. Er dreht das Wasserglas langsam zwischen seinen Fingern hin und her, während sich die Heiterkeit im Raum wieder legt.
„Ey, Ryo... eine Sache noch, bevor du wieder bald ins Wohnheim fährst."
„Was los?"
„Pass bisschen auf sie auf"; sagt Haru leise und starrt auf sein Glas. „Als ich letztes Mal nicht da war, hab ich gemerkt, wie allein sie sich gefühlt hat. War mein Fehler... aber behalt sie einfach etwas im Auge, ja?"