Kapitel 93 / Ein Muster dahinter
Kapitel 93 / Ein Muster dahinter
Ein Muster dahinter
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„Scheiße, ich hab nur noch 85 Reputation! Was mach ich denn jetzt?!", panikt eine Schülerin mitten auf dem Gang aus.
„Haruki! Da drüben!", zischt ihre Freundin mit dem Pony panisch. Sie packt das Mädchen am Arm und stürzt sich auf Haru zu, bis sie ihm fast den Weg versperren.
„Haruki, bitte! du hast immer noch volle 100 Punkte! Sag uns, was wir tun müssen! Wenn wir weiter absacken, sind wir geliefert!"
Ihre Augen stehen weit offen, verzweifelt und voller Panik. Haru nimmt es nur mit einem unbeeindruckten Blick wahr. Sein Kopf ist voll mit seinen eigenen Pflichten die er heute noch abarbeiten muss. Aber inzwischen schleicht sich auch ein unkontrollierter Gedanke hinein.
Einige sind in den letzten Tagen schon rausgeflogen, weil ihre Reputation schon auf null gefallen war... Für eine ganz bestimmte Person war das sicher extrem schmerzhaft. Für Yuki... hm?
Er macht keine Anstalten stehenzubleiben und weicht ihnen aus, doch die Mädchen heften sich wie Zecken an seine Fersen.
„Hörst du uns überhaupt?! Wir fliegen hier sonst raus!", schreit eine von ihnen und greift fast nach seinem Ärmel.
Bis dann Haru schlagartig stehen bleibt. Seine Augen verengen sich gefährlich, als er sich zu ihnen umdreht. „Schnabel zu! Geht mir nicht auf die Nerven!"
Die Schärfe in seiner Stimme lässt die beiden zusammenzucken. Er lässt sie einfach stehen, schüttelt genervt den Kopf und geht weiter in Richtung zum Schulhof. Als er die Treppen neben sich schon sieht, taucht wie aus dem Nichts eine schattige Gestalt in seinem Augenwinkel auf.
„So geht man also mit hilflosen Damen um?", fragt sie mit einem feinen, undurchdringlichen Lächeln und sieht den flüchtenden Mädchen nach.
Haru mustert sie beiläufig von oben bis unten. Er lässt sich nicht einschüchtern, hebt stolz sein Kinn an und entgegnet scharf: „Von 'ner Hexe brauch ich mir bestimmt nichts sagen zu lassen."
Er tut seine Hände in die Hosentasche und blickt sie mit einem gleichgültigen fixierten Blick an. Anstatt beleidigt zu sein, schmunzelt Fesarina nur und geht sie langsam einen Halbkreis um ihn herum.
„Wenn Hexen schön aussehende Personen sind, die Typen wie dich in die Schranken weisen, dann nehme ich das gerne als Kompliment."
Sie tritt einen Schritt näher. Ihre Haltung ist spielerisch provokant, ohen die geringste Spur von Angst vor ihm. Harus Augen springen kurz sichtlich auf. Dieses unerwartete irritiert ihn. Doch anstatt weiter sich darauf einzulassen lehnt er sich leicht zurück und sagt:
„Ich nehme an, du beobachtest mich schon länger."
„Was? Ich doch nicht. Wie kommst du dadrauf?"
Er lacht trocken auf. „Sag niemals nie. Und ich würde trotzdem darauf wetten, dass du jemanden im Hintergrund hast, die es für dich macht."
Ein kurzes Zucken gleitet über ihre Lippen. „Vielleicht. Aber es wäre doch langweilig, wenn ich nicht selbst sehen könnte, was hier passiert."
Haru nickt kaum merklich, als würde er die Information gedanklich direkt schon abspeichern. „Okay, merk ich mir. Macht die Sache wenigstens etwas spannender."
Sie lacht leise auf. „Dann bin ich ja gespannt, wie lange du brauchst, um das Muster dahinter zu erkennen."
Haru geht ein paar Schritte weiter und neugt den Kopf leicht zur Seite. „Ich erkenne Muster schneller, als du denkst."
„Wirklich?" Sie tritt ihm erneut nah, ihre Augen funkeln in dem Licht. „Dann überrasch mich doch."
Er hält kurz inne, wendet sich ab und steckt die Hände wieder tief in die Taschen. „Mach was du willst. Ich hab eh genug zu tun."
„Gilt für mich genauso. Ich hab nämlich auch noch was vor...", sagt sie, während Haru ihr bereits den Rücken zudreht und sich schon ein paar Meter entfernt. „...falls es dich interessiert: Es geht um die Schule."
Haru friert mitten in der Bewegung ein. Sein Fuß bleibt millimeterweit über dem Boden hängen, bevor er ihn langsam absetzt.
Die Schule... hallt es augenblicklich in seinem Kopf wider. Was meinst du damit? Weißt du was darüber? Über das was hier läuft...?
Seine Aufmerksamkeit ist schlagartig zu hundert Prozent gefordert. Er merkt, wie sein Herzschlag einen kurzen Aussetzer macht, doch er versucht krampfhaft, sich nach außen hin nichts anmerken zu lassen. Er will ihr nicht das Gefühl geben, dass sie ihn so leicht an der Angel hat.
Langsam dreht er den Kopf über die Schulter und schaut sie aus den Augenwinkeln an. Kurz atmet er tief durch die Nase, um die aufsteigende Anspannung zu kaschieren.
„Denkst du wirklich, ich falle auf so was Banales rein?"
„Tja, was soll man machen, wenn du gegenüber allem und jedem hier so krankhaft misstrauisch bist?", zieht sie ihn auf.
Haru beißt sich auf die Zähne. Sein Misstrauen schwindet nicht, aber die Neugier gewinnt die Oberhand. Er gibt nach. Sofort breitet sich auf ihrem Gesicht ein siegessicheres Lächeln aus.
„Nehmen wir mal an, du weißt wirklich irgendetwas über diese Schule... Warum willst du mir das ausgerechnet erzählen?", hakt er weiter nach.
„Einfach aus meiner Laune heraus", winkt sie ab. „Man muss ab und zu mal eben ein paar Dinge ausplaudern."
Haru zieht eine Augenbraue hoch und schnaubt verachtend. „Verarschen kann ich mich allein. Verschwende nicht meine Zeit du Hexe."
Endgültig dreht er sich um und lässt sie stehen. Sie sieht ihm nur noch mit einem Schmunzeln nach. Sie weiß ganz genau, dass sie etwas geschafft hat, ganz egal, wie gleichgültig er sich nach außen hin gibt.
Am anderen Ende des Flurs ist Kayra unterwegs. Seit einer Woche beobachtet er dieses Gebäude und versteht die Welt nicht mehr. Die lange Architektur, die vergoldeten Verzierungen, die kühle, fast schon sterile Atmosphäre, alles wirkt auf ihn weniger wie eine Schule und mehr wie ein— Kayra weiß nicht mal wie er es beschreiben könne.
„Und hier drüben befinden sich die Räumlichkeiten für die Sonderprüfungen", ertönt eine ruhige, aber kraftvolle Stimme.
Frau Nevara, die Direktorin hier für ihn komplett durch das Komplex. Kayra nickt steif, die Hände in den Taschen. Er fühlt sich in ihrer Gegenwart unwohl. Ihre Blicke durchbohren ihn bei jedem Wort, als würde sie etwas machen wollen.
„Sie müssen sich erst noch an die Abläufe gewöhnen, Herr Sulvar", fährt die Direktorin fort, während sie gemeinsam die breite Treppe hinabsteigen. „Hier gelten andere Regeln als an gewöhnlichen Schulen. Aber ich bin sicher, sie werden ihren Platz finden."
„Wenn sie meinen...", brummt Kayra schon. Eher ein Irrenhaus als eine Schule, denkt er sich, behält es aber lieber für sich.
Genau in diesem Moment kommt ihnen Haru aus der entgegengesetzten Richtung entgegen. Seine Hände stecken tief in den Hosentaschen, der Blick starr nach vorne gerichtet. Aber es sieht aus, als wäre er im Moment nur halb da. Als Frau Nevara ihn erblickt, bleibt sie unvermittelt stehen und ein Lächeln legt sich auf.
„Ah, perfekt. Ausgerechnet der Herr, den man am seltensten greifen kann", sagt Frau Nervara. Sie macht einen Schritt auf ihn zu und streckt ihm direkt die Hand entgegen. „Hallo. Wie geht's dir?"
„Keine Zeit", sagt Haru eiskalt, ohne auch nur einen Schritt langsamer zu werden. Er zieht nicht einmal die Hände aus den Taschen und läuft einfach an ihrer ausgestreckten Hand vorbei.
Kayra reißt erstaunt die Augen auf und bleibt stehen. Ist der gerade wirklich einfach an ihr vorbeigelaufen?!
„Weißt du eigentlich noch, wer ich bin?", fragt Frau Nevara, während ihre Stimme merklich bedrohlicher wird. Sie lässt die Hand langsam sinken und dreht sich zu ihm.
„Natürlich weiß ich, wer sie sind... Direktorin Nevara." Er dreht seinen Kopf nur minimal über die Schulter.
„Du weißt genau, wozu ich imstande bin, oder?", setzt sie nach und fixiert seinen Rücken mit einem durchdringenden Blick.
„Ich habe keine Zeit für sie. Ich habe einen wichtigen Termin, auf den ich mich vorbereiten muss", entgegnet Haru ohne die geringste Spur von zögern aufzuzeigen. „Und sie stehen gerade nicht auf meiner Prioritätenliste. Vielleicht mal wann anders."
„Hast du deine Manieren vergessen, Herr Evonar?", ruft Frau Nevara ihm hinterher, ohne ihre Fassung zu verlieren.
„Keineswegs", antwortet er ruhig über die Schulter. „Also... wenn sie mich entschuldigen, ich bin weg."
Haru dreht daraufhin seinen Kopf wieder nach vorne und hört ihr gar nicht mehr zu, was sie zu sagen hat. Er presst die Lippen aufeinander, verzieht es und denkt nach, während der gleichbleibende leere Gang fast schon dabei hilft.
Was soll ich heute zum Abendessen machen...?, geht es ihm völlig unbeeindruckt durch den Kopf. Könnte mir zwar fünf Rühreier machen, aber das esse ich schon fast jeden Tag. Ich brauch irgendwie mal ein bisschen Abwechslung... Vielleicht koch ich heute was... oder Freya und Jeanne sollen was machen.
Er atmet tief aus. „Vielleicht fällt mir mit dem Basketball etwas ein", murmelt er vor sich hin.
Währenddessen starrt die Direktorin dem davongehenden Haru nach. Ein gefährliches Misstrauen liegt in ihren Augen. Dann wendet sie sich schlagartig an Kayra, der den Moment völlig perplex, beinahe unheilvoll.
„Weißt du, was mit ihm los ist?", fragt sie streng und durchbohrt Kayra mit ihrem Blick.
Kayra zuckt nur mit den Schultern. „Nö."
Dagegen denkt er innerlich: Warum führt der sich gegenüber ihr so krass auf? Ist letztes Jahr irgendwas passiert das der so reagiert...?
Bis zum Ende der Pause hat sich die Nachricht, wie abneigend und respektlos Haru die Direktorin mitten auf dem Gang abgewimmelt hat, bereits wie ein Lauffeuer in der gesamten Schule verbreitet.