Kapitel 94 / Leise Schritte, laute Herzen
Kapitel 94 / Leise Schritte, laute Herzen
Leise Schritte, laute Herzen
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Die Schuhe fest geschnürt. Die bordeauxfarbene Mütze tief ins Gesicht gezogen.
Yuki atmet tief ein, während der kalte Morgenwind durch die Straßen fegt. Jeder Schritt hallt leise wider, als würde die Welt ihr lauschen.
„Es wird mal Zeit, meine Dämonen zu jagen", murmelt sie leise, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem sonst.
Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, und die Straßen glänzen nass vom gestrigen Regen. Kein Mensch weit und breit. Die Stadt schläft noch. Nur ihr Atem löst sich in kleinen, weißen Wolken vor ihrem Gesicht auf.
Wenn ich stark genug wäre... wenn ich die Anerkennung bekomme, die ich brauche... dann war all das bisherige Leid nicht umsonst.
Jeder Schritt ist präzise und kontrolliert, ein fester Rhythmus aus Atmung und Abstoßen vom Boden. Kein Zorn, keine blinde Wut überkommt sie. Nur das leise Brennen in ihrer Brust treibt sie weiter voran.
Ihr Ziel für die heutige Einheit ist es, so lange zu laufen, bis ihr Bauchgefühl ihr mitteilt, dass es genug ist. Die parkenden Autos am Straßenrand ziehen langsam an ihr vorbei. Ein paar Busse, die um diese Uhrzeit schon unterwegs sind, kreuzen ihren Weg. Yuki lächelt schwach.
In diesem Moment huscht zwischen zwei Autos eine graue Katze auf den Gehweg. Das Fell ist etwas zerzaust, aber die Augen sind aufmerksam, die Ohren gespitzt. Sie bleibt beim Anblick des kleinen Tieres stehen.
„Hey", flüstert sie. „Na, Kleines?"
Behutsam streckt sie ihre Hand aus. Die Katze weicht erst vorsichtig zurück, schnuppert kurz an ihren Fingerspitzen und drückt dann sanft ihren Kopf gegen Yukis Hand. Sie beginnt, die Katze vorsichtig zu streicheln.
Plötzlich wird sie von ihren eigenen Gefühlen bewältigt. Trauer, Angst, das Verlangen nach Nähe und ein Hauch Erleichterung brechen auf einmal aus ihr heraus. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, die Brust zieht sich schmerzhaft zusammen und sie muss schwer schlucken.
...Warum muss mir das alles passieren?
Sie streichelt das Tier weiter, fast schon automatisch, als müsse sie sich an etwas festhalten. Mit der freien Hand zieht sie Mütze noch tiefer ins Gesicht, als könne sie sich so vor der ganzen Welt verstecken. Die ersten Tränen tropfen in den dicken Stoff.
Was ist nur aus mir geworden...? Warum... warum fühlt sich alles so leer an?
Anstatt dagegen anzukämpfen, lässt sie sich einfach auf den Boden sinken. Die Katze kommt noch näher, schmiegt sich eng an sie und schnurrt leise, während sie ihren Kopf an Yukis Arm reibt. Sie kann die Tränen nicht mehr zurückhalten und drückt das kleine Wesen vorsichtig an sich.
„Hauptsache... jemand ist da", flüstert sie mit gebrochener Stimme. „Du hast keine Ahnung oder... was du gerade getan hast."
Das Tier blinzelt die träge und stupst mit der feuchten Nase gegen ihre Jacke, als würde es jedes Wort verstanden haben. Hastig wischt sich Yuki über die Augen. Sie hasst es, wenn man sie schwach sieht, selbst wenn niemand da ist.
„Ich kann dich nicht einfach hier lassen", murmelt sie mit einem vorsichtigen Lächeln.
Sie richtet sich langsam auf. Der Morgen ist etwas heller geworden. Ein erstes Grau schiebt sich zwischen den Häuserwänden hindurch.
Die Katze neigt den Kopf. Yuki zieht den Reißverschluss ihrer Jacke ein Stück auf. Aber sie zögert. Ihr Blick wandert die leeren Straßen entlang, als würde sie erwarten, dass jemand kommt und ihr sagt, sie soll es lassen.
„Komm mit mir", flüstert sie schließlich.
Sie kniet sich wieder hin und hält die Jacke weit offen. Die Katze zögert einen Herzschlag lang setzt eine Pfote vor die andere und schlüpft schließlich Schutz suchen an Yukis Brust.
„Mit jemanden an meiner Seite, macht die ganze Sache noch viel mehr Spaß.", sagt sie immer noch gerührt, als würde sie gleich wieder anfangen zu weinen.
Schließlich setzt sie sich wieder in Bewegung. Ihre Schritte sind nun langsamer, bedachter. Sie dreht um und macht sich auf den Rückweg. Sanft streichelt sie im Gehen immer wieder über den kleinen Kopf der Katze. Als das Tier leise miaut, kann Yuki ein kurzes Lächeln nicht mehr verkneifen.
Später am Tag sitzt sie im Unterricht. Die Tasche neben ihr, den Blick halb auf den Boden gerichtet. Die Lehrerin erzählt etwas vorne, womöglich eine Aufgabe, was sie in dem Moment nicht bemerkt. Sie sieht dagegen draußen auf dem Flur nur aus ihrem Sichtfeld, das Freya sich gerade mit Lena unterhält. Sie spürt sofort ein merkwürdiges Ziehen im Magen.
Sie blickt weiter auf beide ein, ohne der Lehrerin zu zeigen, dass sie unaufmerksam ist, doch ein unangenehmes Gefühl bleibt zurück.
„Warum fühle ich mich eigentlich immer so... außen vor?", murmelt sie leise vor sich hin, während die Sonnenstrahlen durch die hohen Fenster fallen und lange Schatten auf den Boden werfen.
„Yuki! Yuki!"
Sie blickt überrascht auf. Ein kleiner Funke Hoffnung keimt in ihr auf, vielleicht lehnt sie doch nicht jeder hier ab. Sie nimmt sich fest vor, das Beste aus dem restlichen Tag zu machen. Während Yuki versucht, wieder festen Boden unter den Füßen zu fassen, bereiten sich andere bereits auf ihre ganz persönliche Jagd vor.
Wo draußen schon das goldene Licht der Straßenlaternen auf dem nassen Asphalt anfängt sich zu spiegelt, herrscht im inneren des Raumes eine angespannte Stille.
Er und die anderen stehen bereit. Die knöchellangen Umhänge sind vorne fest verschlossen, an ihren Gürteln hängen aufgewickelte Seile. Niemand spricht laut. Die Atmosphäre ist hochkonzentriert.
Harus Augen blitzen vor Entschlossenheit. Neben ihm wirkt Natsumi extrem wach und angespannt, während Freya mit verschränkten Armen an der Wand lehnt, als würde sie das alles kaltlassen.
Er will mir irgendwas sagen, denkt Freya genervt. Starrt der mich schon die ganze Zeit an und kaut an seinen Nägeln.
Währenddessen unterhalten sich Natsumi und Haru mit gedämpfter Stimme über die bevorstehende Tour.
„Bist du wirklich in der Stimmung dafür? Du siehst irgendwie müde aus", flüstert Natsumi ihm zu.
„Mir ging's noch nie besser. Brauchst dich nicht um mich zu sorgen."
Freya dagegen im anderen Ende des Raumes verengt die Augen und blickt ihm starr von der Seite an. Er spürt den Blick, dreht sich in der selben Sekunde zur Seite und fragt: „Ist was, Freya?"
Zeitgleich klappt Jeanne sie ihren Rechner auf und nimmt die letzten Einstellungen vor. Aug dem Bildschirm prangt das Programm mit dem 3D-Modell der Schule. Alle drei Etagen inklusive jedes einzelnen Raumes hat sie akkurat nachgebaut.
Als aber Freya ihn nicht zurück antwortet und seine Worte in der Leere des Raumes verstummen, hebt Haru seinen Kopf kurz zur Jeanne links von ihm rüber. Ein kurzer Seitenblick geht zu ihr runter. Ich hoffe wirklich, das war keine unnötige Arbeit für dich, geht es Haru durch den Kopf.
Jeanne schließt das Mikrofon an ihren Laptop an und überprüft die GPS-Tracker der drei auf ihrem Bildschirm. Drei rote Punkte blinken langsam in der obersten Etage. Selbst beim drehen des 3D-Modells bleibt alles bei der Stelle stehen. Keine Fehler oder sonstige Beschwerden.
„Wenn ihr bereit seid, könnt ihr loslegen. Von meiner Seite aus ist alles bereit.", sagt Jeanne in den Raum.
Sie setzt ihre runde Brille auf und bindet sich die Haare rasch zu einem leichten Zopf zusammen. Obwohl es so eine alltägliche Geste ist, stockt ihm für einen Herzschlag der Atem. Er erstarrt kurz bei ihrem Anblick.
„Stimmt was nicht?", fragt sie sofort und schaut zu ihm hoch.
Haru schüttelt hastig den Kopf, um aus seiner kurzen Trance ihr gegenüber zu erwachen. Doch genau in dem Moment, als Haru die Tür öffnen will, schaltet sich Freya ein. Er lässt die Hand nicht von der Türklinke wandern und blickt nach rechts zu ihr hin.
„Ich hab das Gefühl, dass du mir was sagen willst", durchbricht Freyas Stimme den Raum. „Was ist es?"
Er seufzt, als er unbewusst fester um die Klinke greift und sie halb runterdrückt. „Können wir das nicht ein andermal besprechen?"
„Nein!", stampft Freya auf den Boden. Natsumi und Haru zucken kurz zusammen. Jeanne verschränkt sitzend die Arme und bleibt fürs erste Stumm.
„Ich will, dass du es mir jetzt sagst!", befiehlt Freya ihm fast schon. Sichtlich genervt von seinen ständigen Blicken.
Er schluckt kurz und muss sich geschlagen geben. Kurz grübelt er fieberhaft nach, wie präzise er es ausdrücken kann, ohne sie direkt zu beschuldigen, oder im schlimmsten Fall zu beleidigen.
„Okay, wir haben ja anscheinend noch Zeit... Nun ja, ich habe dich in letzter Zeit oft mit Lena gesehen—"
„Aha?", unterbricht Freya ihn in einem herablassenden Tonfall.
„Du hast immer so einen... bösen Blick drauf, wenn du mit ihr redest oder an ihr vorbeigehst. Hat das einen Grund?"
„Du siehst echt alles, hm?", entgegnet sie verärgert. Freya versucht krampfhaft, ihre Genervtheit nicht zu offensichtlich zu machen, um die Teammoral kurz vor der Erkundung nicht weiter sinken zu lassen. Doch das ist schwerer als gedacht. „Tja... vielleicht erinnert sie mich einfach an jemanden, den ich eigentlich für immer vergessen wollte."
Sie dreht sich sofort von ihm weg und starrt mit verschränkten Armen zur Tür.
„An jemandem? Wen meinst du damit?", fragt er mit leicht verzogenem Mund. gedanklich geht er durch, ob er in den letzten Tagen irgendetwas falsch gemacht hat. Die anderen beiden tun so, als würden sie sich überhaupt nicht beteiligen wollen. Natsumi spielt an ihren Haaren herum und Jeanne blickt starr auf ihren Bildschirm.
„Können wir jetzt endlich loslegen? Ich langweile mich schon", bricht Freya die Stille wiedermal. Ihr Tonfall ist weiterhin abweisend und von einer leichten Spottlust durchzogen. Der Blick bleibt fest auf die Tür gerichtet, die Hand bereits an der Klinke.
...das und jetzt—
In diesem Moment nähert sich Natsumi ihr, lehnt sich ruhig neben der Tür an die Wand und versucht, sie zumindest ein wenig zu beruhigen. Währenddessen geht Haru kurz rüber zu Jeanne. Er streicht über die Tischkante und merkt sofort, dass auch Jeanne etwas auf dem Herzen liegt.
„Ich weiß wirklich nicht was sie meint.", sagt Haru zu ihr leise rüber. Jeannes einzige Antwort ist ein Kopfschütteln während sie immer noch auf den Bildschirm schaut. „Wenn dich was stört, sag es einfach", spricht er sie ganz entspannt und mit ruhiger Stimme an.
Sie richtet sich leicht auf und flüstert in sein Ohr rein. Als würde sie direkt Harus Satz ignorieren oder gar nicht erst gehört haben. Doch ihr Blick ist entschlossen, als würde sie es wirklich eiskalt durchziehen wollen.
„Findest du's nicht ein bisschen albern, in solchen Kleidungen durch die Schule am Abend rumzulaufen?"
In Harus Kopf zieht sich kurz alles zusammen. Seine Gesichtszüge entgleisen ihm für einen Moment. Er wirft ihr einen Seitenblick zu, während er die Worte verarbeitet, den Mund leicht geöffnet, die Pupillen verengt.
„ich hab dir doch gesagt, das ist cool", raunt er zurück. An seinem Tonfall merkt man sofort, dass es ihm eigentlich leicht peinlich ist, er aber gleichzeitig verdammt viel Spaß daran hat, so etwas auszuprobieren. Im nächsten Augenblick steht er wieder ruhig und entschlossen da. „Ich mag es einfach, Dinge zu tun, die mir Spaß machen. Das ist mein Motto!", fügt er stolz hinzu.
Jeanne blickt kurz hinüber zur Tür und sieht, dass Freyas Laune durch Natsumis Anwesenheit schon viel besser wirkt. Ihre Körpersprache ist etwas gelöster und ihr Gesichtsausdruck deutlich fröhlicher als noch eben, als sie abgewandt zur Tür gestarrt hatte. Haru bemerkt die Veränderung ebenfalls und blickt kurz zu Jeanne, die ihm mit einem ganz kurzen Nicken zustimmt.
„Also, meine Herrschaften. Ich bin bereit, wenn ihr es seid!", bricht Jeanne schließlich die zweier Unterhaltungen. Ihre Stimme klingt deutlich enthusiastischer. Das Strecken der Arme und das deutliche Knacken ihres Nackens machen ihr Vorfreude nur noch deutlicher nur noch deutlicher.
Haru tritt nach vorne an die Spitze und blickt Freya an. Zu Jeanne macht er eine schnelle Handgeste, einen Kreis mit den Fingern und zwei Deutezeichen zur Tür.
„Also gut. Dann macht euch auf den ab", sagt Jeanne schließlich, während die drei durch dei Tür austreten.