Kapitel 95 / Gefühlte Gefahr
Kapitel 95 / Gefühlte Gefahr
Gefühlte Gefahr
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Als sie alle leise die Tür geschlossen haben, steckt Jeanne die Ohrhörer von ihrem Rechner ab und stellt den Funk auf den Lautsprecher. Sie läuft kurz zum Kühlschrank rüber um sich ein Getränk zu holen. Selbst auf dem kurzen Weg, der nur ein paar Meter weit ist, hat sie ein merkwürdiges Bauchgefühl.
Haru will Geheimnisse lösen. Ich will endlich mehr sein als diejenige, die nur im Hintergrund sitzt. Freya kämpft für ihn. Natsu versucht, sich selbst etwas zu beweisen.
Als sie den Kühlschrank öffnet und ihr kaltes Getränk darin entnimmt, wo sich schon Kondenswasser außen angesammelt hat, denkt sie immer noch nach. Als würde ihr Kopf eine Erleuchtung oder zumindest einen Weg vorgeben wollen.
Ich will nicht mehr die dritte sein. Ich will, dass man mich sieht. Aber wenn meine Funktion es ist im Hintergrund zu agieren, dann muss ich eben die Stärker hinter den Kulissen ausnutzen und unschlagbar werden. Jeden Schritt von der neuen Tour werde ich beobachten, lernen, besser zu werden.
„Irgendwie hab' ich grad richtig Motivation."
Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden wirft sie das Glas hoch und rollt nach vorne. Sie fängt sich auf die Hände, die Füße in der Luft. Während den paar Metern die sie vorwärtsläuft, balanciert sie das Glas perfekt. Ein kurzer Schwung, ein Knick in den Knien, und schon fliegt das Glas wieder hoch. Sie dreht sich zu einem schnellen Salto, fängt das Glas sicher mit den Händen. Kein Tropfen verschüttet.
„Fast schon lächerlich, wie leicht das ging.", murmelt sie, steckt sich den Strohalm in den Mund und nimmt einen Schluck von dem blau-pinken Getränk. Ein selbstsicheres Zwinkern folgt.
„Ohlalá, hat ja doch geklappt.."
Mit einem weiteren Schwung setzt sie sich an ihren Rechner. Die Gardinen neben ihr zugedeckt und die Duftkerze vor ihr ruht. Der Geruch von Vanille ist schon lange nicht mehr riechbar für sie. Gepaart noch mit dem Drink erhofft sie nur das beste für sie alle.
„Zurück an die ‚Arbeit'."
Entspannt setzt sie sich die Ohrhörer wieder auf. Dass von den dreien bisher nichts bei ihr ankam, beruhigt sie auf den ersten Blick. Dennoch ist ein ganz kurzes Ziehen in der Brust bemerkbar. Sie drückt den Kopf zum Entstummen und ihre Stimme ist wieder da.
[„Test Test. Seid ihr noch da?"]
„Jo.", antwortet Haru.
Bei ihm läuft es nicht gerade anders. Er bekommt schon seit dem sie rausgelaufen sind in kurzen Abständen Rückblenden im Kopf, was er vor den Ferien mit Natsumi geplant hatte. Als noch die Sonne hochstand und sie gerade noch neu angefangen hatten mit dem planen.
„Wenn immer jemand auf den Fluren ist, wie sollen wir denen ausweichen, ohne das wir gesehen werden?", fragte sie ganz spontan, aber voller Ernst und Vorsorge.
„Wir denken jetzt mal so, Natsu."
Er steckte ganz intuitiv einen Zettel an die Wand mit einem Strichmännchen. Ganz intuitiv und zufällig. „Diese Person ist quasi jemand der jede Nacht auf den Gängen patrouilliert."
Sie nickte. Haru fuhr fort, als er sie im Augenwinkel wahrnahm. „Wir können ja versuchen die Umgebung zu nutzen.", als er dies sagte, holte er zeitgleich drei Bilder aus dem nichts heraus. Daraufhin klebte er die an und redete weiter.
„Hinter Spinden, Klassenräume, und eben so große Räume wie die Mensa, Aula, oder die Bib usw. kann man benutzen als Versteckmöglichkeit."
„Inwiefern Mensa und die Aula?", fragte Natsumi, als sie ihre Hand auf ihre Schulter legte.
„Die Räume sind ja zum Glück 24/7 offen. Und weil die besagten Räume auch so groß sind und viele Stühle dort sind, könnte man dort sich perfekt verstecken. Aber nur theoretisch. Ob das wirklich so ist muss man gucken."
„Ja?—"
„Und das andere ist... die meisten Räume haben ja zum Glück immer zwei Türen. Eine Vorne am Pult und eine hinten."
„Okay klingt logisch.", sagt Natsu
„Gehen wir jetzt davon aus, dass wir in einer äußerst schlimmen Position sind wo fünf Leute auf uns zukommen: Dann können wir Ninja style mäßig an der ersten Tür rein, auf dem Boden bis zur zweiten Tür kriechen und dann wieder raus.", sagte er.
Als Haru von Natsumi an der Schulter angestupst wird wacht er wieder auf von seiner kleinen Trance. Freya lauert ein bisschen weiter um der Ecke hinterm Spind. Er lächelt schief etwas unsicher und denkt die ganze Zeit dabei noch.
Ich hoffe wir haben sorgfältig geplant vor den Ferien. Es muss doch irgendwas in dieser gottverdammten Schule geben, was ich— meine Gruppe, und auch die anderen Schüler nicht wissen. Es kann nicht ohne Grund so eine komische Atmosphäre hier sein.
„Lasst runter gehen.", sagt er leise in den Ohrhörer. Falls was passiert das ihre Kommandeurin es im Ernstfall Bescheid weiß. Freya rückt langsam mit dem Blick nach vorne zu ihnen rüber. Geduckt mit bedachten und langsamen Schritten.
„Wenn hier nichts ist, dann lass uns mal eine runter gehen.", sagt Freya spontan. Ihre Stimme leicht zittrig und etwas Wut, was Natsumi sofort bemerkt. Haru bemerkt es allerdings nicht. Ob es am Flüstern liegt, lässt sich schwer sagen.
Zu dritt laufen sie zu der Treppe, die direkt in die untere Etage führt. Haru vorne, die beiden Mädchen rechts und links hinter ihm. Die Schritte bedacht und präzise. Wie geübte Ninjas. Haru blickt kurz über die Schulter und bemerkt, wie sich die Schatten der Objekte in der spärlichen Beleuchtung bewegen.
Ein leises Knistern, vielleicht ein Lüftungsgitter oder einfach die alte Decke, lässt ihn innehalten. Freya spürt es ebenfalls, ein kleines Prickeln im Nacken, als hätte sie jemanden im Rücken.
„Komisch...", flüstert sie, kaum hörbar. Natsumi zieht die Schultern hoch, die Augen weit geöffnet, während sie sich umsieht. Kein Geräusch, außer ihren eigenen Atemzügen. Das Nuscheln kommt bei beiden an. Verwundert blicken sie die Treppe hinauf. Haru lehnt sich ans Geländer, mit verschränkten Armen und Beinen. Die Luft überraschend leicht und still.
„Was jetzt?", fragt Freya.
„Bisschen chillen schadet nie.", antwortet Haru ganz trocken. Fast schon ironisch, ohne es ironisch klingen zu lassen.
„Denkst du das ist richtig, in so einer Situation?", fragt ihm Natsu ehrlich. Freya verlagert unbewusst ihr Gewicht auf ein Bein, und Haru legt beide Hände aufs Geländer.
„Habt ihr eigentlich auch das Gefühl gehabt, dass euch beim Rauslaufen... etwas am Rücken gepackt hat?"
Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, und doch hallt sie seltsam am Geländer.
Freya runzelt die Stirn ungläubig, als hätte sie sich verhört. „Was meinst du?"
„Keine Ahnung...", sagt Haru leise. „Als hätte jemand oder irgendwas uns beobachtet. Nur ein... kurzer Moment. Kaum zu greifen."
Ein kalter Luftzug zieht hinter den beiden Mädchen durch den ganzen Gang. Natsumi zuckt zusammen und schaut über die Schulter, als könne sie etwas erkennen.
„Jetzt spinnst du aber, oder?", flüstert Natsumi. Ihre Stimme zittert leicht, obwohl sie versucht, ruhig zu wirken. Doch sie umarmt Freya leicht und blickt pansich um sich herum.
„Es ist wirklich keine Zeit für Witze!", platzt es fast aus Freya heraus. Jedoch geht sie mit Natsumi vorsichtig einen Schritt zurück und sucht blickend in den dunkle Gang, aus den sie hergekommen sind.
„Ich habe nichts gesehen... aber...", sie schluckt. „...irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir nicht alleine sind."
Wäre Natsumi nicht zu Freya gegangen, hätte sie womöglich ihre Antwort als Gewalt gezeigt. An ihrer Miene sieht man das sie trotzdessen sie zittert Haru grimmig anguckt. Sie denkt womöglich an den Satz, was Haru immer sagt: Wir haben keine Geheimnisse voreinander.
[„Ihr bewegt euch schon seit einer Weile nicht mehr. Ist was passiert?"]
Jeannes Stimme klingt verwundert und fast schon fürsorglich in der Situation.
„Unser Mister Besserwisser mag es wohl Inhalte dosiert wiederzugeben.", antwortet Freya direkt. Der Blick fest auf Haru fixiert das ihn kurz aus der entspannten Trance rausholt. Jedoch versucht er es immer noch runterzuspielen.
„Ach, das ist doch nichts."
„Pass bloß auf, dass du nichts weiteres mehr verheimlicht.", sagt Freya in einem extremst ernsten Ton. Der Blick von ihr durchlöchert ihn schon fast allein.
„Sag uns es doch!", fügt Natsumi noch dazu, als die beiden zusammen Arm in Arm vor ihm nach unten gehen. Haru kratzt sich den Kopf und weiß nicht mal was er falsch gemacht hat. Als würde es so gefährlich werden, wenn auf einmal eine kalte Welle rauskommt. Aber bei dem Gedanken muss er selber mal kurz grübeln. Denn vielleicht ist da wirklich dran.
[„Spiel diesmal nicht den coolen, hast du gehört?"]
Jeannes Stimme kommt ebenfalls Energisch rüber vor leichter Wut. Danach kommt sie näher ans Mikrofon und redet langsam, aber jedes Wort schneidet ihn schlimmer als Freyas ernster Blick.
[„Wenn du nochmal etwas unüberlegtes tust, dann wirst du sehen was passiert!"]
Seine Nackenhaare sind aufgerichtet bei der Ansprache. Nichtsdestotrotz läuft er mit ihnen nach unten. Freya und Natsumi schon bereit um weiterzumachen. Haru läuft ganz gelassen die Stufen runter, als würde in seinem Körper keine Masse mehr sein, lässt er seine Füße auf die jeweilige Stufe fallen.
Mal schauen, mal schauen.
„Wir gehen weiter.", sagt Freya ganz aus dem nichts, als sie Haru aus dem Augenwinkel herabsteigend sieht. Als würde sie nun die Führung übernehmen wollen.
In der gleichen Zeit beobachtet Jeanne auf ihrem Rechner, wo sich die drei jeweils befinden. Die Flure auf der Karte sind gerade, steril, leer. Aber Harus Truppe sehen etwas anderes. Die Gänge scheinen länger zu werden, je länger sie gehen.
Natsumi löst sich von Freya, bleibt jedoch ganz nah bei ihr. Haru läuft ein bisschen vor. Gemeinsam gehen sie den nächsten Gang entlang. Die Luft ist noch überraschend still und die Gänge sehr frei von jeder Menschenseele. Genau so wie in einer normalen Schule nach Nachmittag.
Ich habe irgendwie ein ungutes Gefühl seit der Treppe. Irgendwas fühlt sich hier falsch an.
Er blickt fast schon analysierend von Ecke zu Ecke, von Seite zu Seite, aber nichts. Alles ganz normal. Aber je weiter sie gehen, desto stärker wird das Gefühl. Bis sie dann aufeinmal stehen bleiben.
„Hast du was herausgefunden?", fragt Haru sehr neugierig und etwas verunsichert. Sie zögert allerdings ganz kurz mit dem Blick nach hinten bevor sie ihn antwortet.
„Ich habe irgendwie das Gefühl das der Gang länger wird, oder bilde ich es mir nur ein?"
Haru runzelt leicht die Stirn und blickt in die Ferne. „Ich glaube—"
Danach reibt er sich sofort die Augen. Denn nach hinten haben sie schon einen weiten Weg zurückgelegt. Normalerweise ist der Gang niemals so weit entfernt wie jetzt.
„Nach hinten ist der Weg normal geblieben.", fügt noch Freya hinzu. „...Aber nach vorne hin, wird er immer länger, warum auch immer. Hast du das schon bemerkt?"
„Jetzt gerade schon.", sagt er trocken. Und von dieser Bemerkung schlägt ihn Natsumi kurzerhand auf den Kopf. „Wie kannst du in so einer Situation so emotionslos sein?!", brüllt sie schon fast leise.