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Kapitel 96 / Unwirkliche Schritte

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Kapitel 96 / Unwirkliche Schritte

Unwirkliche Schritte

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„Das war doch nicht extra.", murmelt er und stöhnt leise vor sich hin.

Der Schlag von ihr ist perfekt auf seinem Hinterkopf platziert gewesen. Absolut zielgenau. Selbst mit ihrer Dosierung hat es ihm ordentlich wehgetan.

Sie ist herbe Stark...

Kurz schüttelt er den Kopf, um den Restschmerz entgegen zu wirken. Beide beugen sich tief, während Freya mit der Hand am Griff ihres Stabes geduckt nach vorne läuft. Der Blick starr und konzentriert. Sie lässt sich keinen zweiten Gedanken entstehen.

„Was ist hier los auf einmal?", murmelt Freya zu sich selber. Die Augenbrauen leicht nach unten gezogen. Die Hand jederzeit bereit zu ziehen. Ihre Ohren sind gespitzt und läuft wie eine Raubkatze lautlos über den Flur.

[„Vielleicht liegt es an dem neuen Schuljahr oder so"] sagt Haru über Funk zu ihr, als sie sich schon außerhalb der Reichweite seines Flüsterns bewegt hat.

„Pssht!", zischt sie sofort zurück. Im selben Moment hört Freya über den Ohrhörer erneut einen dumpfen Schlag auf den Kopf, gefolgt von einem unterdrückten Schmerzgeräusch..

Irgendjemand, will mit uns hier spielen hab ich das Gefühl. Irgendjemand...

Sie bleibt stehen und hält die Hand hinter sich, um den anderen zu signalisieren dort zu bleiben wo sie jetzt sind. Sie blick sich weiter um. Freya fasst die Wand an, ob dort etwas unechtes ist, jedoch ist dem nicht so. Nichts als der weitere Gang. Obwohl sie schon ein paar Meter zurückgelegt hat, fühlt es sich an, als wäre sie stehen geblieben.

Haru sagt das er einen kalten Stoß gespürt hatte... aber warum ich nicht...? Und Natsu auch?

Zudem reibt sich Haru noch immer die Stelle an seinem Kopf. Der Schmerz pulsiert dumpf nach. Freya ist schon weit voraus. Das der Gang länger ist, ist kein Geheimnis für alle drei. Aber Haru merkt das nicht nur der Gang länger oder vielleicht auch enger wird. Er kann es nicht genau sagen.

„Pass auf, und blick dich auch um.", er lässt sich loslösen von Natsumi. „Versuch ein bisschen tief einzuatmen, ich bin hier bei dir."

Haru folgt ihr, die Augen hin— und herwandernd, jede Bewegung der Umgebung beobachtend. Etwas passiert mit den Gängen. Ohne das Freya es bemerkt. Es ist kein Trick seines Blicks. Kein Schattenspiel.

„Freya...", flüstert er. Sie dreht den Kopf kaum, ein ungeduldiges „Was?" kommt zurück, knapp, scharf, kurz.

„...findest du nicht, dass..." Er bricht kurz ab, um sich zu vergewissern das es Real ist was er sieht. Kurz blickt er nach hinten. Das Ende des Ganges, es ist nur noch halb zu sehen. Wie vom Raum selbst verschluckt.

Zitternd folgt Natsumi ihm. Sie fasst an seiner schwarzen Kleidung, fast schon als wäre er ein Anker, ohne ihn sie zurückfallen würde. Wohingegen Freya kurz stehen, die Hand hinter sich signalisiert die beiden es ebenfalls. Kurz überprüft sie nochmal die Wand. Alles echt. Und doch wirkt alles anders.

Haru schluckt schwer. Ein kalter Stoß überrascht ihn sowohl auch Natsumi von hinten. Nichts echtes. Fast schon wie ein subjektiver Luftstoß. Sie haben das Gefühl das sie etwas sehen, was man nicht sehen dürfe.

„Das... ist unmöglich", murmelt Natsu zu Haru und den Ohrhörer. Ihre Stimme zittert. Haru wirft ihren Arm über seine Schulter und trägt sie schon fast. Die arme wird bald wahrscheinlich ohnmächtig spürt Haru.

Die Luft wird dicker, fast schon elektrisierend. Haru merkt wie sein Herz schneller schlägt. Freya lässt die Hand fallen, knöpft den Mantel auf bis zum letzten und lässt den Stab leicht aus der Scheide. Ihr Atem ist schneller, aber auch etwas flacher.

[„Sie sollen kommen"] flüstert sie. [„Wenn die Schule uns verarschen will... soll sie ruhig kommen!"]

Beide sehen Freya an, wie ihre Augen blitzen, entschlossen, unerschrocken. Und trotzdem eine leise Furcht liegt darunter. Haru atmet tief ein, spürt immer noch die leichte Wärme von Natsumi. Die Herzschläge fast im selben Einklang.

Doch dann, in einem Wimpernschlag, ist alles wieder wie zuvor. Die Gänge normal. Die Wände gerade. Doch in ihm brennt das Wissen. Seine Finger zittern leicht. Nicht stark genug, dass es jemand bemerkt, allerdings stark genug das er es bemerkt. Die Luft wieder normal. Kein Druck mehr auf der Lunge.

Es war real... Wenn ich es nicht verstehe, kann ich es nicht kontrollieren.

Sein Blick wandert noch einmal über die Wände. Alles wirkt stabil. Berechenbar. Fast schon zu ruhig.

Regeln. Es muss Regeln geben. Alles hat Regeln.

Ein leises, kaum sichtbares Zusammenpressen seines Kiefers bildet sich mit dem Gedanken: Ich werde sie finden!

Sein Herz schlägt noch immer schneller als es solle. Sein Körper hat darauf reagiert. Und sein Körper würde nicht lügen. Für einen Sekundenbruchteil hat er das Gefühl, als würde der Gang zurückstarren. Nicht sichtbar. Nicht greifbar.

„Und zu deiner Bemerkung Natsu.", murmelt er zu ihr, die schon wirklich fast ohnmächtig geworden ist. „Leider zeigen Karten nur was man ab 'nem bestimmten Zeitpunkt gesehen hatte. Nicht, was man noch sehen wird."

Haru hebt Natsumis Beine, stützt ihren Rücken und rennt lautlos zu Freya rüber. Freya richtet sich auf. Der Rücken von ihr schon leicht schmerzt von dem ganzen beugen. Kurzerhand zieht sie ihre Kapuze runter.

„Lass uns kurz warten und Jeanne die Lage schildern.", schlägt Haru vor. Haru stellt die bewusstlose Natsu sanft auf den Boden. Ihr Gesicht schräg nach unten zeigend, fast wie in der stabile Seitenlage.

„Das können wir auch gleich machen.", versucht Freya abzuweisen. Sie versucht schon direkt weiter zu laufen.

Er greift sofort Freyas Arm, bevor sie direkt schon losrennen will. „Warte!"

Harus Stimme wird rauer, mehr wütend, ohne jedoch sich von seinen Gefühlen kontrollieren zu lassen. „Was ist los mit dir? Hab ich dich vorhin verletzt, oder warum bist du so drauf?"

Sie weiß selbst nicht, warum ihr Herz so rast. Stillstehen fühlt sich falsch an. Aber weitergehen ebenso. Aber warten heißt das sie nicht mehr die initiative eingreifen kann. Infolgedessen senkt Freya den Kopf direkt danach. Dann lehnt sie sich kurz gegen ihn, ein stilles Zeichen von Vertrauen. Harus Herz beruhigt sich wieder, seine Stimme wird weicher.

„Unüberlegt irgendwohin zu stürmen wäre Selbstmord."

Er packt sie sanft an den Schultern und sieht ihr fest ins Gesicht. Allerdings kann sie Haru nicht mal in seine Augen blicken. Dagegen beißt sie sich auf die Lippe. Als er kurz wartet, seufzt er leise. „Ich glaube, das ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür."

Er lässt sie los und geht mit gewohnt aufrechter Haltung zum Wasserspender, der nur ein paar Meter weiter an der Wand steht. Mit leicht über die Schulter erhobenem Kopf sagt er im ganz normalen Tonfall in den Ohrhörer: „Wir müssen ja unser Dornröschen wieder aufwecken."

Ganz entspannt füllt er Wasser in einen Becher, als könne ihnen hier überhaupt nichts passieren. Er blickt auf den Becher, der sich langsam füllt. Die kurze Atempause die er bewusst spürt, lässt ihn etwas beruhigen. Das Gefühl einer Vorfreude erfasst ihn.

[„Wir wär's mal das du hinter dir guckst, ob da jemand ist?"] sagt Freya etwas genervt und mit verschränkten Armen auf ihn. Ihr Fuß tippt ungeduldig auf dem Boden.

Als Haru den Becher entnimmt lächelt er gediegen. „Du bist doch da. Ich vertraue dir."

Mit dem Becher in der Hand steht er vor Natsumi, er hebt die Hand, das Freya sich nicht einmischen solle.

„Hast wahrscheinlich jetzt auf einen Kuss gewartet, aber ich bin eher der Typ: ‚Eiskalte Dusche aus dem Becher'."

Direkt danach schüttet er das kalte Wasser gezielt auf ihr Gesicht. Wie wiederbelebt holt Natsumi tief Luft und schreckt panisch auf. Ihr schnelles Atmen und das wilde Umherblicken lassen sie für eine Sekunde zweifeln, ob das eben alles nur ein Albtraum war.

„Guten Morgen! Ich habe deinen Schönheitsschlaf unterbrochen... du sahst einfach zu gut aus, ich musste nachhelfen.", sagt er zwinkernd.

„Bist du eigentlich komplett bescheuert?", flucht Natsumi durchnässt.

„Vielleicht manchmal, hehe.", entgegnet ihr Haru. „Also los, genug geschlafen meine Liebe.", teilt er den beiden klatschend zu. Natsu blickt mit offenem Mund und kurzem zucken auf. Sie reibt sich ihr Nasses Gesicht trocken mit ihrem Stirnband, bevor sie aufsteht. Freya ist schon direkt hinter ihm.

„Hab ich was passiert, das die beiden wieder gut zu einander sind????", murmelt Natsumi, als sie ihr Stirnband stark auswringt.

Als sie den Ohrhörer drückt sagt sie Jeanne sofort alles Bescheid was passiert war. Allerdings hatte Haru schon davor ihr alles klar und präzise geschildert. Natsumi fühlt sich als würde sie einen großen Teil der Tour einfach verpasst, oder übersprungen haben.

„Biste ready?", fragt Haru, als sich Freya mit ihm fast synchron umdreht. Daraufhin hebt er seine gebeugt über dem Kopf und dehnt seine Schulter. Direkt danach zieht er seine Schulterblätter nach hinten.

„Habe voll Rückenschmerzen bekommen vom ganzen Ducken."

„Wir doch auch.", sagt sie mit erhobener Augenbraue mit Seitenblick noch dazu.

„Sollen wir 'ne Stretchingroutine machen?", sagt er ganz trocken aus dem Nichts, ohne sie dabei anzusehen.

„Bist du eigentlich Geistesabwesend?", schimpft Freya mit gerunzelter Stirn und verzogenem Mund. Als Natsu sich den beiden wieder anschließt, stellen sich beide neben Haru.

„War nur Spaß. Lass uns weiter umsehen."

„Aufeinmal wieder ganz die alte Freya... hm?", murmelt Natsu diesmal leise genug, das Haru und Freya davon nichts mitbekommen.

„Na dann los! Auf in Runde zwei!", ruft Freya leise.