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Kapitel 97 / Spät dran

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Kapitel 97 / Spät dran

Spät dran

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„Na dann los!", ruft Freya leise.

Sie gehen zusammen zur Treppe und wollen wieder in die nächst tiefere Etage gehen. Laut ihnen gibt es nichts mehr oben. Obwohl hier scheinbar alles normal wirkt, verstärken die leicht zusammengekniffenen Augen aller drei das unheimliche Gefühl, dass der Spuk noch lange nicht vorbei ist.

„Aber...", sagt Natsumi an. Ihre Stimme zittert noch immer.

Freya die wieder vorne ist, dreht sich kurzerhand um und spürt die verängstigenden Blicke von ihr. Dahingegen blickt Freya wieder Haru an und lächelt kurz, bevor sie ihren Blick wieder zu Natsumi wechselt.

„Hab dich nicht so", sagt Freya ganz entspannt. Etwas zu entspannt. Mit einer tänzelnden Bewegung greift sie nach Harus Arm und beugt sich zu Natsumi rüber.

„Wir haben doch 'nen furchtlosen Mann an unserer Seite... nicht wahr?"

Ihre Finger schließen sich fest um seinen Arm. Ein kleines bisschen zu fest. Haru blinzelt verwirrt. Natsumi ebenso. Als müssen sie ihre Augen wieder neu fokussieren müssen. In Haru steigt ein merkwürdiger Gedanke auf: Warum fühlt sich das gerade... so falsch an?

„Wenn du wieder die Alte bist, dann... meinetwegen.", sagt er mit dem Blick in die leere. Der Blick abweisend von Freyas starrem Blick.

Demzufolge ohne ein weiteres Wort packt Natsumi seinen anderen Arm auch klammernd an. Das leichte zittern der beiden kommt sofort bei ihm an. Ab diesem Punkt, spürt er gleichzeitig die Paranoia von der allgemeinen Situation und zugleich die warme Nähe der beiden. Es sind fast zu viele widersprüchliche Empfindungen für einen einzigen Moment.

„Dann will ich aber auch, dass du kein Rückzieher machst, hörst du? Mach deinen Job!", zischt Natsumi mit ängstlichem Blick nach vorne. Ihre Finger krallen sich fester an seinen nackten Arm.

Die beiden Mädchen ziehen ihn bereits mit sich mit, noch bevor er richtig daruaf reagieren kann. Frea hat den Kopf leicht an seine Schulter gelehnt, während Natsumis Blick starr und fixiert auf den Gang vor ihnen gerichtet ist.

„Ich würde nur loslaufen, wenn ihr mich loslässt.", bringt Haru heraus. Seine Stimme ist kaum mehr ein kraftloser Hauch. Mehr Luft als Ton was über seine Lippen hervor tritt.

„Nö."

„Mach dich doch nicht so.", sagt Freya mit bestimmter Stimme. Ihre Energie überträgt sich fast schon von Körper auf Körper.

Nichtsdestotrotz läuft er mit den beiden die Treppe hinunter. Selbst die einzelnen Treppenstufen fühlen sich wie ein eigenartiger Kampf an mit zwei Zusatzgewichten links und rechts.

Wenn jetzt etwas passiert, kann ich mich nicht bewegen. Wenn jetzt etwas kommt, kann ich nicht mal mich selbst beschützen, geschweige denn— Wenn jetzt etwas kommt...

Die eine ist zwar wieder normal, und die andere ist naja... ich weiß nicht, ich will's auch nicht verstehen.

„Unser Retter in der Not.", triumphiert fast schon Freya in die Stille der unteren Etage. Fast flüsternd, aber hört sich so laut an, als würde sie in einem Megafon gesprochen hat. Ohne das sie es bemerken verschieben sich ein paar Schatten neben ihnen. Soweit alles still und lautlos.

Haru beißt sich auf die Zähne und lässt seinen Blick unauffällig zu den Seiten wandern. Dadurch denkt er: Warum muss ich ausgerechnet ich immer derjenige sein, der den Stabilen und Unerschütterlichen imitiert...?

„War wohl doch keine gute Idee, keinen Mantel mitzunehmen.", platzt es unbewusst aus ihm raus. Kurz nur laut gedacht und ab ist der Satz aus dem Mund schon rausgeflogen. Daraufhin entscheidet er sich ohne die Zustimmung der beiden den Weg den er mit ihnen jetzt geht. Selbst bei seiner Bemerkung haben sie nichts gesagt, sodass er dies schon als Zustimmung wahrnimmt.

Wenn die sich so sicher fühlen, dann meine Güte, sollen sie sich an mich anheften...

Die ersten Schritte läuft er wieder bedacht, bevor es danach wieder schon automatisiert wird vom Körper. Zu dieser Gelegenheit steckt er seine Hände in die Jogginghose und läuft weiter mit ihnen den fast schon endlosen Gang.

[„Meine süßen wie ist gerade der Status?"]

„Wir haben—", fängt Haru an, bis Freya direkt dazwischen redet: „Es läuft ‚gut', sag ich mal ganz vorsichtig. Wir hoffen kneten und beten das alles weiterhin normal bleibt."

[„Alles klar."]

„Warum gehen wir eigentlich nicht zurück?", fragt Natsumi aus dem nichts. Ihre Situation hat sich etwas verbessert. Zumindest spürt Haru nicht mehr den stechenden anhaltenden Schmerz an seinem Arm.

„Passt doch. Es ist doch wieder alles—"

Ein Schlag durch sein Gehör. Ein ‚Badum!', viel zu laut, viel zu nah. Sein Herz trommelt, jeder Schlag ein eigener Schmerz, immer schneller, bis es sich anfühlt, als wolle es seine Brust sprengen.

„Alles was?", ruft Freya, blickt ihn sofort an. Natsumi direkt hinter her.

Harus Kehle zieht sich kurz zusammen, ein Zittern in seinem Blick. Die Welt um ihn herum beginnt zu flimmern. Sein Blickfeld verblasst. Alles wird grau und farblos. Nur die Mädchen leuchten noch in ihren satten Farben, wie zwei kleine Anker in einem Meer aus Nebel. Er blinzelt ununterbrochen, versucht die Kontrolle zu behalten, doch die Realität scheint ihm zu entgleiten.

„Hast du was?", fragen sie vorsichtig, bereit, ihn loszulassen.

Seine Sinne sind schärfer, gleichzeitig überreizt. Jeder Atemzug, jedes Rascheln der Kleidungm hedes Herzschlagen, alles gleichzeitig. Ein Gefühl, als würde die Welt selbst gegen ihn pulsieren.

Und dann, so plötzlich wie es kam, normalisiert sich alles wieder. Die Grauschleier verschwinden, die Farben kehren zurück. In den paar Sekunden hatten seine Pupillen sich wohl ganz verkleinert.  Fast wie bei einer Katze. Die Herzen aller drei Pochen. Er spürt wieder ganz deutlich den festen Druck der Finger, die sich an ihm klammern.

„Geht's dir wirklich gut?"

Freya sieht ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an, die Hände an der Hüfte.

„Ja... ja, alles okay", murmelt Haru, spürt aber, dass seine Stimme ein Hauch ist, dünn wie Papier. „Nur... komisch, das war kurz."

„Kurz?", fragt Natsumi und legt den Kopf schief, während sie seine Reaktion beobachtet. „Das sah gar nicht nach kurz aus... dein Blick, deine Pupillen..."

Er schnaubt leise, halb belustigt, halb genervt. „Hat sich nichts geändert. Nur... meine Sinne waren kurz etwas überreizt, warum auch immer."

Freya tut einen Schritt näher, legt ihre Hand auf seine Schulter. „Du musst dich vor uns nicht zusammenreißen. Wir halten zu dir, okay?"

Haru nickt nur, stumm, und spürt kurz die Wärme der Geste, fast beruhigend, fast verunsichert zugleich.

„Ich schwöre, wenn du jetzt umfällst, besorg ich mir 'nen Eimer", murmelt Natsumi, halb ironisch, halb besorgt.

Haru muss kurz lächeln, eine kleine Geste, die er selbst kaum bemerkt. „Keine Sorge. Lasst uns weiter."

Und so setzen sie sich wieder in Bewegung. Unbewusst klammern die beiden sich wieder an ihm und zittern dann im Moment wieder leicht. Er lässt es sich diesmal nicht anmerken und läuft den abknickenden Gang entlang.

Haru spürt wie sich die Luft verändert, je näher er sich den Gang nähert. Es ist schwerer, kühler, und die Luftfeuchtigkeit ist selbst spürbar stärker.

Was zur...

Dort, mitten im Flur, sitzt ein kleiner Junge auf dem Boden. Nicht älter als acht Jahre. Die Beine unter den Körper gezogen, den Rücken zu ihnen gewandt. Auf dem Boden vor ihm liegt ein kleines Sammelsurium aus Spielsachen, die in einem schwachen Lichtschein einer kleinen aufgestellten Nachttischlampe glitzern.

„Sehe ich schon wieder Geister...?", flüstert Haru, obwohl er instinktiv den Ton so leise hält, dass selbst der Junge ihn kaum hören kann. Die eine versteckt sich beim Anblick hinter ihm, während die andere sich vorsichtig bedacht dem Kind sich nähert.

Freya bleibt abrupt stehen, die Hand leicht vorsichtig erhoben. „Kleiner... was machst du hier?"

Allerdings keine Reaktion. Nur das leise Klicken der Holzspielzeuge, die der Junge zwischen den Fingern dreht. Haru spürt, wie sein Herz wieder schneller pocht. Etwas stimmt hier wieder nicht.

„Wie bist du hierher gekommen?", fragt er leise, aber bestimmter. Seine Stimme halt fast in dem endlosen, schiefen Gang. Die Arme schon bereit sich zu verteidigen.

Natsumi tritt einen Schritt vor, die Schultern angespannt. „Wir sollten vorsichtig sein... irgendwas stimmt nicht."

Trotz alldem nimmt sich Haru seinen ganzen übrigen Mut in seinem Körper hockt sich langsam und bedacht hin. Auf Augenhöhe mit dem Kind beugt er sich, die Hände locker, aber auch etwas verspannt auf den Knien. „Ich frage dich noch einmal: Wie bist du hierher gekommen?"

Der Junge rührt sich nicht. Erst ein leises Rascheln dann ein Kopf, der sich schrägt nach oben dreht. In dem Moment scheint sich das Wetter selbst vom ruhigen zu einem stürmischen Wüten zu steigern. Seien Augen— dunkel, zu intelligent für sein Alter— leuchten im Licht der Lampe. Ein Funkeln, das ihn einen kalten Schauer über dem Rücken jagt.

„Du bist spät dran", sagt der Junge mit einer Stimme, die klar und überraschend fest klingt. Kein kindliches Gekicher, keine Unsicherheit. Nur Wissen und Ernsthaftigkeit.

Diese Worte bringen Haru so derart aus dem Konzept, dass er nach hinten stolpert und auf den Rückseiten auf seinen Beinen landet. Seine Deckung ist für einen Moment komplett offen. Als Freya es sieht zieht sie instinktiv den Stab der wie ein Schwert geschnitzt wurde. Sie hebt es über ihre Schulter, bereit, falls er sich bewegt. Daneben Natsumi das Lasso gespannt.

Steh schnell auf! Schießt es ihm durch den Kopf.

Für einen Herzschlag passiert nichts. Der Junge bleibt sitzen Kein Angriff. Kein Zucken. Nur dieses ruhige Atmen.

„Beweg dich bloß nicht!", murmelt sie mehr zu sich selbst, als zu ihr oder dem klein Kind. Ihr Augen glühen vor unkontrollierter Angriffslust.

Haru hebt in der letzten Sekunde die Hand, um die beiden zu beruhigen, doch er selbst spürt die Spannung in seinen Knochen.

„Was hast du gesagt?", fragt er mit verengten Augen, das Herz immer noch durchschlagend. Der Atem so schnell wie nach einem Sprint.

„Spät dran... mit dem Finden", wiederholt der Junge, ohne mit dem Blick abzuwenden.

Die Lampe wirft lange, unheimliche Schatten an die Wände, und für einen Moment scheint der Gang sich wieder zu verschieben. Kein Geräusch im Gang, nur der ganz dumpfe Luftzug von draußen erfasst die Stille ein wenig. Nur die drei und das Kind befinden sich hier. Haru spürt, wie sich seine Sinne noch einmal schärfen, fast wie nach dem Flimmern von vorhin.

„Haru...", flüstert Freya, ihre Stimme ein Hauch, „Was geht vor?"

Er beißt die Zähen fest zusammen, die Hände ballen sich fast unmerklich, während er versucht, das Kind einzuschätzen. Instinktiv kommt der Gedanke, was er beobachten kann, oder was er analysieren soll in dieser obskuren Situation.

Ohne eine weitere Interaktion dreht der Junge sich nicht weiter, spielt leise mit seinen Holzfiguren. Doch Haru spürt den Fokus. Eine Präsenz, die größer wirkt, als sie sein sollte.

Natsumi tritt unruhig auf der Stelle. „Ich halte das nicht mehr aus...", wimmert sie mit Tränen in den Augen.

Völlig überwältigt von der Angst schnellt ihre Faust nach vorne, sie will die Bedrohung einfach wegschlagen. Doch sie kommt nicht weit.

Ein Schatten bewegt sich hinter ihr. Schneller als ihr Gedanke. Ein harter Griff. Ein Ruck. Ihr Arm wird blitzschnell nach hinten verdreht, der Körper instinktiv auf den Boden gedrückt. Ein ersticktes Keuchen entweicht ihr.

„Bleib ruhig!", zischt Freya dicht an ihrem Ohr. Ihr Blick ist weiterhin starr auf den Jungen gerichtet. Sie hält Natsumi mit einer Hand am Boden fest, während sie den Stab in der anderen Hand kampfbereit umklammert hält.

„Mach, was du tun musst, Haru."

Freya Stimme ist angespannt. Aber Stabil von jeglicher Unvernunftheit.