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Kapitel 98 / Stille Jagd

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Kapitel 98 / Stille Jagd

Stille Jagd

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Haru nickt stumm. Der Gang wirkt in dem Blick wieder länger. Und in der Mitte all dessen sitzt der Junge, ruhig, still— und doch so unheimlich wissen, dass selbst er nicht weiß, wie er damit umgehen kann.

Kurz versucht er sich Klarheit zu verschaffen, obwohl er in dem selben Wimpernschlag überwältigt werden könnte, riskiert er es trotzdem. Er zwingt seine Gedanken zur Ordnung.

Ein Kind kann das hier nicht verursachen. Nicht die verschobenen Wände. Nicht die enger werdenden Gänge. Nicht dieses leise Pulsieren in der Luft, was ich immer noch in meinen Schläfen spüre.

Instinktiv gleitet seine Hand ans Kinn. Der Blick schärft sich, verlässt den Nebel, fixiert auf dem Kind, das unschuldig vor ihm spielt. Währenddessen muss schon Freya die Maßnahme ergreifen Natsumis Mund mit ihrer Hand zuzuhalten.

Das passt nicht zusammen. Und doch sitzt es da. Wie, als ob es der Mittelpunkt wäre. Ein Anker. Oder wie etwas, das nur so tut, als wäre es harmlos. Das er die verschobenen Wände und versetzten Gänge ausgerufen hat, ist auch nicht plausibel genug. ...Aber was kann der Auslöser dafür sein?

Sein Blick wandert über die kleinen Schultern, das schmale Genick, die reglose Haltung. Keine Zittern. Keine Unsicherheiten. Nur Geduld. Als er weiter grübel.

„Mach schon was Haru! Ich kann das auch nicht mehr länger ertragen!", flüstert ihm Freya hinter dem Rücken des Kindes, mit einer Intensität vor, die er noch nie zuvor von ihr gefühlt hatte. Ihr intensiver Blick und die Ungeduld der beiden ist eingebrannt.

Er hört sie. Er hört beide. Und denkt nichtsdestotrotz weiter.

Das das erst kalte Gefühl im Nacken sehr wahrscheinlich der Auslöser dafür war—

Sein Blick hebt sich minimal. Der Gang scheint enger geworden zu sein. Oder bildet er sich das nur wieder ein?

Wenn er nicht der Auslöser ist... was dann?

Mit dem erhobenen Finger drückt und haltet er den Knopf am Ohrhörer.„Hörst du mich Jeanne?"

Nur ein flimmerndes Rauschen wie aus alten Röhrenfernsehern kommt raus. Keine Antwort und das leise Nachhallen seiner Stimme kommt zurück, als wäre im Funkkanal ein großer leerer Raum wo seine Stimme abgeprallt ist.

Zwanzig Meter entfernt.

Jeanne starrt auf den Bildschirm. Drei Punkte. Sie bewegen sich. Langsam. Im Kreis. Gleichmäßig. Als würden sie um etwas herumtanzen, das sie nicht sehen kann.

„Sacrebleu...", flucht sie leise, die Finger über die Tastatur fahrend. Worte ins Mikrofon, Befehle, Versuche, die Verbindung wiederherzustellen. Nichts. Genau das gleiche passiert bei ihr auch. Sie hört leise nachhallend ihre eigene Stimme, als würde sie in einen leeren Raum reinsprechen.

„Haru? Freya? Natsu? Antwortet...!"

Alles was sie auf der Karte sieht sind drei Punkt, die sich weiter im Kreis drehen. Jeanne wischt sich über die Brillengläser, knotet ihre Haare noch enger, setzt die Ohrhörer neu auf. Alles umsonst. Einen kleinen Schimmer Hoffnung hatte sie gehabt, dass es klappt.

„Wie kann das überhaupt sein? Sie sind doch keine zwanzig Meter entfernt... und trotzdem ist die Verbindung tot?!"

Die Anzeige blinkt. Dann verschwindet sie vollständig.

„Mon dieu...", haucht sie, als sie tief ausatmet, mit dem Blick an die Decke. Die Arme fallend. Bis sie dann ihren Kopf auf ihre Handfläche auf dem Tisch stützt. Ihre Hand wandert an die Maus rüber und fängt an zu klicken.

Ein Neustart, wäre wahrscheinlich zu riskant. Vielleicht verschwinden die letzten Positionsdaten. Vielleicht sogar noch schlimmeres, ich traue es alles zu.

Während sie verloren auf dem Bildschirm verzweifelt, beben ihre Finger, dass sie die Tasten kaum noch trifft, während der Cursor immer wieder über das erstarrte Fenster hetzt, als suche sie dort nach einem rettenden Ausweg. Mit jedem leisen, hohlen klicken der Maus wird ihr Atem immer flacher.

„Okay... okay..." murmelt sie, mehr zu sich selbst als laut, „wenn nicht die Entfernung ist, dann muss es ja ein Störer sein. Ja wow, Erkenntnis des Jahrhunderts. ...Manchmal muss man aber das offensichtliche sich selbst eingestehen."

Ein leichter Schweißfilm steht auf ihrer Stirn, doch in ihren Augen lodert Entschlossenheit. JEanne ist nicht nur hilflos. Sie sucht, analysiert, rechnet. Sie wird eine Lösung finden. Sie muss eine Lösung finden.

„Das... das könnte es sein...", flüstert sie. Ihre Stimme ist kaum hörbar, doch in ihrem baut sich ein kleiner Sturm aus Hoffnung auf. Sie spürt, dass sie kurz davor ist, etwas zu greifen, bevor es wieder verschwinden kann.

Jeanne lehnt sich leicht zurück, schließt einen Moment die Augen, nur um die wütende Unruhe in ihrem Kopf zu sortieren. Dann öffnet sie sie wieder, starrt auf den Screen. Und geändert hat sich... nichts. Natürlich, warum soll sich auch jetzt sich etwas ändern, wenn sich davor auch nichts verändert hat, denkt sie, mit platzender Schläfe.

Boah, putain! Warum finde ich nichts?!

Sie presst die Lippen zusammen, dass es fast schon anfängt zu bluten. Ein unmerkliches Zucken an ihrer Augenbraue zeigt, dass ihr Verstand bereits versucht, selbst kleinste Hinweise zusammenzufügen, doch alles zerfällt sofort wieder.

„Haru, ich weiß, das du grad nur Witze machst."

Ein leises, stechendes Geräusch schneidet plötzlich plötzlich durch die Kopfhörer. Kurz dachte sie, die Ohrhörer hätten den Geist aufgegeben. Und doch spüren sie, dass es anders ist. Ein Ton, der nicht natürlich klingt, der sich in ihre Schädel bohrt, noch bevor der Verstand darauf reagieren kann.

Instinktiv drückt und hält Freya ihren Ohrhörer und versucht sich mit Jeanne wieder zu koppeln. Das kurze Stechende Geräusch, hat sie zwar erfasst, aber ein feuriges Gefühl der Hoffnung begleitet sie mit der Ansprache. Wohingegen Haru schon längst im Schneidersitz vor dem Kind steht und ihm langsam schon die Ideen ausgehen.

Es wirkt normal. Und doch scheint jeder Schritt, den ich mache, mich unmerklich tiefer in den Flur zu ziehen, obwohl mein Verstand genau weiß, dass es ein Umweg ist...

Der Blick schärft sich, verlässt den Nebel im Kopf und fixiert das Kind, das unschuldig vor ihm spielt. Währenddessen muss Freya bereits zu Maßnahmen greifen und Natsumis Mund mit der Hand zuhalten. Instinktiv gleitet seine Hand ans Kinn.

Das passt nicht zusammen. Und doch sitzt es da. Wie der Mittelpunkt von all dem. Fast wie ein... Anker.

Er zieht die Augenbrauen zusammen, als das Pulsieren in seinen Schläfen pocht.

Ein Kind erschafft keine verschobenen Wände. Aber was, wenn es genau andersherum ist? Was, wenn das Kind nicht der Magie Anwender ist, sondern der Fixpunkt, um den sich der Raum verengt? ...Je näher wie ihm stehen, desto dichter zieht sich dei Falle zu. Vielleicht—

Sein Blick wandert über die kleinen Schultern, das schmale Genick, die reglose Haltung. Kein Zittern. Keine Unsicherheit. Nur stumme Geduld.

„Mach schon was, Haru! Ich kann das nicht mehr länger ertragen!", flüstert ihm Freya hinter dem Rücken des Kindes zu. Ihre Stimme zittert vor einer Intensität, die er so noch nie von ihr gehört hat. Die kalte Panik der beiden Mädchen ist spürbar.

Er hört sie. Er hört ebide. Aber anstatt stur stehenzubleiben und weiter sinnlos weiter zu grübeln mit dem Entschluss zu keiner Lösung hinzukommen, fasst er einen Entschluss.

Ich muss es testen. Wenn das Kind die Achse dieser Anomalie ist, muss sich der Raum verändern, sobald ich Abstand aufbaue.

Genau in dem Moment zuckt der Kopf des Kindes ruckartig nach vorn, als hätt es seine Absicht gespürt.

Haru zögert nichts aus Angst. Stattdessen setzt er gezielt einen Schritt nach hinten. Dann noch einen. Nicht als Flucht, sondern als Experiment. Er will sehen, ob die Unsichtbare Wand nachgibt oder ob der Raum mit ihm wandert.

„Haru! Bleib hier!!", brüllt Freya überrascht, als sie sieht, wie er sich von der Gruppe löst und den Winkel verändert.

Die Luft vor ihm wird dichter, fast spürbar wie eine Wand aus zähem Wasser. Sein Instinkt signalisiert ihm, dass der Test funktioniert: Der Raum reagiert direkt auf seine Distanz Veränderung. Schritt für Schritt zieht er die Aufmerksamkeit der Anomalie von den Mädchen weg auf sich, bis er schließlich um die Ecke schlüpft. Sein Tanktop klebt durchtränkt vom Schweiß an seinem Rücken.

...War der Gang aber nicht gerade links von mir, statt rechts?! Hat sich der Raum gerade verdreht??

Die kalte Wand lässt ihn kurz durchatmen. Das Pulsieren in seiner Schläfe ist nicht weg. Nur leiser. Als würde es geduldig warten.

„Endlich mal keine Kopfschmerzen.", murmelt er trocken.

Er greift an seinen Gurt an der Hose und löst eine der dort befestigten Bandagerollen. Als er auf seine Arme blickt, sieht er die tiefen, rot durchfeuchteten Abdrücke drauf. Er hatte davor gehofft, dass die Wickeleinlagen ihm ein bisschen Schutz vor Schlägen und Stößen bieten wird.

„Die Abdrücke sehen schon schlimm aus. Ich weiß nicht wie ich das ausgehalten habe.", murmelt er leise, als stehe jemand neben ihm, der das ganze betrachten würde.

Er rollt die frische Bandage vom Gurt ab und beginnt, sie mit ruhigen, präzisen Fingern fest um seinen Unterarm zu ziehen. Der Stoff legt sich stramm über die gereizte Haut. Es fühlt sich ungewohnt und leicht unangenehm an, doch er ignoriert es eisern und nimmt das lose Ende kurz zwischen die Zähne, um die Straffheit zu halten.

„Endlich allein. ...Warte— Allein ist vielleicht gerade auch nicht so ideal."

Er lässt das Stoffende wieder aus dem Mund und beugt sich minimal vor, um vorsichtig um die Ecke zu spähen. Der Flur liegt im Halbdunkel. Unverändert still.

Doch weiter hinten— Bewegung. Nicht hektisch. Nicht suchend. Mehrere Schritte lösen sich aus der Dunkelheit, als hätten sie dort schon immer gestanden. Gleichmäßige Schritte hallen gedämpft durch den Flur. Synchron. Schwer genug, um Präsenz zu zeigen, aber nicht laut genug, um Eile zu verraten.

„...Natürlich. Große Klasse.", haucht er in die Finsternis.

Er drückt sich an der Wand entlang nach hinten. Der Blick abgewendet. Die Tür hinter ihm zum Abstellraum fixiert. Die Tür knarrt leise, als er durchgeht. Kurz bevor er sie schließt, streift das flackernde Licht einer Taschenlampe den Türspalt. Harus Herz macht einen gewaltigen Sprung.

Nein, nein, nein...

Reflexartig und schweißgebadetem Gesicht kauert er sich rechts neben der nach innen öffnende Tür auf ein hohes Regal, fast direkt unter der Decke. Jede Muskelfaser seines Körpers schreit zur Ruhe. Kein Laut, kein Zucken darf ihn verraten. Selbst sein Atem muss er manuell gewaltsam beruhigen. Die Gestalt, die den Flur entlangläuft, tritt ein, tastet den Raum ab, wirft Lichtkegel in die Ecke, doch findet nichts.

Okay... nur ruhig bleiben. Kein Geräusch. Nur... warten. Kein Fehltritt erlauben. Kein Zucken erlauben. Kein Atem zu viel raus, Haru, kein—

Sein Blick wandert flüchtig über die staubigen Kisten, die alte Leiter und die Spinnweben an der Decke. Jedes Detail könnte ihm helfen, seinen Schatten zu verbergen. Jede Bewegung der Gestalt könnte alles verraten. Das Rattern des Regals unter seinen Fingern fühlt es sich plötzlich wie ein Schlagzeug in der Stille an.

Schließlich presst er sich eng zusammen. Er zieht die Beine an den Körper, rollt sich komplett auf dem Regal zusammen und dreht das Gesihct starr zur dunklen Wand. Kein Zentimeter nackte Haut soll den Lichtkegel reflektieren.

Bis dann die Gestalt hineintritt. Der grelle Strahl der Taschenlampe schneidet durch die Finsternis des Raumes. Jeder Staubpartikel in der Luft wird sichtbar. Der Strahl wandert suchend über den Boden, tastet die Ecken ab, streift die Kisten und fährt die Regalfronten hoch. Das Licht zieht milchig an Harus Rücken vorbei, Zentimeter an ihm vorbei. Sein Herz pocht so hart gegen die Rippen, dass er fürchtet man könne es hören.

Schrittweise zieht sich die Gestalt wieder zurück. Sie lässt die Tür jedoch einen Spalt offen und lauscht Stumm in die Dunkelheit hinein. Dann, ohne jede Vorwarnung, schlägt sie die Tür knallhart komplett auf!

Harus Muskeln zucken, er schreckt kurz innerlich auf. Doch als die Gestalt merkt, dass sich absolut nichts geregt hat, tritt sie endgültig wieder heraus.

Warum kam es nochmal rein? Soll sie mich tes—

Langsam, als sie den Raum wieder verlässt, lässt Haru den Atem ausströmen. Erleichtert— und fast gleichzeitig tritt die Gestalt wieder ein. Sein Brustkorb zieht sich schmerzhaft zusammen, er schluckt hastig, um das Luftanhalten zu kompensieren, und fast verschluckt er sich. Die Tür schließt sich erneut.

Ich kann nichts tun außer hier zu bleiben... Ich bin hier. Ich warte. Ich überlebe.

Er lehnt sich mit ausgestrecktem Beinen an der Wand, die Hand auf der Brust, und versucht, den Herzschlag zu beruhigen. Jeder Moment hier könnte entscheidend sein.

Ich bin hier, kommt her.