Nachdenken
Nachdenken
Am Hotel angekommen, hielt sich Astrid nicht lange auf. Sie wünschte ihm lediglich noch eine „Gute Nacht“, dann verschwand sie einfach auf ihr Zimmer. Auch Emil lag kurz darauf im Bett, starrte an die dunkle Decke und fand keinen Schlaf. Astrid spukte in seinem Kopf herum. Er sah die herumwuselnde Assistentin vor sich, im nächsten Moment die Frau, die im fahlen Mondlicht von einer beruflichen Leidenschaft erzählte. Jetzt ergab auch die Beobachtung am See einen Sinn: sie war es gewesen. Seine Theorie über die berechnende Frau, die sich an Per heranmachte, brach wie ein Kartenhaus zusammen. Warum hatte sie sich so vehement gegen den Fußballer gewehrt? Emil merkte, wie wichtig ihm die Antwort auf diese Frage plötzlich wurde. Er wollte die echte Astrid kennenlernen.
Auch Astrid dachte über Emil nach. Vor acht oder neun Jahren, sie wusste es gar nicht mehr so genau, hatte Svenja ihr erzählt, dass Emil sie zuerst betrunken gemacht, dann verführt und danach eiskalt abserviert hatte. Sie sah die weinende Svenja immer noch vor sich. Der Kontakt war allerdings schon lange erloschen. Ihre Freundin war im Rahmen eines Auslandssemesters nach England gegangen, hatte dort geheiratet und war nicht mehr nach Fünen zurückgekommen. Sie überlegte, was sie damals genau erzählt hatte, doch so viel war ihr nicht mehr im Gedächtnis geblieben. Eine lange Zeit war seither vergangen. Menschen konnten sich ändern und den Emil, den sie in allen Szenen in den letzten Tagen gesehen hatte, passte nicht zu der Beschreibung von Svenja. Vielleicht hatte er sich tatsächlich geändert. In ihren Unterlagen stand etwas von einer langjährigen Beziehung zu einer Handballerin: Helena. Wer so lange Zeit treu blieb, war kein oberflächlicher Player. Allerdings hatte Emil seine Freundin bisher mit keinem Wort erwähnt. Doch das war nicht ungewöhnlich. Auch die anderen hatten nur wenig Privates in den Interviews preisgegeben. Es ging im Großen und Ganzen um die beruflichen Karrieren, die standen im Vordergrund der Dokumentation. Er hatte sie überrascht, als er geholfen hatte, die Sachen vom Boot zum Bus zu räumen. Außerdem hatte er sie vor Per gerettet, obwohl: eigentlich war er einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, eine Rettung hätte sie nicht gebraucht. Sie wäre den Fußballer schon noch losgeworden. Der gemeinsame kleine Ausflug war ein weiteres Puzzlestück. Er hatte nicht versucht, sie anzubaggern oder sonst irgendetwas versucht. Er war einfach nur… da gewesen. Vielleicht war Emil Jakobsen ja doch kein so schlechter Mensch.
Nur noch ein Tag, morgen Mittag wäre der Dreh vorbei und sie würde ihn nie wiedersehen. Vielleicht sollte sie ihm morgen noch einmal ganz unvoreingenommen begegnen. Dann könnte sie sich von ihm verabschieden und hätte vielleicht einen weiteren netten Menschen kennengelernt. Sie sammelte nicht nur ungewöhnliche Orte, sie sammelte auch gerne Menschen, die sie bei ihrer Arbeit traf und mochte. Per und Lykke würde sie vergessen, von Freja hatte sie schon Kontaktdaten, Emil war noch eine Variable, die sie nicht einordnen konnte. Trotzdem schaffte er es, ein kleines Lächeln in ihr Gesicht zu bringen, mit dem sie einschlief.
Beim Frühstück verteilte sie die nächsten und damit letzten Pläne. Wieder einmal war es Emil, der noch nicht am Tisch saß. Überraschend war an diesem Morgen jedoch Per, der ihr ein ausgesprochen charmantes „Guten Morgen, Astrid“ entgegenschleuderte, kein herablassendes Schätzchen, sondern ein kalkulierter Versuch, auf Augenhöhe zu agieren. Da die Ausrüstung bereits im Bus verstaut war, setzte sie sich ausnahmsweise für ein paar Minuten zum Team. Es stand nur noch die kurze Fahrt zum Abschlussinterview an. Doch die Ruhe hielt nicht lange; Astrid war schon wieder auf dem Sprung, als Emil den Raum betrat.
Sie stießen fast im Türrahmen zusammen. Astrid schaffte es gerade noch, die Absätze in den Boden zu rammen, um nicht ungebremst in seine Brust zu laufen. „Hoppla“, sagte er und grinste sie offen an. Kein Spott, keine Provokation. „Abfahrt ist in zwanzig Minuten“, presste sie hervor, bemüht um ihren professionellen Tonfall. „Kein Problem, meine Taschen stehen an der Rezeption. Ich bin pünktlich.“ Astrid sah zu ihm auf. Seine Haare waren noch leicht feucht vom Duschen. Er stand so nah vor ihr, dass sie den frischen Duft von Duschgel und sauberer Haut wahrnehmen konnte. Er roch… verdammt gut. Vollkommen irritiert über die plötzliche Hitze, die ihr in die Wangen stieg, drückte sie sich hastig an ihm vorbei und flüchtete in den Flur, während ihr Herz viel zu schnell schlug.
An der Rezeption klärte sie noch rasch die Abrechnung, dann holte sie ihre Tasche und während sie am Bus wartete, checkte sie die Pläne für den Tag. Jacob war ausnahmsweise der Erste, der beim Bus eintraf und er zog sie ein Stück beiseite. „Hör mal Astrid, Du musst noch ein Restaurant für das Mittagessen klar machen. Nach dem Abschlussdreh würde ich gerne alle nochmal versammeln und die weiteren Schritte klären.“ „Was für weitere Schritte?“ fragte Astrid irritiert. „Wir werden noch ein Konzert von Lykke, ein Fußballspiel von Per und ein Handballspiel von Emil besuchen. Allerdings erst in zwei Monaten, wenn alle wieder richtig aktiv sind.“ „Aber… ich bin da nicht vorgesehen, oder? Du nimmst dann bestimmt Bjerre mit“ meinte Astrid. „Vielleicht… aber ich würde lieber mit Dir arbeiten“ teilte er ihr mit. „Der Job bei Morten…“ setzte sie an. Er unterbrach sie sofort: „Ich habe gestern mit ihm telefoniert, dass er Dich zu diesen Terminen freistellt. Er hat kein Problem damit.“ „Dann… bekomme ich den Job?“ fragte Astrid ungläubig. Jacob zuckte mit den Schultern: „Check mal Deine Mails. Er wollte Dir ein Angebot zuschicken. Besprechen könnt Ihr das nächste Woche, er hat Dir einen Termin geschickt.“ Astrid wusste nicht, ob sie weinen oder sich freuen sollte. Jacob hatte wohl seine Beziehungen spielen lassen. Auf der einen Seite war es genau das, was sie immer vermeiden wollte, auf der anderen Seite wollte sie genau diesen Job. „Warum?“ fragte sie ihren Vater. „Er hatte sich sowieso schon für Dich entschieden, Astrid. Deine Arbeit ist… außergewöhnlich gut. Für mich ging es nur darum, dass er Dich für diese Tage freistellt. Das würde er. Jetzt solltest Du Dich um ein Restaurant kümmern“ meinte Jacob abgeklärt, ehe er sie einfach stehen ließ und sich in den Bus setzte.
Die Abfahrt war pünktlich, sogar Emil war zum vereinbarten Termin anwesend. Während der Fahrt telefonierte Astrid herum, checkte ihre Mails, sagte dem Vorstellungsgespräch mit Morten zu und überflog schon einmal den vorbereiteten Arbeitsvertrag. Sie fand auch eine Mail von Bjerre vor, in der sie erfuhr, dass sie mit ihr persönlich sprechen wollte. Sie verabredete sich mit ihr für zwei Tage später in Ribe.
Das Schloss erwartete sie schon. Der Verwalter schloss ihnen die Räumlichkeiten auf, dann bereiteten sie den schönen Rittersaal für die Aufnahmen vor. Die letzten Szenen sollten einen Ausblick in die Zukunft der Hauptdarsteller geben, dazu nochmal ihre Verbundenheit zu der Heimat aufgreifen.
Freja machte den Anfang, wie so häufig. Als professionelle Schauspielerin konnten sich die anderen immer gut an ihr orientieren. Freja brauchte nicht viel Warmlaufzeit, sie reagierte immer sehr überlegt auf die Fragen und Hinweisen von Jacob. Er unterbrach die Aufnahmen sehr rasch: „Die Akustik hier ist nicht gut. Wir müssen mit Lavaliers arbeiten.“ Astrid holte ein Set der Körpermikrofone und verkabelte Freja. Dann ging es weiter. Freja erzählte von ihrem nächsten Film, der, wie sie hoffte, ihr einen Oscar einbringen könnte. Sie überraschte alle damit, dass sie neben ihrer Heimatverbundenheit auch ihren Ehemann erwähnte. Sie freue sich darauf, ihm die schönen Seiten von Fünen zu zeigen.
Lykke war die nächste, die ihren Ausblick damit abschloss, die Konzerttour zu erwähnen, die sie auch wieder nach Dänemark bringen würde. Sie war einige Jahre lang nicht in ihrer Heimat aufgetreten. Noch während Lykke erzählte, verkabelte Astrid Per. Kaum stand sie nah genug vor ihm, wanderte seine Hand an ihre Hüfte. Astrid schüttelte den Arm mit einer routinierten, fast beiläufigen Bewegung ab. „Hör auf damit, Per. Ich dachte, Du hast verstanden, dass ich das nicht will“ murmelte sie leise. Er sah sie mit einem intensiven Blick an: „Ich finde Dich eben extrem reizvoll. Da musst Du mir schon verzeihen, wenn ich es versuche.“ „Ich habe kein Problem damit, wenn jemand etwas versucht. Nur: wie deutlich hättest Du es gerne… ich habe kein Interesse“ sagte sie ihm leise, aber bestimmt. „Schon gut, schon gut…“ wiegelte er nun ab. Astrid war froh, wieder Distanz zwischen sie zu bringen. Als Jacob „Bitte Ruhe am Set, und Action!“ rief, beobachtete sie Per genau. Der Wandel war atemberaubend. Aus dem aufdringlichen Jäger wurde innerhalb einer Sekunde der sympathische Publikumsliebling, der charmant über die Nationalelf plauderte und die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern würde. Astrid spürte ein leichtes Frösteln. Es war fast schon unheimlich, wie perfekt er diese Maske beherrschte.
Als Nächstes trat Emil vor sie. Er hatte jede Sekunde ihrer Interaktion mit Per beobachtet – hatte registriert, wie lautlos sie den Fußballer in die Schranken gewiesen hatte, ohne das Set in Aufruhr zu versetzen. Er fragte sich immer noch, ob sie das nur wegen der vielen Augen um sie herum tat, oder ob sie wirklich immun gegen Pers Status war.
Es war unvermeidlich, dass sie ihm sehr nahekam, um bei ihm das Mikrofon zu platzieren. Sie sah ihn nicht an, doch als er nur kurz zusammenzuckte, als sie seinen Nacken berührte, hob sie ihren Kopf. „Nimm es nicht zu persönlich“ ließ sie ihn leise wissen. Das Kabel blieb hängen, so dass sie sich gegen ihn lehnen musste, um es einzufangen. Es überraschte Astrid, dass sich ihr Herzschlag wie von selbst beschleunigte. Emil fühlte sich… gut an. Er erstarrte förmlich, als er ihren Atem an seinem Schlüsselbein spürte. Dieser Augenblick fühlte sich viel zu intim an. Alles in ihm sehnte sich danach, seine Arme um sie zu schließen und ihre Nähe zu genießen – dann trat sie rasch einen Schritt zurück: „Fertig… ich bin… es ist… wir sind fertig“ stammelte sie ein wenig. Die sonst so unnahbare, fehlerfreie Astrid war völlig von der Rolle. Ihre Professionalität war für ein paar Sekunden einfach pulverisiert worden. Sie sah den nackten Übergang von Verwirrung zu Überraschung in Emils Augen, bevor sie ihre Maske mühsam wieder hochzog.
Per war fertig und kam zu ihr: „Nimmst Du mir das Ding auch wieder ab?“ „Ja, natürlich. Emil, Du kannst starten.“ Dann drehte sie sich zu Per und wie, um sich selbst zu überprüfen, lehnte sie sich auch gegen den Fußballer, um ihm die Kabel abzunehmen. Kein Problem, es interessierte sie nicht die Bohne, wie sich dieser Mann anfühlte. Mit sicherem Griff entfernte sie das Mikrofon: „Schon fertig.“
Dann beobachtete sie die vorläufig letzte Szene mit Emil. Sein nächstes Ziel war es, mit seiner Flensburger Mannschaft um die Deutsche Meisterschaft mitzuspielen. Doch genauso wichtig war ihm die anstehende Europameisterschaft in Dänemark. Diesen Titel hatte er noch nicht errungen. Er betonte dabei, dass es eben auch etwas ganz Besonderes sei, im eigenen Land zu spielen. In diesem letzten Take sprach er aber auch allen seiner Mitstreiter, seiner Familie, dem Team hinter dem Team seinen Dank aus. Es berührte etwas in ihrem Herzen, als sich seine Augen in die Ferne verloren und er wie in Trance resümierte: „Es ist ein Privileg, das ich das, was ich am liebsten mache – Handball spielen – auch als Arbeit machen kann. Nicht jeder kann seinen Traum leben. Ich kann das und ich weiß es zu schätzen.“ Astrid wusste genau, dass dieser Satz auf jeden Fall im Zusammenschnitt dabei sein würde. Das war keine Schauspielerei, es kam von seinem Herzen.
Als er wieder auf sie zutrat, damit sie das Mikrofon abnehmen konnte, hielt er die Luft an. Doch Astrid hatte sich wieder gefangen. Kein Zögern, keine Unsicherheit, keine zufällige Berührung. Geschickt nahm sie es ihm ab und drehte sich sofort von ihm weg, um es einzupacken. Emil fragte sich, ob er sich nicht geirrt hatte, doch vorhin war es anders gewesen.
Wie selbstverständlich half er dem Team, den Bus wieder zu beladen. Er suchte die Nähe zu Astrid, doch sie wich ihm aus. Oder vielleicht auch nicht, denn sie packte einfach nur. Emil wurde klar, dass er nicht wollte, dass die Aufnahmen jetzt schon vorbei waren. Er wollte die Produktionsassistentin besser kennenlernen. Er gierte danach, sich mit ihr zu unterhalten, mehr von ihr zu erfahren. Doch es gab jetzt nur noch die Rückfahrt, dann würden sich ihre Wege trennen.