Unerwartetes Wiedersehen
Unerwartetes Wiedersehen
Astrid hatte in den letzten Wochen viele Dinge erledigt. Dem Vorstellungsgespräch folgte die Unterzeichnung ihres neuen Arbeitsvertrags. Noch bevor sie ihre neue Stelle antrat, hatte sie sich mit Freja und ihrem Mann Christian getroffen. Die Schauspielerin war die einzige, bei der keine abschließenden Aufnahmen gemacht werden würden. Es war vereinbart worden, Aufnahmen von den Dreharbeiten ihres neuesten Films zu verwenden. Sie würde erst zu dem Termin im September, der endgültigen Abnahme der Doku, wieder nach Dänemark kommen.
Der gemeinsame Nachmittag war sehr entspannt gewesen. Freja hatte ihr dabei auch versichert, wenn Astrid jemals eine Empfehlung brauchen würde, sollte sie sich melden. Interessanterweise hatte es in einem kurzen Moment, in dem Christian ein Telefonat erledigen musste, noch ein kurzes Gespräch über Emil Jakobsen gegeben. Obwohl Astrid abstritt, an Emil Interesse zu haben, gab ihr Freja trotzdem ihre Meinung zu dem Thema: „Am Anfang dachte ich, Lykke und Emil wären ein hübsches Pärchen, doch das war falsch. Die beiden haben sich sehr gut verstanden, doch ich habe erst an diesem einen Morgen in dem Schlösschen verstanden, was wirklich los ist. Ich weiß nicht, warum ihr Zwei Euch so angegiftet habt, doch zumindest bei Emil habe ich es dann verstanden. Du verunsicherst ihn.“ „Als ob ich einen so abgebrühten Supersportler verunsichern könnte“ hatte Astrid ungläubig gelacht. „Er war in Deinem Hoheitsgebiet, nicht in einer Sporthalle. Er hat keine Erfahrung mit Filmaufnahmen, wusste nicht genau, was er da eigentlich machen soll. Es war ihm ein Rätsel, warum Du ihn nicht mochtest oder warum Du Dich an Per rangemacht hast.“ „Das habe ich nicht. Ich habe immer versucht, Per auf Abstand zu halten“ warf Astrid sofort ein. „Das sah aber nicht so aus. Dazu musste man schon genauer hinsehen.“ Astrid schwieg. „Für jemanden, der einer der Besten auf seinem Gebiet ist, ist es schwierig, plötzlich der Anfänger zu sein“ versuchte Freja zu erklären. „Warum ergreifst Du für ihn Partei?“ „Weil ich ihn mag. Er ist ein wirklich netter Kerl. Er ist echt, so viel echter, als die meisten Menschen in meinem Umfeld. Er erinnert mich an Christian. Zwischen Euch ist irgendwas und es wäre traurig, wenn ihr nicht wenigstens versuchen würdet, herauszufinden, was das eigentlich ist.“
Astrid war an diesem Abend versucht gewesen, Emils Nummer zu wählen, doch sie tat es nicht. Stattdessen trat sie ihre neue Stelle an und fing an, sich gründlich einzuarbeiten. Bereits eine Woche nach ihrem Einstieg hatte sie das erste Drehbuch auf dem Tisch liegen, für das sie einige Drehorte organisieren musste. Es war ein erstes kleines Projekt. Ähnlich wie in ihrem Job als Produktionsassistentin hieß das auch, wieder unterwegs zu sein. Nach den Besprechungen ging es für drei Tage nach Herning, um die entsprechenden Locations zu finden, danach konnte sie den Rest von Esbjerg, wo die Agentur von Morten ihren Hauptsitz hatte, oder vom Homeoffice aus erledigen. Dann ging es darum, die Drehgenehmigungen zu bekommen, mit Hauseigentümern zu verhandeln und die einzelnen Szenen auszuarbeiten.
Das nächste Drehbuch, dass auf ihrem Tisch landete, versprach einige Monate Arbeit. Es handelte sich um eine Mini-Serie im Bereich Cozy-Fantasy, die sie sofort mochte. Da ausschließlich in Dänemark gedreht werden sollte, war auch der Reiseaufwand überschaubar. Sie hatte bis Ende September Zeit, Orte zu finden. Der kleine See in Kerteminde kam ihr als erstes in den Kopf. In ihrer eigenen Sammlung hatte sie schon einiges, was sie da verwenden konnte. Das war sehr gut, denn ihr würden die Tage fehlen, in denen sie noch an der Doku mit Jacob arbeiten musste.
Es begann mit dem Konzert von Lykke in Kopenhagen am 2. August. Bereits einen Tag vorher reiste das kleine Team mit Jacob, Jerry, Nina und Astrid an und filmte die Aufbauarbeiten und Proben. Wider Erwarten begrüßte Lykke sogar Astrid sehr freundlich. Sie trafen am Abend dann auch nochmal an der Hotelbar aufeinander.
„Du hast einen richtig guten Job gemacht, Astrid. Das hätte ich nicht erwartet.“ „Warum nicht? Weil Du der Meinung bist, ich könnte Dich nicht leiden?“ fragte Astrid direkt. Lykke sah sie an: „Ja, so ungefähr. Ich dachte wirklich, Du würdest mir schaden wollen.“ „Wirklich Lykke, ich war als Kind nur der Mitläufer in meiner Gruppe. Ich habe nie selbst irgendjemanden angegriffen. Ich war froh, als Kind ohne Vater nicht selbst gemobbt zu werden.“ „Was ist das eigentlich mit Deinem Vater? Er behandelt Dich ziemlich mies, doch er gibt Dir immer wieder einen Job.“ „Naja, ich habe meine Aufgaben immer richtig gut gemacht. Das war ihm wichtiger als mein Wohlbefinden. Er sieht sich nicht wirklich als mein Vater. Ich ihn auch nicht.“ „War es schwierig, ohne Vater aufzuwachsen?“ „Nein, eigentlich nicht. Meine Mutter hat das überragend gemacht. Ich habe nie etwas vermisst. Als ich Jacob kennengelernt habe, erst recht nicht mehr.“ „Er ist gut als Regisseur.“ „Er ist perfekt darin, Menschen so zu manipulieren, dass es seinen Wünschen und Erwartungen entspricht. Ja, darin ist er wirklich gut“ musste Astrid Lykke zustimmen. „Wie dem auch sei, ich hoffe, Dir gefällt das Konzert morgen. Auch wenn Du Dich im Backstage-Bereich aufhalten musst, die Akustik ist natürlich zum Publikum ausgerichtet.“ „Ich freue mich einfach darauf, ich mag Deine Musik.“ „Ach ja, was ich noch sagen wollte. Ich möchte Dich auch zur Aftershow-Party einladen. Das ist nichts, wo Ihr filmen dürft. Es ist eine rein private Einladung.“ „Ich komme gerne“ freute sich Astrid.
Das Konzert war ein kolossaler Erfolg. Die Gruppe begeisterte das Publikum und sie mussten einige Zugaben spielen. Mit dem Abgang von der Bühne war dann auch Astrids Arbeitstag beendet und sie verabschiedete sich umgehend von der Filmcrew. Es fragte keiner danach, was sie noch vorhatte. Es wurde einfach nur zur Kenntnis genommen. Jacob erinnerte sie nochmals an den Termin von Pers Fußballspiel und die Erledigung der Rechnungsabwicklung des Hotels, das war dann schon alles.
Für die Party hatte sich Astrid dann doch noch ein wenig in Schale geschmissen. Sie tauschte ihre Arbeitskleidung gegen ein Sommerkleid, dass ihre langen Beine betonte und ein sehr schönes Dekolleté zauberte. Die Haare, die mittlerweile auch wieder mal einen Friseur gesehen hatten, steckte sie trotzdem hoch, denn es war einfach viel zu warm. Make-Up hatte sie nicht aufgetragen, nur die Wimpern getuscht. Mit der handgeschriebenen Einladung von Lykke hatte sie kein Problem, in den eigens dafür angemieteten Klub zu kommen. Es war sehr voll und so holte sie sich einen ersten Drink, ehe sie sich auf die Suche nach Lykke machte. Noch während sie sich fragte, welcher Mann so mutig war, sich in einen himmelblauen Sommeranzug zu werfen, kannte sie die Antwort schon. Sie nahm einen großen Schluck von ihrer Erdbeer-Margaritha, sammelte ihren Mut zusammen und ging zu ihm: „Emil Jakobsen… was machst Du denn hier?“
Emil verschluckte sich fast an seiner Pepsi: „Astrid?“ Er sah sie an und war sofort hingerissen. Das Sommerkleid stand ihr ausgesprochen gut, sie war kaum geschminkt und sah einfach nur umwerfend aus. Keine Schatten mehr unter den Augen, kein gehetzter Ausdruck in ihrem Gesicht. An seiner Seite war ein Pärchen, dass sich jetzt grinsend ansah und ein Echo in den Raum warf „Astrid!“ Emil warf den beiden einen bösen Blick zu, ehe er sich wieder an Astrid wandte: „Äh… Lykke… sie hat mir Karten geschickt. Für mich… und meine Freunde.“ „Wie nett von ihr. Wo ist Deine Freundin?“ fragte Astrid. „Ich… äh… welche Freundin?“ „Oh, ich wusste nicht, dass die Auswahl so groß ist…“ spottete sie sofort. „Nein, ich meine, ich habe keine große Auswahl… Freundin“ stammelte Emil, der immer noch viel zu überrascht davon war, Astrid zu sehen. Normalerweise war er gar nicht so durcheinander, doch er musste erst sein willkürlich galoppierendes Herz beruhigen.
Astrid registrierte es mit einem Schmunzeln, dann stellte sie sich einfach seinen Freunden vor: „Hey, ich bin Astrid. Ich habe bei der Doku mitgearbeitet, die Emil im Sommer gedreht hat.“ „Ich bin Katrine, das ist mein Freund, Mathias.“ Astrid musterte den Blonden, dann hatte sie es: „Mathias Gidsel… klar. Ich habe bei meinen Recherchen von Dir gelesen.“ Ihre Aufmerksamkeit war allerdings sofort wieder bei Emil: „Wie fandest Du das Konzert?“ Emil hatte sich mittlerweile wieder besser im Griff: „Ich fand es toll. Ich hatte mir direkt, nachdem wir mit den Dreharbeiten fertig waren, einige Lieder auf meine Playlist gezogen. Ich finde Lykke großartig.“ „Ja, das war ja schon vor ein paar Wochen ersichtlich“ meinte Astrid trocken. Dann sah sie sich um: „Hat sie Per etwa auch eingeladen?“ Lykke, die den letzten Satz gehört hatte, ehe sie zu der Gruppe stieß, antwortete sofort: „Nein, ich habe nur nette Menschen eingeladen. Ich habe darauf vertraut, dass Emil nicht ausgerechnet Per mitbringen würde.“ Emil grinste sie an und meinte nur, als ob es alles erklären würde: „Er ist Fußballer.“ Nicht nur Astrid musste lachen.
Es wurde eine sehr schöne Party. Astrid fühlte sich sehr wohl, die Gespräche waren lustig und sie ertappte sich immer wieder dabei, Emil anzulächeln. Doch nach zwei weiteren Drinks, verabschiedete sie sich: „Ich kann leider nicht länger bleiben. Sonst schaffe ich den Check-Out morgen aus dem Hotel nicht mehr.“ Emil bot ihr sofort an: „Ich bringe Dich zum Hotel.“ „Das musst Du nicht, ich bin schon ein großes Mädchen und komme sicher nach Hause.“ „Ich bestehe darauf, außerdem nimmst Du bestimmt einen dunklen Umweg, um noch einen besonderen Ort zu finden.“ „Heute bestimmt nicht mehr, eher nehme ich mir ein Taxi.“ Trotzdem brachte er sie noch vor die Tür des Clubs, um mit ihr auf das Taxi zu warten. „Ich habe mich gefreut, Dich wiederzusehen, Astrid.“ „Ich fand es auch sehr schön, Du hast nette Freunde“ bestätigte sie. „Hättest Du Lust… mich mal in Flensburg zu besuchen?“ war Emil mutig. Astrid zögerte, denn sie wusste nicht, wie sie mit dieser Einladung umgehen sollte. Er spürte ihr zögern, doch er war nicht bereit, noch einmal so leicht aufzugeben. „Du kannst es Dir überlegen, wir könnten in Kontakt bleiben“ zog er sein Handy aus der Tasche. „Ich habe Deine Nummer noch“ sagte sie leise. „Ja, richtig… Du hast ja meine Nummer“ war Emil ein bisschen enttäuscht. Sie hätte sich melden können, wenn sie Interesse an ihm gehabt hätte. Sie spürte seine Enttäuschung. Der Abend hatte ihr wirklich gut gefallen, so beschloss sie ihm zu sagen: „Ich melde mich. Auf jeden Fall bevor wir im September zu Dir kommen.“ Seine Augen leuchteten auf, als hätte man eine Laterne angeknipst, so beugte sie sich zum ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Bis bald Emil“ sagte sie noch, ehe sie in ihr Taxi stieg.
Seelig grinsend ging Emil wieder auf die Party und wusste genau, dass auf ihn ein Verhör wartete. Nicht, dass Mathias so wahnsinnig neugierig wäre, Katrine war es auf jeden Fall. „Sie ist nett“ meinte sie, kaum das Emil wieder da war. „Ja, ist sie…“ „Und???“ „Was, und???“ „Was läuft da bei Euch?“ „Wir bleiben in Kontakt.“ Katrine stieß Mathias mit dem Ellenbogen an: „Ich habe gewonnen.“ „Habt Ihr??? Ihr habt doch nicht etwa gewettet?“ war Emil gespielt empört. Katrine grinste nur, Mathias hob nur entschuldigend die Schultern. Emil war es egal. Er war glücklich damit, dass Astrid ihn kontaktieren würde und mindestens genauso glücklich hatte ihn der kleine Kuss gemacht, den sie ihm gegeben hatte.