Neue Herausforderungen
Neue Herausforderungen
Emil war zufrieden. Die Vorbereitung auf die neue Saison war sehr gut gelaufen. Zwar hätte er lieber das Spiel in Lingen gegen Mathias gewonnen, doch es war nicht so schlecht gewesen. Die nächsten Wochen würden zeigen, wo die Reise dieses Jahr für die SG Flensburg-Handewitt hingehen würde. Er freute sich darauf mit seinem Team wieder oben anzugreifen.
Seine Routinen griffen und dieser Hauch von Unsicherheit, der ihn während der Dreharbeiten erfasst hatte, war komplett verschwunden. Leider hatte er Astrid bisher noch nicht wieder getroffen, doch sie schrieben sich immer wieder kleine Nachrichten. So wusste er, dass sie einen neuen Job angefangen hatte, bei dem sie ihrer Leidenschaft für besondere Orte nachgehen konnte. Mehr als einmal hatte er versucht, ihr einen Besuch in Flensburg schmackhaft zu machen, indem er das ein oder andere Bild schickte, doch die Terminpläne waren gegen sie. Entweder war Emil unterwegs oder Astrid hatte eine Reise vor sich.
Emil wusste allerdings etwas, das Astrid nicht wusste. Nach dem Testspiel gegen Aalborg würde er sich auf Einladung von Per Christensen auf den Weg nach London machen. Die Einladung war kurios zustande gekommen. Der Fußballer hatte Emil die Terminbestätigung geschickt, die eigentlich für Jacob bestimmt war. Das Filmteam würde Per einen Tag vor dem Spiel gegen Leeds und auch zum Match begleiten, wie sie es schon bei Lykke gemacht hatten und es auch noch bei Emil vorhatten. Als Emil die Nachricht beantwortete, hatte Per ihn einfach eingeladen. Der einzige Grund für Emil diese Einladung anzunehmen war ganz klar: er wusste, dass Astrid auch dort sein würde.
Per konnte sich nicht so richtig erklären, warum er den Handballer eingeladen hatte. Doch es würde sicherlich ein gutes Licht auf ihn werfen, wenn er die ‚Freundschaft‘ mit Emil in der Presse lancierte. Frei nach dem Motto: bei Dreharbeiten kennengelernt und sofort beste Freunde. Tore hatte ihm das schmackhaft gemacht. Per hingegen hatte auch vor, Emil mal zu zeigen, wie denn so ein richtiger Superstar behandelt wurde. Er hatte eine Loge klargemacht, in der auch das Filmteam das Spiel sehen könnte, denn sie sollten nur bis zu Spielbeginn drehen. Tore hatte für nach dem Spiel eine Party organisiert. Es nagte immer noch an Per, dass ihn Astrid hatte abblitzen lassen. Wenn er ihr zeigen konnte, wie beliebt und berühmt er ist, würde sie sich bestimmt knacken lassen. Das wäre doch gelacht, wenn er sie nicht in sein Bett bekäme.
Am Freitag war das Team im vorbereiteten Training gewesen. Per hatte fast geglaubt, dass Jacob eine andere Frau mitgebracht hätte, so verändert fand er die Produktionsassistentin vor. Kein Schlabberlook mehr, eher körperbetonte Kleidung – an einem sehr attraktiven Körper. Die Brille war genauso verschwunden wie die Schatten unter den Augen und die Haare waren zwar wieder hochgesteckt, allerdings nicht in diesem so unordentlichen Haarbüschel. Er wusste noch, wie gut Astrid mit offenen Haaren ausgesehen hatte. Das wäre ein schöner Anblick: diese langen Haare auf seinem Kopfkissen.
Leider umsorgte sie ihn nicht so wie während der vorangegangenen Dreharbeiten, denn schließlich agierte das gesamte Team eher im Hintergrund des offiziellen Trainings. Erst danach bat Jacob ihn noch zu einigen Aufnahmen, in denen er seine Herangehensweise an ein Punktspiel erklären sollte. Souverän und selbstsicher bewältigte Per diese Aufgabe, dann war es doch wieder Astrid, die ihm ein Wasser brachte. Per war nicht dumm, er hatte ihre deutliche Abfuhr nicht vergessen. So gab er sich zurückhaltend, nannte sie auch nicht Schätzchen, sondern bedankte sich mit einem kleinen Lächeln. Den Blick von Astrid interpretierte er als Interesse, doch leider schlug sie Einladung zum Abendessen aus. Sie müsse noch arbeiten.
Astrid wunderte sich über das bescheidene und überaus sympathische Auftreten von Per. Dann entsann sie sich wieder, dass er einfach ein hervorragender Schauspieler war. Sie war froh, die Einladung zum Abendessen mit der Ausrede von Arbeit abschlagen zu können. Ihr Vater registrierte es mit hochgezogenen Augenbrauen, doch er verriet sie nicht. Allerdings brachte er das Thema auf der Rückfahrt zum Hotel nochmal auf: „Du hättest Dir ruhig ein Abendessen mit Per gönnen können.“ „Das wollte ich aber nicht, er hätte es sicherlich falsch verstanden.“ „Magst Du ihn denn überhaupt nicht?“ „Eher nicht, nein.“ Er lachte: „Na, morgen noch das Spiel, dann der Abschluss Termin und danach musst Du ihn nie wiedersehen.“ „Das macht mich nicht unglücklich.“ „Was hättest Du alles getan, um den Job bei Morten zu bekommen?“ „Du fragst das ernsthaft? Ich hätte jedenfalls nicht mit ihm geschlafen“ war Astrid dann doch aufgebracht. „Ja, das war mir klar. Ich hätte nur gerne gewusst, wie weit Du gehen würdest.“ „Wie weit wärst Du gegangen? Hättest Du Bjerre gezwungen?“ Er sah erstaunt aus. „Nein, natürlich nicht. Ich wusste, dass sie ihn vergöttert. Sie hätte lediglich eine Chance bekommen.“ „Suchst Du danach Deine Assistentinnen aus? Damit sie Deine Hauptdarsteller befriedigen?“ „Dann hätte ich nicht so oft mit Dir zusammengearbeitet, Astrid. Ich zwinge niemanden zu irgendetwas.“ Das entlockte ihr ein wütendes Schnauben: „Du hast mich gezwungen, den Job zu machen.“ Wieder lachte er: „Meine Situation war prekär. Als Bjerre absagte, hatte ich nicht viele Optionen. Du warst die mit Abstand beste Lösung. Den Job bei Morten hattest Du vorher schon in der Tasche. Ich wollte Dich lediglich… etwas motivieren. Per war ein Problem, das gebe ich zu. Ich hatte ihm vielleicht ein bisschen zu sehr versprochen, was nicht in meiner Hand lag“ erwiderte er ruhig.
Astrid überlegte einen Moment, dann fragte sie ihren Vater: „Hast Du jemals eine Deiner Mitarbeiterinnen gezwungen, etwas zu tun, was sie nicht wollte?“ Er atmete tief ein: „Ich weiß, dass Du und ich nicht das beste Verhältnis zueinander haben, doch mir so etwas zu unterstellen, ist auch für Dich… ein starkes Stück. Das habe ich mir wohl verdient. Nein, Astrid. Ich gebe zu, ich drohe gerne, manipuliere, verschiebe ein Stück die Wahrheit, doch ich zwinge niemanden. Wenn ich über schlechte Arbeit klage, dann weil es schlechte Arbeit ist.“ „Bjerre ist da anderer Meinung.“ Er stutzte: „Bjerre? Warum?“ „Sie meint, Du hättest sie sicherlich gezwungen, mit Per ins Bett zu gehen.“ „Das ist doch Unsinn. Ich hatte ihr lediglich gesagt, dass ich kein Problem damit habe, wenn sich in meinem Team was… zwischenmenschliches abspielt. Viele dulden keine Beziehungen, weil sie der Meinung sind, dass das die Arbeit belastet. Mir ist das egal.“ „Warum fürchtet sie Dich dann?“ „Sie fürchtet mich? Nun, im Vorfeld hat es einige Probleme gegeben. Sie hatte ein paar Buchungen durcheinandergebracht und ich hätte fast Mathias Gidsel für die Doku angesprochen, obwohl er gar nicht von Fünen kommt. Ich war sauer und nicht zufrieden mit ihrer Arbeit. Ja, es kann sein, dass ich ihr da gesagt habe, dass ich bessere Ergebnisse erwarte, oder ich würde sie rausschmeißen. Doch das war auch schon alles. Wahrscheinlich hat sie mir das übelgenommen. Ich habe ihr auch ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.“ „Ist das wirklich wahr?“ „Frage sie doch einfach.“ „Sie hat mit mir gesprochen. Sie wollte, dass ich bestätige, dass Du… Deine Position ausnutzt.“ „Ich weiß, dass ich keinen Sympathiepreis bekommen werde, doch nein… so etwas mache ich nicht.“
Bei einem abendlichen Spaziergang in London dachte Astrid über ihren Vater nach. Er hatte seine Sicht der Dinge dargestellt. Die Frage, die sich Astrid stellte, hatte er sie belogen? Doch sie kam zu dem Schluss, dass sie eher ihm glaubte als Bjerre. Er hatte nicht versucht, die Unschuld vom Land zu mimen. Letzten Endes würde sie es nie genau erfahren. Doch es war auch nichts, was ihr Leben beeinflussen würde. Sie hatte es geschafft, Per in Schach zu halten. Das war es, was zählte.
Per war beleidigt. Er war zutiefst und von ganzem Herzen beleidigt. Wieder einmal hatte diese kleine Produktionsassistentin ihn abgewiesen. Ihn, Per Christensen. Er hatte sie zum Abendessen ganz groß ausführen wollen, doch sie hatte abgelehnt. Am Abend vor einem Punktspiel verdarb das seine Laune ganz ungemein. Tore, mit dem er stattdessen den Abend verbrachte, spürte die Unzufriedenheit, die seinen Schützling sichtlich beschäftigte. Nicht einmal sein Vorschlag, ihm ein Mädchen zu besorgen, fand Anklang bei Per. Er redete den ganzen Abend nur von dieser Astrid. Ja, sie war durchaus ganz nett anzusehen, doch ein Highlight war die Kleine nun wirklich nicht. Doch je länger der Abend andauerte, desto besser begriff es Tore. Es war nicht die Frau, die Per wollte. Er wollte das Erfolgserlebnis. Er wollte seine Beute erlegen. Es war die Jagd, die Per auf keinen Fall verlieren wollte. Selten hatte Tore den Spieler so aufgebracht gesehen. Er musste dringend etwas unternehmen, damit Per an sein Ziel kam.
Bis kurz vor Anpfiff begleitete das Doku-Team den Fußballer, danach gingen alle in die Loge, die Per für sie bereitgestellt hatte. Tore hatte das Beste vom Besten arrangiert, das Catering war vom Feinsten. Doch alles das wurde Astrid vollkommen egal, als sie Emil sah. „Wie kommst Du denn hierher?“ fragte sie mit strahlenden Augen. „Ich bin ein Superstar mit Superkräften… was glaubst Du?“ musste er sie einfach necken. „Du überraschst mich Emil, ich hatte gedacht, Du und Per… naja, das wäre keine Freundschaft fürs Leben.“ „Wird es wohl auch nicht mehr werden, doch so eine Einladung von ihm wollte ich nicht ausschlagen.“ „Ich muss Dich jetzt einfach mal umarmen…“ teilte ihm Astrid mit, ehe sie das Gesagte in die Wirklichkeit umsetzte. Fast schon erschrocken, ließ sie ihn dann rasch wieder los. „Tut mir leid… ich hoffe, oh Gott, das ist mir jetzt wirklich peinlich“ stammelte sie, als sie merkte, was sie da gerade gemacht hatte. Doch Emil lächelte sie nur an: „Ich habe schon schlechtere Begrüßungen gehabt.“ Dann war auch schon Jacob neben ihnen und nahm Emil in Beschlag.
Tore hatte alles beobachtet und dachte sich seinen Teil. Die Frau hatte kein Interesse an Per, sie schien sich vielmehr für den Handballer zu interessieren. Das war gar nicht gut. Sein Freund mochte Emil Jakobsen nicht besonders, auch wenn er der öffentlichen Darstellung zuliebe so tat, als ob. Wenn der jetzt auch noch die Frau abbekam, die Per haben wollte, wäre die Katastrophe perfekt. Eigentlich neigte Tore nicht dazu, illegale Sachen zu tun, doch in diesem Fall sah er keine andere Möglichkeit. Es war sein Job, die gewünschte Frau zu beschaffen. Er musste sich jetzt nur noch einfallen lassen, wie er den Handballer loswerden und diese Astrid allein erwischen konnte.
Das 5:0 gegen Leeds war für Emil und Astrid pure Nebensache. Sie sahen zwar auf das Spielfeld, doch viel wichtiger war es ihnen, sich näher und näher zu kommen. Es fing damit an, dass Astrid, als sie von der Toilette zurückkam, die Möglichkeit nutzte, den Sessel neben ihm zu erobern. Nach der Halbzeitpause schob er seinen Sessel etwas näher an ihren heran. Ganz unauffällig natürlich. Als alle aufsprangen, weil Per ein Tor erzielte, nutzte Emil die Gelegenheit, Astrid feiernd zu umarmen. Sie drückte sich dabei einfach noch ein bisschen näher an ihn heran. Zum Glück war es ein richtig guter Tag für Per, denn er schoss gegen Ende noch ein Tor. Wieder lagen sich Emil und Astrid in den Armen, dann spürte sie seinen warmen Atem, als er in ihr Ohr flüsterte: „Bleibst Du noch über Nacht in London?“ Sie nickte knapp, aber lächelnd.
Tore verkündete den Gästen von Per, dass noch eine kleine Siegesfeier stattfinden würde und lud alle dazu ein. Da der Rückflug sowieso erst für den nächsten Tag vorgesehen war, nahm Jacob die Einladung für die komplette Filmcrew an. Zu Tores Entsetzen erklärte auch der Handballer noch Zeit zu haben. Tore hatte gedacht, er würde noch am Abend nach Flensburg zurückkehren. Er konnte ja nicht ahnen, dass Emil den ersten Flug am nächsten Tag gebucht hatte, wissend, dass er nicht pünktlich zum Training kommen konnte. Doch er hatte mit seinem Trainer Ales abgesprochen, dass er erst zur Nachmittagseinheit wieder da sein würde. Er hatte kein Problem damit, Emil diesen Freiraum zu geben.