Annäherung
Annäherung
Emil war nicht sicher, ob Astrid wirklich auf ihn warten würde. Doch da sah er sie, ein wenig abseits der Sporthalle. Er ging auf sie zu: „Danke, dass Du mir eine Chance gibst, mit Dir zu reden.“ „Ich dachte eigentlich… morgen…“ „Ich habe auch morgen für Dich Zeit, wenn Dir das lieber ist.“ „Für mich ist das eine so gut wie das andere. Ich hätte nur nicht gedacht, dass Du noch so spät… und nach einem Spiel?“
"Der Körper ist vielleicht ein bisschen müde, doch mein Geist ist immer noch ziemlich wach nach so einem Spiel“ meinte er nur. „Was würdest Du normalerweise jetzt machen?“ fragte Astrid. „Mit jemandem aus dem Team noch was trinken, bisschen quatschen. Niemand bestimmtes. Einige wollen nach Hause zu ihrer Familie, andere brauchen auch noch ein bisschen, um herunterzukommen. Wenn keiner mehr Lust hat, dann gehe ich auch nach Hause, zocke vielleicht noch. Du hältst mich also nicht von etwas wichtigerem ab.“ „Gut, dann… wo wollen wir hingehen? Ich nehme mal an, dass wir nicht hier vor der Halle stehen bleiben wollen, oder?“ „Wenn Du es nicht falsch verstehst… wir könnten zu mir gehen?“ schlug Emil vorsichtig vor. Astrid nickte: „Ist gut.“ „Einfach so? Keine Bedenken?“ „Nein, ich kann ja jemandem schreiben, wo ich bin“ meinte Astrid. „Wenn Du Dich dann sicherer fühlst, mach das bitte“ meinte Emil. Er wusste mit ihrem kleinen Grinsen nichts anzufangen, sie begleitete ihn einfach zu seinem Auto.
Während sie unterwegs waren, schrieb sie eine Nachricht auf ihrem Handy. „Ist es weit?“ fragte sie. „Nein, wir sind gleich da. Ich wohne in der Innenstadt.“ „Gibst Du mir die Adresse? Ich würde sie gerne aufschreiben.“ Natürlich gab er sie ihr, dann waren sie auch schon vor der Tiefgarage, in der Emil sein Fahrzeug abstellte.
Die Wohnung war gemütlich eingerichtet und Emil sorgte für Getränke und ein paar kleine Snacks. Dann saßen sie sich gegenüber, Astrid hatte es sich auf der Couch gemütlich gemacht, Emil hatte sich auf einen Sessel gesetzt. Emil wusste nicht, wie er das Gespräch beginnen sollte, so fragte er das, was ihn schon auf dem Weg beschäftigt hatte: „Du kommst einfach mit zu mir in die Wohnung? Heißt das, Du vertraust mir?“ „Ich glaube, dass Du mich nicht zu irgendetwas zwingen würdest, was ich nicht möchte. Außerdem wäre jetzt vielleicht auch der richtige Zeitpunkt Dich darauf hinzuweisen, dass ich mich durchaus verteidigen kann“ sagte Astrid ruhig. „Irgendwie kann ich mir das schon denken, Du gehst ja auch mutterseelenallein nachts an unbekannte Orte oder in den Wald.“ „Ja, das stimmt. Allerdings ist das auch selten gefährlich. Diese Orte sind meistens menschenleer. Außerdem habe ich immer Pfefferspray in meiner Tasche. Ich bin nicht leichtsinnig oder besonders mutig. Vielleicht habe ich einfach nicht genug Angst“ schmunzelte Astrid.
„Astrid, ich… ich wollte Dir nur noch einmal sagen, dass… ich habe nichts in Dein Getränk gemischt. Ich kann es nicht beweisen, ich habe keine Idee, wieso die Frau das behauptet hat. Ich kann Dich einfach nur bitten, mir zu glauben“ sagte Emil ruhig und sah sie an. Astrid nickte langsam und bedächtig: „Ja, ich glaube Dir… jetzt. An dem Abend… da war ich zu schockiert und… voreingenommen.“ „Warum? Warum warst Du voreingenommen? Warum warst Du von Anfang an mir gegenüber feindselig?“ fragte Emil nun. Astrid seufzte: „Die Umstände waren etwas… unglücklich. Ich war nicht gerade in Bestform, hatte bereits drei Wochen Arbeit in den Knochen. Mein… Jacob hat mich mehr oder weniger gezwungen, den Job zu machen. Ich war müde, erschöpft und ich hatte eine, wie ich erst vor kurzem erfahren hatte, unwahre Geschichte über Dich gehört. Ich hatte Vorurteile… Dir gegenüber. Dafür möchte ich mich auch noch entschuldigen.“ „Ich habe mich auch nicht… richtig verhalten. Du hast mich herausgefordert… mit Deiner Art. Außerdem hatte ich auch einiges über Dich gehört und dachte… naja, für mich sah es so aus, als würdest Du Dich an Per ranschmeißen. Bis zu dem Abend auf dem Boot.“ „Lass mich raten. Lykke hat Dir irgendetwas ins Ohr geflüstert.“ „Sie hat nicht geflüstert. Sie hat klar und deutlich gesprochen.“ „Wir hatten ein paar kleine Differenzen… aus der Kindheit. Doch die haben wir im Laufe der Dreharbeiten ausgeräumt.“ „Das denke ich mir, sonst hätte sie Dich nicht auf die Aftershow-Party eingeladen.“
Astrid nickte, ehe sie meinte: „Per… das war eine ziemlich blöde Sache. Jacob hatte ihm gesteckt, dass die Produktionsassistentin auf ihn stehen würde. Nur die entsprechende Assistentin ist krank geworden. Er ging von vollkommen falschen Tatsachen aus und meinte, sich da einiges herausnehmen zu können. Ich habe es erst viel zu spät geschafft, ihm zu sagen, dass ich nicht auf ihn fliege. Selbst danach hat er es immer noch probiert.“ „Wir hatten einen richtig miesen Start, oder Astrid?“ „Definitiv Emil. Die Frage ist nur, was wir jetzt daraus machen“ sah sie ihm nun in die Augen. „Ich denke, wir machen gerade genau das Richtige. Wir führen mal ein richtiges Gespräch“ lächelte Emil. Sie erwiderte sein Lächeln: „Ja, das stimmt. Ich habe mich unglaublich darüber gefreut, die vielen kleinen Tipps für Orte hier rund um Flensburg von Dir zu bekommen. Ich hatte wirklich vor, Dich zu besuchen, bevor…“ „Die Geschichte mit dem Drink…“ „Ja, genau. Es passt eigentlich auch so gar nicht zu dem Menschen, den ich in all den Interviews gesehen habe. Oder Du bist der beste Schauspieler, den ich jemals erlebt habe. Und ich habe schon einige erlebt.“ „Nein, ich würde so etwas wirklich nie machen. Ich meine, was hätte ich denn auch schon davon? Ich gehöre nicht zu den Männern, die… Ich bin nicht der Typ für eine Nacht.“ „Das… gehört zu den Dingen, die ich noch nicht beurteilen kann. Dafür kenne ich Dich zu wenig. Ich weiß ja noch nicht einmal…“ Astrid stockte.
Emil sah sie nur an, wartete, ob sie noch etwas sagen wollte. „Bist Du eigentlich noch mit Helena zusammen oder nicht?“ fragte Astrid nun frei heraus. „Nein, wir sind schon eine ganze Weile getrennt. Allerdings haben wir das nicht gerade vermarktet. Wir halten uns da beide lieber bedeckt. Es ist nicht schön, wenn das Privatleben in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Mir reicht es schon manchmal, wenn meine spielerischen Leistungen öffentlich zerrissen werden“ seufzte Emil. „Soweit ich das beurteilen kann, kommt das allerdings eher selten vor. Ich habe fast nur Lob gelesen. Ich bin kein Stalker… ich habe lediglich… recherchiert“ grinste Astrid. „Ach ja? Recherchiert? Nun, was hast Du denn Spannendes über mich gelesen“ forderte Emil sie geradezu heraus. „Viel zu wenig… das meiste dreht sich um Handball. Der Kaffee schwarz war geraten.“
Er sah sie irritiert an. „Nun, das ist – war - mein Job. Zu wissen, was die Leute trinken. Was sie gerne Essen, ob es Allergien gibt, ob sie Höhenangst haben oder keine engen Räume mögen. Eine gute Produktionsassistentin weiß oder klärt das alles im Vorfeld ab. Bjerre hatte schon eine ganze Menge an Informationen zusammengetragen, es fehlten nur ein paar Kleinigkeiten. Ich hatte keine Handy-Nummern und ich wusste nicht, wie Emil Jakobsen seinen Kaffee trinkt“ erklärte Astrid gutgelaunt: „Gott, ich bin so froh, dass ich diesen Job nicht mehr machen muss.“ „Das klingt auch sehr anstrengend. Aber jetzt machst Du ja etwas, dass Dir mehr Spaß macht.“ „Oh ja, ich hatte mich schon vor der Doku bei Morten beworben. Jetzt habe ich den Job und bringe nur noch Euer Projekt zu Ende. Das hat Jacob gefordert. Er bekommt meistens, was er will.“ „Sagst Du nie ‚Vater‘ zu ihm?“ Astrids Gesicht verdunkelte sich etwas: „Nein, denn ich sehe ihn nicht als Vater. Er sieht mich auch nicht als seine Tochter, sonst hätte er niemals so etwas von mir verlangt.“ „Er hat Dich gezwungen, den Job zu machen?“ „Mehr oder weniger… ja. Viel schlimmer war es eigentlich, dass er verlangt hat, dass ich nett zu Per sein sollte.“
Emil starrte sie fassungslos an: „Er hat was?“ Astrid schlug sich die Hand auf den Mund: „Oh verdammt, das wollte ich gar nicht sagen. Nein, es ist nicht so, wie es klingt… Er hat mich darum gebeten, nett zu Per zu sein, nicht mit ihm ins Bett zu gehen.“ „Klingt aber so“ war Emil immer noch schockiert. „Vergiss einfach, dass ich das gesagt habe, ja? Es war nicht so gemeint. Das habe ich mit Jacob auch geklärt.“ „Dein eigener Vater… benimmt sich wie ein Zuhälter?“ „Hör auf Emil. Das ist nicht so gewesen. Er ist manipulativ und berechnend, sonst wäre er nicht so brillant als Regisseur. Bitte, lass uns nicht über ihn reden. Das verdirbt mir nur die Laune“ bat Astrid ihn.
„Warum hast Du mich nach Helena gefragt? Ich hatte Dir doch schon mal gesagt, dass wir nicht mehr zusammen sind“ wollte Emil wissen. „Ich war unsicher. Bei dem Gespräch war alles so… unverbindlich.“ „Nun, jetzt weißt Du Bescheid. Verändert das irgendetwas?“ Astrid sah ihn an: „Sag Du es mir.“ Emil musste schlucken. Er wusste nicht wirklich, was er jetzt sagen sollte. Ja, er mochte Astrid, doch wie sehr er sie mochte, das wusste er noch nicht. Er war auch noch nicht sicher, wie sehr es ihn belastete, dass sie so schnell bereit gewesen war, ihn zu verurteilen. Astrid sah seinen flackernden Blick und ahnte, was in ihm vorging. Es war genau dieser Blick, der ihr selbst klarmachte, dass sie sich wirklich in ihn verliebt hatte. Sie zwang sich zu einem Lächeln: „Ich hoffe, wir können Freunde werden, Emil. Doch ich muss Dich warnen, ich bin eine schreckliche Freundin. Ich bin nicht gut darin, Kontakt zu halten. Ich bin auch in meinem neuen Job viel unterwegs und habe eine Menge zu tun. Doch ich würde mich freuen, wenn wir uns ab und zu sehen könnten.“
Emil hätte über ihre Aussage froh sein müssen, doch irgendwie war er es nicht. Er war hin- und hergerissen, was genau Astrid für ihn war. Doch vielleicht sollte er einfach damit anfangen, mit ihr befreundet zu sein. Er machte ihr einen Vorschlag: „Dann könnten wir morgen den Tag dazu nutzen, dass ich Dir ein paar schöne Orte in Flensburg zeige. Was meinst Du dazu?“ „Ich würde mich freuen. Wann wollen wir los?“
Kurze Zeit später brachte Emil Astrid zu ihrem Hotel. Er hatte darauf bestanden, obwohl es nur ein kurzer Weg war. Doch er wollte sie so spät nicht allein durch die Stadt laufen lassen. Es gab einen kurzen Moment, in dem beide unsicher waren, wie sie sich verabschieden sollten. Doch Astrid sagte kurzentschlossen „Gute Nacht“ ehe sie sich umdrehte und ins Hotel verschwand.
Emil schlief in dieser Nacht nicht besonders gut. Seine Gedanken kreisten viel um Astrid. Er war froh, dass sie sich ausgesprochen hatten, doch das Ergebnis war… unbefriedigend. Er überlegte kurz, Mathias noch anzurufen und mit seinem Freund zu reden, doch es war schon spät. Dann erst bemerkte er, dass er eine Nachricht auf seinem Handy hatte… von Astrid: „Hast Du wirklich geglaubt, ich müsste jemanden Bescheid sagen, dass ich bei Dir bin, um mich sicher zu fühlen? Was auch immer unser Gespräch bringt: ich weiß, dass ich es bei Dir bin: sicher…“ Er schüttelte den Kopf, musste lachen. Das hatte er nun wirklich nicht erwartet.
Auch Astrid schlief nicht ruhig. Sie überlegte, wie sie es am nächsten Tag schaffen könnte, innerlich Abstand zu gewinnen. Die Gefühle waren wohl deutlich mehr auf ihrer Seite, als es sich bei ihm abzeichnete. Ihm war es wohl mehr darum gegangen in keinem schlechten Licht dazustehen. Es machte sie traurig, doch wie so oft im Leben bekam man eben nicht das, was man sich am meisten wünschte.