Fünen
Fünen
Der Treffpunkt war das Tornøes Hotel in Kerteminde. Obwohl Emil auch bei seiner Familie hätte übernachten können, nahm er das Angebot des Produzenten auf die Übernachtung im Hotel an. Es war außergewöhnlich sonnig und warm für diese Zeit im Jahr, wodurch sich in seinem kleinen Zimmer unter dem Dach die Hitze staute. Da passte ihm die Nutzung einer Klimaanlage gut. Nachdem er sein wirklich schönes Hotelzimmer bezogen hatte, ging er hinunter in den Tagungsraum, in dem sich schon einige Personen befanden. Er erkannte den Regisseur Jacob Halverson, mit dem er im Vorfeld in Flensburg gesprochen hatte. Dieser unterhielt sich mit Per Christensen, dem Fußballer. Die junge dunkelhaarige Frau mit der Hochsteckfrisur musste Lykke Svensson sein. Berühmt geworden war sie als Frontsängerin einer Blues-Band. Er sah die Kamera und vermutete in dem älteren Herrn den Kameramann, direkt neben ihm eine Frau, die noch mit einer Lampe hantierte.
Jacob sah ihn und begrüßte ihn freundlich: „Emil, hallo, schön, dass Du so pünktlich bist.“ Mit einer Handbewegung forderte er ihn auf, zu ihm zu kommen. Dann machte er die beiden Männer miteinander bekannt: „Per Christensen, Fußballer von Arsenal London – Emil Jacobsen, Handballer der SG Flensburg-Handewitt.“ Per musterte Emil abschätzend. Er war sich bewusst, dass er in seiner bunten Hose und dem hellen T-Shirt kaum wie ein Profisportler wirkte. Ganz im Gegensatz zu dem Fußballer, der einen Anzug trug, dem man die Maßschneiderung ansehen konnte.
Noch ehe die beiden Männer weitere Höflichkeiten austauschen konnten, erfolgte der Auftritt von Freja Gundersen. Anders konnte man das Eintreffen der Hollywood-Schauspielerin kaum nennen. Sie erfüllte den Raum sofort mit ihrer Präsenz. Das klassisch schöne Gesicht wurde von den hellblonden Haaren fein umrahmt, ihre Model-Figur wurde von dem Business-Kostüm betont. Sie schwebte auf High-Heels förmlich auf die Gruppe zu, ihr berühmtes offenes Lächeln zog alle sofort in ihren Bann.
„Ah, Freja, willkommen in Kerteminde. Es ist so wunderbar, dass Du Dich bereiterklärt hast, bei unserer Doku dabei zu sein“, überschlug sich Jacob fast schon vor Ehrfurcht. Sie lachte heiser: „Mein Agent hielt es für eine wunderbare Idee. Ich widerspreche ihm nur selten.“ „Dann sind wir fast vollzählig, nehmt doch bitte Platz“, bat Jacob und die vier folgten seiner Bitte.
Ein älteres Paar hastete in den Tagungsraum und entschuldigte sich sofort für die Verspätung. Jacob stellte nun auch die restlichen Personen vor: „Nina Freimuth, unsere Tonfachfrau und Lund Norvik, Kameraassistent. Jerry, Astrid, kommt Ihr bitte noch dazu. Jerry Orlen ist unser Kameramann, Astrid - unsere Produktionsassistentin.“ Dann begann Jacob direkt mit seiner Einleitung: „Schön, dass Ihr es alle ermöglichen konntet, Euch diese Woche freizunehmen. Wir werden uns heute ein wenig kennenlernen, gegen Nachmittag würden wir dann mit den Aufnahmen am Strand beginnen. Wir bleiben einige Tage hier in Kerteminde, ehe wir dann nach Faaborg weiterziehen. Ansonsten möchte ich jetzt erstmal nichts weiter sagen. Ich würde gerne Euer Kennenlernen schon mit aufnehmen. Ob wir es später verwenden, halte ich mir noch offen. Möchte jemand Kaffee?“ Alle nickten, sofort kam Bewegung in den Raum.
Jacob deutete auf die bequeme Sitzgruppe: „Nehmt doch bitte dort Platz, dann machen wir eine kleine Vorstellungsrunde.“ Alle vier folgten seiner Aufforderung und platzierten sich in der als Runde aufgestellten Möbel. Auf ein Zeichen von Jacob fing der Kameramann an zu filmen. „Mit wem fangen wir an? Vielleicht die Damen zuerst? Freja?“
Die Blondine strahlte alle an: „Mein Name ist Freja Gundersen und wie alle hier, bin ich auf Fünen geboren. Ich arbeite jetzt schon seit fünf Jahren in Hollywood, wenn alles gut geht, werde ich dieses Jahr eine Oscarnominierung erhalten. Ich freue mich wahnsinnig darauf, mit Euch gemeinsam meine Heimat einer großen Öffentlichkeit vorzustellen.“ „Vielen Dank Freja. Lykke? Machst Du bitte weiter?“
Das Lächeln der Brünetten war nicht ganz so übertrieben, als sie sagte: „Lykke, einfach nur Lykke, ich bin die Front-Sängerin von Thors Traum. Ich bin in Nyborg geboren, lebe allerdings in der Schweiz, wo ich auch arbeite. Trotzdem finde ich es schön, hier auf Fünen zu sein. Ich komme viel zu selten nach Hause.“ „Per… könntest Du weitermachen?“
„Hi, ich bin Per Christensen. Wie wohl jeder hier weiß, spiele ich bei Arsenal London. Äh… ich bin in Odense aufgewachsen“, wirkte der Fußballer ein wenig wortkarg, doch sein Gesichtsausdruck war freundlich.
Nun war die Reihe an Emil: „Ich heiße Emil Jacobsen, wurde hier in Kerteminde geboren und spiele Handball bei der SG Flensburg-Handewitt. Das ist zum Glück nicht so weit weg, wodurch ich häufig meine Familie besuchen kann.“
Die junge Frau, die als Astrid vorgestellt worden war, erschien mit einem Tablett und verteilte rasch die Getränke. „Gibt es auch Hafermilch?“ fragte Lykke sofort. „Ja, hier bitte“, stellte Astrid ein Extra-Kännchen zu dem Kaffee vor die Sängerin. „Ist der Koffeinfrei?“ stellte Per die nächste Frage. Er bekam eine kleine Thermoskanne vor seine Tasse gestellt. „Selbstverständlich“ antwortete sie. Die Teekanne ging an Freja, Emil bekam seinen Kaffee schwarz, so wie er ihn mochte. Danach zog sich die junge Frau sofort zurück.
Freja sah zu Emil: „Wir kennen uns… wir waren zusammen in der Grundschule.“ Emil forschte in seinem Gedächtnis, dann fiel es ihm wieder ein. „Ja, richtig. Du warst damals allerdings schon meilenweit von mir entfernt.“ Sie lachte leise: „Oder Du von mir. Obwohl Du zwei Klassen unter mir warst, hat man Dich wahrgenommen. Immer in der Halle, ein ständiger Unruheherd. Jetzt sieh uns nur beide an. Wir haben es wirklich weit gebracht. Hast Du das jemals geglaubt?“ „Nun, was mich betrifft: Handballspielen wollte ich immer, dass es mal so gut werden würde, hätte ich nicht gedacht“, gab Emil sich bescheiden.
Per mischte sich ein: „Bei mir war die Karriere von Anfang an geplant. Mein Talent wurde sehr früh entdeckt, dadurch habe ich an allen möglichen Förderprogrammen teilgenommen.“ „Ansonsten kennt Ihr Euch nicht, oder? Gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten von früher“, fragte Jacob, um das Gespräch weiter am Leben zu halten. Die vier Hauptdarsteller sahen sich an. „Ich denke, wir sind zu unterschiedlich, unsere Wege doch sehr verschieden“, bemerkte Lykke. Emil spürte direkt, warum sie als Sängerin so erfolgreich war. Ihre Stimme traf sofort einen Nerv bei ihm, woraufhin er sie unauffällig musterte. Sie war nicht im herkömmlichen Sinne schön, doch der rauchige Tonfall passte zu ihrer Rubensfigur. Attraktiv… vielleicht sinnlich, so würde er sie beschreiben. Ganz anders als Freja, die eher zierlich zu nennen war und mit ihren feinen Gesichtszügen einer klassischen Schönheit entsprach. Doch ihr fehlte die Kühle, die eine Blondine oft ausmachte. Alles an ihr war strahlend und warm.
Er sah zu Per, der für einen so schnellen Spieler recht großgewachsen war. Er mochte ihn auf Anhieb eher nicht. Ob das nun dem Umstand zu verdanken war, dass es immer eine kleine Rivalität zwischen Fußball und Handball gab, oder er den durchaus ansehnlichen Mann einfach nicht mochte, konnte er noch nicht sagen. Der Blondschopf, klassisch mit seinen blauen Augen, hatte eine Aura um sich aufgebaut, die Emil als arrogant betiteln würde. Er hatte allerdings schon genug Menschen in seinem Leben getroffen, die sich seiner ersten Einschätzung nicht unterworfen hatten. So nahm er sich vor, erst einmal abzuwarten, wie der Fußballer sich weiter verhalten würde.
Jacob moderierte geschickt durch diese kleine Vorstellungsrunde, die noch ein wenig länger andauerte, ehe er mit einem „Cut“ die Aufnahme für beendet erklärte. „Wir werden in ungefähr zwei Stunden damit beginnen, am Strand die nächsten Aufnahmen zu machen. Ihr habt alle Euren Plan für heute erhalten?“ „Welchen Plan?“ fragte Emil. Jacob sah verärgert aus, als er rief: „Astrid, wo sind die Terminpläne für heute? Hast Du sie noch nicht weitergegeben?“
Die junge Frau, die schon den Kaffee verteilt hatte, eilte zu der Gruppe und zog von ihrem Klemmbrett einige Zettel. „Entschuldige Jacob. Ich habe noch nicht die Zeit gehabt, alle Unterlagen…“ Er unterbrach sie rüde: „Sieh zu, dass Du Deinen Job machst. Ich will keine Ausreden hören.“ Sie zuckte kurz zusammen, so dass sie Emil fast schon ein bisschen leidtat. Doch voller Selbstbewusstsein verteilte sie nun die Pläne „Hier bitte. Es wäre schön, wenn Ihr pünktlich seid, unsere Maskenbildnerin ist nur ein paar Stunden vor Ort und wir möchten die Takes rasch nacheinander drehen. Außerdem müssen wir die Lichtverhältnisse optimal ausnutzen.“ Ihre Bitte klang eher wie ein Befehl.
Er sah auf sein Blatt und hielt es dem Fußballer vor die Nase: „Ich glaube, das ist für Dich. Hier steht ‚Per‘ drauf.“ Jacob schnaubte: „Ich hätte wissen müssen, dass es nur Probleme mit Dir gibt, Astrid.“ „Dann hättest Du jemanden anderen verpflichten sollen“, erklärte sie ihm trocken und schob ihre Brille auf der Nase etwas höher. „Hatte ich, wie Du weißt. Wenn Bjerre nicht so kurzfristig ausgefallen wäre…“, seufzte der Regisseur. „Keine Sorge, ich bekomme das schon hin“, beteuerte sie ihm. „Wir werden sehen“, verkündete Jacob unheilvoll. Sie presste die Lippen zusammen, unterdrückte eine erneute Erwiderung und eilte davon. Emil sah ihr hinterher. An ihr war kaum etwas auffälliges. Sie steckte in einem weiten T-Shirt und einer Schlabberhose, die jede Silhouette komplett verschluckten. Er könnte nicht Mal ihre Haarfarbe benennen, denn ihre Haare waren unordentlich auf dem Kopf zusammengefasst. Einzig die Energie, die sie ausstrahlte, fiel ihm auf: Aktiv, nicht träge.
Per tauschte seinen Zettel mit Emil, kommentierte dabei leise und vertraulich: „Ich habe es geahnt. Das ist wohl eher eine Low-Budget-Produktion. Dabei arbeite ich sonst nur mit Profis zusammen. Obwohl Jacob einen wirklich guten Ruf hat… naja, warten wir mal ab.“ Da Lykke und Freja schon gegangen waren, entschied sich Emil, noch ein wenig mit dem Fußballer zu reden. „Warum machst Du eigentlich bei dieser Doku mit?“ Der Fußballer grinste breit: „Reine Imagepflege. Mein Berater meinte, ein bisschen Heimatliebe tut meinem Profil gerade ganz gut.“ „Deinem Profil?“, fragte Emil nach. „Ach, du weißt doch, wie die Medien heute sind“, winkte Per ab, während sie langsam in Richtung Ausgang gingen. „Sobald du Erfolg hast, versuchen die Leute, dir einen Strick aus allem zu drehen. Da wollte mir neulich so ein Party-Girl eine Story anhängen. Sie schmeißt sich den ganzen Abend an mich ran, und als ich sie am nächsten Morgen nicht anrufe, rennt sie heulend zu den Boulevardblättern und jammert wegen ‚unangemessenem Verhalten‘. Völlig lächerlich.“ Per schnaubte verächtlich. „Mein Berater hat das sofort im Keim erstickt, bevor die Presse daraus ein Drama machen konnte. Aber so läuft das eben heute: Du bist nett zu einer Frau, und prompt wird dir das Wort im Mund umgedreht.“ „Und da war gar nichts dran?“, fragte Emil, dem der Tonfall des Fußballers zunehmend missfiel.
Per blieb stehen und sah Emil direkt an. Ein selbstgefälliges Lächeln lag auf seinen Lippen. „Bitte, Emil. Ich spiele in der Premier League. Ich habe es beim besten Willen nicht nötig, einer Frau hinterherzulaufen. Die stehen sowieso Schlange. Das kennst Du doch bestimmt auch: den Mädels geht es am Ende doch eh nur um das Eine. Die interessiert es nicht mal, ob Du eine Freundin hast oder nicht.“ Emil erwiderte den Blick, enthielt sich aber eines Kommentars. Bei ihm stand definitiv niemand Schlange, und ein solches Anspruchsdenken war ihm völlig fremd. „Deshalb ist diese Doku perfekt“, fuhr Per ungerührt fort und klopfte Emil kumpelhaft auf die Schulter. „Ein paar Tage in der dänischen Idylle den bodenständigen Jungen von nebenan spielen. Das beruhigt die Sponsoren. Und wer weiß… vielleicht springt ja sogar ein bisschen Spaß dabei heraus. Was hältst Du eigentlich von Lykke? Die hat irgendwie was. Ich stehe ja auf Frauen mit Kurven, da hat man wenigstens was zum Anfassen.“ „Wir sind nur für ein paar Tage hier“, gab Emil trocken zurück. „Eben! Perfektes Timing für eine kleine Ablenkung“, grinste Per. Er schien Emils Distanz gar nicht zu bemerken. „Man vergnügt sich ein bisschen und geht danach wieder getrennte Wege. Kein Drama, keine gierigen Agenten.“ Emil zuckte nur mit den Schultern. „Nicht mein Ding. Ich habe lieber was Festes.“ Dabei schoss ihm durch den Kopf, dass er vielleicht langsam auch mal wieder Ausschau halten könnte. Mit Helena war es jetzt ja doch auch schon eine ganze Weile vorbei. Ob allerdings eine berühmte Schauspielerin oder die so sinnliche Sängerin dazu taugten, wagte er zu bezweifeln.