Emil
Emil
Emil überlegte sich, warum er sich zu den Aufnahmen für diese Doku hatte überreden lassen. Jetzt war schließlich Sommerurlaub und er hätte mit seiner Zeit etwas Besseres anfangen können. Doch eigentlich… er wäre sowieso nach Hause gefahren. Helena, seine langjährige Freundin, war seit einigen Monaten Geschichte. Ihre Trennung war mehr eine gütliche Einigung gewesen. Beide waren nicht so glücklich mit der Entfernung, die zwischen ihnen lag. Sie hatten viel zu wenig Zeit füreinander gehabt. Obwohl es durchaus noch Gefühle gab, die Phase der großen Liebe war vorbei. Sie hatten sich nicht gestritten, nicht diskutiert. Es war wie ihre ganze Beziehung gewesen. Still, beständig und liebevoll. Sie wussten um ihre sportlichen Terminpläne, mit ihr hatte er trotzdem jederzeit über alles reden können. Sie waren sich gegenseitig Rückhalt und Stütze gewesen, nur irgendwann hatte dieses „Ich muss sie unbedingt sehen“ einfach aufgehört. Sie gab zu, dass es ihr nicht anders erging. Auch ein Faktor, der ihr Zusammensein immer besonders gemacht hatte: die Ehrlichkeit. Auch wenn es am Anfang ungewohnt war, nicht mehr so oft mit ihr zu telefonieren, nach den nächsten Flügen Ausschau zu halten, er hatte sich daran gewöhnt. Zumal er immer noch einen guten Kontakt zu ihr hatte, immer noch über alles mit ihr reden konnte. Unglücklich… so richtig unglücklich war Emil über ihre Trennung nicht mehr.
Er hatte sich überreden lassen, bei diesem Projekt mitzumachen, doch es war ziemlich einfach für Jacob gewesen. Schließlich liebt Emil seine Heimat und auch seinen Beruf. Er würde es gerne mit der Welt teilen. Außerdem sollte es ja auch keine komische Reality-Show oder Soap werden, sondern ein ganz besonderer Film über erfolgreiche junge Menschen, die von Fünen kommen. Der Regisseur hatte ihm versichert, dass es nicht um Skandale oder Klatsch und Tratsch gehen sollte. Sie wollten die im Beruf erfolgreichen Menschen etwas beleuchten, zeigen, wie ihre Heimat sie geprägt hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Emil auch noch keine Ahnung gehabt, wer noch mitwirken würde. Er war zwar etwas unsicher, was genau da von ihm erwartet wurde, doch er hatte genug Interviews geführt und stellte sich vor, dass dieses Projekt nicht viel anders laufen würde. Es war ihm ein wenig unbehaglich dabei, sich nicht richtig darauf vorbereiten zu können, doch Jacob hatte ihm versichert, dass keine großen schauspielerischen Einlagen nötig sein würden. Er wollte die echten Menschen und Reaktionen vor der Kamera haben und keine aufgesetzten Szenen drehen. Emil musste also keinen Text auswendig lernen oder so etwas in der Art. Trotzdem fühlte er sich etwas unwohl, weil er nicht so ganz sicher war, was ihn erwarten würde.
Nach Abschluss der Saison, die für Flensburger Verhältnisse nicht wirklich erfolgreich war – schließlich hatte man die Qualifikation für die Championsleague deutlich verpasst, der Titel in der European-League war nur ein Trostpflaster – nach einigen Presse-, Sponsoren- und Feierterminen, war Emil nach Kerteminde gereist. Schon zwei Tage hatten genügt, um sich zu entspannen und sich auf die Ferien zu freuen. Emil war sowieso viel zu Hause, verbrachte gerne Zeit mit seiner Familie und traf sich mit alten Freunden.
Er hatte hier zwar nur die ersten zwölf Jahre seiner Kindheit verbracht, anschließend ging es für ihn nach Gudme, wo er bei GOG seine weitere Handballkarriere vorantrieb, doch seine Familie lebte hier. Vor fünf Jahren dann der große Schritt zur SG Flensburg-Handewitt, nach Deutschland. Mit seiner ihm so eigenen Akribie lernte er die deutsche Sprache und entwickelte sein Spiel weiter. Heute war er ein gestandener Nationalspieler und ein zufriedener Mann. Er hatte gute Freunde, einen tollen Beruf und war nicht zu weit weg von seiner Familie. Warum sollte er also sein gutes Gefühl nicht weitergeben, mit der Welt teilen?
Er dachte darüber nach, wieviel er von sich preisgeben wollte, was er überhaupt sagen sollte. Das Konzept der Dokumentation hatte Jacob nur grob umrissen. Nun sah er auf den Zettel, den ihm die Assistentin gegeben hatte. Neben der Uhrzeit war auch eine kurze Information geschrieben: Treffpunkt Lillestranden 7, 14:00 Uhr, Reflektionen aus der Kindheit. Bei einem Spaziergang am Meer sollen Kindheitserinnerungen beschrieben werden. Vielleicht mit einem besonderen Erlebnis oder Begebenheit. Gerne auch Gefühle oder Emotionen im Zusammenhang mit dem Meer, mit dem Strand. Geplante Aufnahmezeit: 30 Minuten, Zusammenschnitt auf zwei Minuten, Zimmer 21, 20:00 Uhr.
Wieder einmal fragte er sich, ob er mit seiner Zusage das richtige getan hatte. Freja war so souverän gewesen, Lykke gar nicht angespannt und selbst Per konnte auf Knopfdruck lächeln. Natürlich hatte sich auch Emil ganz gut im Griff. Nach einem schlechten Spiel hatte er manchmal auch nicht übel Lust, sich so richtig auszukotzen, doch er hatte genug Medientraining absolviert, um sich zu beherrschen also nicht immer die ganze Wahrheit zu sagen. Doch diese Sache machte er zum ersten Mal, hatte kein Training dafür absolviert. Hoffentlich würde er es nicht verzocken.
Er sah auf seine Uhr und fluchte. Er war zu spät. Vielleicht hätte er eher auf den Zettel sehen sollen, statt so viel über alles Nachzudenken. Er kam sonst nie zu spät, nicht zum Training, auch zu keiner Abfahrt. Rasch zog er seine Schuhe an und machte sich auf den Weg. Er sah die Produktionsassistentin schon von weitem, sie hielt Ausschau… wahrscheinlich nach ihm. Tatsächlich schien sie verärgert zu sein und teilte ihm mit einem vorwurfsvollen Blick kurzangebunden mit: „Du bist zu spät. Das Team ist schon unten am Strand und testet die Belichtung. Lass uns gehen.“ Emil ärgerte sich über ihren Tonfall, deshalb gab er zurück: „Es wird ja wohl nicht auf eine Minute ankommen.“ Sie presste die Lippen zusammen: „Wenn jeder von Euch zehn Minuten zu spät kommt, sind es schon vierzig. Abgesehen davon, dass die anderen dann eben auch warten müssen, bis sie an der Reihe sind, haben wir ja auch nicht endlos lange die richtigen Lichtverhältnisse.“ Ohne seine Antwort abzuwarten, wandte sie sich von ihm ab und ging mit strammem Schritt los. Er musste fast rennen, um mit ihr mitzuhalten.
Als er zu ihr aufschloss, konnte er nicht anders, als ihr zu sagen: „Ich war genau zwei Minuten über der Zeit.“ Ohne ihn auch nur anzusehen, erklärte sie ihm barsch: „Die Uhr läuft ab dem Moment, ab dem ich hier stehe und warte.“ Für was hielt sich die junge Frau eigentlich? Emil murmelte: „Das ist doch Erbsenzählerei.“ Sie blieb abrupt stehen: „Nein, das ist Professionalität, Emil.“ „Erzähl Du mir doch nichts von Professionalität“, gab er zurück. Sie fixierte ihn mit eisigen Augen „Wenn das Licht weg ist, ist der Drehtag gelaufen.“ Dann ging sie einfach weiter und ließ ihn etwas sprachlos zurück.
Am Strand war ein kleines Zelt aufgebaut, in das ihn die junge Frau kurzangebunden schickte: „Hier ist die Maske“. Eine ältere Frau begrüßte ihn freundlich, sah ihn nur kurz an, um festzustellen: „Na, da machen wir gar nicht viel. Die Haare sind in Ordnung, wir haben nur wenig Wind. Ich würde nur ein bisschen Puder auftragen, damit das Gesicht nicht so glänzt. Ist das in Ordnung für Dich?“ Auch in Anbetracht der Tatsache, dass er schon so spät war, hatte er nichts dagegen und stand gleich darauf wieder vor dem Zelt.
„Du bist schon fertig?“ war die Assistentin überrascht. Er grinste und versuchte es mit einem lockeren Spruch: „Natürliche Schönheit, was will ich machen…“ Ihr gemurmeltes: „Ja… ist ja klar, nur tolle Männer hier“, klang nicht gerade schmeichelhaft. Schon war seine gute Laune verschwunden. Sie lieferte ihn bei Jacob ab, der nur meinte: „Astrid, Du hast dafür zu sorgen, dass wir unseren Zeitplan einhalten. Sieh zu, dass es besser wird.“ Vielleicht hätte Emil ja gesagt, dass es seine Schuld gewesen sei, doch er war noch ein bisschen verärgert über ihre Maßregelung und dann auch noch die Kommentare. So folgte er einfach dem Regisseur, der ihm jetzt seine Aufgabe erklärte: „Wir gehen ein kleines Stück am Strand spazieren, die Kamera folgt uns. Erzähle einfach mal, was Dir so in den Sinn kommt, wenn Du hier entlang gehst. Wir schneiden daraus eine ca. zweiminütige Szene, natürlich mit Dir zusammen. Sei einfach ganz Du selbst, schau ab und zu mal in Richtung der Kamera. Das ist Dein Publikum, dann wirkt es persönlicher. Wollen wir starten?“
Nach einer halben Stunde war Emil überrascht, wie leicht es ihm gefallen war, eine kleine Anekdote über Strandläufe und Fitness zum Besten zu geben. Er hatte einfach mit Jacob geplaudert und der hatte ihm Stichworte hingeworfen. Vielleicht war die ganze Sache ja doch nicht so schwierig. Am Ausgangspunkt stand schon Lykke und Emil entschloss sich, noch ein wenig zu bleiben und zuzusehen, wie die Sängerin diesen Part absolvierte. Vielleicht konnte er so auch noch etwas lernen.
Es war ihm gar nicht aufgefallen, dass nicht nur der Kameramann ihn begleitet hatte, auch die Assistentin mühte sich zusammen mit der Tonfachfrau Mikrofon und Kabel in passender Reichweite zu halten. Lykke stimmte einen Song an und so kam er in den Genuss einer Live-Vorstellung der bekannten Sängerin. Es gefiel ihm ausnehmend gut, auch wenn er etwas Abstand hielt, um die Aufnahme nicht zu stören. Er bekam es gar nicht mit, dass Astrid um ihn herumarbeiten musste, denn der Gesang hielt ihn gefangen. Erst als er einen leichten Stoß in den Rücken bekam und sich herumdrehte, fiel es ihm auf. Ihren bösen Blick nahm er ungerührt zur Kenntnis. Überhaupt fand er das Verhalten der jungen Frau sehr feindselig. Auch die Aufnahmen mit Per und Freja sah er sich noch an, achtete allerdings peinlich genau darauf, nicht mehr im Weg zu sein.
Nachdem alle mit ihren Aufnahmen fertig waren, konnte er beobachten, wie die Crew das Zelt abbaute und alles in einem Auto verlud. Wahrscheinlich hätte er sogar angeboten zu helfen, doch Per zog ihn beiseite. „Hör mal, können wir den Abendtermin tauschen? Ich bin um 19:00 Uhr dran, hätte aber gerne den letzten Termin.“ Emil sah nicht, warum er das nicht machen sollte. „Können wir machen“, ließ er den Fußballer wissen. Er überlegte kurz, die Assistentin von dem Tausch zu informieren, doch sie war gerade beschäftigt einige Stangen zum Auto zu schleppen. Dann dachte er sich, dass es ja auch egal sei, welchen Termin er wahrnehmen würde.
Er traf sich mit Lykke in seinem kleinen Lieblingscafé. Die Sängerin hatte nach ihrer Aufnahme gefragt, ob er ihr nicht einen Tipp für einen guten Kaffee geben könne. So war eine Verabredung zustande gekommen. „Das war ein guter Vorschlag, Emil“, lächelte sie ihn an. „Der Kaffee ist hervorragend.“ „Ja, Du solltest die Cookies probieren, die sind auch sensationell“, schmunzelte Emil. Lykke sah ihn an: „Musst Du als Sportler nicht auf Deine Ernährung achten?“ „Manchmal ja, manchmal nein. Ich habe Urlaub.“ „Ich esse viel zu gerne“, seufzte sie. „Wie man sehen kann“, ergänzte sie. Er ließ seinen Blick über sie schweifen: „Du bist nicht magersüchtig, doch ich finde auch nicht, dass Du dick bist.“ „Was für ein zweifelhaftes Kompliment“, lachte die Sängerin, ehe sie noch dazufügte: „Doch ernsthaft… ich wurde als Kind gemobbt. Weil ich eben immer schon ein wenig mehr auf den Rippen hatte.“ „Geschadet hat es Dir nicht, oder?“ „Nein, weil ich mich nicht habe kleinkriegen lassen und mit einer ungewöhnlichen Stimme gesegnet bin“, grinste sie. „Oh ja, die hast Du ganz eindeutig. Ich weiß gar nicht, warum ich nicht mehr von Dir anhöre. Am Strand vorhin… das war schön.“ „Danke, ein bisschen ‚zurück zu den Wurzeln‘ – einfach nur singen. Das hat mir Spaß gemacht.“
Sie sah ihn an: „An was hast Du so Spaß? Spielst Du gerne Handball?“ Emil musste nicht lange überlegen: „Ja, das mache ich wirklich gern.“ „Es schadet auch nicht Deiner Figur“, zwinkerte Lykke. „Soll ich das als Schmeichelei verstehen?“ fragte Emil grinsend. „Na, wie ein Topf voll Mäuse siehst Du nicht gerade aus. Schon… interessant“, teilte ihm die Sängerin unverblümt mit. Emil war so direkte Ansprachen nicht gewohnt und lachte verlegen. „Bist Du eigentlich in festen Händen?“ fragte sie ihn direkt. „Macht es einen Unterschied?“ wich er ein wenig ihrer Frage aus. Die Trennung von Helena hatte er bisher nicht an die große Glocke gehängt. Sie sah ihn mit einem tiefgründigen Blick an: „Ja… ja, Du bist der Typ, für den es einen Unterschied macht.“ Er entschied sich für eine Gegenfrage: „Und Du? Bist Du verheiratet oder so?“ Sie lachte kurz und bitter: „Geschieden, mein Traumprinz hat sich in einen Frosch verwandelt.“ „Das tut mir leid.“ „Muss es nicht. Eines Tages finde ich den richtigen Frosch“, war sie sofort wieder gut gelaunt.
Sie plauderten noch eine ganze Weile sehr unverfänglich, ehe Lykke auf die Uhr sah: „Ich muss los, Astrid will mir den ersten Schnitt zeigen.“ Dabei verzog sie ihr Gesicht: „Ach ja… Astrid…“ „Was ist mit Astrid?“ fragte Emil. „Du weißt es nicht?“ „Was weiß ich nicht?“ „Na, sie ist die Tochter von Jacob und absolut karrieregeil.“ Emil schüttelte mit dem Kopf: „Sie ist seine Tochter?“ „Ja, unehelich. Sie sollte eigentlich gar nicht hier arbeiten. Jacob hält nicht viel von ihrer Arbeit, doch die ursprünglich vorgesehene Bjerre hat sich krankgemeldet. Da hatte er keine große Auswahl mehr.“ Emil fühlte sich etwas unbehaglich bei dem Gespräch, doch er war auch neugierig: „Er hätte doch jemand anderen nehmen können.“ „So kurzfristig stand wohl nur noch Astrid zur Verfügung, sie hatte gerade keine anderen Aufgaben. Kein Wunder, so unfähig wie sie ist.“ „Kennst Du sie denn oder woher weißt Du das alles?“ fragte Emil. „Das habe ich aus sicherer Quelle. Außerdem… sie war schon als Kind ein Biest.“ „Als Kind?“ „Ja, sie gehörte zu der Bande von Kindern, die mich in der Schule gemobbt haben. Dabei ist sie selbst ja auch nicht gerade eine Schönheit.“ Emil versuchte sich Astrids Gesicht ins Gedächtnis zu rufen, doch es gelang ihm nicht. „Also besonders aufgefallen ist sie mir tatsächlich nicht“, war er ehrlich. „Sei einfach ein bisschen vorsichtig im Umgang mit ihr. Sie versucht für sich das Beste rauszuholen, ist auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Nur als Warnung, Emil“, lächelte sie ihm verschwörerisch zu. „Ich muss los, ich bin nicht gerne unpünktlich“, verabschiedete sich Lykke und ließ ihn im Café sitzen – ohne zu zahlen.
Emil dachte über die Warnung nach. Doch er sah nicht, wo ihm Astrid schaden könnte. Sie würde ihren Job machen und wenn nicht, dann würde Jacob sicherlich eingreifen. Schließlich war sie nur eine kleine Assistentin. Andererseits konnte sie ihm nicht rechtzeitig über die Termine Bescheid geben oder eine Aufnahme versauen… vielleicht. Er wusste gar nicht so genau, was diese Astrid für Aufgaben hatte. Dann gingen seine Gedanken allerdings rasch wieder zu Lykke. Er fand die Sängerin sehr sympathisch und er war der Meinung, sie habe schon ein wenig mit ihm geflirtet. Ihre Unterhaltung war zumindest sehr nett gewesen. Er war gespannt auf die nächsten Tage.