Astrid
Astrid
Während Astrid auf Lykke wartete, schloss sie einen Moment die Augen. Sie war müde, so müde. Wie war sie nur hier hereingeraten? Natürlich lag es an Jacob. Ihr Vater hatte einen dringenden Ersatz für Bjerre benötigt. Astrid war erst gestern aus Aalborg nach Ribe von einem dreiwöchigen Drehtermin zurückgekehrt und hatte noch nicht einmal ihren Koffer ausgepackt, als sie der Anruf ihres Vaters kalt erwischte.
„Astrid, ich brauche Dich“, polterte er los, ohne eine weitere Begrüßung. „Hallo Jacob, wie nett, dass Du mich mal anrufst.“ „Hör zu, ich brauche Dich sofort hier in Kerteminde. Mein Projekt startet morgen früh und Bjerre fällt aus.“ „Ich komme gerade erst nach Hause“, war sie wenig begeistert. „Sei morgen um 8:00 Uhr im Hotel, dann können wir alles besprechen.“ „Nein, ich komme gerade erst von einem anstrengenden Dreh nach Hause.“ „Du hast Dich bei Morten beworben, nach diesem Projekt bekommst Du den Job.“ Sie wunderte sich nicht darüber, dass er Bescheid wusste. Die Filmwelt war eine kleine und ihr Vater und Morten waren befreundet. „Ach ja? Wie kannst Du mir das Versprechen?“ Ihr Vater lachte kurz und rau: „Nun, ich kann Dir zumindest versprechen, dass Du ihn nicht bekommst, wenn Du mich jetzt im Stich lässt.“
Sie überlegte kurz, doch die Aussicht auf ihren Traumjob, ließ sie zögern, einfach aufzulegen. „Hör mal, Astrid… es sind nur ein paar Tage. Ich maile Dir das Skript, es ist alles soweit vorbereitet. Bjerre hat einen guten Job gemacht. Du musst nur ab morgen einspringen. So kurzfristig kann ich niemanden anderen bekommen. Es wird Dir nicht schaden“, schmeichelte er nun ein wenig. Noch ehe sie es sich anders überlegen konnte, hörte sie sich sagen: „Also gut…“ „Bis morgen, Astrid“, beendete Jacob sofort das Gespräch.
Das Verhältnis zu ihrem Vater war… schwierig. Er war eigentlich nur ihr Erzeuger. Ihre Mutter hatte Astrid zum größten Teil allein aufgezogen und sie hatte nie einen Vater vermisst. Erst als sie in die Filmwelt einstieg, hatte ihre Mutter das Geheimnis über ihren Vater preisgegeben, denn es war klar, dass die beiden sich kennenlernen würden. Jacob war nie über seine Vaterschaft begeistert gewesen, doch er hatte zumindest finanziell für sie gesorgt. Astrid trug den Namen ihrer Mutter und war froh darüber. Sie wollte nicht als „Tochter von…“ Karriere machen, sondern selbst ihren Weg gehen. Trotzdem war es unvermeidlich, dass sich Vater und Tochter über den Weg liefen.
Sie würde nie seinen Blick vergessen, als er sie das erste Mal vor sieben Jahren traf. Er hatte sie angesehen wie ein lästiges Insekt, das man am liebsten zertreten würde. Doch nach der ersten Zusammenarbeit musste er einsehen, dass sie einen wirklich guten Job machte. Obwohl sie immer versuchte ihm aus dem Weg zu gehen, arbeitete sie noch häufiger mit ihm zusammen. Ihr Verhältnis blieb unterkühlt, er legte keinen Wert darauf, sie als seine Tochter vorzustellen, doch er arbeitete einfach gern mit ihr zusammen. Sie war sehr gut, in dem was sie tat und er arbeitete immer mit den Besten zusammen. Irgendwann sickerte natürlich doch durch, welche Verbindung Jacob Halverson und Astrid Nordström hatten. Astrid hatte es eher geschadet als geholfen. Jeder vermutete sofort Vetternwirtschaft, wenn sie mal wieder einen sehr begehrten Job bekam. Dabei war es wirklich ihrer guten Arbeit geschuldet, dass man gerne mit ihr zusammenarbeitete. Sie war richtig gut im Organisieren, hielt den ganzen Laden zusammen und machte das auch gerne, doch sie wusste auch genau, wo sie hinwollte.
Sie hatte Talent dafür, außergewöhnliche Orte zu finden und diese auch mit einem Drehbuch in Verbindung zu bringen. Ihr Organisationstalent würde ihr dabei helfen, die entsprechenden Drehgenehmigungen zu besorgen. Sie wollte unbedingt ins Location Casting, daher hatte sie sich auf die Stelle bei Morten Andersen beworben. Sie wusste, dass sie gute Chancen hatte. Sie wusste allerdings auch genau, dass ihr Vater ihre Bewerbung torpedieren konnte. Er war als erfolgreicher Regisseur über viele Jahre einflussreich genug geworden. Natürlich hatte er schon oft mit der kleinen Agentur von Morten zusammengearbeitet und war ja sogar mit ihm befreundet.
So hatte sie am späten Abend noch rasch das Skript durchgelesen, ihre Koffer umgepackt und war am frühen Morgen in Kerteminde eingetroffen. Das erste Gespräch mit ihrem Vater war direkt aus dem Ruder gelaufen. Es begann harmlos mit einer kurzen Unterhaltung über die kommenden Drehtage, dann erwähnte er es wie beiläufig: „Ehe ich es vergessen: Sorge bitte dafür, dass Per Christensen sich besonders wohl fühlt.“ „Per Christensen?“ „Der Fußballer… er ist einer der Hauptfinanciers für dieses Projekt.“ Sie sah ihn an: „Der finanziert so eine Doku?“ Ihr Vater lachte kurz: „Geld genug hat er ja schließlich.“ „Gut… nur was schwebt Dir vor? Soll er der heimliche Star dieser Doku werden?“ fragte Astrid. Ihr Vater sah ein wenig an ihr vorbei: „Naja, Bjerre steht auf ihn.“ Astrid war verwirrt: „Was hat das mit dem Dreh zu tun?“ Da sah ihr Vater sie direkt an: „Meine Güte, bist Du wirklich so schwer von Begriff? Sei nett zu ihm, er braucht ein bisschen Pflege für sein männliches Ego.“ Astrid war sich sicher, ihn falsch verstanden zu haben: „Was genau meinst Du denn damit?“ Jacob lachte leise, vielleicht ein bisschen überheblich: „Du kannst es ihm doch einfach ein bisschen… entspannter machen.“ Sie schnaubte: „Nicht Dein Ernst, oder? Ich soll was genau? Mit ihm ins Bett?“ „Komm mal wieder runter… Ich habe nicht gesagt, dass Du mit ihm schlafen sollst. Du sollst ihm nur ein wenig… um den Bart gehen… nett sein.“ „Nein“, sagte sie entschieden. „Ach komm schon, Du hast im Moment doch sowieso keinen Freund. Er sieht ganz gut aus und ist echt nett. Du kannst doch wenigstens ein bisschen flirty sein. Bjerre hätte das gemacht… sehr gerne… Auch wenn sie sich nicht für den Job bei Morten interessiert“, rief ihr Vater ihr ganz subtil ins Gedächtnis, was der Preis für eine Weigerung sein würde. Ihr wurde flau im Magen, doch sie blieb bei ihrer Meinung: „Ich werde ganz bestimmt nicht Karriere durch ein Bett machen, auch nicht durch das eines Fußballstars.“ Er sah sie eindringlich an: „Komm mal wieder runter, Astrid. Ich habe nicht gesagt, dass Du mit ihm ins Bett sollst. Nur ein bisschen nett sein.“ „Ich bin immer nett“, presste sie sich mit zusammengebissenen Zähnen heraus. „Wahrscheinlich hat er sowie kein großes Interesse an Dir. Schau Dich doch mal an: ein bisschen hübscher hättest Du Dich mal machen können. Du hast Schatten unter den Augen und ein ordentlicher Haarschnitt könnte nicht schaden. Und Deine Klamotten…“ „Das reicht… ich gehe“, fauchte sie nun.
Er erhob seine Stimme: „Das wirst Du nicht tun. Du wirst Dich anstrengen, einen guten Job machen und anschließend Location Manager bei Morten werden. Ich schwöre Dir, ansonsten bekommst Du keinen Fuß mehr an den Boden.“ Sie musste schlucken. Er konnte sie vernichten, alles kaputtmachen. Es würde keiner mehr nach ihrer guten Arbeit der letzten Jahre fragen, wenn er verlauten ließ, dass sie nicht performen würde. „Also gut, ich arbeite die nächsten sechs Tage für Dich“, sagte sie leiser. „Und Du kümmerst Dich um Per…“, ergänzte ihr Vater. Alles in ihr zog sich zusammen, doch es war immer noch ihre eigene Entscheidung, wie weit sich dieses Kümmern erstrecken würde. So nickte sie nur ergeben. „Dann husch husch… an die Arbeit“, schickte ihr Vater sie triumphierend aus dem Zimmer.
Als sie sich weiter vorbereitete und dann sah, wer die Hauptpersonen der Doku sein würden, wusste sie genau, dass diese sechs Tage die Hölle werden würden. Freja, die tolle Schauspielerin, die aussah wie ein Traum, wahrscheinlich arrogant und zickig bis zum Dorthinaus. Lykke, die Sängerin, die sie zwar noch von der Schule kannte, allerdings damals nichts mit ihr zu tun gehabt hatte. Dazu noch Per Christensen, ein Fußballstar, der eine Sonderbehandlung – wie auch immer - erwartete und Emil Jakobsen, der Handballer, der auch nur mit Frauen rumspielte. Ihrer Freundin Svenja hatte er vor einigen Jahren auf eine ganz miese Art und Weise das Herz gebrochen. Das konnte nur eine Katastrophe werden.
Prompt kam dieser Jakobsen zu spät zum ersten Dreh, stand dann auch noch im Weg herum. Sie hatte zwar versucht, ihm begreiflich zu machen, dass dies hier ernsthafte Arbeit war, doch das schien an ihm abgeperlt zu sein. Dazu noch dieser Fußballer, Per. Der fing schon vor seinem ersten Take damit an, ihr zu nahe zu kommen. Als er am Strand auftauchte, grinste er sie unverschämt an: „Kannst Du mir noch ein Mineralwasser besorgen. Ohne Kohlensäure, ja, Schätzchen?“ Natürlich besorgte sie ihm das gewünschte Getränk und als sie es ihm kommentarlos überreichte, hielt er einen Moment ihre Hand fest. Sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt. Sie hatte ihn für die Abendsession zwischen Lykke und Emil eingebaut, damit er keine Gelegenheit hatte, das Treffen künstlich auszudehnen.
Als sich die Tür öffnete – ohne Anklopfen – und Lykke hereinkam, zwang sich Astrid zu einer freundlichen Miene. „Man sieht sich zweimal im Leben nicht wahr, Asti?“ lächelte Lykke verschlagen, anstatt einer Begrüßung. Astrid hat keinen Grund aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen: „Wenn unter der berühmten Sängerin Lykke immer noch irgendwo eine Rieke versteckt ist, gebe ich Dir absolut recht.“ „Du hast mich also doch erkannt. Ich war nicht sicher, Du hast Dich so… neutral verhalten.“ „Es ist eine Ewigkeit her, fast zwanzig Jahre. Ich weiß ja nicht, ob es jeder wissen soll, dass wir mal in einer Schulklasse waren.“ Lykke zog ihre Augenbrauen hoch: „Oder wolltest Du nur nicht, das jeder erfährt, dass die kleine Produktionsassistentin Asti früher ein Biest war, dass ihre Schulkameradinnen gemobbt hat.“ Astrid winkte nur müde ab: „Ich habe kaum was gemacht, ich war nur in einer anderen Clique als Du.“ „Ja, so kann man das natürlich auch abtun. Doch ich habe nicht vergessen, wie mies Ihr Euch damals verhalten habt.“ „Es tut mir leid, wenn das so ist. Ich kann es nicht mehr ändern. Ich bin auch einfach nur ‚mitgelaufen‘ und war froh, nicht ausgegrenzt zu werden.“ Lykke lachte bitter: „Ja, so kann man es auch betrachten. Du warst zu feige, Dich gegen Deine Freundinnen zu stellen.“ „Wir waren Kinder… ehrlich: ich habe mir keine großen Gedanken darüber gemacht. Außerdem bist Du ja nach ein paar Monaten schon wieder weg gewesen“ verteidigte sich Astrid. Lykke nickte bedächtig: „Ja, eine andere Schule, zum Glück. Da wurde nicht auf mir herumgetrampelt.“ „Wie gesagt: es tut mir leid. Können wir uns jetzt auf den Job hier konzentrieren“, bat Asti. „Wenn Du denkst, damit ist alles vergeben und vergessen, bist Du auf dem Holzweg. Doch ich bin Profi genug, um ein paar Tage mit Dir zusammenzuarbeiten. Danach werde ich Dich einfach wieder vergessen. Du bist einfach nicht wichtig genug.“ „Das soll mir recht sein. Können wir jetzt starten?“ bat die Produktionsassistentin. Dann machten sie sich an die Arbeit.
Der Part von Lykke war sehr einfach. Nur ein paar wenige Kommentare zum Meer hatte Astrid zusammengestellt, dann das Lied, das Lykke gesungen hatte. Erstaunt sah die Sängerin den Zusammenschnitt: „Das ist gut.“ „Natürlich hat Jacob die letzte Entscheidung, doch ich würde es ihm so vorlegen.“ Ihre Kindheitsfeindin sah sie nachdenklich an: „Das ist richtig gut. Du verstehst was von Deinem Job, oder?“ Astrid nickte nur. „Also schön. Wir werden schon zurechtkommen… für die paar Tage“, versprach Lykke, ehe sie ohne eine weitere Verabschiedung ging.
Mit Freja gab es erstaunlicherweise keine Probleme. Auch ihr gefiel der Vorabschnitt von Astrid, wenngleich sie noch ein paar kleine Korrekturen vorschlug. Doch sie war sehr freundlich, bedankte sich sogar für Astrids Arbeit. Da sie sehr schnell fertig waren, unterhielten sie sich einfach noch ein bisschen. Die Schauspielerin war sehr sympathisch, von Abgehobenheit keine Spur. Nach dem Termin merkte Astrid, dass sie sehr viel entspannter war. Als nächstes stand der Fußballer auf ihrer Liste.
Doch als es klopfte und auf ihr ‚Herein‘ dann Emil eintrat, musste Astrid durchpusten: „Was machst Du denn hier?“ „Ich habe den Termin mit Per getauscht.“ „Hättet Ihr mir nicht darüber Bescheid sagen können“, knurrte sie ihn an. „Macht doch keinen Unterschied, oder?“ tat Emil ihre Bemerkung ab. Eigentlich machte es tatsächlich keinen Unterschied, doch Astrid merkte sofort, wie sehr es sie nervte. Sie hatte schließlich einen Grund gehabt, Per eben nicht als letztes in dem Zimmer haben zu wollen.