Per
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Per Christensen war Fußballer aus Leidenschaft. Er hatte Talent, Ehrgeiz und viel Glück. Seine Familie war finanziell gut aufgestellt und förderte den einzigen Sohn, wo immer es ging. Er wurde durch ganz Dänemark kutschiert, wenn es darum ging seine Fußballkarriere anzukurbeln. Nachdem klar war, dass er auch gut genug war, um Profi zu werden, erhielt er alle Unterstützung, die es brauchte. Ein Personal-Trainer sorgte für mehr Fitness, seine Ernährung wurde frühzeitig auf den Sport umgestellt. Privatlehrer unterrichteten ihn nicht nur in Schulfächern, nein, er lernte auch, in welchem Licht sein Gesicht am markantesten wirkte und wie man Interviews führte. Er selbst gab sich ganz bescheiden, denn er war clever genug, um zu erkennen, dass das in der Öffentlichkeit gut ankam. Seine Fähigkeiten als Stürmer waren außergewöhnlich. Er debütierte schon früh in der dänischen Nationalmannschaft. Vor zwei Jahren erfolgte dann der Sprung in die Premier League. Er brauchte kaum Zeit für die Umstellung auf die weitaus härtere Gangart in England und stieg auch hier rasch in die Ränge der beliebtesten Profis auf.
Von den ersten Schritten auf dem Fußballplatz lagen ihm auch die Mädchen, später Frauen, zu Füßen. Er war ein hübscher Junge, der zu einem gutaussehenden Mann heranreifte. Doch er hatte immer nur seine Karriere im Kopf und so brach er Mädchenherzen, wie andere Briefmarken sammelten. Er war nicht bösartig oder versprach Sachen, die er nicht halten würde. Nein, es war ihm schlicht und ergreifend gleichgültig, was aus seinen Liebschaften wurde. Er war clever genug, hinter den Kulissen zu agieren und ging nie ohne Kondome aus dem Haus. Als er mit zwanzig Jahren seinen Agenten wechselte, brachte ihn das zu Tore. Der nur fünf Jahre ältere Mann wurde schnell zu seinem besten Freund, machte sich rasch unentbehrlich. Er sorgte nicht nur für gute Verträge, sondern kümmerte sich auch darum, dass die Frauen, mit denen sich Per traf, zur Verschwiegenheit verpflichtet wurden, damit so nicht an die Öffentlichkeit drang, dass die Libido des Fußballstars sehr hungrig war. Per hatte gerne Sex, doch kaum eine Frau schaffte es zweimal in sein Bett. Sie wurden langweilig, sobald er sie besessen hatte. Es war mehr ein Geschäft als große Liebe. Natürlich würde Per irgendwann mal die perfekte Frau heiraten und mit ihr Kinder bekommen, allerdings wollte er damit noch ein wenig warten.
Das Malheur geschah mit Jilian. Per lernte sie zufällig kennen und noch bevor sie durch Tore gebrieft wurde, hatte er schon eine Affäre mit der blutjungen, zu jungen, Engländerin. Am Anfang fand Per es noch aufregend, sie sogar vor Tore geheim zu halten, doch nach einigen Treffen wurde sie ihm zu anhänglich. Jilian hatte nicht vor, sich so leicht abschieben zu lassen. Sie drohte damit, einen Skandal zu verursachen. Tore konnte die Wogen gerade noch so glätten, das Projekt mit der Dokumentation kam jedoch genau im richtigen Moment. Die Finanzierung konnte man von der Steuer absetzen und Per willigte ein, persönlich an dem Projekt teilzunehmen.
Beim abschließenden Gespräch mit Jacob, machte dieser einen Kommentar, der Per hellhörig werden ließ: „Natürlich werden wir uns während der Drehtage darum kümmern, alle Deine Bedürfnisse zu erfüllen.“ „Alle meine Bedürfnisse?“ fragte er nach. Jacob dachte sofort an Bjerre, die tatsächlich total auf den Fußballer abfuhr. „Natürlich… nur das Beste für unseren heimlichen Star“ versprach er vollmundig. „Es könnte sein… dass ich etwas mehr Unterstützung brauche. Ich habe noch nie vor der Kamera gestanden“ gab Per zu bedenken. „Wirklich… kein Problem. Wir haben eine Produktionsassistentin, die sich um alles kümmert. Ich sage ihr einfach, dass Du eine… besondere Betreuung brauchst“ zwinkerte Jacob ihm zu. Per machte noch einmal deutlich: „Ich bin nicht gerne… allein unterwegs. Doch ich werde wieder allein nach England zurückkehren.“ „Ja, ja… kein Problem. Ich regele das natürlich“ versprach Jacob.
Als Per auf Lykke und Freja traf, trat die Produktionsassistentin sofort in den Hintergrund. Das waren zwei Frauen der obersten Kategorie. Er konnte sich nicht sofort entscheiden, welche der beiden unterschiedlichen Damen er attraktiver fand. Freja, so charmant und lieblich, ein offener Mensch mit einem großen Herzen. Lykke, aufreizend, verführerisch mit einem großen Busen. Ja, er fand beide außerordentlich attraktiv. Doch er musste auch feststellen, dass er keine Ahnung hatte, wie er an sie herantreten sollte. Normalerweise rannten ihm die Frauen hinterher und er musste keine Anstalten machen, irgendetwas dafür zu tun, damit er bekam, was er wollte. Dazu kam dann noch dieser dämliche Handballer. Emil war in Dänemark mehr ein Star als er, Per. Die Handballer hatten den Fußballern in den letzten Jahren ein bisschen den Rang abgelaufen. Außerdem war dieser Emil nicht eben unattraktiv. Vielleicht sollte er versuchen, sich mit dem anzufreunden. Natürlich nur für diese Drehtage. Per hatte mitbekommen, dass Emil am Nachmittag mit Lykke zusammen unterwegs gewesen war. Das hatte ihm so gar nicht gefallen. Doch er hatte ja den späten Termin getauscht. Da würde er sich die Assistentin mal vornehmen. Er hatte doch glatt ihren Namen vergessen. Na, egal, sie war vielleicht nicht die Hübscheste, doch abschreckend war die Frau auch nicht. Er stellte fest, dass er sich gar nicht daran erinnern konnte, wie genau diese… wie war noch ihr Name… aussah. Doch für die Befriedigung seiner besonderen Bedürfnisse würde es schon ausreichen.
Mit diesem Vorhaben klopfte er an die Tür von Zimmer 21. „Nur herein mit Dir“ rief eine Frauenstimme. Dann sah er, dass der Handballer noch vor einem Bildschirm gegenüber der Assistentin saß. „Kleinen Moment, Per. Emil und ich sind sofort fertig“ teilte sie ihm mit.
Die Besprechung mit Emil war schwierig geworden. Zum einen hatte Astrid Probleme gehabt, einen guten Zusammenschnitt zu machen. Ihr hatte zu viel von dem Handballer einfach gefallen. Er kam total sympathisch vor der Kamera herüber. Das hatte sie nur schwer mit der Wirklichkeit in Einklang bringen können. Außerdem nörgelte Emil über Kleinigkeiten: „Das ist aus dem Zusammenhang gerissen“ „So sieht man mein Gesicht ja gar nicht“ „Da wirke ich so ernst“ Er strapazierte deutlich ihre Geduld. So teilte sie ihm mit: „Ich mache zwei Vorschläge und Jacob entscheidet es, kannst Du damit leben?“ „Hast Du jetzt keine Zeit mehr, oder was“ knurrte er. „Tatsächlich hatten wir für jeden von Euch nur eine Stunde geplant. Es ist doch gut, was wir hier haben“ versuchte Astrid ihn zu überzeugen. Sie starrte auf den Monitor, auf dem Emils lachendes Gesicht im Standbild eingefroren war. Es war paradox: auf dem Bild wirkte er wie der perfekte Sympathieträger, während der echte Emil ihr gegenübersaß, die Arme vor der Brust verschränkt, ein wenig zapplig und die Stirn in tiefe Falten gelegt.
Emil spürte, wie ihm die Hitze in den Nacken stieg. Er rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her und versuchte seine Hilflosigkeit hinter einer Fassade aus Desinteresse zu verbergen. Er war einfach nicht sicher, ob es gut genug war. Er war sowieso nicht sicher, was er von den Aufnahmen halten sollte. Waren die nun in Ordnung oder nicht? Er hatte sowas schließlich noch nie gemacht. Er war deutlich verunsichert und kaschierte es, so gut er konnte vor Astrid, die zunehmend ungeduldiger mit ihm wurde. Beim Handball war das viel einfacher. Ein Tor ist ein Tor, eine Quote von unter 75% schlecht. Trickwürfe konnte man trainieren, seine Schnelligkeit kam von fleißiger Arbeit. Das hier war alles Neuland. Es gefiel ihm nicht, nicht zu wissen, ob er gute Arbeit geleistet hatte. Dann tauchte nun auch noch der Fußballer auf, der total souverän wirkte. Er bewegte sich mit der lässigen Eleganz eines Mannes, der es gewohnt war, dass Scheinwerfer auf ihn gerichtet waren. Er füllte den Raum sofort aus und strahlte eine Selbstsicherheit aus, die Emil in diesem Moment völlig abging.
Per spürte sofort die Anspannung, die in der Luft lag. Das gefiel ihm ganz und gar nicht. Er war hier schließlich der Star und wollte auch volle Aufmerksamkeit. „Seid Ihr jetzt fertig oder soll ich später wiederkommen?“ Demonstrativ sah er auf seine Uhr und seine Stimme triefte vor gespielter Höflichkeit. „Wir sind fertig“ erklärte Astrid entschieden und klappte ihren Laptop ein Stück weit zu, ein klares Signal, dass die Sitzung beendet war. Emil protestierte: „Ich bin damit nicht zufrieden.“ „Aber Deine Zeit ist um“ fertigte sie ihn ab und fixierte Emil ohne jede Wärme. „Alles klar… dann kümmere Dich jetzt mal schön um den da“ knurrte Emil, ehe er angesäuert das Zimmer verließ und die Tür etwas lauter zuschlug.
Als Astrid seufzte, musste Per sich ein Lachen verbeißen. Sie forderte ihn auf: „Setz Dich doch bitte dahin“ und deutete auf den Platz gegenüber, wo vorher noch Emil gesessen hatte. Sie selbst hatte ein Laptop vor sich stehen. Er ignorierte ihre Aufforderung und zog den Stuhl um den Tisch herum und setzte sich neben sie. Ein wenig erschrocken sah sie ihn an. Dabei registrierte er zum ersten Mal ihr Gesicht. Keine Offenbarung, doch klare Gesichtszüge mit einer niedlichen Stupsnase. Ja, sie hatte Schatten unter den Augen und wirkte etwas gehetzt, doch ihre Augen hinter den Brillengläsern waren von einem interessanten dunklen Grün mit goldenen Sprenkeln darin. Unwillkürlich hob er eine Hand, um ihr eine Strähne ihres dunkelblonden Haares aus dem Gesicht zu streichen. Sie zuckte dabei von ihm zurück und er ließ seine Hand langsam wieder sinken.
„Können wir jetzt arbeiten?“ fragte sie mit fester Stimme und konzentrierte sich auf den Bildschirm. Ganz Profi, der er ja schließlich war, sah er sich den Zusammenschnitt an, der ihm sofort gefiel. Er konnte genau registrieren, wie sie versuchte auszuweichen, als er sein Knie an ihres drückte. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, könnte man meinen, seine Annäherung wäre ihr unangenehm. Doch Jacob hatte ihm ja versichert, dass die Assistentin ihm zur Verfügung stand. So glaubte er einfach, sie würde sich ein bisschen zieren, ein wenig auf ‚schüchtern‘ machen. Er lehnte sich zurück und legte seinen Arm auf ihren Stuhl. „Hör mal, Per“ fing sie an. Weiter kam sie nicht, denn es klopfte und ohne auf eine Aufforderung zu warten, kam Emil noch mal in den Raum.
Er registrierte sofort, dass der Fußballer neben Astrid saß und nicht ihr gegenüber, wo er vorhin gesessen hatte. Das sah nach einer Vertrautheit aus, die ihn sofort denken ließ: ‚Aha, sie macht sich an den Fußballer ran.‘ Na, diesen Plan konnte er ihr wahrscheinlich vermasseln. „Ich habe mein Handy vergessen“ erklärte Emil, dann trat er an den Tisch und sah den tatsächlich vergessenen Gegenstand. „Ach Per? Freja, Lykke und ich wollen noch einen kleinen Absacker in einer netten Bar machen. Hast Du Lust mitzukommen?“ Sofort entschied sich Per mitzugehen. Er wollte ja sowieso bei Lykke oder Freja landen und sich auch nicht aus ihrer Gruppe ins Abseits manövrieren. „Warte einen Moment, ich komme mit. Wir sind ja hier fertig, oder?“, wandte er sich an Astrid. Sie nickte, war froh darüber, Per so einfach loszuwerden: „Ja, klar. Wenn es für Dich so passt und Du keine Änderungen hast, sind wir durch.“ „Jacob wird das ja wohl auch noch absegnen, richtig? Ich meine, er hat in diesen Dingen ohnehin das letzte Wort“, bemerkte Per von oben herab. „Keine Sorge, er ist der Regisseur. Ich mache nur Vorschläge“ beteuerte Astrid. „Alles klar, Schätzchen… dann bis morgen“ verabschiedete Per sich. Emil dachte nur ‚Da sind sie schon bei Schätzchen, das ging ja schnell‘.
Die beiden Männer verließen ohne weitere Worte gemeinsam den Raum und Astrid atmete einmal durch. Sie stellte die Szenen alle nochmal zusammen und schickte sie an Jacob. Dann prüfte sie noch einmal das Setting für den nächsten Tag, druckte die Pläne für die Darsteller aus und checkte nochmal die Wetter-App. Nach einem Blick auf die Uhr und dem deutlichen Knurren ihres Magens entschied sie sich, Feierabend zu machen.
Sie holte sich am Hafen noch einen Hot-Dog und las auf ihrem Handy noch einmal das weitere Skript, während sie auf einer Bank saß. Bjerre hatte tatsächlich gute Vorarbeit geleistet. Sie machte sich nur noch ein paar Notizen auf ihrem Klemmbrett. Es war kaum noch Betrieb auf den Straßen, als sie ins Hotel zurückkehrte. Sie verschob die eigentlich dringend notwendige Dusche auf den nächsten Morgen und ging sofort schlafen. Auch diese Nacht würde kurz werden, schließlich hatte sie um 7:00 Uhr schon den ersten Termin.