Meer
Meer
Viel zu früh klingelte Astrids Wecker. Doch sie war es gewohnt, so früh aufzustehen. Allerdings machte sich so langsam die reine Anzahl der Arbeitstage bemerkbar. Sie war über drei Wochen schon ohne freien Tag im Einsatz und hatte kaum mal eine Nacht länger als sechs Stunden geschlafen. Die nächsten Tage würde sie eine Menge Koffein brauchen. Wieder entschied sie sich, auf ihre Kontaktlinsen zu verzichten. Ihre Augen waren sehr angestrengt und sie kam dann mit der Brille einfach besser zurecht.
Jacob hatte sie auf sein Hotelzimmer bestellt und war noch am Kaffee trinken, als sie bei ihm eintraf. „Willst Du auch einen Kaffee?“ war er ausnahmsweise mal ausgesprochen nett ihr gegenüber, allein das machte sie schon misstrauisch. „Gerne, ich habe noch nicht gefrühstückt.“ „Setz Dich“ befahl er und bestellte beim Zimmerservice noch ein Gedeck. „Astrid, ich habe mir schon Deine Tapes angesehen und bin zufrieden. Du hast die Zusammenstellungen von den Interviews am Meer richtig gut gemacht.“ Das Lob trug nicht dazu bei, ihr leichtes Unbehagen besser zu machen. Normalerweise war er nicht so freundlich – zu ihr. „Kannst Du die Aufnahmen von gestern auch vorbereiten? Es sollen drei bis fünf Minuten werden. Die Besprechung der Szenen kannst Du mir überlassen.“ Sie nickte, hatte nichts dagegen einzuwenden, denn tatsächlich machte sie so etwas sehr gerne. „Wie findest Du unsere Aufnahmen bisher?“ fragte er sie doch nun auch noch tatsächlich um ihre Meinung. „Gut, ich finde das bislang sehr interessant. Die vier sind total unterschiedlich, das ist sicherlich spannend. Jeder Zuschauer wird einen finden, der ihn fasziniert und mehr über denjenigen erfahren wollen. Die kurzen Takes sorgen dafür, dass die Leute nicht wegschalten werden“ hatte Astrid durchaus eine positive Meinung von der Dokumentation. So blieb die Unterhaltung sachlich und neutral, bis der Zimmerservice auch für Astrid Frühstück servierte.
Nachdem sie ihren ersten Kaffee getrunken hatte, wurde es allerdings etwas anders. Völlig unvermittelt klagte ihr Vater sie an: „Willst Du dieses Projekt eigentlich wissentlich sabotieren?“ Astrid verschluckte sich fast: „Was? Was meinst Du denn damit?“ „Wo warst Du gestern Abend?“ „Das geht Dich nichts an, ich habe auch mal Feierabend.“ „Per hat Dich… vermisst.“ „Ich war nicht mit ihm verabredet.“ „So geht das nicht, Astrid. Er war nicht glücklich darüber, dass Du nicht auf Deinem Zimmer warst.“ „Nochmal Jacob, ich war nicht mit ihm verabredet und sitze nicht für ihn auf Abruf bereit.“ „Wir hatten eine Abmachung, Astrid.“ „Ja, doch die lautete nicht, dass ich für ihn Tag und Nacht zur Verfügung zu stehen habe. Ich bin… nett zu ihm.“ „Du hast ihn gestern Abend versetzt.“ Astrid stand auf: „Nochmal, ich war nicht mit ihm verabredet. Also konnte ich ihn auch nicht versetzen. Ich muss los, ich habe noch einiges vorzubereiten.“ Auch ihr Vater stand auf, stellte sich ihr in den Weg: „Hör mir gut zu. Es ist nicht viel, um das ich Dich bitte. Wir drehen nur noch wenige Tage. Ich verlasse mich darauf, dass Per nicht nochmal Grund hat, sich zu beschweren.“ Astrid sah ihn zornig an: „Ich werde ihn nett behandeln, mehr kann und werde ich Dir nicht versprechen.“ „Deine Entscheidung… doch denk einfach ab und zu daran, wie viele Jobs als Location Manager es so gibt“ mahnte Jacob eindringlich, ehe er ihr den Weg frei gab. „Und… Astrid…“ hielt seine Stimme sie doch noch einmal auf: „Du könntest diesen Schlabberlook wirklich mal aufgeben… das ist nicht sonderlich attraktiv.“ „Ich bin nicht hier, um gut auszusehen. Dafür hast Du vier andere Hauptdarsteller“ knurrte sie, ehe sie die Tür hinter sich zuschlug. Natürlich hätte sie ihm auch sagen können, dass ihre Garderobe einfach limitiert war. Nach den vorangegangenen drei Wochen gab ihr Kleiderschrank einfach nicht mehr besonders viel her. Sie hatte keine Zeit zum Wäsche waschen gehabt und war froh gewesen, zumindest noch einigermaßen vernünftige Kleidung gefunden zu haben.
Immer noch ziemlich aufgebracht, ging sie in den Frühstücksraum, um sicherzustellen, dass die Darsteller auch alle pünktlich für die Bootstour zur Verfügung stehen würden. Sie traf jedoch nur Lykke, Freja und Per an. Emil war nicht da. „Guten Morgen, ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen?“ fragte sie gezwungen freundlich. Freja gab das „Guten Morgen“ zurück, Lykke rang sich ein „Alles ok“ ab und Per grinste sie an: „Ich hätte besser schlafen können.“ Innerlich verdrehte sie die Augen, ehe sie allen mitteilte: „Ihr wisst Bescheid? Wir fahren mit einem alten Trawler ein bisschen raus. Seid bitte pünktlich am Treffpunkt am Hafen. Ihr müsst Euch nicht sonderlich schick machen, wie gesagt, es ist ein altes Fischerboot. Ich hoffe, Ihr seid alle seetüchtig. Weiß jemand, ob Emil schon aufgestanden ist?“ Sie erntete nur Kopfschütteln und einiges zustimmendes Gemurmel ob der Seetüchtigkeit.
So ging Astrid auf die Suche nach dem Handballer. In ihren Notizen fand sie die Zimmernummer, doch es reagierte niemand auf ihr Klopfen. Sie durchstreifte rasch das Hotel, suchte im Fitnessraum und dann noch einmal beim Frühstück. Emil war nicht zu finden. Unruhig blätterte sie nochmal in ihren Unterlagen, doch sie fand keine Telefonnummer. Sofort machte sie sich eine Notiz auf ihr Klemmbrett, die sie erinnern sollte, noch seine Handynummer einzufordern. Dann hetzte sie zum Hafen und konnte nur hoffen, dass der Handballer pünktlich sein würde.
Sie half alle Drehutensilien an Bord zu bringen und konnte dann erleichtert feststellen, dass alle – auch Emil - pünktlich am Treffpunkt erschienen waren. Sie betrat als letzte das Boot, in der großen Tasche noch einmal frisch vorbereitete Getränke. Es war ein bisschen mühsam, alles sicher an Bord zu bringen, doch sie schaffte es unfallfrei.
Das Boot war nicht besonders groß und bot auch nicht viel Komfort, doch Astrid hatte im Vorfeld einige Picknickdecken in Absprache mit dem Kapitän auf dem Hauptdeck ausgelegt, so dass jeder einen mehr oder weniger bequemen Platz finden konnte. Beim Auslaufen unterhielt sich Jacob noch mit dem Kapitän in dem kleinen Ruderhaus und Astrid stellte sich plötzlich dicht neben Emil an die Reling. Sie sah ihn nicht an, sondern starrte auf das Kielwasser, während sie ihn ansprach: „Ich konnte Dich heute Morgen im Hotel nicht finden.“ „Ach, Du hast mich gesucht?“ „Naja, wenn sich noch Änderungen ergeben hätten, hätte ich Dich nicht informieren können. Außerdem wollte ich noch wissen, ob Du seetüchtig bist. Gib mir doch mal Deine Handy-Nummer.“ Emil ärgerte sich über ihren etwas harschen Tonfall. Eigentlich wollte er ihr die Nummer nicht geben, doch er war unsicher, ob das nicht selbstverständlich war, damit er erreichbar war. Andererseits: „Jacob hat doch meine Nummer“ kam es arroganter aus ihm heraus, als er es meinte. „Ja, ich kann sie mir auch von ihm geben lassen. Wäre aber einfacher, wenn Du sie einfach herausrückst“ meinte Astrid lakonisch. „Ich bin wählerisch, wem ich meine Nummer gebe“ wollte er sie nur ein bisschen aufziehen. „Das hier dient nicht zu meinem Privatvergnügen. Keine Sorge, ich werfe die Nummer nach der Produktion wieder weg. Versprochen“ spottete Astrid, die keinerlei Verständnis für sein blödes Rumzögern hatte. Sie brauchte die Nummer für ihre Arbeit, sie war doch kein liebeskrankes Groupie, das ihn belästigen wollte. „Na schön“ war Emil kurzangebunden und ratterte seine Nummer runter. „War es das dann?“ knurrte er noch. Statt einer Antwort drehte Astrid ihm den Rücken zu und zog mit ihrem Klemmbrett von dannen.
Das Wetter spielte mit, es war wieder ein sonniger Tag, doch als der Hafen hinter ihnen lag, wurde der Seegang doch ein wenig stärker. Astrid beobachtete alle, doch es schien keinem etwas auszumachen. Als sie einen schönen Fleck Küstenlinie erreicht hatten, begann Jacob mit den Aufnahmen.
Jeder wurde nach seinen Gefühlen befragt, als klar wurde, dass sie die Heimat verlassen würden, um ihren Berufsweg weiterhin erfolgreich zu gestalten. Wieder einmal konnte Astrid ihren Vater in seinem Metier bewundern. Geschickt entlockte er jedem der Vier Gefühlsregungen, gab die richtigen Stichworte, um wirklich tolle Aussagen zu erhalten. Durch den begrenzten Raum auf dem Kutter konnten sich alle vier gegenseitig zuhören und beobachten. Lund hatte diesmal auch eine eigene Kamera und fing diese Szenen zusätzlich ein. In einer kleinen Pause verteilte Astrid die mitgebrachten Getränke, die alle gerne entgegennahmen. Lediglich Freja bedankte sich, alle anderen unterhielten sich angeregt über die Dreharbeiten. So war es Astrid allerdings auch am liebsten. Wenn sie gar nicht wahrgenommen wurde, musste sie auch nicht besonders nett sein, schon gar nicht zu Per. Sie setzte sich auf einen kleinen Fleck vor dem Ruderhaus und genoss die kurze Pause, die allerdings nicht sehr lang ausfiel.
„Wo warst Du gestern Abend?“ wurde sie von Per gefragt, der sich ungefragt dicht neben sie setzte. „Ich habe gearbeitet“ erwiderte sie wahrheitsgemäß. „Ach so, ich hätte gerne noch was mit Dir getrunken.“ „Wirklich? Dann hättest Du mir das vielleicht vorher sagen sollen“ war sie ironisch, doch die Ironie prallte an dem Fußballer einfach ab. „Wirst Du heute Abend auch wieder… arbeiten?“ „Wahrscheinlich, dieser Job ist nicht an Uhrzeiten gebunden“ erklärte ihm Astrid. Er legte eine Hand besitzergreifend auf ihren Oberschenkel. Sie zuckte zusammen und rutschte ein Stückchen von ihm weg. Er sah sie an: „Du musst nicht schüchtern sein. Ich stehe nicht auf solche Spielchen.“ „Ich… ich stehe auch nicht auf Spielchen, also solltest Du wissen…“ weiter kam Astrid nicht zu Erklärungen, denn Jacob rief sie zu sich: „Astrid, verdammt, wir brauchen Dich dringend.“ Das war ihr sofort willkommen und sie sprang auf: „Entschuldige… ich muss…“ Während Per ihr enttäuscht nachsah, kaute er verärgert auf der Unterlippe. Er war es nicht gewohnt, abgewiesen zu werden. Der gestrige Abend nagte immer noch an seinem Stolz.
Mit Lykke, Freja und Emil auszugehen, hatte ihm Spaß gemacht. Allerdings hatte Lykke nur spärlich auf Pers Flirtversuche reagiert. Die Sängerin war viel interessierter an Emil gewesen. Etwas frustriert hatte Per dann tatsächlich noch an Astrids Zimmertür geklopft, doch diese hatte nicht reagiert. Daraufhin hatte er seinen Unmut bei Jacob kundgetan, der ihm versprach, mit Astrid zu reden. Naja, vielleicht war dieser ja noch gar nicht dazu gekommen, der Assistentin die Leviten zu lesen.
Emil war schon aufgefallen, dass der Fußballer sich umgesehen und dann verschwunden war, genauso wie die Produktionsassistentin. Nicht, dass es ihn interessiert hätte – oder doch ein bisschen? Er unterhielt sich wieder einmal sehr angeregt mit Lykke, die ihn doch tatsächlich offen anflirtete. Das machte schon Spaß, denn schließlich war sie weder besonders hässlich noch dumm. Sie schaffte es immer wieder, ihrer Unterhaltung zweideutige Aussagen hinzuzufügen, über die sogar Freja kicherte.
Als Astrid zu Jacob eilte, stieß sie aus Versehen gegen den Handballer, der sich dadurch seinen Kaffee über das Shirt schüttete und einen kleinen Fluch ausstieß. Astrid kam ins Stolpern, konnte sich gerade noch abfangen, prallte jedoch etwas schmerzhaft gegen eine Winde. Trotzdem bemerkte sie sofort, was passiert war: „Verflucht nochmal…“ Dann musste sie erstmal Luft holen, denn ihr Knie fing umgehend an wehzutun. „Kannst Du denn nicht aufpassen?“ verschaffte sich der Handballer zunächst mal Luft. Er trug eines seiner Lieblings-T-Shirts und das war nun mit Kaffee ruiniert. Lykke kicherte: „Die ist so ungeschickt.“ Astrid wurde rot, ob vor Zorn oder Schmerz, konnte sie gar nicht sagen. Das Kichern der Sängerin schnitt Astrid tiefer als der körperliche Schmerz. Lykke saß perfekt gestylt auf ihrer Picknickdecke, die Beine elegant überschlagen und sah sie mit einer Mischung aus Amüsement und Verachtung an. Astrid humpelte zunächst zu ihrem Korb und holte Servietten, die sie Emil gab. „Du denkst ja wohl nicht, dass ich das damit herauskriege“ knurrte er. „Ich zahle natürlich die Reinigung oder kaufe Dir ein neues T-Shirt“ fauchte Astrid, die sich gerade mehr mit ihren Schmerzen beschäftigte, fügt dann noch etwas freundlicher hinzu: „Es war ja keine Absicht.“ Die bellende Stimme ihres Vaters ertönte erneut: „Astrid, ich brauche Dich hier!“ Sofort humpelte sie zu ihm.
Emil starrte ihr nur nach und ärgerte sich weiter. Sie hätte sich ja zumindest mal vernünftig entschuldigen können. Lykke grinste immer noch: „Zieh doch einfach das Shirt aus. Ich bin sicher, du kannst das tragen…“ Ein bisschen durch das Kompliment versöhnt, grinste er zurück: „Hast Du das arrangiert, damit ich mich ausziehe?“ „Nein, ist allerdings eine gute Idee. Da hätte ich auch draufkommen können.“ Er sah sich den Fleck an. Zumindest war er nicht komplett durchnässt. Als ihm auffiel, dass Astrid auch den Rest der Fahrt noch humpelte, tat sie ihm fast schon ein bisschen leid, doch er fragte nicht weiter nach.
Natürlich wäre es das Beste gewesen, das Knie gleich zu kühlen, die Möglichkeit gab es allerdings auf dem Fischkutter nicht. Astrid mühte sich durch den Tag, ehe sie am späten Nachmittag erst dazu kam, sich um ihr Knie zu kümmern. Schlimm war es nicht, nur ein Bluterguss an einer ungünstigen Stelle. Sie verarztete sich mit Sportsalbe und fing an, die Interviews vom Vortag zusammenzuschneiden. Der Anruf ihres Vaters erwischte sie eiskalt: „Astrid, wo bleibst Du denn? Wir wollen losfahren.“ „Losfahren? Habe ich etwas verpasst?“ Unwirsch erklärte er: „Wir sind doch heute Nacht in dem kleinen Schlösschen in der Nähe von Gudbjerg. Hast Du das vergessen?“ Astrid suchte hektisch nach dem Ablaufplan. In ihrem Ausdruck fehlte eine Seite. Erst als sie jetzt genau hinsah, stellte sie die kleine Lücke im Plan fest. Keine Übernachtung mehr in Kerteminde, trotzdem erst am nächsten Tag die Ankunft in Faaborg. Hektisch blätterte sie weiter und da fand sie die Buchung. „Ich bin in fünf Minuten unten“ versprach sie ihrem Vater und fing an, alles in ihren Koffer zu werfen.
Die gesamte Crew wartete schon auf sie, als sie mit ihrem Koffer angehumpelt kam. Jeder konnte dann auch klar und deutlich hören, wie ihr Vater sie anschnauzte: „Wir mussten alles ohne Dich einräumen, mach gefälligst Deinen Job!“ Mit hängenden Schultern und kraftlos murmelte sie eine Entschuldigung und dann ging es los.