Läuft gar nicht gut
Läuft gar nicht gut
Das kleine romantische Schlösschen war kein Hotel. Es war ein Ferienhaus für Selbstversorger. Etwas abseits in einem schönen Wald gelegen, fand Astrid die Location eigentlich toll, zumal sie die Buchung für den Caterer für das Abendessen und das Frühstück am nächsten Morgen gefunden hatte und sie auch feststellen konnte, dass am nächsten Tag ein Reinigungstrupp alles wieder auf Vordermann bringen würde. Zumindest Putzen und Kochen würde sie nicht selbst erledigen müssen.
Die Zimmerbelegung war rasch geklärt. Freja und Lykke teilten sich das größte Zimmer mit zwei großen Einzelbetten, Emil und Per das nächstgrößere. Natürlich hatte Jacob eigenes Zimmer mit einem wunderschönen Baldachin-Bett. Im ehemaligen Pferdestall fanden sich einige Betten für den Rest der Mannschaft, doch es gab keinen Platz mehr für Astrid. Während alle ihre Räumlichkeiten bezogen, fand sie dann doch noch einen Schlafplatz: in dem sogenannten Arbeitszimmer gab es eine Couch.
Sie packte nicht einmal ihren Koffer aus, dann ging sie schon in das große Wohnzimmer mit der wundervollen Terrasse, die sie gemeinsam mit Lund für das Abendinterview herrichtete. Der Caterer war pünktlich und im Speisesaal saßen dann alle gemeinsam am Tisch. Astrid war ziemlich zerstört. Sie war müde, ihr Knie schmerzte und so hielt sie sich aus jeder Unterhaltung heraus. Sie zwang sich dazu zu Essen, dann verließ sie sehr schnell den Tisch und ging ins Arbeitszimmer. Sie hatte immer noch die Vorauswahl zu schneiden. Diesmal stellte sie sich allerdings den Handywecker, da sie auf keinen Fall zu spät zu dem Abendinterview kommen wollte. Wie sich herausstellte war das eine gute Idee, denn sie schlief einfach vor dem Laptop ein.
Emil und Lykke machten in dem kleinen Park einen Verdauungsspaziergang. Die Sängerin flirtete nach wie vor gerne mit Emil. Sie fand den Handballspieler extrem sympathisch und auch wenn sie sich darüber im Klaren war, dass sie sicherlich keine gemeinsame Zukunft hatten, gegen ein bisschen Vergnügen sprach aus ihrer Sicht überhaupt nichts. Emil unterhielt sich wirklich gerne mit Lykke, die ihm nahbarer schien als Freja. Er fand die Schauspielerin zwar auch nett, doch mit der Sängerin fiel es ihm leichter, einfach er selbst zu sein. „Was wirst Du noch den Rest Deines Urlaubs machen?“ fragte sie ihn. „Einfach nur entspannen, vielleicht ein bisschen Golf spielen. Wenn wir hiermit fertig sind, muss ich auch wieder ein bisschen trainieren. Es geht nicht so ganz ohne Bewegung.“ „Wieso denn nicht?“ „Niemand will bei Null in der Vorbereitungszeit anfangen. Es wird auch erwartet, dass wir uns fit halten“ erklärte er ihr. „Also bist Du als Profi-Sportler nie mal so richtig faul?“ „Bin ich doch im Augenblick“ erklärte er mit einem Augenzwinkern. „Ich habe es da besser, meine Stimme braucht sogar ab und zu absolute Schonung. Ich kann auch mal so richtig faulenzen. Für mich ist diese Woche eher Arbeit, doch ich habe danach noch eine Woche Südfrankreich geplant.“ „Nein, als Arbeit kann ich das wirklich nicht sehen. Da mache ich sonst doch deutlich mehr.“ Lykke blieb überraschend stehen, hielt ihn am Arm fest und mit einem amüsierten, herausfordernden Funkeln in ihre Augen fragte sie ihn: „Vielleicht hast Du ja noch Lust auf eine andere Art der körperlichen Ertüchtigung“. Sie erwischte Emil eiskalt, doch seine Reaktion kam von Herzen, als er sie kurz in den Arm nahm: „Nimm es nicht persönlich, Lykke. Ich mag Dich wirklich gerne… nur… ich…“ „Du bist nicht der Typ für ein bisschen unverbindlichen Spaß“ schloss sie belustigt seinen Satz ab. „Irgendwie nicht“ gab er gerne zu. Er fand die Sängerin wirklich attraktiv und auch sexy, doch tatsächlich war es nicht mehr. Lykke zog seinen Kopf zu ihrem, dann gab sie ihm einen Kuss… auf die Wange. „Alles gut Emil. Ich bin nicht sauer. Ich wollte es nur nicht verpassen, wenigstens mal gefragt zu haben“ grinste sie ihn an. Sie hakte sich locker unter seinen Arm unter und sie setzten ihren Weg als Freunde fort, während Emil im Stillen bewunderte, wie elegant sie mit seiner Abfuhr umgegangen war.
Emil ging das Angebot von Lykke nicht aus dem Kopf. Er hatte tatsächlich keine große Lust auf eine unverbindliche Bettgeschichte. Spätestens seit Helena wusste er, dass er auch keine große Befriedigung aus einem One-Night-Stand zog. Er funktionierte so nicht. Um sich wirklich fallenzulassen, brauchte er Vertrauen, Vertrautheit und das Gefühl von Sicherheit – Dinge, die man nicht zwischen einigen Drehtagen auf einer Hotelmatratze fand. Früher, in seinen ersten Profijahren, hatte er es ein paar Mal versucht. Einfach mal den Kopf ausschalten, Dampf ablassen, wie es die Kollegen nannten: es hatte sich jedes Mal hohl angefühlt. Es schmeichelte ihm durchaus, dass die Sängerin ihn für begehrenswert hielt, doch nein, auf ein flüchtiges Vergnügen konnte er gut verzichten.
Ihm kamen Per und Astrid in den Sinn. Die Produktionsassistentin flog wohl total auf den Fußballer, der ja auch nicht abgeneigt erschien. Emil schüttelte den Kopf. Glaubte sie wirklich, ein millionenschwerer Fußballstar wie Per suche hier die große Liebe? Sie bewegten sich in völlig unterschiedlichen Welten. Doch vielleicht ging es ihr ja auch nur um den Status, um das Abenteuer mit einem Prominenten. Ein unangenehmes Gefühl von Enttäuschung – fast schon eine leise Verachtung – stieg in ihm auf. Er ertappte sich bei dem moralischen Urteil und versuchte, es wegzuschieben. Pers Worte gingen ihm durch den Kopf: „Die Frauen wollen es doch so.“ Emil spürte ein leichtes Frösteln. Sollte jeder nach seiner Facon glücklich werden. Für ihn war das nichts.
Weder Lykke noch Emil bekamen mit, dass Per den Kuss, der ja eigentlich keiner war, beobachtete. Der Fußballer war wütend. Wie scheinbar mühelos dieser Handballer die Sängerin becircte, war ihm ein Dorn im Auge. Er selbst wurde von Lykke und auch von Freja zwar nicht ignoriert, doch beide Frauen hielten Abstand von ihm. Dazu dann noch die kleine Assistentin, die sich ihm immer wieder versuchte zu entziehen, obwohl die Absprache mit Jacob definitiv eine andere war. Das war nicht das, was er kannte und gewohnt war. Normalerweise lag ihm die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen. Nun, heute Abend würde er einfordern, was ihm gehörte.
Auch Freja hatte die Dynamik zwischen Emil und Lykke gespürt. Sie konnte darüber nur schmunzeln, denn sie war glücklich verheiratet, auch wenn dies nicht jedem bekannt war. Sie verschwieg ihren Ehemann zwar nicht, doch sie trug keinen Ehering und versuchte, Christian auch sonst aus den Medien herauszuhalten. Zu offiziellen Gelegenheiten zeigten sie sich zwar auch gemeinsam in der Öffentlichkeit, doch irgendwie ging er immer ‚vergessen‘. Doch ihrem Partner machte das nichts aus. Er war selbstsicher genug, darüber hinwegzusehen. Auch mit so ein Grund, warum sie ihn liebte. In zwei Tagen würde der Kanadier nach Dänemark kommen und sie würden gemeinsam noch einige Zeit bei ihrer Familie bleiben. Auf diesen Urlaub freute sie sich sehr, er war schon länger geplant. Daher war es Jacob auch gelungen, sie zu dieser Dokumentation zu überreden. Sie hatte den Aufenthalt in ihrer Heimat schon länger geplant und die Drehtage fügten sich wunderbar in ihre Zeitplanung ein. Bei diesen Gedanken spürte sie eindeutig, dass sie ihren Mann vermisste und sich schon darauf freute, ihn in zwei Tagen wieder in die Arme zu schließen.
Der Wecker holte Astrid jäh aus ihrem Traum, der noch in ihr nachhallte. Kurz musste sie sich orientieren, wo sie überhaupt war, dann zuckte sie beim Aufstehen zusammen. Ein Blick auf ihr Knie verriet ihr, dass sie sicherlich noch einige Tage damit zu kämpfen haben würde. Leise vor sich hin fluchend nahm sie den direkten Weg zur Terrasse.
Freja saß als Einzige bereits auf den Loungemöbeln. Sekunden später schlurfte Per heran, die Hände lässig in den Taschen. Er hatte sich noch nicht einmal richtig hingesetzt, als sein Blick schon fordernd über die Terrasse glitt. „Schätzchen, bringst du uns was zu trinken?“, rief er Astrid quer über den Platz zu. Seine Stimme triefte von einer herablassenden Vertraulichkeit, die Astrid die Zähne zusammenbeißen ließ. „Kommt gleich“, erwiderte sie trocken und steuerte die Küche an. Ihr Knie pochte bei jedem Schritt. Das schwere Holztablett war bereits vorbereitet, doch das Balancieren der vollen Gläser verlangte ihr durch die Humpelei alles ab. Als sie die Terrasse wieder ansteuerte, stand sie vor einer geschlossenen Glastür – irgendjemand hatte sie lieblos ins Schloss geworfen. Draußen, direkt auf der anderen Seite der Scheibe, tauchten Emil und Lykke auf. Sie lachten, wirkten seltsam vertraut und völlig in ihrer eigenen Welt versunken. Keiner von beiden bemerkte Astrid, die schweratmend mit dem wackeligen Tablett hinter dem Glas wartete. Genervt stellte sie die Last auf einem Beistelltisch ab, riss die Tür mit einem harschen Ruck auf und schnaubte in die Runde: „Na, die hätte ja auch mal jemand öffnen können.“ Emil sah kurz von Lykke auf. Sein Blick glitt von Astrids verärgertem Gesicht hinunter zu ihrem Knie, doch er schwieg. Von den anderen erntete sie ohnehin nur verständnislose Blicke, als wäre es ihre Pflicht, unsichtbar zu funktionieren. Sie knallte die Getränke fast schon auf den Tisch. Per würdigte sie keines Blickes, und Lykke schüttelte nur den Kopf. Emil aber spürte ein unangenehmes Stechen in der Magengegend, sie dachte jetzt sicher, er sei genauso ignorant wie der Fußballer.
Allein ihrer guten Selbstbeherrschung hatte es Per zu verdanken, dass Astrid ihm den Drink nicht in den Schoß schüttete, denn als sie das Glas vor ihm abstellte, ließ er es sich nicht nehmen, unauffällig ihren Hintern zu tätscheln. Er war auch der Meinung, dass es niemand mitbekommen hätte, doch Emil verzog kurz das Gesicht. Die Selbstverständlichkeit mit der Per Astrid anfasste, gehörte einfach nicht auf die Arbeit. Zumindest war das die Meinung von Emil. Er konnte sich gar nicht so recht erklären, was über ihn kam, als er nur meinte: „Schätzchen, bekomme ich auch einen Drink?“
Astrid biss die Zähne zusammen. Jetzt fing dieser Jakobsen auch noch damit an, sie Schätzchen zu nennen. Sie hätte schon Per am liebsten dafür geohrfeigt, erst recht für seine Berührung, doch vielleicht sollte sie besser erstmal ihren Vater fragen, ob der Handballstar nicht auch eine „Sei-nett-zu ihm-Karte“ besaß. Sie ertappte sich bei dem Gedanken, am liebsten alles hinschmeißen zu wollen. War ihr Traumjob das alles wirklich wert?
Jovial eröffnete Jacob die Interviewrunde. Er moderierte alle durch das Thema, das an diesem Abend im Vordergrund stand: die ersten großen Erfolge der Karriere. Obwohl Astrid immer wieder für Getränkenachschub sorgen musste, Freja einen Schal aus dem Zimmer holte, das gemütliche Terrassenfeuer entzündete und ansonsten auch immer wieder half, den Kabelsalat im Zaum zu halten, fesselten sie die Geschichten ungemein. Jeder hatte so seine eigene Art, darüber zu reden. Freja neigte dazu sich selbst klein zu machen, Lykke hatte eine sehr selbstironische Art zu erzählen. Per war selbstbewusst und klar in seinen Aussagen. Emil zeigte sich als absoluter Teamplayer, stellte seine Mannschaft in den Vordergrund. Wenn Astrid ihre persönlichen Ressentiments hintenanstellte, mochte sie alle vier total gerne und fand sie ausgesprochen sympathisch.
Es war ein angenehmer Austausch, auch als der offizielle Drehteil abgeschlossen war, unterhielten sich alle noch sehr angeregt. Alle – bis auf Astrid. Sie kümmerte sich noch um ein paar Snacks, ehe sie sich ein bisschen abseits setzte und einfach nur zuhörte. Keiner sprach sie an, jeder schien zu vergessen, dass sie überhaupt im Raum war – ein Umstand, den sie ausgesprochen gut fand. Dann musste sie sich auch keine übertriebene Mühe geben, ‚nett‘ zu sein. Unauffällig zog sie sich zu bereits später Stunde in das Arbeitszimmer zurück und widmete sich wieder ihrem Laptop. Die nächsten Szenen waren auch schnell vorbereitet und wieder einmal musste Astrid ihren Vater wider Willen bewundern. Er hatte vier außergewöhnliche Menschen ausgesucht, die unglaublich gut im Film wirkten.
Als sie fertig war und ihr Blick auf die Uhr fiel, musste sie mit Entsetzen feststellen, dass es schon weit nach Mitternacht war. Sie stand auf, richtete sich die Couch her und wollte das Zimmer abschließen. Doch das ging nicht, denn es gab keinen Schlüssel. Sie zog sich in der kleinen Toilette um, die neben dem Wohnzimmer war. Dabei konnte sie feststellen, dass Per und Freja immer noch auf der Terrasse saßen. Emil und Lykke waren nicht mehr zu sehen und sie überlegte sofort, ob das nicht ein bisschen mehr als ein Zufall war. Doch es ging sie ja nichts an.
Tatsächlich hatten Per und Freja doch einen gemeinsamen Nenner gefunden, der sie etwas näher zusammenrücken ließ. Sie lasen beide gerne Spionage-Romane und ihr Lieblingsautor hieß Ken Follet. Sie tauschten sich noch über ihre Lieblingsbücher aus und Per schaffte es, immer näher an Freja heranzurücken. Er glaubte schon, auf dem richtigen Weg zu sein, da verabschiedete sich die Schauspielerin und zog sich zur Nachtruhe zurück.
Frustriert erinnerte sich Per nun allerdings wieder an… die Assistentin, deren Name ihm schon wieder nicht einfallen wollte. Doch er hatte gar nicht mitbekommen, wo sie ihr Zimmer hatte. Die Crewmitglieder waren im ehemaligen Pferdestall untergebracht, das war mehr eine Art großer Schlafsaal. Dort wollte er nun wirklich nicht nach ihr suchen, geschweige denn mit ihr etwas anderes machen. In sein Zimmer hätte er sie auch nicht bringen können, denn da schlief ja Emil. Er ging noch eine Runde spazieren, damit er zur Ruhe kam.
Emil bemerkte lediglich, dass Per erst sehr spät ins Zimmer kam. Wahrscheinlich hatte der Fußballer noch ein Schäferstündchen mit Astrid gehabt. Wundern würde ihn das überhaupt nicht, doch über diesen Gedanken kam er nicht heraus und schlief einfach wieder ein.