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Eskalation

Hinter Der Kamera (Ff Oc X Emil Jakobsen) — www.fanfiktion.de · All chapters

Eskalation

Konnte es noch schlimmer werden? Astrid stöhnte, als ihr Wecker klingelte. Sie war hoffnungslos übermüdet, ihr Knie tat weh und auch ihr Rücken hatte ihr die Couch sehr übelgenommen. Nicht einmal eine heiße Dusche war ihr vergönnt, sie hatte ja kein Badezimmer. So musste sie sich mit einer Katzenwäsche in der kleinen Toilette begnügen, ehe sie in die Küche ging, um gewöhnlichen Kaffee für gewöhnliche Menschen zuzubereiten.

Der Caterer würde später all die kleinen Spezialwünsche der Stars erfüllen, Astrid brauchte auf jeden Fall erstmal einen Kaffee. Normalerweise liebte sie diese frühen Morgenstunden, wenn noch alles still war und sie sich in Ruhe auf den Tag vorbereiten konnte. Sie zog ihren Plan hervor und war schon sofort wieder ein bisschen glücklicher, als sie feststellte, dass es nur noch wenige Tage waren, die dieser Dreh dauern würde. Heute waren in Faaborg Aufnahmen in der Altstadt vorgesehen, am Abend eine Sunset-Cruise auf einem eigens angemieteten Ausflugsschiff.

Der letzte Tag war dann noch für ein Resümee im Schloss Brahetrolleborg vorgesehen, bevor alle wieder abreisen würden.

Als Emil von seiner kleinen Joggingrunde zurückkam, roch er sofort den Kaffee und orientierte sich in die Küche. Astrid saß allein am Tisch, vor sich eine Tasse Kaffee und das unvermeidliche Klemmbrett, dass sie immer mit sich rumschleppte. Sie sah nicht besonders wach aus, ihre Haare unordentlich auf dem Kopf zusammengebunden und er konnte die tiefen Schatten unter ihren Augen erkennen. Er dachte sofort, dass sie wohl eine kurze Nacht gehabt hatte und erinnerte sich daran, dass Per ja auch sehr spät erst ins Zimmer zurückgekommen war.

„Morgen, kann ich auch einen Kaffee bekommen… Schätzchen?“ konnte er sich nicht verkneifen. Warum es sie so aufregte, konnte sie gar nicht definieren, doch sie war sofort sauer: „Natürlich… Herr Jakobsen!“ Dann stand sie auf, holte eine Tasse aus dem Schrank und knallte ihm die gefüllte Tasse vor die Nase. Dabei schwappten ein paar Tropfen über. „Willst Du mir noch das nächste Shirt ruinieren?“ knurrte er sie sofort an. „Ist doch nichts passiert. Kein Grund zur Panik“ meinte sie herablassend. „Gut, dass Du Dein Geld nicht als Kellnerin verdienst, besonders geschickt bist Du darin ja wohl nicht“ stichelte er. Sie sah ihn an und er konnte die kaum verhohlene Ablehnung in ihren Augen lesen: „Du hast keine Ahnung, in was ich geschickt bin. Du kennst mich nicht, Herr Jakobsen. Das sollte auch besser so bleiben.“ „Naja, solange der gute Per Deine Qualitäten zu schätzen weiß, ist ja alles bestens“ spottete nun auch Emil, der sich fast schon über sich selbst wundern musste. Eigentlich war er doch ein sehr umgänglicher Mensch, doch diese Frau hatte so etwas an sich, dass ihn einfach… herausforderte.

Astrid holte tief Luft, ihre Wangen röteten sich vor Zorn: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Du nimmst doch auch mit, was Du kriegen kannst. Du hast doch Deinen Spaß mit Lykke.“ Das konnte sich Emil nicht bieten lassen. „Lykke und ich bewegen uns zumindest auf Augenhöhe“ gab er scharf zurück: „Du willst wohl ein bisschen höher hinaus, als es Dir zusteht.“

Astrids Blick hätte ihn sicherlich umgebracht, wenn er es gekonnt hätte, als sie ihm mit leiser eiskalter Stimme erklärte: „Es geht Dich einen feuchten Dreck an, was ich tue. Aber Du tust mir leid, Emil. Wirklich. Wenn du glaubst, dass Du wegen deines Status etwas Besseres bist. Ihr arroganten Supersportler geht mir so unendlich auf die Nerven. Ich bin verdammt froh, nicht auf eurer Ebene zu stehen.“ Damit erhob sie sich und ließ ihn einfach in der Küche sitzen.

„Bravo Emil. Ganz großes Kino“ hörte er das leise ironische Lachen von Freja, die sich irgendwie durch die zweite Tür in die Küche gemogelt hatte. Er sah die Schauspielerin verständnislos an. „Du hast da eben eine Nummer abgezogen. Ich habe Dich tatsächlich mal für sympathisch gehalten“ teilte Freja ihm mit enttäuschter Miene mit. Emil fragte kleinlaut: „Kaffee für Dich?“ Er wusste selbst, dass er über das Ziel hinausgeschossen war. „Ja, gerne. Wenn es keine Hafermilch gibt, bitte schwarz. Ich habe eine Laktoseintoleranz.“ Er sah im Kühlschrank nach, gab ihr dann eine gefüllte Tasse – ohne Milch.

„Ich weiß wirklich nicht, warum sie mich so auf die Palme bringt. Sie konnte mich vom ersten Tag an nicht leiden“ versuchte Emil sich zu rechtfertigen. „Ja, das merkt man. Aber der Spruch mit der ‚Ebene‘ war auch nicht gerade ein Geniestreich, wenn Du willst, dass sie Dich mag“ meinte Freja. „Das habe ich gar nicht so gemeint... eigentlich“ gab er zu. „Es klang aber verdammt arrogant, Emil.“ „Wie gesagt, sie schafft es einfach, das Schlimmste aus mir herauszuholen. Doch sie war vom ersten Tag an… feindselig, dabei habe ich ihr doch gar nichts getan“ versuchte Emil sich nochmals zu erklären. Freja seufzte: „Sie steht wohl unter ziemlichem Druck, hast Du das eigentlich bemerkt?“ „Sie sieht… müde aus“ gab Emil widerwillig zu. „Hast Du eigentlich mal genau hingesehen? Sie ist morgens die Erste und abends die Letzte, die Du siehst. Eine gute Produktionsassistentin arbeitet rund um die Uhr, hält den ganzen Laden zusammen. Ich wollte nicht mit ihr tauschen.“ „Es ist ihr Job“ erklärte Emil rundheraus. „Ja, und sie macht ihn sehr sehr gut. Sie lässt uns gut aussehen, hält uns bei Laune und sorgt für ein tolles Ergebnis. Dafür trampeln wir auf ihr herum, lassen uns Kaffee servieren und geben ihr auch noch die Schuld, wenn etwas schiefgeht. Ein bisschen Respekt wäre das Mindeste.“ „Per ist doch schon nett genug zu ihr“ warf Emil ein.

Freja stellte ihren Kaffee auf den Tisch und sah ihn lange an: „Es geht hier nicht um Per. Ist das wirklich Dein Anspruch? Dich mit ihm zu vergleichen?“ „Sie baggert ihn an… will wahrscheinlich an sein Geld“ verteidigte sich Emil. „Selbst wenn… warum stört es Dich so massiv? Es sind zwei erwachsene Menschen. Es geht Dich schlicht und einfach nichts an“ machte Freja ihm klar. „So gesehen…“ musste er ihr Recht geben. „Wir haben noch zwei Tage… das geht so schnell vorbei. Mach ihr einfach nicht noch mehr Stress“ bat ihn Freja und Emil nickte mit dem Kopf.

Astrid brauchte nicht lange, um wieder herunterzukommen. Sie hatte auch gar nicht mehr genug Energie, um sich noch lange mit dem Thema Emil Jakobsen zu beschäftigen. Sie half der Crew, den Bus zu beladen, ließ den Caterer ins Haus und telefonierte mit dem Hotel in Faaborg. Eigentlich konnten die Hotelzimmer erst am Nachmittag bezogen werden, doch dank einer besonderen Vereinbarung könnte man schon gegen Mittag auf die Zimmer. Außerdem gab es einen Tagungsraum, in dem alle Utensilien verstaut werden konnten.

Sie huschte nur kurz in den Speisesaal, um sich zwei Brötchen zu belegen, die sie auf der kurzen Busfahrt essen konnte. Vorher gab sie noch die aktualisierten Pläne an die Hauptdarsteller weiter. Weder Emil noch Per wurden dabei von ihr angesehen, auch für Lykke und Freja hatte sie keinen Kommentar dazu. Sie wollte sich schon wieder zurückziehen, da tönte Jacobs Stimme durch den Saal: „Astrid, komm doch mal her.“ Sie verdrehte die Augen, ging dann zu ihrem Vater. „Heute Abend auf dem Schiff wollen wir die ganze Truppe filmen. Ich vertraue darauf, dass Du etwas Besseres zum Anziehen hast, als diesen Schlabberlook. Und hör auf mit dieser Leichenbittermiene herumzulaufen. Ich erwarte, dass Du gut aussiehst, hörst Du“ meinte er leise zu ihr. Es war zu seinem Markenzeichen geworden, dass er im Abspann immer Bilder von dem Drehteam verwendete, um diese vorzustellen. Auch deshalb war eine Arbeit mit Jacob immer gerne genommen. Wer mit Jacob gearbeitet hatte, fand sich für Sekunden des Lebens in einem Film wieder. „Keine Sorge, ich kriege das schon hin“ murmelte Astrid, während sie schon überlegte, wann sie noch rasch in Faaborg einkaufen könnte.

Sie nutzte die Fahrt nicht nur zum Essen, sondern telefonierte noch mit dem Schiffsunternehmer und vergewisserte sich, dass der Caterer in Faaborg alle speziellen Essens- und Getränkewünsche berücksichtigen würde. Als alle im Hotel eingecheckt hatten, stürzte sie los, um etwas zum Anziehen zu kaufen. In der kleinen Boutique um die Ecke traf sie überraschenderweise auf Freja.

„Hey Astrid, wie schaffst Du es nur, Zeit zum Einkaufen zu finden“ lächelte die Schauspielerin sie freundlich an. „Ich brauche noch was für heute Abend. Und nein, Zeit habe ich dafür eigentlich nicht“ lächelte Astrid zurück. „Nun, dann lass mich Dir helfen. Es gibt Menschen, die behaupten, ich hätte einen guten Geschmack.“ „Ich brauche nur eine Jeans und ein Shirt.“ „Gut, dann…“ Freja sah sich nach einer Verkäuferin um, die sofort herbeieilte. Nachdem Astrid ihre Größen angegeben hatte, scheuchte Freja sie in die Umkleidekabine. Die gebrachten Jeans passten auf Anhieb, nur das erste Oberteil, das ihr hereingereicht wurde, gefiel ihr nicht. „Ich hätte gerne etwas Figurbetonteres und Eleganteres“ ließ Astrid Freja wissen. „Du trägst doch sonst immer nur weite Sachen.“ „Nicht freiwillig, ich hatte nur nichts passenderes zu Hause.“ Dann erklärte sie, warum sie diesen Schlabberlook trug. „Eigentlich ziehe ich mich mittlerweile anders an, doch als ich so überstürzt losmusste, hatte ich nichts anderes mehr.“ Freja sah sie mitleidig an: „Du arbeitest seit fast vier Wochen durch?“ „Ja, aber das sollte für Dich ja auch nicht unbekannt sein.“ „Ich bin meistens der Star. Wenn ich sage ‚Pause‘, dann ist Pause. Allerdings… ja, auch ich muss mit den Drehterminen leben.“ „Naja, ich will nicht ewig als Produktionsassistentin arbeiten, allerdings bis dahin…“ Freja nickte verständnisvoll. Dann besorgte sie ihr zwei Shirts, die Astrid sofort gefielen. „Wir sollten uns unbedingt mal in Ruhe treffen“ meinte Freja, als Astrid rasch bezahlte. „Gerne, nur fürchte ich, mir fehlt ein bisschen die Zeit dafür.“ „Wir bleiben noch zwei Wochen in Kerteminde. Wenn Du magst, könnten wir uns nach dem Dreh nochmal sehen“ schlug Freja vor. Astrid war sofort einverstanden, sie fand die Schauspielerin sehr sympathisch.

Die Dusche musste bis nach den Aufnahmen in der Altstadt warten, denn sie kümmerte sich zunächst um die Absperrungen, sammelte während des Drehs wieder Einverständniserklärungen und scheuchte den ein oder anderen Passanten aus dem abgesperrten Gebiet.

Emil beobachtete sie aufmerksamer als alle Tage zuvor. Astrid war einfach überall, legte Hand an, wenn es erforderlich war, hatte Getränke bereit, schien schon im Vorfeld zu erahnen, was als nächstes benötigt wurde. Er konnte feststellen, das Freja viel Wahres gesagt hatte. Jeder behandelte Astrid wie selbstverständlich, doch auch sie selbst tat es. Sie meckerte nicht herum, wenn sie jemand losschickte. Sie selbst blieb höflich, doch bestimmt und verärgerte niemanden, den sie wegschickte. Sie war überall und nirgends, ständig da, doch immer im Hintergrund.

Er nutzte die heutigen Aufnahmen in dem Bewusstsein, dass auch er seine Arbeit nur gut machen konnte, wenn die Rahmenbedingungen stimmten. Er war auf seine Mitspieler, seinen Trainer, den Physiotherapeuten angewiesen. Das war ihm immer schon klar gewesen, er wurde auch nie müßig, in Interviews sich bei allen zu bedanken. Doch es fielen ihm auf einmal noch so viele andere Menschen ein, die sein Umfeld betrafen. Die Buchhalterin, die dafür sorgte, dass er rechtzeitig sein Gehalt bekam. Die Volunteers, die im Vorfeld den Hallenaufbau machten, sogar die Putzfrauen, die dafür sorgten, dass die Umkleidekabinen nicht im Dreck erstarrten. Das Team hinter dem Team war mindestens genauso wichtig. Ja, sie alle verdienten damit ihr Geld, doch nicht jeder war so privilegiert, genau das zu tun, was man gerne machte. Emil war kein Überflieger oder Angeber, er war nicht überheblich, doch an diesem Tag gewann er einfach noch einmal einen ganz neuen Eindruck.

Mit etwas anderen Augen beobachtete er Lykke, die ganz selbstverständlich alles stehen und liegen ließ, wenn sie den Raum verließ. Er stellte fest, dass Freja sich häufig auch für Kleinigkeiten bedankte. Per verlangte immer ungeteilte Aufmerksamkeit und drängte sich immer in den Vordergrund. Jacob forderte immer noch ein Quäntchen mehr, dass er dann auch immer bekam. Doch er wirkte einfach nie zufrieden. In diesem ganzen komplexen Umfeld war Astrid, die, die hinterherräumte, Aufmerksamkeit schenkte und sich bemühte alle Forderungen zu erfüllen. Nein, ihren Job wollte er definitiv nicht machen.

Emil war nicht der Einzige, der die Veränderung von Astrid für den Bootsausflug bemerkte. Er fand eine ganz andere Person vor. Astrid trug eine gutsitzende Jeans, ihr Shirt betonte ihre Kurven. Ihr Gesicht strahlte, die Augenringe waren überschminkt, ihre Katzenaugen durch geschicktes Make-up betont. Die Brille war verschwunden, ihre Haare, sonst so achtlos auf dem Kopf zusammengesteckt, fielen in Wellen auf ihren Rücken. Er konnte sie nur anstarren, doch ihm schlich sofort ein einziger Gedanke in den Kopf: mir gefällt die andere Astrid fast noch besser. Lykke sah sie neidisch an, Freja mit einem wissenden Lächeln.

Per grübelte, woher auf einmal diese unglaublich attraktive Frau kam und warum er sie noch nicht flachgelegt hatte. Schließlich gehörte sie zu seinem Deal mit Jacob. Dieser wiederum lächelte zufrieden. Er wusste ganz genau, dass seine Tochter eine Meisterin des Understatements war. Astrid legte normalerweise einfach keinen Wert auf ihr Äußeres. Dabei konnte sie, wenn sie es denn wollte, jeden Mann um den Finger wickeln. Meistens wollte sie einfach nicht. Sie wollte nicht auf ihr Äußeres reduziert werden. Jacob hatte nie verstanden, warum sie ihre Schönheit nicht nutzen wollte.

Astrid selbst hatte die Verwandlung mal wieder keinen Spaß gemacht. Sie hasste es, Zeit vor dem Spiegel zu verschwenden. Schon nach wenigen Minuten nervten sie ihre Haare, die sie am liebsten wieder hochgesteckt hätte. Sie bemühte sich, ihr Make-Up zu ignorieren und nicht sofort wieder zu verwischen. Die Stretch Jeans gab ihr wenigstens die nötige Freiheit sich zu bewegen, auf die Blicke, die ihr das enge T-Shirt einbrachte, hätte sie auch verzichten können. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass der Aufzug heute zumindest zu ihrem Job gehörte.