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Kapitel 3 - 3.1 - Der Ruf des X'er

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Kapitel 3 - 3.1 - Der Ruf des X'er

Als X’exis mit Id’nan und X’unis aus dem Regenwald zurückkehrte, herrschte Aufruhr bei den Hütten. Am Morgen waren sie gemeinsam zur Jagd aufgebrochen, und wieder waren sie erfolgreich gewesen; diesmal hatten sie kein Schwein erlegt, aber jeder von ihnen hatte mit seinem Bogen zwei Vögel geschossen und brachte sie stolz nach Hause.

Als sie aus dem Unterholz in den hellen Sonnenschein traten, sahen sie die Frauen hektisch miteinander reden. Sie warfen sich einen überraschten Blick zu: diesen Anblick waren sie nicht gewohnt, und sie begriffen, dass etwas Besonderes geschehen sein musste. Sie verabschiedeten sich hastig voneinander und liefen zu ihren Familien.

X’exis sah sich um, konnte Ret’am nicht unter den Frauen entdecken, also lief er zu seinem Haus und trat ein.

“Was ist passiert?“, fragte er.

Ret’am saß mit geröteten Wangen auf dem Boden, hatte die Beine untergeschlagen und strich sich über den geschwollenen Bauch. Sie blickte zu ihm auf, Erleichterung in ihren Augen.

“X’er hat gerufen”, erklärte sie aufgeregt. “Wer auf dem See fischte, ist bereits zum Palast gelaufen. Von den Jägern nur die, die schon aus dem Wald zurückgekehrt sind. Haben die Ahnen euch nichts gesagt?”

“Nein.” X’exis schüttelte den Kopf. Er dachte an den Traum, den er vor zwei Nächten gehabt hatte, und daran, dass Rot’ud ihm versprochen hatte, X’er werde einen Weg finden, den drohenden Hunger von seinem Volk abzuwenden. War es nun soweit? Würde X’er ihnen seine Pläne verkünden? Aufgeregt drückte er Ret’am die geschossenen Vögel in die Hand, damit sie sie rupfen und für das Opfer und das Abendessen vorbereiten konnte. Er gab ihr einen Kuss, rannte wieder aus der Hütte und eilte zu Id’nan, der gerade aus seiner Hütte trat. Gemeinsam liefen sie zu X’unis, der sie mit großen Augen erwartete, dann folgten sie X’ers Ruf und machten sich auf den Weg in die Stadt.

“Was mag X’er wollen?“, fragte Id’nan.

“Es wird Krieg geben”, rief Rot’ud, und X’exis sah ihn überrascht an. War das die Lösung? Aber dann nickte er.

“Es wird Krieg geben”, wiederholte er Rot’uds Worte.

“Gegen wen?”

Rot’ud wusste keine Antwort, X’exis schwieg.

Sie überquerten die rissigen, kargen Felder, und X’exis spürte das Unbehagen seines Traums auf sich niederdrücken. Viel zu lange schon hatte er keine Sklaven mehr auf den Feldern gesehen ... Sie liefen weiter, und schließlich gelangten sie zur Stadt. Je näher sie dem Palast kamen, desto schwieriger wurde es, voranzukommen; die Straßen waren mit Frauen und Kindern verstopft, die aus ihren Häusern geströmt waren, und X’exis und seine Kameraden drängten hindurch, kämpften sich mühsam bis zum Vorplatz. Dort blieben sie am äußeren Rand stehen, vor sich eine dichte Menge aus Jägern und Fischern und Handwerkern. Sie alle hatten den Blick nach oben gerichtet.

Die Stufen des Palastes waren leer, X’er war nicht zu sehen, aber die versammelte Menge wartete gespannt. Alle waren dem Ruf ihres Gottes und Königs gefolgt, alle warteten, bis er zu ihnen gesprochen hatte und sie wieder entließ.

Wie jedes Mal betrachtete X’exis den Palast voller Staunen. Kein Haus, keine Hütte in der ganzen Stadt war so prächtig. Die hohen steinernen Stufen schienen direkt in den Himmel zu führen, hinauf zum Wohnsitz der Götter. Die edlen Steine, die in die Treppe eingelassen waren und im Licht der Sonne funkelten, leuchteten wie herabgefallene Sterne; wenn X’er die Stufen erklomm, wandelte er zwischen den Göttern. In jeden Block aus Stein waren prachtvolle Figuren und Götzen geschnitten, die die Umstehenden großäugig und grimmig beobachteten, die Grimassen schnitten und die Umstehenden anfauchten. Der Palast war nicht nur der Wohnsitz des Gottes und Königs X’er, sondern auch das Haus der Ahnen und Götter, die ebenso lebendig waren wie X’er selbst. X’exis konnte ihr leises Murmeln hören und er spürte ihre Erregung ebenso wie seine eigene.

Dann verstummte das Gemurmel der Menge und atemlose Stille breitete sich aus. X’er war durch den steinernen Bogen aus dem Palast getreten und stand nun auf der obersten Stufe der hohen Treppe. Zu seiner Linken stand Ai’lif, seine Tochter, die Prinzessin, zu seiner Rechten Xod’rex’ax, der Hohepriester.

X’er breitete die Arme aus und die Menge erstarrte. Seine kräftige Stimme hallte über ihre Köpfe. “Dies sind die Worte des Gottes: Die Ernte ist mager und der Regen hat auf sich warten lassen, der Boden ist rissig und karg. Die Sklaven reichen nicht, die Mine auszubeuten und die Felder zu bestellen. Das Wasser des Sees erreicht die Felder nicht, und wir müssen hungern, wenn wir nicht dem X’ude Ehre erweisen. Den Gott müssen wir besänftigen, und ihm zu Ehren werden wir in die Stadt des Xi’tim gehen. Dort werden wir die Krieger erschlagen und die Männer und Frauen und Kinder erbeuten und zu uns führen, damit sie unsere Felder bestellen und unsere Mine ausbeuten und wir ihr Fett und ihr Fleisch dem X’ude als Opfer darbringen.”

Die Männer wurden unruhig und stampften mit den Füßen auf den Boden. Ihr König hatten ihnen eine Aufgabe gegeben und sie brannten darauf, sie zu erfüllen.

“Morgen in der Frühe, mit dem Aufgehen der Sonne, werden viele schlachtenerprobte Kämpfer in die Stadt des Xi’tim aufbrechen”, fuhr X’er mit donnernder Stimme fort.

Wieder stampften die Männer mit den Füßen auf den Boden.

X’exis spürte den Aufruhr in seiner Brust, seine Arme und Beine zitterten, und er wurde von der Lust auf den Kampf ergriffen. Er brannte darauf, für X’ude zu kämpfen.

“Kehrt nun zurück in eure Hütten und bereitet euch vor. Bringt dem X’ude Opfer dar, um ihn gnädig zu stimmen, und findet euch morgen, vor dem Aufgehen der Sonne, bei euren Hauptmännern ein. Bei Sonnenaufgang zieht ihr in den Krieg!”

Die Männer stampften mit den Füßen auf den Boden und brüllten ihre Begeisterung heraus. X’exis war mittendrin, war mit ihnen verbunden, war eins mit ihnen, fühlte die Wut auf den Feind und den göttlichen Funken, der von X’er und X’ude auf ihn übersprang. Voller Inbrunst schrie er mit seinen Nachbarn und Kameraden seine Hingabe zu seinem König und Gott aus sich heraus. Sein Körper bebte, und er brüllte, bis er keine Luft mehr hatte und ihm schwindelig wurde.

X’er stand mit ausgebreiteten Armen auf der obersten Stufe der steinernen Treppe und blickte auf seine Untertanen herab, ein zufriedener Ausdruck in seinem Gesicht; Ai’lif und Xod’rex’ax standen unberührt und mit steinerner Miene neben ihm. X’exis spürte den Blick des großen Königs auf sich ruhen und sah X’ude, der hinter ihn getreten war und durch ihn sprach und die Geschicke seines Volkes leitete, und ein weiterer Schauer überlief ihn. Dann wandte X’er sich ab und kehrte in den Palast zurück, gefolgt von Ai’lif und dem Hohepriester.

Das Brüllen und der Jubel der Männer wurde leiser, und als schließlich wieder Ruhe einkehrte, warteten sie noch einen Moment, dann schüttelten sie sich und lauschten ihren Ahnen. Nach einer Weile verließen die ersten den Vorplatz, und dann verlief die Menge sich stumm. Keiner der Männer sprach, sie alle hatten ihre Stimmen aufgebraucht, und die Frauen wichen zur Seite, um sie durchzulassen. Die Männer kehrten heim zu ihren Hütten, um ihre Waffen bereitzulegen.

X’exis lief gemeinsam mit Id’nan und X’unis zurück ins Dorf der Fischer und Jäger, von der Aufgabe beseelt, die X’er ihnen übertragen hatte. An den Hütten verabschiedeten sie sich voneinander, schon im Wettstreit, wer die meisten Feinde töten und die meisten Sklaven erbeuten würde.

“Morgen ziehen wir in den Krieg”, berichtete X’exis seiner Frau, die ihn in der Hütte erwartete. “Wir werden Sklaven erbeuten. Alles wird gut.”

Ret’am fiel ihm erleichtert um den Hals; X’exis drückte sie an sich.

Nach dem Essen sichtete er seine Waffen, bewunderte das Messer mit der schwarzen Klinge aus Obsidian, prüfte seinen Bogen und die spitzen Pfeile, begutachtete seine steinerne Axt, die schon manchen Schädel gespalten hatte. Er besaß gute Waffen, kampferprobte Waffen, und sie würden ihn gesund und wohlbehalten wieder zu Ret’am und seinem ungeborenen Sohn zurückbringen. Er konnte es kaum erwarten.