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3.2 - In den Krieg

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3.2 - In den Krieg

Es war noch finster, als X’exis aufstand. Er opferte X’er, Tak’six und Rot’ud und sie versprachen ihm großen Erfolg im Krieg. Erleichtert nahm er seine Waffen, verabschiedete sich von Ret’am, küsste ihren Bauch und trat dann aus der Hütte in die kalte Nachtluft.

Seine Nachbarn kamen ebenfalls aus ihren Hütten, jeder von ihnen mit dem bewaffnet, was ihm zur Verfügung stand. Sie begrüßten sich mit einem Kopfnicken und einigen gemurmelten Worten, dann versammelten sie sich auf dem Platz zwischen den Hütten, wo X’ep’nis, ihr Hauptmann, bereits auf sie wartete. Nach und nach trafen die Krieger ein, und bald führte X’ep’nis sie zur Stadt und an den Rand des Platzes vor dem Palast. Unzählige Krieger erwarteten sie schon.

Nach einer Weile trat X’er durch den steinernen Torbogen und blieb auf der obersten Stufe der großen Treppe stehen. Die aus dem Stein geschnittenen Götzen blickten zu ihm auf und warteten; die Männer warteten ebenfalls. Xod’rex’ax, der Hohepriester, trat X’er zur Seite und starrte auf die Krieger herab. X’exis spürte große Ehrfurcht bei ihrem Anblick.

“Ich habe Xi’tim und Bu’bul, seinem Gott und Bruder, den Krieg erklärt”, donnerte die Stimme des Königs über die Köpfe der Krieger. “Zieht aus und bringt Tod und Verderben! Zieht aus und bringt mir Sklaven! Wenn ihr zurückkehrt, werden wir X’ude Opfer bringen, und unser Gott wird uns wohlgesonnen sein! Aber nun zieht aus und besiegt Xi’tim und seine Männer! Bringt mir Ehre! Beweist meine Macht!”

Die Krieger stampften mit den Füßen auf den Boden und jubelten ihm zu, und X’er stand eine Weile mit ausgestreckten Armen über ihnen, dann wandte er sich ab und kehrte in den Palast zurück.

Die Sonne schob sich über den Horizont, und mit den ersten Strahlen des neuen Morgens auf ihren Gesichtern brachen die Männer auf.

Die Stimmung war fröhlich. Die Krieger scherzten miteinander und stachelten sich gegenseitig an, sich beim Töten der Feinde und dem Erbeuten der Gefangenen zu übertrumpfen.

“Du wirst viele Sklaven nach Hause bringen”, flüsterte Rot’ud X’exis zu, und ein freudiger Schauer lief über seinen Körper. Er lachte über die Prahlereien der anderen; er wusste, dass Rot’ud Recht hatte und er die anderen übertreffen würde.

Nach einer Weile mahnte X’ep’nis sie zur Ruhe, und die Männer verstummten, aber der Marsch war lang, und sie vergaßen die Mahnung und warfen sich gegenseitig wieder Scherze und Beschimpfungen zu.

“Ihr seid wie Weiber”, rief X’ep’nis nach einer Weile. “Weiber, die am Fluss die Wäsche waschen und mit den Mündern ebenso plätschern wie das Wasser. Unaufhörlich und ohne Unterlass. So seid ihr. Wollt ihr, dass es heißt, X’er habe eine Armee von Weibern in den Krieg geschickt? Wollt ihr, dass unsere Feinde über uns lachen und wir dem X’er Schande machen?”

“Bereite mir keine Schande”, flüsterte Tak’six X’exis erschrocken ins Ohr. X’exis verstummte verschämt. “Niemand soll sagen, mein Sohn sei ein Weib.”

“Nein, Vater”, antwortete X’exis leise. “Niemand soll das sagen.”

“Also sei still und folge X’ep’nis. Folge seinen Worten; er weiß, wie man kämpfen muss.”

“Ja, Vater.”

“Sei mutig im Kampf”, stimmte Rot’ud mit ein, und X’exis nickte. “Weiche nicht vor den Feinden zurück, sondern treibe sie vor dir her. Niemand soll sagen, dass X’exis ein Feigling sei.”

“Nein, Rot’ud”, erwiderte X’exis. “Niemand wird das sagen. Ich werde vor den Feinden nicht zurückweichen, sondern sie vor mir hertreiben, so wie Tak’six dies schon mit seinen Feinden getan hat.”

Tak’six und Rot’ud nickten und lächelten, und X’exis war zufrieden. Er konnte den Kampf kaum erwarten.

Aber der Weg war lang, fünf anstrengende Tage lagen vor ihnen. Die Krieger marschierten durch den Wald, jeder folgte seinem Vordermann, ein jeder folgte seinem Hauptmann. X’ep’nis hatte sich in vergangenen Kämpfen und Raubzügen als tapfer und gerissen erwiesen und sich damit einen Namen unter den Hauptmännern gemacht. Er führte den Zug gegen Xi’tim und Bu‘bul; an ihm lag es, den Krieg zu einem Erfolg zu machen.

X’exis marschierte mit seinen Kameraden. Id’nan und X’unis waren an seiner Seite, aber sie sprachen nicht miteinander. Jeder von ihnen lauschte seinen Ahnen, die mit ihnen in den Kampf zogen und sie an den Grund ihres Kriegszugs erinnerten.

Es war heiß im Wald, die Luft war drückend und schwül. Immer wieder mussten sie kurze Pausen einlegen, um zu trinken. Sie waren Fischer und Handwerker, sie waren Gerber und Töpfer, sie waren Schneider und Weber. Sie waren auch Jäger, aber bei der Jagd marschierten sie nicht tagelang gegen einen Feind. Die Jagd war geprägt vom Warten und Ausharren, nicht vom langen Marschieren.

Am zweiten Tag hörte X’exis hinter sich einen erstickten Schrei, und gemeinsam mit einigen Kameraden lief er zurück.

“Sei vorsichtig”, flüsterte Rot’ud ihm zu, und seine wachsamen Augen durchkämmten den Urwald. War der Feind ebenfalls ausgezogen und ihnen entgegengekommen? Hatte er ihnen einen Hinterhalt gelegt? Sie wussten es nicht. Kriege und Raubzüge waren keine Seltenheit, und viele seiner Nachbarn und Kameraden waren im Laufe der Jahre von Angreifern verschleppt worden. Seine eigene Mutter war als Sklavin entführt worden, und Tak’six hatte sein Leben gegeben, um X’exis vor den Angreifern zu schützen.

Aber es war nur eine Schlange, die einen unbedachten Krieger gebissen hatte. Eine giftige Schlange, ein Zeichen der Götter, aber kein Angriff von Feinden. Das Gift der Schlange wirkte schnell, dem Gebissenen stand bereits Schaum vor dem Mund und sein Körper zuckte, seine Augen waren weit aufgerissen. Die Luft entwich seiner Brust in schmerzhaften, keuchenden Zügen. Bald würde er bei seinen Ahnen sein.

X’ep’nis nahm seine steinerne Axt, hob sie über den Kopf und zertrümmerte dem Gebissenen den Schädel. Die Männer murmelten ihre Zustimmung; ein schneller Tod war besser, als dem Gift langsam und qualvoll zu erliegen. Die Waffen des Toten wurden verteilt: eine steinerne Axt, ein Blasrohr und eine lederne Schleuder. Diese Waffen hatten schon viele Leben genommen und würden ihren neuen Besitzern gute Dienste erweisen.

X’exis und Id’nan kehrten zu X’unis zurück, der am Kopf des Zuges geblieben war.

“Eine Schlange”, erklärte X’exis.

X’unis nickte. “Seine Ahnen werden ihn nicht achten: Er war unaufmerksam, das ist nicht gut. Wäre er im Kampf gefallen, hätte er Ehre gehabt, so ist er schwach. Seine Ahnen werden traurig sein.”

“Ja.” X’exis nickte. “Schwach. Er hat den Wald nicht geachtet.”

Am vierten Tag gelangten sie zu einer Schlucht. Ein schmaler Pfad führte an ihrem Rand entlang, zu ihrer Linken fiel die Felswand hunderte von Metern hinab zu einem Fluss, der sich wie eine Schlange durch den Urwald wälzte. Selbst hier oben waren das Rauschen und Tosen ohrenbetäubend. Es war nicht möglich, miteinander zu sprechen, selbst die Ahnen waren kaum zu verstehen.

Rot’ud ermahnte X’exis, auf seine Schritte zu achten, erinnerte ihn daran, wie Tak’six ihm einst beigebracht hatte, auf Felsen und spitzen Steinen zu balancieren. X’exis dankte Rot’ud für die Erinnerung und war erleichtert. Mit seinen Ratschlägen fühlte er sich sicher.

Sie brachten den Pfad hinter sich und kehrten wieder in den dichten Urwald zurück, und erst hier erfuhr er, dass am Ende ihres Zuges einer der Krieger abgerutscht und in die tosenden Fluten gestürzt war. Es war einer der Handwerker aus der Stadt, aber X’exis kannte ihn nicht und hatte auch die Stimme seiner Ahnen nie vernommen.

“Nicht einmal seine Waffen konnten wir verteilen”, sagte X’unis traurig. “Es ist alles in den Fluss gefallen.”

X’exis nickte. Er trug genug Waffen bei sich, aber es war immer gut, ein weiteres Messer oder eine zusätzliche Axt zu besitzen. Waffen wurden im Kampf zerstört, das hatte er selbst mitangesehen. Er hatte erlebt, wie Krieger gestorben waren, weil sie sich nicht hatten verteidigen können.

Am fünften Tag erreichten sie ein kleines Dorf, das die Grenze zu X’itims Reich markierte; sie hatten das Ziel ihres Marsches erreicht. Zwei Tote auf dem Weg waren ein kleines Opfer, und sie alle schätzten sich glücklich, dass der Preis nicht höher gewesen war.