3.3 - Blutrausch
3.3 - Blutrausch
Im Morgengrauen umstellten sie das Dorf. Lautlos und wie bei der Jagd umschlossen sie die Lichtung und die Hütten aus Holz und Laub, die die Untertanen des Xi’tim sich im Regenwald gebaut hatten; der Palast und die Stadt lagen einen halben Tagesmarsch entfernt. Hier lebten Jäger und Handwerker, aber nur wenige Krieger: genau das, was X’er für seine Mine und seine Felder brauchte.
Die ersten Frauen krochen aus den Hütten, auch einige Männer tauchten auf. Das Leben begann.
X’exis hatte die Augen vor Anspannung weit aufgerissen, starrte durch das dichte Laub in das Dorf hinein. Wie bei der Jagd mussten sie schnell sein, mussten sie die gefährlichen Waffen ausschalten, mussten sie den schnellen Schnitt durch die Kehle des Feindes führen. Dann war es vorbei und sie konnten ihre Beute nach Hause bringen.
Vorsichtig bewegte X’exis sich zwischen den Ästen hindurch: lautlos, ohne zu Rascheln, ohne dass ein Zweig knackte. Niemand im Dorf bemerkte etwas. Dann kam das Kommando, und sie stießen wie ein einziger Mann aus dem Dickicht hervor und stürmten zwischen die Hütten.
Die Dorfbewohner hatten keine Chance.
Bevor die ersten Männer ihre Waffen ergriffen hatten, waren die Krieger schon über sie hereingebrochen. Sie strömten in jede Hütte und schlugen jeden nieder, der sich zu Wehr setzte.
X’exis wurde von Blutlust ergriffen; Tak’six und Rot’ud verstummten, sie konnten ihm nichts mehr sagen. X’exis fiel über seine Feinde her wie ein wildes Tier, das seine Beute schlägt: sein Messer mit der schwarzen Klinge aus Obsidian vergrub sich in der Brust eines jungen Mannes, der einen Stock in der Hand hielt und viel zu überrascht war, um sich zu wehren; dann durchbohrte sie den Hals eines Älteren, dem es gelungen war, einen Bogen aufzuheben; seine steinerne Axt krachte auf Schädel und spaltete sie. Mit einem Schrei sprang er gegen einen Gegner und konnte seinen Arm gerade rechtzeitig einhalten, als er Id’nan erkannte, den er hinterrücks niedergerissen hatte. In den Augen seines Freundes blitzte Furcht auf, dann lachte Id’nan laut, als er sich unter ihm hervorwühlte und sich auf den nächsten Dorfbewohner stürzte. X’exis saß benommen auf dem Boden und starrte in den Staub.
“Pass auf!“, rief Rot’ud.
X’exis drehte sich und wich der scharfen Klinge aus, die sein Gegner schwang, dann stieß seine Hand mit dem Messer nach oben und rammte den Obsidian zwischen die Rippen des Angreifers, während seiner zweiter Arm die steinerne Axt schwang und den Schädel des Feindes spaltete. Dessen Lebensgeister verließen seinen Körper. Wie ein Sack fiel er in sich zusammen, die Gliedmaßen wie Äste auf dem Boden verstreut.
Mit schnellen Schritten sprang X’exis in eine Hütte und sah X’unis, der sich gerade auf eine der Frauen stürzte. Er hatte ihr den Lendenschurz vom Leib gerissen und rammte seinen harten Schwanz in sie hinein, während sie wie eine Ziege schrie und meckerte und sich von ihm loszureißen versuchte. X’unis schlug ihr mit seiner Keule auf den Kopf, sie brach zusammen und er stieg wieder über sie.
X’exis lief durch das Dorf, schwang seine steinerne Axt. Ein weiterer Krieger fiel unter seinem Hieb und brach zusammen, das Blut floss aus dem zerschlagenen Schädel und tränkte die Erde.
Mit wildem Blick sah er sich um, entdeckte X’ep’nis, der wie ein Untier zwischen den Feinden wütete. Er lief zu ihm, wollte die Stimme seines Anführers hören, brauchte den Zuspruch, wusste nicht, wann es galt, aufzuhören. Sie durften nicht alle erschlagen, sie mussten Sklaven für X’er nach Hause führen; wann war es genug?
X’ep’nis drehte sich um, als er eine Bewegung hinter sich bemerkte, seine Augen brannten mit dem gleichen mörderischen Feuer, das auch X’exis spürte. Dann erkannte er X’exis, und X’ep’nis lachte laut auf und drehte sich von ihm fort, dem nächsten Angreifer entgegen, und dann geschah das Unfassbare, und die Keule des Gegners sauste auf X’ep’nis‘ Kopf herab, und mit einem lauten Krachen barst der Schädel, und das Blut und das Hirn spritzten zur Seite. Sein Körper brach zuckend in sich zusammen und fiel auf den Boden und blieb liegen, und plötzlich herrschte vollkommene Stille in X’exis‘ Kopf.
Seine Augen verharrten auf dem Körper seines Anführers, der unbeseelt und ohne Leben vor ihm ausgebreitet lag; die Arme und die Beine zuckten noch im verzweifelten Versuch seines Geistes, sich an das Leben zu klammern, aber dann gab er auf und ließ das tote Fleisch zurück und stieg zu den Ahnen auf. X’ep’nis war im Kampf gefallen und den Tod eines Kriegers gestorben; er ging mit großer Ehre.
Auch die anderen Kämpfer hatten den Fall ihres Hauptmanns mitangesehen, und Stille kehrte auf dem Kampfplatz ein. Fassungslose, atemlose Stille. Ihr Anführer, ihre Stimme, ihr Befehl war verstummt. Sie standen da, die Waffen in den Händen, unsicher was zu tun war.
Der Krieger, der X’ep’nis niedergestreckt hatte, stürmte auf X’exis zu, und ein Reflex ließ seine Hand hochfahren, und wieder kostete die schwarze Klinge aus Obsidian vom Blut eines Feindes, und wieder spaltete die steinerne Axt einen Schädel. Wie ein Tier in der Falle drehte er sich hin und her, suchte nach einem Ausweg, dachte nur noch an Flucht. An den erschrockenen Fratzen seiner Kameraden erkannte er, dass es ihnen ebenso erging. Sie waren kopflos und führerlos, und der Feind erwachte zu neuem Leben.
“Halt!“, rief Rot’ud in diesem Augenblick, und X’exis erstarrte. “X’ep’nis war ein tapferer Kämpfer, aber er war nur der verlängerte Arm des X’er. Gib nicht auf! Fliehe nicht wie ein Tier! X’er hat befohlen. Ihm musst du gehorchen!”
X’exis zitterte am ganzen Körper. Rot’uds Worte zerrten ihn hin und her und er konnte sich ihnen nicht widersetzen.
Mit einem lauten Schrei wandte er sich wieder seinen Feinden zu, und aus den Augenwinkeln sah er, wie seine Kameraden verharrten, wie ihre Blicke ihm folgten, als er zu einem erneuten Sturm auf Xi’tims Krieger ansetzte und steinaxtschwingend auf einen Gegner sprang und ihm den Schädel zertrümmerte. Der Knochen barst unter seinem Schlag, Blut und Hirn spritzten ihm ins Gesicht. Er spürte die Wärme, spürte Rot’uds Zufriedenheit und hörte den Applaus des Tak’six. Mit dem Arm wischte er sich die Augen frei, fegte Knochensplitter bei Seite und setzte den Kampf fort.
Und dann war es vorbei. Ebenso plötzlich, wie der Kampfgeist wieder in ihm erwacht war, war die Schlacht vorüber. Er hatte den Anführer seiner Feinde getötet, und die ergaben sich und legten ihre Waffen nieder, und X’exis und seine Kameraden fielen über sie her wie Raubtiere und zerfleischten ihre Kehlen.