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3.4 - Nach Hause

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3.4 - Nach Hause

Nach dem Kampf schöpfte X’exis mit einer hölzernen Schüssel Wasser aus einem großen Bottich und goss es sich über Kopf und Brust. Er wusch das Blut seiner Feinde von sich ab, reinigte sich, dann wandte er sich um.

Der Platz zwischen den Hütten war übersät mit den Körpern Getöteter, der Boden war schwarz von ihrem Blut. Die Gefangenen hatten sie zu kleinen Gruppen zusammengetrieben; die saßen mit gesenkten Köpfen auf dem Boden, keiner wagte, sich zu rühren. Auch die Krieger standen still, die Waffen in den Händen, und starrten ihn an. Niemand bewegte sich, keiner sagte etwas, alle warteten.

“Erweise X’ep’nis die Ehre”, flüsterte Rot’ud ihm zu, und X’exis sah sich nach dem toten Körper seines Hauptmanns um. Er entdeckte ihn, wo er von seinem Feind niedergestreckt worden war, und ging zu ihm, um ihn zu verabschieden. Id’nan und X’unis eilten an seine Seite und folgten ihm, und gemeinsam traten sie vor den Leichnam. Der Körper lag reglos, der Schädel war eingeschlagen, sein Gesicht war kein Gesicht mehr. Sie erkannten ihn an seiner Gestalt und an den Bildern, die in seine Haut geritzt waren.

X’exis begann Erde und Steine über ihn zu scharren, um ihn vor den Tieren des Regenwaldes zu schützen; X’ep’nis sollte die Reise zu seinen Ahnen antreten können, ohne gestört zu werden. Id’nan nahm die Waffen des Toten und legte sie bei Seite, dann half er X’exis, den Hügel aus Steinen und Erde aufzuhäufen. X’unis schloss sich ihnen an. Der Rest der Kämpfer rührte sich nicht und schaute mit ausdruckslosen Mienen zu.

“Nimm die Waffen des X’ep’nis”, wies Rot’ud ihn an, nachdem sie den Hügel aufgeschichtet hatten. “Die Männer brauchen Führung, damit sie den Weg nach Hause finden. X’er wartet auf seine Beute - es ist nun deine Aufgabe, sie zu ihm zu bringen.”

“Aber ...” X’exis zögerte.

Rot’ud wurde ungeduldig: “Nimm die Waffen des X’ep’nis und führe die Kameraden und die Beute nach Hause. X’er soll seine Sklaven erhalten, und X’ude sollen Opfer gebracht werden. So ist es versprochen!”

X’exis senkte gehorsam den Kopf. Rot’ud hatte mit Kraft gesprochen, Widerspruch war nicht erlaubt.

X’exis nahm die Axt des X’ep’nis vom Boden auf und hielt sie über seinen Kopf; eine mächtige Waffe, die schon viele Leben genommen hatte. Seine Kameraden hoben die Arme und brachen in Jubelschreie aus. Wieder und wieder reckte X’exis die Axt über seinen Kopf und wieder und wieder riefen seine Kameraden seinen Namen.

“Du hast deinem Vater Ehre gemacht”, sagte Rot’ud zufrieden, und Tak’six stand lächelnd neben ihm. “Du hast deinen Feinden gezeigt, dass X’er der mächtigste Herrscher ist und X’ude der mächtigste Gott.”

X’exis wandte sich an seine Kameraden und gab die Anweisungen weiter, die Rot’ud ihm einflüsterte, und zu seiner Verwunderung befolgten die Männer sie, ohne zu zögern.

Mit Speeren und Stöcken scheuchten sie ihre Gefangenen vom Boden auf, und die folgten ihren Häschern unter lautem Jammern und Wehklagen. X’exis ordnete die Männer und Gefangenen, dann ging er ihnen voran, zufrieden und stolz. Rot’ud und Tak’six gingen an seiner Seite und lobten ihn für seine tapferen Taten.

Fünf Tage marschierten sie durch den Regenwald. Sie mussten die Gefangen antreiben, aber sie mussten sie nicht bewachen; niemand versuchte, zu fliehen. Ihr König und Gott hatte sie verlassen und sie folgten ihren neuen Herren willenlos und ohne Gegenwehr.

Am ersten Abend verhielten die Krieger sich noch ruhig, aber am zweiten Abend begannen einige von ihnen, sich die Frauen der Gefangenen zu nehmen und sie in die Büsche zu schleifen, um sie dort zu besteigen.

X’exis hörte die Schreie und das Schluchzen, aber er beachtete es nicht - diese Dinge gehörten zum Krieg. Sie hatten Sklaven erbeutet und konnten mit ihrer Beute tun, was sie wollten. Sie nahmen sich nur, was ihnen zustand.

Am dritten Tag sah X’exis immer wieder, dass Krieger Frauen während des Marsches bei Seite nahmen und sie in die Büsche zerrten. Wie die anderen spürte er die Regung in seinen Lenden. Sollte er sich daran beteiligen? Sollte er sich ebenfalls die Frauen der Feinde nehmen und sie in die Büsche schleifen? Aber etwas hielt ihn zurück ... Es waren nicht Rot’ud oder Tak’six, die ihm Einhalt geboten, es war Ret’am, die seinen ungeborenen Sohn in ihrem Bauch trug: er wollte, dass sein Sohn stolz auf seinen Vater sein konnte. Sklavinnen auf einem Kriegszug zu missbrauchen war Tradition, aber es war nicht ehrenhaft; es zeugte von mangelnder Beherrschung, von einer Schwäche des Körpers und einer schwachen Verbindung zu den Ahnen. Starke Krieger mussten sich nicht bei Sklavinnen bedienen, ihnen wurde von den Göttern gegeben, ohne dass sie etwas erzwangen.

Als aber einer der Gefangenen sich gegen einen der Krieger erhob und der Krieger ihm mit der steinernen Axt den Schädel einschlug, forderte Rot’ud X’exis auf, einzuschreiten.

“Die Männer schmälern den Sieg, den X’er und X’ude dir gegeben haben”, erklärte Rot’ud ihm.

“Die Männer bestehlen den König und Gott”, stimmte Tak’six ein.

X’exis nickte grimmig.

“Du!“, rief er dem Krieger zu, der, die Axt in der Hand, über dem Toten stand und auf den leblosen Körper spuckte. “Was hast du getan?”

“Er wollte mich daran hindern, mir eine der Frauen zu nehmen”, antwortete der Krieger aufgebracht. “Er wollte mir mein Recht verweigern!”

Die Gefangenen duckten sich, die Männer hielten schützend die Arme um die Frauen, und leises Wimmern drang aus ihren Reihen. Die Krieger murrten, einer stellte sich neben den Angesprochenen und legte ihm die Hand auf die Schulter.

“Du schmälerst X’ers Sieg”, sagte X’exis streng. “Du nimmst deinem König einen Sklaven, der in der Mine schuften oder das Feld bestellen sollte.”

Der Krieger wurde blass. “Ich wollte mir eine der Frauen nehmen.”

“Du hast gegen den Willen deines Königs verstoßen”, unterbrach X’exis ihn. “Du hast dich an X’ers Besitz vergriffen.”

Der Krieger wollte einen Schritt zurücktreten, aber sein Kamerad, der ihm eben noch die Hand auf die Schulter gelegt hatte, um ihn zu unterstützen, hielt ihn nun davon ab. Seine Freunde starrten ihn finster an. Alle hatten zu ihm gestanden, bis X’exis ihnen klargemacht hatte, worin das Verbrechen lag. Ihre Stimmung war sofort umgeschlagen. Es gab nur eine Strafe für jene, die den König bestahlen.

“Das Gleichgewicht muss wieder hergestellt werden”, verkündete X’exis, was Rot’ud ihm zuflüsterte. “Du hast ein Leben genommen, das X’er gehört. Du hast deinen König bestohlen.”

“Du hast deinen König bestohlen”, riefen die Krieger mit dumpfen Stimmen.

Die Gefangenen kauerten sich noch tiefer zu Boden, legten die Arme über die Köpfe und senkten die Augen.

“Aber ...” Mit weit aufgerissenen Augen drehte der Krieger den Kopf hin und her, suchte Beistand, fand aber keinen. “Ihr alle habt euch Frauen genommen”, rief er verzweifelt.

“Das ist kein Vergehen am König”, unterbrach X’exis ihn. “Du darfst dir die Frauen nehmen, solange wir sie dem X’er lebendig übergeben. Wir haben sie für ihn eingefangen, und sie gehören ihm. Keiner von uns darf sie töten.”

“Aber ...” Der Krieger versuchte einen letzten panischen Schritt zurück, aber seine Kameraden schlossen ihn in ihrer Mitte ein und hielten ihn fest. Einer schlug ihm mit einem Knüppel von hinten in die Kniekehlen, so dass seine Beine nachgaben und er zu Boden sackte. Ein anderer packte seine Haare und zog seinen Kopf in den Nacken; sein Hals war ungeschützt. Zwei andere griffen seine Hände und zogen seine Arme zur Seite, so dass er vor X’exis auf dem Boden kniete, die Arme ausgestreckt, unfähig, sich zu bewegen.

X’exis zog das Messer mit der schwarzen Obsidian-Klinge aus seinem Schurz. Er sah die weit aufgerissenen Augen des Kriegers, sah die zitternden Arme und Beine, sah den bebenden Mund. Sie waren gemeinsam in den Kampf gezogen, hatten gemeinsam gegen den Feind gekämpft, aber nun spürte er nichts. Es gab keine Verbindung mehr zwischen ihnen, der Krieger selbst hatte sie mit seinem Diebstahl am König durchtrennt.

Das Messer wog schwer in X’exis’ Hand.

Er legte die Klinge an den Hals des Mannes, dann zog er sie mit einer schnellen Bewegung von links nach rechts und schnitt ihm die Kehle auf. Das Blut spritzte heraus und traf X’exis an der Brust und im Gesicht, und er verwischte es mit der linken Hand. Dann stieß er dem Sterbenden das Messer in die Brust, mitten ins Herz. Ein Röcheln drang aus seinem Mund, Bläschen bildeten sich auf seiner Lippe, die Augen waren weit aufgerissen. Er sackte zu Boden und lag still, die Augen noch immer geöffnet. X’exis schaute auf ihn herab und sah, wie sein Blick brach.

Seine Kameraden starrten mit finsteren Augen auf den Toten hinab, einige spuckten aus. Vor wenigen Augenblicken noch hatten sie gemeinsam mit ihm gelacht und Scherze getrieben, nun war er es nicht mehr wert, ein Grabmal über ihm aufzuhäufen.

“Verteilt seine Waffen”, wies X’exis die Männer an.

Axt und Blasrohr wechselten den Besitzer, dann schleiften sie den toten Körper zum Wegesrand und warfen ihn in das Unterholz, als Fraß für die wilden Tiere. Den toten Gefangenen warfen sie dazu. Sie konnten ihren Streit in der Unterwelt beenden, wo die Götter über sie richten würden.