3.5 - Heimkehr
3.5 - Heimkehr
Am fünften Tag kehrten sie heim, an den Rand ihrer Stadt. Die Krieger hatten sich weiter Frauen genommen, und auch den einen oder anderen Mann geschunden, der versucht hatte, einzugreifen, aber es war niemand mehr zu Tode gekommen - weder von den Gefangenen noch von den Kriegern. X’exis war zufrieden, alle wohlbehalten heimgebracht zu haben, und Rot’ud und Tak’six lobten ihn dafür.
“Lauf voraus und berichte X’er, dass wir zurückgekehrt sind und ihm Gefangene bringen”, wies X’exis einen der Männer an. Der Krieger nickte und lief davon, zu den steinernen Hütten am Rande der Stadt.
X’exis trieb seine Kameraden und die Gefangenen voran, zwischen den Häusern des Fischerdorfes hindurch.
Die Frauen und Kinder kamen heraus, um ihnen zuzujubeln, als sie stolz an ihnen vorüberzogen. Die Frauen sammelten Steine und warfen sie auf die Sklaven, und lachten, wenn ein Stein traf und der Getroffene zu Boden fiel, nur um von den Kriegern mit Tritten wieder emporgetrieben zu werden. Es war ein Fest für alle, die Krieger und ihre Beute heimkommen zu sehen.
Einige der Frauen brachen in lautes Jammern aus, als sie erkannten, dass ihre Männer nicht zurückgekehrt waren, aber die übrigen nahmen sie in ihre Arme und wiegten sie und gaben ihnen Steine, damit sie diese auf die Sklaven werfen konnten. So übten sie Vergeltung für den Tod ihrer Männer.
Als zu viele Steine geworfen wurden, und einer der Gefangenen nicht mehr aufstand, schritt X’exis ein. Er trat vor die Frauen, hob die Arme und gebot ihnen Einhalt. Rot’ud hatte ihm klargemacht, dass auch die Frauen X’er seines Preises berauben konnten, also stellte er sich vor sie und tadelte sie. Ret’am stand am Rande, ließ den Stein fallen, den sie in der Hand gehalten hatte, und blickte ihn mit weit aufgerissenen, stolzen Augen an. Sie sah, dass ihr Mann, der als mutiger Krieger in den Kampf gezogen war, als Hauptmann zurückkehrte. Sie sah, dass er die Befehle erteilte und dass seine Kameraden ihm gehorchten.
“Ich habe Tak’six Ehre gebracht”, flüsterte X’exis ihr im Vorübergehen zu, und sie warf sich ihm an den Hals und er spürte ihren Körper vor Erregung und Freude beben.
“Deine Ahnen sind stolz auf dich”, flüsterte sie zurück. “So wie ich.”
Er legte ihr die Hand auf den Bauch und spürte das Strampeln seines Sohnes. Es würde nicht mehr lange dauern, vielleicht zwei Monde noch, bis er zu ihnen in die Welt kam, und er ihn zu einem Jäger und Krieger erziehen konnte.
“Wir werden einen starken Sohn bekommen”, sagte er leise, und Ret’am glühte vor Stolz.
Dann wandte er sich von ihr ab und folgte den Kriegern, die weitergezogen waren, und lief an die Spitze des Trupps. Sie durchquerten die rissigen, brachliegenden Felder, und immer mehr Frauen und Kinder kamen aus den steinernen Hütten und folgten ihnen, und aus dem Kriegstrupp mit Gefangenen wurde ein großer Zug, der sich auf die Stadt zubewegte.
Einige Frauen kamen ihnen entgegengelaufen und brachten Wasser, damit sie etwas trinken konnten, bevor sie vor ihren König traten. Sie nahmen das Wasser an und tranken und wuschen sich den Staub von der Haut.
Dann traten sie zwischen die steinernen Häuser und trieben die Gefangenen vor sich her, bis auf den Vorplatz des Palastes. Dort warfen sie sie mit kräftigen Schlägen zu Boden, damit sie vor X’er im Staub lagen, sobald dieser durch den steinernen Bogen trat, um sie von der obersten Stufe der breiten Treppe zu betrachten.
Die Gefangenen kauerten sich nieder, die Hände über den Köpfen erhoben, um sich vor den Schlägen zu schützen, und die Krieger ließen von ihnen ab und stellten sich auf, die Häupter gesenkt. Stille kehrte ein; alle warteten auf X’er.
Dann kam ein Raunen auf, als der König durch den steinernen Bogen trat, Xod’rex’ax und Ai’lif zu seinen Seiten. X’er trat nach vorne und blieb auf der obersten Stufe stehen und begrüßte die Heimgekehrten.
Atemlose Stille herrschte auf dem Platz, bis X’er nach X’ep’nis rief, um sich berichten zu lassen. Die Krieger zögerten, aber schließlich meldete Id’nan sich mit zitternder Stimme zu Wort und rief, dass X’ep’nis den feindlichen Kriegern zum Opfer gefallen sei, dass die ihm den Schädel zertrümmert und sein Blut vergossen hatten, und dass X’exis an seiner Stelle den Kriegszug zu einem erfolgreichen Ende geführt hatte.
Ein erneutes Raunen ging durch die Reihen der Frauen und Kinder, und X’er schwieg für einen Moment. Dann hob er die Arme gen Himmel und rief aus: “X’ude ist uns wohlgesonnen, dass er einen Krieger im Kampf zu eurem neuen Hauptmann auserwählt hat. X’ep’nis, Sohn des Xot’aleb, ein mächtiger Krieger, ist nun zu seinen Ahnen gegangen, um an der Seite des X’ude zu speisen und ihn mit seinen tapferen Taten zu erfreuen. Aber du, X’exis, Sohn des Tak’six, hast seine Stelle eingenommen und mir meine Sklaven gebracht. Du hast deine Ahnen mit Stolz erfüllt und der Dank des X’ude ist dir gewiss. Komm zu mir und erstatte mir Bericht.”
Mit zitternden Knien löste X’exis sich aus den Reihen seiner Kameraden und trat nach vorn. Seine Arme bebten und sein Magen grollte, als er die steinernen Stufen hinaufstieg. Die Augen der Krieger und Frauen und Kinder ruhten auf ihm, und die Götzen folgten ihm mit finsteren Blicken.
Auf der obersten Stufe angelangt, warf er sich vor X’er in den Staub, die Arme nach vorne gestreckt.
“Steh auf und berichte.”
X’exis spürte die Trockenheit in seinem Hals, und seine Stimme zitterte. Er sah seinem König in die Augen, sein Innerstes erschauderte, und mit Mühe brachte er Worte hervor. Er berichtete von dem Marsch zur Stadt des Feindes, von dem Überfall auf das Dorf und von dem feindlichen Krieger, der X’ep’nis niedergestreckt hatte. Er berichtete von dem steinernen Grabmal, das sie ihrem Anführer aufgehäuft hatten, was X’er mit einem zufriedenen Kopfnicken zur Kenntnis nahm. Dann berichtete er von dem Marsch nach Hause und von dem Krieger, der einen der Gefangenen getötet und von seinem eigenen Richtspruch, mit dem er dem Leben des Kriegers ein Ende gesetzt hatte.
Wieder starrte X’er ihn mit undurchdringlichem Blick an, dann nickte er.
“Du hast gut daran getan, X’exis. Du hast die Ehre deines Königs und Gottes gemehrt und du hast mit deinen Taten meine Stärke weit über die Grenzen meines Reichs hinaus verkündet. Du hast gerecht gehandelt.”
X’er wandte sich von ihm ab und sprach zu der Menge, die auf dem Platz versammelt stand.
“Ich bin zufrieden mit den Taten unserer Krieger. Ihr habt einen großen Sieg errungen und Sklaven erbeutet. Ihr habt X’ep’nis verloren, einen mächtigen Krieger, aber X’ude hat uns mit X’exis einen ebenso mächtigen Krieger auserkoren. Nun liefert die Sklaven in meinem Palast ab, dann kehrt zurück zu euren Häusern und feiert eure Rückkehr.”
Als X’er sich von seinen Untertanen abwandte, wollte X’exis die Stufen des Palastes hinabsteigen und sich zu seinen Kameraden auf dem Platz begeben, aber X’er hielt ihn zurück.
“Warte”, sagte er, und seine Stimme klang freundlich.
X’exis spürte das Zittern seiner Beine und die Unruhe in seinem Bauch. Es war nicht gut, zu lange in der Gegenwart der Götter zu verweilen, zu leicht konnte man in ihrer Macht verbrennen.
“Dies ist Ai’lif, meine Tochter.” X’er winkte sie heran.
Sie trat neben ihn und betrachtete X’exis aufmerksam. X’exis erwiderte ihren Blick unsicher.
“Du hast einen großen Sieg errungen”, fuhr der König fort. “Du warst tapfer und hast dich als guter Anführer erwiesen. Du bist es würdig, der Mann einer Prinzessin zu sein, wenn diese dich erwählt.”
Ai’lif betrachtete ihn immer noch aufmerksam, auf ihren Lippen lag ein Lächeln. Der Druck in X’exis‘ Brust wurde stärker.
“Vor dem Kriegszug habe ich meiner Tochter versprochen, dass sie sich einen der Krieger zum Mann wählen darf. Es ist gut, einen tapferen und kräftigen Kämpfer an ihrer Seite zu sehen. Du hast dich als tapferster der Krieger erwiesen, und du sollst die Ehre haben, meine Tochter zur Frau zu nehmen.”
X’er wandte sich an Ai’lif, die neben ihm stand und nickte. X’exis war erstarrt.
“Ich kann nicht”, flüsterte er, und seine Knie gaben nach. Er sank vor X’er und Ai’lif zu Boden und senkte das Haupt. Es war nicht gut, dem König und Gott zu widersprechen.
“Was?” X’er war überrascht. Zorn lag in seiner Stimme.
“Ich habe ein Weib. Sie trägt meinen Sohn in ihrem Leib, und ich habe ihr Treue geschworen, bis die Ahnen uns zu sich rufen. Es ist eine große Ehre, dass X’er mir seine Tochter als Weib bietet, aber ich kann diese Ehre nicht annehmen.”
Sein Atem ging kurz und stoßweise, und er erwartete den zornigen Richtspruch des Königs; einem einfachen Krieger stand es nicht zu, dem König zu widersprechen.
“Du bist tapfer, X’exis, Sohn des Tak’six”, sprach Ai’lif ihn stattdessen an, und ihre Stimme war hell und klar. “Es ist nicht leicht, sich einem König und Gott zu widersetzen, und dennoch hast du es getan. Du bist wahrlich der tapferste der Krieger. Aber deine Aufrichtigkeit müssen wir ehren, und deinen Wunsch müssen wir achten, denn es ist gegen den Willen der Ahnen und Götter, dass wir dem Sohn den Vater nehmen, bevor er geboren ist. Bleib bei deinem Weib, bis die Ahnen euch zu sich rufen, wie ihr es geschworen habt, aber gedenke meiner mit Liebe.”
X’exis schluckte erleichtert. “Ja, Herrin”, stieß er dann hervor.
X’er zögerte einen Augenblick, aber schließlich nickte er zufrieden. “Meine Tochter hat wahr gesprochen. Deine Ahnen sind stolz auf dich, X’exis, und unser Herz schlägt voller Freude, dich in unseren Reihen zu sehen. Nun kehre zurück zu deiner Familie und feiere deine Heimkehr und opfere den Göttern.”
Damit wandten X’er, Ai’lif und Xod’rex’ax sich von X’exis ab. Der stieg mit zitternden Beinen die Stufen der breiten Treppe hinab und lief zu Ret’am, die auf dem Platz zurückgeblieben war, um auf ihn zu warten. Sie empfing ihn mit großen Augen, und X’exis vergrub sich erleichtert in ihrer Umarmung.