Kapitel 4 - 4.1 - Ai'lifs Zorn
Kapitel 4 - 4.1 - Ai'lifs Zorn
Schnaubend stürmte Ai’lif in ihre Kammer, ihre Brust und ihr Bauch zogen sich zusammen und es drang kaum Luft in ihre Lungen.
Sie hatte vor X’exis gestanden, hatte ihn angesehen, und er hatte ihr gefallen, denn X’exis war ein starker Krieger. Er hatte sich im Kampf bewährt und den Ruhm von X’er und X’ude gemehrt, er hatte die Namen ihres Königs und Gottes, den Namen ihres Vaters, in die Welt getragen und von seiner Stärke gekündet. Er hatte ihnen Ehre erwiesen.
Als X’er sie zu sich gerufen und sie X’exis gegenübergestanden hatte, hatte sie Xir’tuns Hand auf ihrer Schulter gespürt. “Dies ist der Mann, der dich zu seinem Weib nehmen und Kinder mit dir zeugen wird”, hatte sie ihr zugeflüstert. Ai’lif war glücklich gewesen, denn ihr Körper war bereit dazu. In der Vergangenheit hatte sie immer häufiger das Verlangen in sich gespürt, sich mit dem Körper eines Kriegers zu vereinen, und ihre Ammen waren nicht müde geworden, ihr zu versichern, wie wunderbar das war.
Sie war alt genug, einen Mann zu wählen, war älter als die meisten Mädchen, die verheiratet wurden, und hatte sich nur noch nicht mit einem Mann vereint, weil X’er eifersüchtig über sie wachte. Ihr Herz drängte schon lange danach.
Und dann hatte X’exis sie abgelehnt.
Hätte Xir’tun ihr nicht die passenden Worte eingegeben, hätte sie ihm vor X’er und X’ude und dem gesamten Volk die Augen ausgekratzt, aber so hatte sie das Ansehen und die Ehre ihres Vaters bewahrt.
“Wie konnte er das tun?“, schrie Ai’lif aufgebracht in die Kammer hinein. Ihre Beine hatten nachgegeben, sie kniete vor ihrem Lager und zornige Tränen liefen ihr frei über die Wangen. Noch nie war ihr etwas abgeschlagen worden, und nun hatte man ihr den größten Wunsch versagt.
“Sein Dämon hat ihn schlecht beraten”, antwortete Xir’tun.
“Er muss einen dummen Dämon haben!”
Xir’tun warf ihr einen nachdenklichen Blick zu. “Er hat ein Weib. Sein Dämon will, dass er ihre Ehre bewahrt. Und die seine. Ein Krieger ist nur ehrenhaft, wenn er zu seinem Wort steht.”
“Ist sein Wort denn wichtiger als meine Wünsche?“, schrie Ai’lif voller Zorn.
Xir’tun blieb unnachgiebig. “Ein Wort ist ein Wort. Hält man sein Wort nicht, ist man ehrlos und nicht gut angesehen.”
“Ehre! Ehre!” Ai’lif spuckte aus. Ihr Kopf wurde heiß und die Unruhe in ihrer Brust wurde größer. Ihr Körper bebte, ihre Tränen brannten wie Feuer. “Ich will nicht seine Ehre!”
“X’er wird dich niemals einen Mann ohne Ehre heiraten lassen”, ermahnte Xir’tun sie.
“Und er tut gut daran”, sagte eine Stimme hinter ihr.
Ai’lif wandte sich um: Cu’la stand da, wie damals, bevor das Fieber in ihren Körper gekrochen war und sie von innen heraus verbrannt hatte.
“Mutter”, flüsterte Ai’lif. “Ich habe so oft gewünscht, dich wieder zu sehen.”
Cu’la lächelte sanft. “Ich bin bei dir, meine Tochter. Ich sehe, was du tust, und ich höre, was du denkst. Ich bin stolz auf dich, und ich bin stolz auf die Wahl, die du getroffen hast. Ein Krieger, so mutig, dass er den Wunsch einer Prinzessin ausschlägt, ist ein Mann, der einer Prinzessin würdig ist.”
“Aber ich kann ihn nicht haben!” Ai’lif warf den Kopf in den Nacken und riss aufgebracht an ihren Haaren. Ein frustrierter Schrei entrang sich ihrer Kehle.
Xir’tun trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Stirn, um sie zu beruhigen. “Er hat ein Weib”, wiederholte sie.
“Aber ist sie seiner würdig?“, fragte Cu’la.
Ai’lif stockte, zog die Augenbrauen zusammen und warf ihrer Mutter einen fragenden Blick zu. “Ich weiß nicht”, erwiderte sie leise. “Wie finde ich das heraus?”
“Du musst nach ihr fragen”, erklärte Cu’la. “X’er war einer anderen versprochen, als mein Blick auf ihn fiel, und ich war nur die zweite Frau. Aber es gibt immer Wege, die erste Frau zu werden.”
“Sende deine Mägde aus und lass dir von seinem Weib berichten.”
“Xir’tun gibt weisen Rat”, stimmte Cu’la zu.
“Meine Mägde?” Ai’lif war überrascht. “Was soll ich ihnen sagen?”
“Sende sie in das Dorf der Fischer und Jäger, wo X’exis mit seinem Weib lebt. Lass sie nach Fisch fragen und nach frischem Wild. Und dabei können sie mit den Weibern seiner Nachbarn sprechen und sie über das Weib des X’exis ausfragen. Sie sollen dir alles berichten, und dann können wir beratschlagen.”
Eine große Last fiel von Ai’lifs Brust und das schwere Gefühl schwand aus ihrem Magen.
“Ich danke euch”, flüsterte sie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann rief sie nach ihren Mägden und trug ihnen auf, was ihr gesagt worden war.
Am folgenden Morgen brachen die Mägde mit der aufgehenden Sonne auf und ließen Ai’lif mit ihren Gedanken allein. Zunächst konnte sie sich mit dem Webstuhl ablenken, aber ihre Unruhe war zu groß und ihre Hände begingen zu viele Fehler. Irgendwann warf sie das Schiffchen aufgebracht beiseite. Sie versuchte, Xir’tun und Cu’la dazu zu bewegen, ihr zu sagen, was die Mägde in Erfahrung brachten, aber Xir’tun mahnte sie zur Geduld, und Cu’la zog sich mit gerunzelter Stirn zurück. Sie warf ihrer Tochter einen unzufriedenen Blick zu, bevor sie sich in die Schatten zurückzog. Das schmerzte Ai’lif und schürte die Unruhe in ihrer Brust. Das Warten wurde ihr unerträglich.
Inzwischen brannte die Sonne vom Himmel herab, ohne einen einzigen Schatten zu werfen, und die Mädge waren immer noch nicht zurück. Sie waren schon viel zu lange fort. Ai’lif war mit ihren Sorgen allein, ihre Beine fanden keine Rast, und ihr Herz schlug immer unruhiger und heftiger in ihrer Brust.
Als die Mägde endlich zurückkehrten, lief sie ihnen entgegen, packte sie an den Schultern und zog sie zu sich in die Kammer. Die Körbe, in denen sie Fisch und Fleisch gebracht hatten, fielen den jungen Frauen aus den Händen, und sie wollten sie aufheben, aber Ai’lif zerrte sie mit sich.
“Lasst doch!“, rief sie aufgebracht.
“Aber der Fisch”, rief eines der Mädchen, und Ai’lif gab ihr eine Ohrfeige.
“Lass den Fisch! Berichtet mir, was ihr über X’exis und sein Weib erfahren habt!”
Das Mädchen rieb sich weinend die Wange, auf der Ai’lifs Handabdruck sich rot abzeichnete. Die zweite Magd warf ihr einen unsicheren Blick zu, berichtete dann von ihren Gesprächen mit den Nachbarn des Kriegers. Sie berichtete, dass X’exis gut angesehen, dass er ein guter Jäger und Fischer war, wenn er auch beim letzten Fischzug kein Glück gehabt hatte.
“Sein Dämon hat ihm schlechten Rat gegeben”, sagte das Mädchen mit verschwörerischer Stimme, und Ai’lif spürte einen Schauer über ihren Rücken laufen.
Aber in der Jagd zeichnete er sich aus, fing wilde Tiere und führte seine Kameraden sicher von Beute zu Beute. Schon im Kleinen hatte er sich vor seinen Nachbarn hervorgetan, und die Führerrolle, die er während des Kriegszugs gegen Xi’tim und Bu’bul auf sich genommen hatte, hatte sich schon lange angedeutet.
“Und sein Weib?“, fragte Ai’lif atemlos.
“Sie trägt seinen Sohn in ihrem Bauch”, antwortete die Magd. “Wir haben sie gesehen, und sie ist schon ganz geschwollen. Noch ein oder zwei Monde soll es dauern, bis der Junge auf die Welt kommt, aber dann ist X’exis Vater und wird seinen Sohn so erziehen, dass er ihm einst Ehre erweist.”
“Einen Sohn?”
“Sie hat es selbst gesagt. Die Ahnen haben ihnen die Zeichen gedeutet, und es wird ein Sohn werden.”
“Ein Sohn”, flüsterte Ai’lif fassungslos. “Und die Mutter? Ist sie kräftig? Ist sie gesund?”
“Sie ist kräftig und gesund.” Die Magd nickte. “Sie ist glücklich, die Saat ihres Mannes in sich zu tragen und sie freut sich auf den Tag, an dem sie X’exis ihren gemeinsamen Sohn in die Arme legen kann.”
Ai’lif spürte einen schweren Stein auf ihre Brust niederstürzen. Sie musste sich an der Wand abstützen und ihr wurde schwindelig. Ihre Brust schnürte sich zusammen und sie bekam kaum Luft.
“Geht”, keuchte sie.
Die Mägde zuckten erschrocken zusammen, klaubten die Körbe und den Fisch und das Fleisch vom Boden auf und liefen aus der Kammer.
Ai’lif warf sie sich weinend auf ihr Lager.
“Es ist noch nichts verloren.” Xir’tun hatte sich neben sie gesetzt und streichelte ihr zärtlich über die Haare.
“Aber sein Weib trägt seinen Sohn in sich”, schluchzte sie. “Wie kann er sie verlassen? Sie macht ihm das größte Geschenk, das ein Weib ihrem Mann machen kann!”
“Noch hat sie es nicht getan”, gab Xir’tun zu bedenken.
“Aber sie wird ...“, flüsterte Ai’lif.
“Noch hat sie es nicht ...”
“Aber ...”
“Die Ahnen werden einem Mann nicht erlauben, sein Weib zu verlassen, wenn es sein Kind in sich trägt. Das ist gegen die Ehre. Aber noch ist das Kind nicht da, und wenn das Weib fort ist, gibt es kein Kind, und X’exis ist frei.”
Ai’lif stockte. Sie schluckte, und die Tränen versiegten, und sie hob den Kopf und sah zu Xir’tun auf, die vor ihr stand und sie mit flammenden Augen betrachtete.
“Gib die Hoffnung nicht auf, Kind. Wenn Weib und Kind fort sind, ist X’exis frei.”
“Er kann sie nicht verlassen”, sagte Ai’lif langsam. Sie spürte, dass hier etwas verborgen lag, und an Xir’tuns Lächeln erkannte sie, dass sie sich auf dem richtigen Weg befand. “Aber wenn sie nicht mehr da sind ... Wenn zumindest das Kind nicht mehr da ist ...”
Xir’tun nickte zustimmend. “Er wird sein Weib verstoßen, wenn sie das Kind verliert.”
“Und wenn er sie verstoßen hat, ist er frei für mich.” Der Gedanke nahm Gestalt an, und plötzlich stand er leuchtend vor ihr.
“Dann kann er dich zu seinem Weib nehmen und Kinder mit dir zeugen, wie du es dir wünscht. Dann hat er sein Wort gehalten und die Ehre nicht verloren und ist immer noch ein würdiger Mann für eine Prinzessin.”
“Er wird mein Werben nicht ablehnen, wenn sein Weib ihm keinen Sohn schenkt”, flüsterte Ai’lif. Sie sah ein Bild vor ihrem Auge, wie sie und X’exis vom Hohepriester zu Mann und Weib erklärt wurden, und sie sah in diesem Bild eine Frau, die das Weib des X’exis sein musste, die weinend und zusammengesunken am Rande des Platzes der Zeremonie beiwohnte. Ai’lif lächelte, denn das Bild breitete sich in ihr aus wie die Strahlen der wärmenden Sonne.
“Aber wie kann sein Weib den Sohn verlieren?”
“Es gibt Wege, dies zu erreichen.”
“Ich kenne die Wege nicht”, murmelte sie verzweifelt.
“Du kennst die Wege”, widersprach Xir’tun. “Du hast die Ammen davon sprechen hören. Nicht immer will eine Frau die Saat des Mannes in sich tragen, dem sie beigewohnt hat. Die Ammen haben dir davon erzählt. Sie haben dir berichtet, dass es Wege gibt, die Saat wieder auszureißen.”
“Die Kräuterfrauen”, flüsterte Ai’lif.
Xir’tun lächelte und nickte.
Ai’lif schüttelte sich. Die Kräuterfrauen hatten magische Kräfte und konnten mit dunklen Geistern sprechen, die beinahe so mächtig waren wie X’ude. Ihr schauderte bei dem Gedanken an die Kräuterfrauen.
“Sprich mit deinen Ammen”, wies Xir’tun sie an. “Sie werden dir den Weg weisen.”
Ai’lif fiel vor Xir’tun auf die Knie und dankte ihr. Nun hatte sie wieder Hoffnung.