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4.2 - Ai'lif und Ma'sina

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4.2 - Ai'lif und Ma'sina

Mit zitternden Knien ging Ai’lif die letzten Meter zu der steinernen Hütte, von der eine ihrer Ammen ihr berichtet hatte. Cu’la hatte sie auf die Gegenfragen der Ammen vorbereitet, hatte ihr klargemacht, dass die vermuten würden, sie brauche die Kräuterfrau für sich selbst, für eine unerwünschte Frucht in ihrem eigenen Leibe, und natürlich würden sie wissen wollen, wer der Vater des Kindes war. Ai’lif hatte den Gegenfragen getrotzt und auf ihren eigenen Fragen beharrt, ohne etwas preiszugeben, und schließlich hatte eine ihrer Ammen ihr brummend den Namen und das Haus einer Kräuterfrau genannt.

Nun stand Ai’lif vor der steinernen Hütte am Rande des Töpferdorfes. Die Hütte lag etwas abseits, wie bei den Kräuterfrauen üblich. Kräuterfrauen waren ein Teil der Stadt, aber niemand wollte sie in seiner Nähe haben. Kräuterfrauen waren notwendig, und jeder, der mit einem Leid zu kämpfen hatte, wandte sich an sie, aber man fürchtete sie auch wegen ihres Wissens um heilende und tötende Pflanzen und wegen der magischen Begabung, die man ihnen nachsagte.

Direkt hinter der Hütte begann der Regenwald, und ein schmaler, beinahe überwucherter Pfad führte von dem kleinen Platz, um den die steinernen Hütten der Töpfer und ihrer Familien angeordnet waren, zu dem Häuschen.

Ai’lif richtete den Schleier, den sie über den Kopf gelegt hatte, bevor sie das Dorf durchquert hatte, und wie es Sitte war unter den Adligen. Ihre Mägde hatten ihn ihr gegeben, damit man sie im Dorf nicht erkannte und die Kräuterfrau nicht wusste, wer sie aufsuchte. Sie atmete tief ein, dann trat sie an die Türöffnung und steckte vorsichtig den Kopf hinein. Sie fand sich in einem hellen Raum wieder, der vom strahlenden Licht des Tages erfüllt war; alles sah ganz anders aus, als sie es erwartet hatte: Xir’tun und Cu’la hatten ihr von dunklen Räumen und schwarzen Kesseln über lodernden Flammen erzählt, und von vielen magischen Objekten, mit denen eine Kräuterfrau Kontakt zu den finsteren Geistern aufnahm. Aber dieser Raum war hell und freundlich und sah nicht anders aus als die Räume der Mägde und der Ammen im Palast. Ein einfaches Lager in einer Ecke, eine Nische für die Götzen, eine Feuerstelle und ein paar Töpfe und Tiegel, in denen sich Kräuter und Lebensmittel befanden.

“Was brauchst du, junge Herrin?“, fragte eine leise, aber freundliche Stimme neben ihr.

Ai’lif zuckte zusammen. Sie hatte die alte Frau nicht gesehen, die neben der Türöffnung auf einer gewebten Decke auf dem Boden saß und in einem Tiegel vor sich Kräuter zerrieb.

“Bist du Ma’sina?”

“Ich bin Ma’sina.” Die alte Frau nickte. Sie schien über den Schleier nicht verwundert.

Ai’lif nahm den ledernen Beutel, den sie an einer Schnur um ihren Hals getragen hatte, und reichte ihn ihr. Ma’sina ergriff ihn und wog ihn mit der Hand.

“Das soll dir gehören, wenn du mir zu Diensten bist.”

Die Alte öffnete den Beutel und atmete scharf ein.

“Wer bist du?“, fragte sie.

“Mein Name tut nichts zur Sache”, erwiderte Ai’lif, was Cu’la ihr zuflüsterte.

Die Alte beobachtete sie einen Augenblick misstrauisch, ihr Arm zuckte, und sie schien den Beutel zurückgeben zu wollen, überlegte es sich dann aber anders.

“Nein, Herrin, dein Name tut nichts zur Sache”, stimmte sie zu. “Du bist von hoher Geburt, lebst im Palast, bist entweder eine der Mägde der Prinzessin oder eine Adlige, die nicht mit dem einfachen Volk in Verbindung gebracht werden darf. Dein Geheimnis ist sicher bei mir, Herrin. Niemand befragt eine alte Kräuterfrau, und niemals gibt eine Kräuterfrau preis, wer zu ihr gekommen ist.”

Ai’lif nickte zufrieden. Sie wäre erschüttert gewesen, hätte die Frau nicht erkannt, dass sie von hoher Geburt war.

“Nimm Platz, Herrin”, bat die Alte, und Ai’lif setzte sich mit übereinandergeschlagenen Beinen vor ihr auf eine weitere gewebte Decke.

“Weißt du, wer X’exis ist?“, fragte sie ohne Umschweife.

“X’exis, Sohn des Tak’six. Er ist ein guter Jäger und Fischer, ein tapferer Mann und Krieger. Er hat den Ruhm des X’er gemehrt, als er den Kriegszug zu einem erfolgreichen Ende geführt hat, mit dem X’er den X’ep’nis betraut hat. X’ep’nis wurde im Kampf erschlagen, Herrin, und X’exis hat die Männer heil nach Hause geführt.”

“Und kennst du sein Weib?“, fragte Ai’lif. Sie hatte die Worte genossen, mit der die Alte ihren zukünftigen Mann gepriesen hatte.

“Ret’am ist ein gutes Weib. Sie trägt den Sohn des X’exis in sich. Zwei Monde noch, dann wird sie ihn in diese Welt bringen und X’exis stolz machen.”

Ai’lif nickte.

“Das darf nicht geschehen”, sagte sie dann.

Die Alte erstarrte.

“X’exis ist einer anderen versprochen. Sie hat ihn sich erwählt, und es wird eine Ehre für ihn sein, sie zum Weibe zu nehmen. Aber sein Weib und sein ungeborener Sohn sind im Weg. Er hat ihr die Treue geschworen, und weil er ehrenhaft ist, steht er zu seinem Schwur und darf sie nicht verlassen. Aber wenn der ungeborene Sohn nicht mehr ist, kann er sich von seinem Weib lösen. Wenn sie den Sohn verliert und ihm damit Schande macht, ist er frei für die andere, die ihn sich erwählt hat.”

“Wer ist die andere?“, fragte die Alte mit trockener Stimme.

“Das tut nichts zur Sache.”

“Wer spricht zu dir?“, fragte die Alte.

“Kennst du sie nicht?“, erwiderte Ai’lif, aufgebracht über diese Frage.

“Ist es Cu’la?“, fragte die Kräuterfrau. “Das Weib des X’er und Königin unseres Volkes? Bist du Ai’lif, die Prinzessin und Tochter des X’er?” Ihre Stimme bebte, ihre Augen wurden groß, und ihre Hände zitterten so sehr, dass der Lederbeutel zu Boden fiel und die funkelnden Steine herausrollten, die Ai’lif ihr als Lohn gegeben hatte.

“Du weißt, wer ich bin.” Ai’lif war zufrieden. Cu’la hatte sie ermahnt, ihren Namen geheim zu halten, aber ihr Stolz war befriedigt, denn es gefiel ihr nicht, wenn man ihr nicht den gebührenden Respekt zollte. Sie zog den Schleier vom Kopf und präsentierte sich der Kräuterfrau stolz. “Du weißt, wer mein Vater ist: X’er, dein König, und X’ude, sein Bruder, unser Gott. Sei mir zu Diensten und dein Lohn wird groß sein. Widersetze dich meinem Wunsch, und ...”

“Ich werde mich deinem Wunsch nicht widersetzen”, erwiderte die Alte hastig. “Du bringst Ruhm und Ehre in mein einfaches Haus, und ich danke dir, dass du mich aufgesucht hast.”

Die Alte verneigte sich vor ihr, legte sich mit dem Oberkörper und den Armen auf den Boden und presste das Gesicht in den Staub.

“Es ist gut, Ma’sina”, sagte Ai’lif zufrieden. “Niemand soll wissen, dass ich bei dir war und dich um diesen Gefallen gebeten habe. Aber X’exis ist mir versprochen. Er hat seinen Mut im Kampf bewiesen, und er ist einer Prinzessin würdig. Mein Vater hat sein Einverständnis zu meiner Wahl gegeben, und X’exis hat nur abgelehnt, weil er seinem Weib die Treue geschworen hat.”

“Er hat dich abgewiesen?” Die Alte wich ungläubig zurück.

“Ein mutiger Mann, der eine Prinzessin zurückweist.” Ai’lif fühlte den Stolz auf ihren zukünftigen Ehemann. “Nur wer es wagt, eine Prinzessin zurückzuweisen, ist einer Prinzessin würdig.”

Die Alte nickte, noch immer mit weit aufgerissenen Augen.

“Willst du mir diesen Gefallen tun, Ma’sina?“, fragte Ai’lif schließlich. “Die edlen Steine in dem ledernen Beutel sollen dir gehören, und du verdienst dir den Dank von X’er, deinem König und Gott.”

“Was genau soll ich für dich tun, Herrin?“, fragte die Alte mit bebender Stimme. “Nur das ungeborene Kind? Oder auch das Weib?”

“Wenn der ungeborene Sohn nicht mehr ist, wird Ret’am in Schande fallen. Das reicht aus, X’exis von ihr zu lösen. Dann ist er frei für mich, ohne dass seine Ehre darunter leidet. Wenn du aber sagst, dass es besser für Ret’am ist, nicht in Schande zu leben, sondern ehrenhaft zu sterben, dann überlasse ich es dir, wie weit du gehen willst.”

“Besser ist es, ehrenhaft zu sterben, als in Schande zu leben”, antwortete die Alte mit Nachdruck. “Auch für X’exis wird es einfacher sein, wenn beide fort sind und er nicht mit dem Zweifel leben muss, ob er seinem Weib noch weiter hätte beistehen sollen.”

Ai’lif nickte zufrieden. “Dann ist es entschieden. Der ungeborene Sohn und das Weib. Ich will nicht die Schuld an ihrem Leid auf mich häufen, darum lass sie gemeinsam mit ihrem Kind die Reise zu den Ahnen antreten, auf dass sie dort wohlwollend aufgenommen wird.”

“Ja, Herrin.” Die Alte verbeugte sich vor ihr. “Ich werde tun, was du verlangst.”

Ai’lif nickte noch einmal und erhob sich von der gewebten Decke. Die Alte wollte aufstehen, aber Ai’lif hielt sie zurück. “Beginne mit deinen Vorbereitungen, Ma’sina. Ich will bald die gute Nachricht erhalten, dass X’exis frei für mich ist.” Damit warf sie den Schleier wieder über ihren Kopf, damit die Bewohner des Dorfes sie nicht erkannten und verließ die Hütte. In ihrem Bauch breitete sich ein warmes Gefühl aus, sie war zufrieden. Alles fügte sich zum Besten.