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Kapitel 5 - 5.1 - Unterhändler

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Kapitel 5 - 5.1 - Unterhändler

X’er betrat den Thronsaal durch den Torbogen, der hinter dem Thron verborgen lag, umrundete das Podest und verneigte sich vor X’ude. Dann setzte er sich auf den Thron zu X’udes Rechter. Der Kriegszug gegen Xi’tim und Bu’bul lag erst wenige Tage zurück, die Sklaven waren in die Mine und auf die Felder geschickt worden, und einige hatten sie zurückbehalten, um sie X’ude zu opfern.

Xod’rex’ax betrat den Saal durch das Tor, das dem Thron gegenüber lag, und durchschritt den Saal der Länge nach. Er blieb vor dem Thron stehen, den Blick auf X’er und X’ude gerichtet, verneigte sich und hob den Kopf dann wieder.

“Ein Bote steht vor dem Saal und bittet um dein Gehör. Er bringt eine Nachricht von Xi’tim und Bu’bul.”

“Xi’tim sendet mir einen Boten?” X’er spuckte voller Abscheu auf den Boden; X’ude schnaubte ungläubig neben ihm. “Habe ich ihn nicht gerade gedemütigt? Habe ich ihm nicht gezeigt, wie unwichtig er ist und um wie vieles mächtiger ich bin?” Seine Brust hob sich und seine Arme und Beine wurden von einem heftigen Beben ergriffen. Er spürte Lust, den Boten eigenhändig zu erwürgen, um seine Macht zu demonstrieren, aber X’ude hielt ihn zurück.

“Lass ihn eintreten und sprechen.”

X’er fügte sich. Er hatte die Anstrengung gespürt, mit der X’ude seine Gefühle im Zaum hielt, und das besänftigte ihn. Er gab dem Hohepriester ein Zeichen, Xod’rex’ax verneigte sich und befahl den Wachen, den Boten eintreten zu lassen.

Der Fremde betrat den Saal voller Ehrfurcht, duckte sich unter den Blicken der Götzen. In der Mitte des Saales warf er sich vor X’er und X’ude in den Staub.

“Sprich!“, befahl X’er.

“Großer Herrscher”, begann der Fremde mit zitternder Stimme und hob den Kopf. Er blieb auf den Knien, wie es sich für einen Boten gehörte. “X’er, Bruder des X’ude, mächtiger Gott deiner Stadt, ich bin ein Bote des Xi'tim und begleite Gesandte, die mit dir über das Unrecht sprechen wollen, das deine Krieger gegen unser Volk verübt haben.”

“Du wagst es, mir Vorwürfe zu machen?“, donnerte X’er.

Der Bote duckte sich zu Boden, sein Gesicht war bleich geworden; er zitterte am ganzen Körper.

“Verzeih mir, mächtiger Herrscher”, stammelte der Bote in den Staub. “So spricht Xi’tim, mein König. Dies sind seine Worte, und ich kann sie nicht verändern.”

X’er warf seinem Hohepriester einen zornigen Blick zu, aber der schüttelte unmerklich den Kopf.

“Wo sind die Gesandten?“, fragte X’er schließlich. Sein Blick wanderte zum Tor, durch das der Bote getreten war, aber dort konnte er niemanden entdecken. “Warum bist du in meinem Thronsaal und nicht die Gesandten deines Herrschers?”

“Sie haben mich geschickt, um sicheres Geleit auszuhandeln.”

“Zu handeln?” X’er spuckte aus. “Warum sollte ich mit euch handeln?”

“Vielleicht lohnt es sich, mit ihnen zu sprechen”, warf X’ude ein, und auch Ret’ax, der sich im Schatten der Säulen aufhielt, nickte zustimmend.

“Sicheres Geleit?“, fragte X’er widerwillig.

“Ja, mächtiger Herrscher. Die Gesandtschaft lagert im Wald, nicht weit von eurer Stadt, und wartet auf meine Wiederkehr. Wenn ihr den Unterhändlern nach Abschluss der Verhandlungen freies und sicheres Geleit gewährt, kommen sie zu euch in die Stadt, um mit euch zu sprechen.”

“Ich könnte dich töten”, sagte X’er langsam. “Hier und jetzt.”

“Ja, mächtiger Herrscher.”

“Was sollte mich davon abhalten?”

“Nichts, mächtiger Herrscher”, erwiderte der Bote mit brüchiger Stimme.

X’ude hielt ihn zurück. “Beschmutze deine Hände nicht mit einem wertlosen Leben. Sein Tod erfreut mich nicht. Schick ihn zu den Gesandten und versprich ihnen freies und sicheres Geleit. Wir wollen hören, was die Fremden vorzuschlagen haben.”

X’er warf einen Blick auf X’ude, den dieser starr erwiderte. X’er spürte Widerwillen in seiner Brust, aber er nickte.

“Kehre zurück zu der Gesandtschaft. Das Gastrecht ist uns heilig und wir werden nicht dagegen verstoßen”, sagte er und gab dem Boten ein Zeichen, sich zu entfernen.

Der Bote dankte ehrerbietig und erhob sich vom Boden des Saales, dann wurde er von Xod’rex’ax hinausgeführt. X’er starrte ihm noch eine Weile hinterher und knurrte unzufrieden, bevor er ebenfalls den Thronsaal verließ.

Als ihm nach einigen Stunden Kunde gebracht wurde, dass die Gesandten eingetroffen seien, kehrte er gemeinsam mit Xod’rex’ax in den Thronsaal zurück, und als sie das Podest umrundeten, sahen sie die Gesandten, die sich bereits versammelt hatten. Sie saßen mit übergeschlagenen Beinen auf Kissen, die ihnen bereitgelegt worden waren, hatten tönerne Schüsseln mit Speisen vor sich auf dem Boden und waren in eine angeregte Unterhaltung vertieft, während sie mit den Händen gebratenes Fleisch und gegarte Knollen aus den Schüsseln klaubten und Vergorenes und Wasser tranken.

X’er betrachtete sie voller Abscheu und Neugierde. Vor ihm saßen die Gesandten seines Feindes, Männer eines unterlegenen Stammes, die sich weder Ehre und noch Ruhm erworben hatten. Vor vielen Jahren waren sie Handelspartner gewesen, aber sie hatten sich als schwach erwiesen, als verweichlicht. Xi’tims Volk war ein Volk von Bauern und Hirten, kein Volk von Kriegern. Es war nicht gut, mit ihnen zu handeln; dadurch machte X’er sich mit ihnen gemein, und andere Könige und ihre Völker konnten das als Aufforderung sehen, ihn anzugreifen.

Aber es war X’udes Wunsch gewesen, mit den Gesandten zu sprechen, und auch Re’tax hatte dem zugestimmt. X’er musste sich ihrem Willen beugen, doch sein Abscheu wuchs beim Anblick der Unwürdigen. Sie fraßen und grunzten wie Schweine, und es kostete ihn Überwindung, sich auf den Thron zu setzen, um den herum sie im Halbkreis versammelt lagerten.

Die Gesandten verstummten, als sie ihn sahen, und sie neigten ihre Köpfe tief hinab zu Boden, um ihn zu begrüßen.

X’er gab ein Zeichen und Xod’rex’ax gestattete den Männern, sich aufzurichten.

Zwei Mägde brachten X’er einen kleinen Schemel, auf dem sie eine Schüssel mit Speisen und Vergorenes und Wasser servierten, und wie es der Brauch war, hob X’er seinen Becher, um seine Gäste zu begrüßen und aß von den Speisen, auch wenn sein Magen sich zusammenzog und er das Fleisch nur widerwillig hinunterwürgte.

Tänzerinnen und Musikanten eilten durch verborgene Öffnungen in den Wänden, und während die Tänzerinnen in die Mitte des Raumes eilten, stellten die Musiker sich am Rande des Saales auf, um die Bewegungen der jungen Frauen mit ihren Klängen zu begleiten.

“X’er rühmt sich, die schönsten Tänzerinnen des Landes seien an seinem Hof zu Hause”, meldete das Oberhaupt der Gesandtschaft sich bei ihrem Anblick zu Wort. “Und er hat Recht damit. Noch nie haben so schöne Mädchen für mich getanzt.”

Der Mann hob seinen Krug mit Vergorenem und hielt ihn X’er entgegen. Dieser nickte freundlich und erwiderte den Gruß.

So ging es weiter. Während des Essens wurde nichts besprochen, es wurde nicht verhandelt. Die Gäste machten Komplimente und X’er nahm sie entgegen und gab hin und wieder eines zurück, aber er war sparsam damit, sparsamer als es Brauch war, und die Gäste wurden unruhig, denn sie erkannten darin ein Zeichen seiner Abneigung.

“Höre zunächst, was sie dir zu sagen haben”, ermahnte Re’tax ihn. Sein Vater stand im Schatten zu seiner Rechten, während X’ude neben ihm auf dem großen Thron saß und die Gesandten mit starrer Miene beobachtete.

Schließlich wurden die Speisen aus dem Saal getragen, und die Männer saßen zufrieden und satt auf ihren Kissen, und die Zeit für Gespräche war gekommen.

“Ich habe euch Fleisch gegeben und ich habe euch von dem Vergorenen gegeben. Ich habe mit euch gespeist und ich habe mit euch getrunken, wie es Brauch ist”, erhob X’er die Stimme, und die Anwesenden verstummten in ihren Unterhaltungen. Aller Augen waren auf den König gerichtet, und alle hielten den Atem an. “Ich habe euch empfangen und ich habe euch freies und sicheres Geleit zugesichert. Ihr seid zu mir gekommen, um im Namen Xi’tims Verhandlungen mit mir zu führen; mit mir, X’er, Bruder des X’ude, Gott an dessen Rechter ich sitze, und mit dem zusammen ich über mein Land und mein Volk regiere. Einem Gott, um vieles stärker als Bu’bul, weswegen er uns den Sieg im Kriegszug gegen euer Volk gegeben hat. Nun sagt mir: warum sollte ich mit euch verhandeln?”

Ratlose Stille herrschte im Saal, die Augen aller Gesandten waren weit aufgerissen, ihre Blicke gingen hin und her. Sie wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten.

“Halte dich zurück,” mahnte Re’tax. “Gib ihnen Zeit, sich zu erklären.”

Der Anführer der Gesandtschaft erhob sich von seinem Kissen, trat einen Schritt vor, kniete dann erneut nieder und verneigte sich vor X’er und X’ude.

“Ich bin Xia’gel, Sohn des Xi’drap, und ich rühme mich, ein mutiger und kräftiger Krieger zu sein. Ich bin Gesandter des Xi’tim, und mein König hat mich zu dir geschickt, mit dir zu verhandeln, weil er um meine Kraft und Stärke weiß“, sprach der Mann mit fester Stimme. “Xi’tim weiß, dass es eine Beleidigung für X’er und X’ude wäre, einen unwürdigen Gesandten zu schicken, darum hat er mich auserwählt, als einen der besten und tapfersten seines Volkes.”

X’er betrachtete den Fremden geringschätzig, aber auf ein Zeichen X’udes nickte er.

“Du hast wohl gesprochen, Xia’gel”, sagte er, und ein erleichtertes Raunen ging durch die Gesandtschaft. “Du weißt, wie man sich vor einem mächtigen König verhält; nun trage uns vor, was dein König dir aufgegeben hat.”

Xia’gel erhob sich wieder und stand stolz und aufrecht vor X’er.

“Xi’tim spricht: X’er, großes Ungemach hast du über mein Volk gebracht, als du deine Kämpfer entsendet hast. Großes Wehklagen herrscht in meiner Stadt; unser Zorn ist gewaltig, und wir werden unsere Krieger aussenden, um einen Ausgleich zu schaffen. Es sei denn, du gedenkst unserer einstigen Handelsbeziehungen und bist bereit, uns gebührend zu entschädigen.”

X’er schnaubte verächtlich, aber Re’tax ermahnte ihn noch einmal zur Ruhe.

Xia’gel fuhr fort: “Du sollst uns unsere Männer und unsere Frauen und unsere Kinder unversehrt zurückschicken, und du sollst ihnen zehn Maultiere mitgeben, beladen mit den kostbaren Steinen, die du in deiner Mine aus dem Fels schlägst.”

Wieder schnaubte X’er, wieder ermahnte Re’tax ihn zur Ruhe, aber dieses Mal konnte X’er nicht an sich halten.

“Welche Gegenleistung will Xi’tim mir erbringen?“, fragte er.

“Höre die Worte von Xi’tim, meinem König”, begann Xia’gel, aber X’er unterbrach ihn.

“X’ude hat meinen Kriegern den Sieg geschenkt, weil Bu’bul ihm unterlegen ist. Welche Gegenleistung will Xi’tim mir erbringen? Ich habe mir Sklaven genommen, damit sie für mich arbeiten. Wollt ihr sie zurück, müsst ihr sie kaufen.”

“Mein König fordert noch mehr”, erwiderte Xia’gel, mit sichtlichem Unbehagen. “Höre die Worte von Xi’tim: Als Wiedergutmachung sollst du mir außerdem deine Tochter geben, damit mein Sohn sie zum Weibe nehme und viele Kinder mit ihr zeuge. So sollen unsere Königreiche in immerwährendem Frieden miteinander verbunden sein.”

“Meine Tochter?“, rief X’er.

“Eine wohlüberlegte Forderung”, raunte Re’tax.

X’er blickt zu X’ude, aber sein Gott starrte düster und mit unbewegter Miene auf die Gesandten, die sich unter seinem Blick furchtsam zusammenkauerten. X’er konnte seinen Blick nicht deuten.

Xia’gel richtete sich wieder zu voller Größe auf und sprach mit kräftiger Stimme: “Deine Tochter soll den Frieden zwischen unseren Völkern besiegeln, mächtiger X’er.”

X’er betrachtete den Gesandten mit neuem Respekt.

“Ich will euch Gegenforderungen stellen”, sagte er nach einer Weile.

Xia’gel und seine Begleiter warfen sich unsichere Blicke zu.

“Wenn ich Xi’tim sein Volk zurückgebe, will ich von ihm eine Entschädigung. Ich will so viel Getreide, wie eine Stadt braucht, um ein halbes Jahr davon zu leben. Ich habe mir die Sklaven rechtmäßig im Krieg angeeignet; das ist es, was sie mir einbringen werden. Gebt mir das Getreide, dann könnt ihr die Sklaven mitnehmen.”

“Und deine Tochter, mächtige X’er?”

“Ich werde mich mit X’ude beraten”, sprach X’er und erhob sich von seinem Thron. Die Gesandten fielen vor ihm auf die Knie und senkten den Blick. “Morgen werden wir gemeinsam speisen, und ich werde euch unsere Entscheidung mitteilen.”

Damit verließ er den Saal, und hinter sich hörte er das aufgeregte Raunen der Fremden.