LNCrawler

5.2 - Der tote Gesandte

In Der Stille Der Götter — www.fanfiktion.de · All chapters

5.2 - Der tote Gesandte

Außer sich marschierte X’er in seiner Schlafkammer auf und ab. Die Mägde, die ihm das Lager bereiteten und ihn zum Schlafen entkleiden wollten, hatte er aus dem Raum gejagt. Er war aufgebracht, er war wütend, seine Brust bebte vor Zorn. Die Forderungen der Fremden waren unerhört, und er war nicht bereit auf sie einzugehen.

“Was soll ich tun?“, fragte er X’ude aufgebracht.

X’ude und Re’tax standen im Schatten, aber X’ude trat in das flackernde Licht der Öllampen, und der Schein des Feuers glänzte auf seiner Haut. Seine Augen funkelten wie Edelsteine, und seine Stimme war wie Donner.

“Die Fremden sind deiner Tochter nicht würdig.”

“Ai’lif”, murmelte X’er. Der Gedanke, sie mit Xi'tims unwürdigen Sohn zu vermählen, einem Mann, der nicht tapferer und ehrenhafter sein konnte als sein schwächlicher Vater, beengte seine Brust.

“Die Forderung ist unverschämt”, mischte Re’tax sich in die Unterhaltung ein.

“Aber welche Entscheidung ist zu treffen?“, fragte X’er. Er war unschlüssig, hatte sich noch nie in einer solchen Situation befunden. Zwischen den Völkern herrschten Handel oder Krieg, aber eine Vermählung mit dem Sohn eines geringeren Königs, um die Reiche zu versöhnen, war ihm fremd. Er brauchte den Rat seiner Ahnen und seines Gottes.

“Du darfst keine Schwäche zeigen”, mahnte Re’tax.

“Wie zeige ich Stärke?“, fragte X’er. “Lehne ich das Angebot ab und riskiere einen Krieg? Wie kann verhindert werden, dass Xi’tim zum Kampf rüstet, wenn ich seine Gesandten unverrichteter Dinge zu ihm zurücksende?”

“Zeige ihm, wer der Mächtigere ist”, wies X’ude ihn an. “Ich bin X’ude, dein Gott und Bruder, und Bu’bul ist ein schwacher Gott. Bu’bul kann gegen mich nicht bestehen, und Xi’tim kann nicht gegen dich bestehen. Führe ihm deine Stärke vor Augen.”

X’er wollte X’udes Anweisung befolgen, aber er wusste nicht, wie.

“Sag ihnen, dass sie Ai’lifs nicht würdig sind”, erklärte Re’tax.

“Und dann?”

“Sie werden außer sich sein”, erwiderte Re’tax. “Du wirst Xia’gel zu Boden stoßen und seinen Kopf abschlagen. Du wirst sein Gefolge zu Xi’tim zurücksenden, und du wirst ihnen den Kopf ihres Oberhauptes mitgeben, dass sie es Xi’tim zu Füßen legen. Daran wird er deine Macht erkennen und er wird es nicht wagen, gegen dich in den Krieg zu ziehen.”

“Damit verletzen wir das heilige Gastrecht.”

X’ude schwieg mit finsterer Miene, aber Re’tax hob die Schultern und warf X’er einen nachsichtigen Blick zu.

“Es ehrt dich, dass du Unwürdigen gegenüber das Gastrecht heilig halten willst. Aber den Mächtigen kümmert es nicht, was der Unwürdige von ihm denkt. Du wirst sie zerquetschen und ihrem Herrscher zu Füßen werfen, und der wird erkennen, dass du der mächtigere König bist. Wie sonst könntest du das Gastrecht ungestraft verletzen und einen Gesandten töten, dem du freies Geleit zugesagt hast? Das kannst du nur, weil du so viel höher stehst als Xia’gel und so viel höher als Xi’tim. Xi’tim wird das erkennen und er wird es nicht wagen, gegen dich in den Krieg zu ziehen.”

X’er starrte seinen Vater an, während der Gedanke sich in seinem Kopf ausbreitete.

“Ich werde gleich zu ihnen gehen”, sagte er dann heiser.

“Nein.” X’ude hielt ihn zurück. “Die Nachtruhe ist mir heilig. Lass sie heute Nacht schlafen, als geehrte Gäste deines Hauses. Morgen früh wirst du ihnen meine Entscheidung kundtun, und du wirst tun, was Re’tax dich geheißen hat. Aber nun lass sie schlafen.”

X’er fügte sich in die Entscheidung, aber die Nacht war unruhig. Der Zorn über die Forderungen der Fremden ließ ihn lange Zeit nicht schlafen, und nur langsam brachte der Plan des Re’tax im ein wenig Ruhe. Als die Sonne endlich über den Horizont kroch und den neuen Tag begann, war er aufgewühlt und brannte darauf, dem Befehl seines Gottes Folge zu leisten. Nachdem er sich von den Mägden hatte waschen und ankleiden lassen, kehrte er in den Thronsaal zurück.

Xia’gel und seine Männer saßen bereits auf den Kissen, wie am Abend zuvor, und aßen von den Speisen, die ihnen die Mägde serviert hatten und tranken reines Quellwasser und Vergorenes. Sie schienen ausgelassen und fröhlich, und verneigten sich vor X’er, als er den Raum betrat.

X’er gab ihnen ein Zeichen, fortzufahren und setzte sich auf seinen Thron.

“Wir danken dir für deine Gastfreundschaft”, sprach Xia’gel ihn an und hob seinen Becher.

X’er nickte und ließ sich einen kleinen Schemel mit Speisen und Getränken neben den Thron stellen.

“Mächtiger Herrscher, sage uns, zu welchem Entschluss du gekommen bist”, bat Xia’gel, nachdem X’er gegessen und getrunken hatte. “Bist du mit den Forderungen einverstanden? Willst du uns unser Volk zurückgeben und die geforderte Entschädigung? Und willst du deine Tochter mit uns senden, dass sie das Weib unseres Prinzen werde?”

X’er erhob sich von seinem Thron. In seinem Magen und seiner Brust brannte ein großes Feuer, und er gab den Wachen ein Zeichen, die Gesandten zu ergreifen.

“Du wagst es, diese Forderungen zu wiederholen?“, donnerte er Xia’gel ins Gesicht. “Du wagst es, meine Tochter zu fordern für einen Prinzen, der es nicht wert ist, den Boden zu küssen, auf dem sie wandelt? Du wagst es, eine Wiedergutmachung zu fordern für Sklaven, die ich mir rechtmäßig erworben habe? Wer bist du, dass du solches fordern kannst? Wer bist du, dass du dich vor mich stellst und diese Worte an mich richtest?”

Xia’gel und seine Begleiter starrten ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Keiner von ihnen konnte sich rühren, sie wurden von den Wachen festgehalten, jeder von ihnen hatte eine Klinge an der Kehle. Eine falsche Bewegung bedeutete den Tod. Die Angst stand ihnen ins Gesicht gemeißelt.

“Mächtiger Herrscher ...“, begann Xia’gel, aber X’er fiel ihm ins Wort.

“Ich habe mich mit X’ude besprochen, und mit Re’tax, meinem Vater. Sie haben mich bewogen, eure Forderungen zu überdenken, aber wir sind uns einig, dass es einem verweichlichten König nicht zusteht, Forderungen an einen mächtigen Herrscher zu richten.”

Wieder gab er den Wachen ein Zeichen, und die drückten die Gesandten zu Boden. Auf allen vieren starrten sie mit panischen Augen zu ihm empor.

“Hört meine Worte”, sagte X’er. Er winkte einen der Wächter heran und schickte ihn zu Xia’gel. Auf ein Zeichen hob der eine schwere Axt mit scharfer Klinge aus Obsidian und schlug Xia’gel das Haupt vom Körper. Drei harte Schläge waren nötig, dann lag der Kopf des Gesandten X’er zu Füßen, der Körper sackte in sich zusammen, das Blut verteilte sich in einer großen Lache auf dem steinernen Boden.

Xia’gels Begleiter brachen in lautes Jammern aus, ihre Körper bebten, ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Angst überwältigte sie. Xia’gels Augen waren noch geöffnet, und als X’er einen Schritt vortrat und den Kopf des Gesandten an seinen Haaren packte und vom Boden aufhob, sah er Überraschung und Angst in dem brechenden Blick. Der Mund bewegte sich noch, als wolle er etwas sagen, aber dann erstarrte auch der.

X’er drehte den Kopf hin und her, suchte nach etwas, das Xia’gel gewesen war, aber als er nichts fand, ließ er den toten Schädel wieder fallen.

“Hört meine Worte”, wiederholte er, und die Wachen zwangen die Gesandten zur Ruhe. “Ich habe Xia’gels Haupt von seinem Körper geschlagen; das zeigt meine Macht und meine Stärke. Ich fürchte die Vergeltung eines schwachen Königs und seines schwachen Gottes nicht, darum bin ich nicht an die Gesetze des Gastrechts gebunden. Ich allein entscheide, wer lebt und wer stirbt.”

Er trat einen Schritt auf die Gesandten zu, wobei er Xia’gels Kopf mit dem Fuß bei Seite schob. Die Männer versuchten, zurückzuweichen, aber in den kräftigen Armen der Wachen konnten sie sich nicht bewegen.

X’er fuhr fort: “Ich sende euch zurück zu eurem schwachen Herrscher und ich gebe euch Xia’gels Haupt als Botschaft mit. Lasst Xi’tim meine Worte hören: Niemals werde ich euch euer Volk zurückgeben. Ich habe sie rechtmäßig in einem Kriegszug als Sklaven erworben. Niemals werde ich euch kostbare Steine schicken; und niemals werde ich euch meine Tochter mitgeben, damit sie dem Sohn eines schwachen Königs zum Weibe werde. Lasst Xi’tim diese Worte hören.”

Wieder gab X’er den Wachen ein Zeichen, und die Männer zerrten die jammernden Gesandten aus dem Saal. Zurück blieben X’er und Xia’gel.

Noch einmal hob X’er den Kopf des Enthaupteten vom Boden auf und starrte ihm ins Gesicht. Xia’gel war ein mutiger Mann gewesen, aber er hatte dem falschen König gedient. Beinahe bedauerte X’er, ihn getötet zu haben, aber je mutiger und tapferer sein unterlegener Gegner, desto deutlicher unterstrich er seine eigene Macht.

Gelangweilt ließ er den Kopf wieder zu Boden fallen. Er winkte eine Wache heran und befahl, den Gesandten den Kopf ihres Anführers zu bringen, dann verließ er den Saal.