Kapitel 6 - 6.1 - Ret'am wird schwach
Kapitel 6 - 6.1 - Ret'am wird schwach
Fünf Tage waren vergangen, seitdem X’exis und seine Kameraden von ihrem Kriegszug zurückgekehrt waren, und der Alltag hatte wieder Einzug gehalten. Seine Nachbarn behandelten ihn mit mehr Respekt als zuvor, aber sie sprachen nicht mehr täglich über seine Taten; und mit Id’nan und X’unis ging er auf die Jagd, wie sie es auch vor dem Marsch gegen Xi’tim getan hatten. Er sorgte für Ret’am und ihren ungeborenen Sohn; er brachte Opfer für X’er, Tak’six und Rot’ud. Er vergaß den Krieg und den Kampf.
Hin und wieder erinnerte er sich an die Begegnung mit X’er und Ai’lif. Er dachte daran, dass er den Antrag der Prinzessin abgewiesen hatte; er dachte daran, dass er sich gegen seinen Gottkönig aufgelehnt hatte. In diesen Momenten wurden seine Knie weich und sein Herz schlug heftig in seiner Brust, aber er hatte richtig gehandelt, und Tak’six und Rot’ud waren stolz auf ihn. Ret’am hatte er nicht davon berichtet, es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen.
Auch heute war die Jagd erfolgreich gewesen und gemeinsam mit Id’nan und X’unis brachte X’exis ein erlegtes Schwein aus dem Wald zurück; genug Fleisch, um ihren Familien mehrere Tage Nahrung zu geben, genug Fleisch, um Ret’am bei Kräften zu halten und ihren Sohn wachsen zu lassen. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis sie sich niederlegen würde, um ihren Sohn in die Welt zu bringen. X’exis würde an ihrer Seite sein und seinen Sohn empfangen und ihn zu einem guten Krieger erziehen.
Lachend und scherzend kehrten die drei Männer zu ihren steinernen Hütten zurück und verabschiedeten sich voneinander.
Als X’exis seine Hütte betrat, war er verwirrt. Er konnte nichts sehen, denn in der Hütte war es dunkel; das Feuer brannte nicht. Er sah Ret’am nicht, und auf seinem Nacken machte sich ein Kribbeln breit, als liefen kleine Spinnen darauf umher, und ein enger Reif legte sich um seine Brust. Er wartete, bis seine Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, dann entdeckte er sie auf dem Lager und spürte Erleichterung. Aber etwas war anders - nicht wie es sein sollte - und sein Magen verkrampfte sich erneut, formte sich zu einem festen Knoten, und er eilte zu ihr. Seine Jagdbeute fiel unbeachtet zu Boden.
“Was ist mir dir?”
Er nahm sie in die Arme und spürte den kalten Schweiß auf ihrer Haut. Ihr Gesicht war blass, ihre Lider dunkel und blau. Im schwachen Licht der Hütte blickte er auf den Schädel einer Toten.
“X’exis?” Ihre Stimme war schwach und leise.
“Ret’am? Was ist mit dir?”
Sie legte die Hand auf ihren Bauch.
“Dein Sohn ... er tritt nicht mehr”, flüsterte sie.
“Mein Sohn ...” X’exis verstand nicht.
Er legte eine Hand neben ihre, und dort, wo er sonst seinen Sohn fröhlich hatte Strampeln spüren, war nichts mehr. Ihr Bauch schien geschwollen, hart wie ein Stein, als habe sich sein Sohn in einen Felsklumpen verwandelt. X’exis starrte auf die geschwollene Kugel unter seiner Hand.
“Er tritt nicht mehr”, murmelte Ret’am, dann fiel ihr der Kopf in den Nacken. Ihr Atem ging röchelnd, ihr Herz schlug schwach und unregelmäßig unter seiner Hand.
Wie betäubt ließ X’exis sie auf das Lager sinken.
Ihre Stirn war kalt und feucht wie das Wasser einer Quelle, ihr ganzer Körper war von Schweiß bedeckt.
“Es geht ihr schlecht”, sagte Rot’ud. “Dein Sohn vergiftet sie und nimmt ihr das Leben.”
“Was soll ich tun?“, flüsterte X’exis und sah Rot’ud hilfesuchend an. “Sag mir: was soll ich tun?”
“Geh zur Kräuterfrau. Nur eine Kräuterfrau kann jetzt helfen.”
“Aber eine Kräuterfrau ...” X’exis schauderte bei dem Gedanken. Er fürchtete Kräuterfrauen, so wie die meisten seiner Nachbarn.
“Nur eine Kräuterfrau kann ihr jetzt helfen”, wiederholte Rot’ud. “Geh zu einer Kräuterfrau und bring sie zu deinem Weib. Vielleicht kann die Kräuterfrau deinen Sohn und dein Weib noch retten.”
X’exis sah sich nach Rot’ud und Tak’six um, die in der Nische nebeneinander lagen, dann nickte er.
Er küsste Ret’am auf die Stirn, verließ die Hütte, lief zu Id’nan und bat ihn, bei Ret’am zu bleiben und auf sie zu achten, während er nach einer Kräuterfrau suchte.
Kräuterfrauen waren gleichermaßen verehrt und gefürchtet. Sie kannten die Kräuter des Waldes und wussten, wie sie Krankheiten und Wunden heilen konnten. Sie wussten aber auch, wie sie Tränke mischen konnten, die Schmerzen bereiteten oder Leben nahmen. Manche glaubten, dass sie nur um die Macht der Kräuter wussten, andere glaubten, dass sie magische Kräfte besaßen und mit bösen Geistern im Bunde standen, und das schürte Angst. Kräuterfrauen waren wichtig für die Dörfer, aber niemand wollte sie zu nah an seinem Lager wissen, und so lebten sie in ihren Hütten am Rande der Siedlungen. Nahe dem Wald, getrennt von den Übrigen.
Die Kräuterfrau im Dorf der Jäger und Fischer hieß Ag’am, und X’exis fürchtete sie und er hatte sie noch nie aufgesucht. Aber nun lief er, so schnell er konnte, zwischen den steinernen Hütten hindurch zu ihrem Haus. Der Weg war nicht weit, und doch schien er endlos, aber als er bei ihrer Hütte eintraf, blieb er vor dem Eingang stehen und zögerte.
“Was willst du, X’exis, Sohn des Tak’six?“, sprach eine Stimme aus der dunklen Tür, und er erbebte.
“Woher weißt du ...”
Eine alte Frau trat aus der Hütte zu ihm ins Tageslicht.
“Ich sehe dich”, sagte sie mit einem leisen Lachen. “Ich habe neben der Tür gesessen und dich kommen sehen. Ich sehe viele Dinge, wenn ich neben meiner Tür sitze. Ich sehe alle Häuser und alles, was darin vorgeht.”
“Dann weißt du, warum ich hier bin?”
“Nein. Ich sehe Dinge, aber ich sehe nicht, was in deinem Kopf vorgeht.” Sie blickte ihn aufmerksam an, musterte ihn genau. “Aber du bist besorgt... Geht es um dein Weib? Geht es um Ret’am?”
X’exis nickte stumm.
Ag’am kniff die Augen zusammen. “Was ist mit ihr?”
“Sie ist nass und kalt, und unser Sohn tritt nicht mehr.”
“Dein ungeborener Sohn?”
“Ja. Er tritt nicht mehr. Und ihr Bauch ist hart wie Stein und ihre Haut ist kalt und nass, und ihre Augen dunkel. Kannst du ihr helfen, Ag’am?”
“Bring mich zu ihr.”
Als X’exis zögerte, schob sie ihn vor sich her, und X’exis wandte sich um und lief ihr voraus zu seiner Hütte. Ag’am folgte ihm.
“Was hat die andere gesagt?“, fragte sie.
“Was?” X’exis war überrascht.
“Die andere. Was hat die andere gesagt?“, wiederholte Ag’am ihre Frage.
“Wovon sprichst du? Welche andere?”
“Die andere Kräuterfrau. Ich habe sie kommen sehen. Sie ist in eure Hütte gegangen, um mit Ret’am zu sprechen. Nach einer Weile ging sie wieder fort. Was hat sie gesagt? Welchen Rat hat sie euch gegeben?”
X’exis schüttelte den Kopf. “Ich weiß davon nichts.”
Ag’am brummte leise, als sie bei seiner Hütte eintrafen. Id’nan stand vor der Tür und erwartete sie, sein Blick war finster, er schüttelte den Kopf. X’exis konnte nicht sprechen. Er legte Id’nan die Hand auf die Schulter, nickte und duckte sich dann in die Hütte. Die Alte folgte ihm, Id’nan blieb vor der Tür stehen und wartete.
“Mach Feuer!”
X’exis eilte an die Feuerstelle und schlug Funken in den Zunder, und nach wenigen Augenblick loderte eine Flamme und erhellte den Raum. Ag’am hatte sich bereits neben Ret’am auf das Lager gesetzt und ihr eine Hand auf die Stirn gelegt und eine auf den Bauch.
“Sprich, Ret’am.” Ihre Stimme ein raues Flüstern.
Ret’am öffnete mühsam die Augen. Sie schien noch schwächer geworden zu sein.
“Rühre einen Brei an”, befahl Ag’am, und X’exis folgte ihren Anweisungen. Er wusste nicht, was er tun sollte, er wusste nicht, was er fragen sollte. Verständnislos beobachtete er, was um ihn herum geschah.
“Sprich, Ret’am”, wiederholte die Alte. “Spürst du deinen Sohn?”
X’exis erstarrte, die Schüssel mit dem Getreide in der Hand.
Ret’am zitterte, ein Schluchzen lief durch ihren ganzen Körper.
“X’ude ist unzufrieden”, murmelte Ag’am. Dann wandte sie sich an X’exis: “Welches Unrecht hast du ihm getan, dass er dich straft?”
X’exis zitterte am ganzen Körper. Hatte er seinen Gott beleidigt? Er hatte ihm jeden Tag geopfert, hatte ihm von seiner Jagdbeute das Fett gespendet. Oder strafte X’ude ihn dafür, dass er X’er widersprochen und Ai’lif zurückgewiesen hatte? Er warf Rot’ud einen flehenden Blick zu, aber der schwieg.
“Hast du deswegen nach einer Kräuterfrau gerufen?“, wandte die Alte sich nun wieder an Ret’am. “Weil du spürtest, dass X’ude euch straft? Seit wann geht es dir so schlecht?”
Ret’am erwiderte ihren Blick für einen kurzen Moment, dann sank ihr Kopf wieder zurück und ihre Augen schlossen sich. Ihr Atem blieb flach, ihre Brust hob und senkte sich kaum.
“Was ist mit ihr?“, rief X’exis verzweifelt.
“Ich werde Kräuter sammeln”, antwortete die Alte. “Ein Dämon hat von deinem Weib Besitz ergriffen. Dein Sohn ist nicht mehr, der Dämon hat ihn von euch genommen. Und auch dein Weib wird er nehmen, wenn wir uns nicht beeilen. Ich weiß nicht, ob ich noch etwas tun kann. Ich werde Kräuter sammeln. Bereite den Getreidebrei und gib ihr davon zu essen. Sie braucht Kraft, wenn sie leben soll.”
“Aber ...”
“Ich werde Kräuter sammeln”, murmelte Ag’am. “Dein toter Sohn liegt in deinem Weib und will sie mit sich zu den Ahnen nehmen. Wir müssen ihn aus ihr herausholen, aber dazu brauche ich Kräuter und dein Weib braucht Kraft. Bete zu deinem Götzen, bete zu X’ude und bitte ihn um Vergebung. Dein Weib braucht seine Hilfe.”
Damit verließ Ag’am die Hütte, und X’exis blieb allein zurück, starrte auf Ret’am, unfähig, sich zu bewegen. Erst als Rot’ud ihn ermahnte, bereitete er den Getreidebrei, wie die Alte es ihm befohlen hatte.