P.2 - Eine Mission
P.2 - Eine Mission
Ceptus trommelte nervös mit den Fingern auf seinem Bein. Er saß auf einer steinernen Bank im Vorraum des Thronsaals und wartete auf seine Audienz beim König. Zehn oder zwölf weitere Bittsteller saßen neben ihm, jeder mit seinem eigenen, ganz persönlichen Anliegen ... jeder von ihnen mit seiner eigenen Nervosität.
Wieder einmal hatte sein Name ihm Türen geöffnet, und wieder einmal musste er nun selbst etwas aus der Gelegenheit machen.
Drei Tage war es her, dass er in der Offiziersmesse von der Mission erfahren hatte. Schiffe waren zurückgekehrt, Seeleute hatten Geschichten erzählt, Offiziere hatten Legenden verbreitet. Eine neue Welt, jenseits des großen Wassers, voller Möglichkeiten und Reichtümer; von Gold wurde gesprochen, von Edelsteinen. Der Reichtum lag dort auf dem Boden und wartete darauf, aufgesammelt zu werden; man musste nur zugreifen.
“Dort kann man sich einen Namen machen”, hatte ein junger Offizier mit glühenden Augen berichtet. “Wer zurückkommt, ist ein gemachter Mann.”
Mit dem Gedanken an Andros im Nacken hatte Ceptus Erkundigungen eingeholt, hatte mit Offizieren gesprochen, mit Soldaten, mit Seeleuten. Alle hatten das gleiche erzählt: wer zurückkam, war reich.
War das die Lösung seiner Probleme? Konnte er sich in der Fremde einen eigenen Namen machen und genug Reichtümer anhäufen, um seine Schulden in der alten Welt zu begleichen? Aber wie sollte er hinübergelangen? Schiffe kosteten viel Geld, Matrosen kosteten viel Geld. Soldaten wollten verpflegt werden und verlangten ihren Sold. Eine Mission mit dem Schiff war kostspielig, und er besaß nichts, um sie zu finanzieren. Aber dann hatte man ihm Gerüchte zugetragen: der König war interessiert. Die Geschichten waren bis zum Hof vorgedrungen, und der König hatte zugehört.
Ceptus hatte alles darangesetzt, eine Audienz zu erhalten, und sein Name hatte ihm geholfen. Nun saß er hier, vor Aufregung zitternd, und wartete darauf, in den Thronsaal vorgelassen zu werden.
Schließlich wurde die Tür geöffnet, ein Diener trat heraus und rief seinen Namen. Ceptus erhob sich und marschierte, aufrecht und stolz, an den anderen Bittstellern vorüber und trat ein. Er warf einen Blick in ihre müden, verzweifelten Gesichter, und fühlte sich ihnen überlegen. Was er vorzutragen hatte, musste gelingen.
Der König saß am Ende des Saales auf seinem Thron, in ein Gespräch mit seinen Ministern und Marschällen vertieft. Er beachtete Ceptus nicht, bis der, dem Protokoll entsprechend, wenige Meter vor ihm stehenblieb und salutierte.
“Eure Majestät.”
Der König schaute von seinem Gespräch auf, die Stirn gerunzelt.
“Wie geht es eurem Vater? Er ist uns ein guter Freund.” Er blickte auf Ceptus herab, einen strengen Ausdruck im Gesicht.
“Er ist krank, eure Majestät”, antwortete Ceptus gepresst. “Ich fürchte sein Ende.”
Der König nickte, drückte sein Bedauern aus, kehrte dann zum Grund der Audienz zurück: “Euer Begehr?”
Ceptus straffte sich. Er hatte lange darüber nachgedacht, wie er dem König seinen Vorschlag unterbreiten sollte, und hatte sich gegen ausschweifende Reden entschieden. Der König war ein vielbeschäftigter Mann und kein Freund überflüssiger Worte. Ceptus berichtete von den Schiffen, die aus der neuen Welt zurückgekehrt waren; er berichtete von den Schätzen und Reichtümern, die dort auf Erschließung warteten; er berichtete von den Ländereien, die darauf warteten, für den König in Besitz genommen zu werden.
Der König hörte aufmerksam zu, tauschte hin und wieder einen Blick mit seinen Ministern. Ceptus wusste diese Blicke nicht zu deuten; er war nervös, aber es gelang ihm, seine kurze Rede zum Ende zu bringen, ohne über die eigenen Worte zu stolpern.
“Ihr habt unsere Interessen wohl gedeutet.” Der König nickte, nachdem Ceptus geendet hatte. “Gerade sprachen wir über die neue Welt.”
Ceptus spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Eine Schweißperle erschien auf seiner Stirn und seine Hände wurden feucht. Nun entschied es sich.
“Ich brauche gute Offiziere, die in die neue Welt reisen, um sie für die Krone in Besitz zu nehmen. Unsere Cousins strecken bereits ihre Hände nach der Fremde aus, und sie dürfen uns nicht zuvorkommen. Seid ihr ein guter Offizier?”
Ceptus salutierte noch einmal und neigte den Kopf. “Ja, eure Majestät.”
“Seid ihr bereit, für eure Krone in die Fremde zu ziehen und das Reich zu vergrößern?“, fragte der König. Die Minister standen neben ihm und tuschelten untereinander.
Ceptus nickte noch einmal. “Ja, eure Majestät. Es wäre eine große Ehre.”
Der König nickte, wandte sich wieder an die Minister. Sie sprachen leise miteinander, während Ceptus wartete. Er bebte vor Aufregung. Die Audienz verlief besser, als er es sich erhofft hatte. Er sah sich schon an Bord eines Schiffes in See stechen, Matrosen und Soldaten zu seiner Verfügung.
“Land, das ihr in Besitz nehmt, fällt an die Krone”, wandte der König sich schließlich wieder an ihn. “Von den Reichtümern, die ihr erbeutet, gehen zwanzig Prozent an die Krone. Schiffe, Besatzung, Soldaten ... all das zahlt ihr aus eigener Tasche.”
Ceptus erstarrte. Aus eigener Tasche? Wie sollte er das Geld aufbringen?
“Euer Vater ist ein reicher Mann.” Ein zynisches Lächeln kroch in den Mundwinkel des Königs. Ceptus spürte, wie sich Kälte in ihm ausbreitete.
“Ich bin der vierte Sohn”, stieß er hervor. Schamesröte schoss ihm in die Wangen. Von einem Moment auf den anderen waren seine Träume zerschlagen; er hatte keine Hoffnung mehr.
“Ich kenne eure Brüder.” Wieder nickte der König. “Primus, Secundus, Tertius ... Hervorragende Männer. Sie leben ihr Leben im Geiste eures Vaters.”
“Ja, eure Majestät.” Ceptus stand erstarrt.
“Ihr dagegen ...” Ein stummes Lachen ließ die Brust des Königs erbeben. Er warf einen amüsierten Blick in die Runde seiner Minister, die diesen lächelnd erwiderten. Ceptus fühlte den Spaß, den sie sich auf seine Kosten machten. Der König betrachtete ihn noch einen Augenblick von oben herab, dann fuhr er fort: “Uns sind Dinge zu Ohren gekommen.”
Ceptus wurde bleich. Er wusste, was ihm bevorstand.
“Dokumente, die eure Unterschrift tragen”, sagte der König.
“Ja, eure Majestät.” Ceptus fühlte, wie er innerlich erstarb.
Der König betrachtete ihn noch einen Augenblick, dann machte er eine Handbewegung, als wolle er eine Fliege verscheuchen. Er lächelte wieder, blickte auf Ceptus herab. Seine Augen waren voller Verachtung.
“Man hat uns von euch berichtet, Ceptus. Ihr seid ein Hitzkopf. Ihr seid ein brutaler Mensch. Ihr seid keine Zierde für die Armee der Krone.”
Ceptus schloss für einen Moment die Augen. “Ja, eure Majestät”, stieß er hervor.
“Anders als euer Vater. Anders als eure Brüder. Sie sind Männer der Ehre. Ihr dagegen ...” Der König ließ ihn zittern. Ceptus spürte die eisige Kälte in seinen Adern. “Ihr dagegen seid der ichtige für die Eroberung der neuen Welt.”
Ceptus blickte auf. Verwirrt.
“In der Fremde dürft ihr nicht zögern. In der Fremde müsst ihr mit der ganzen Härte der königlichen Macht durchgreifen. Es geht nicht um Diplomatie, es geht um Besitznahme. Wir werden eure Schulden begleichen, Ceptus. Und wir werden euch Schiffe, Mannschaft und Soldaten zur Verfügung stellen. Wenn ihr zurückkehrt, werdet ihr all das aus eurem Beutegut zurückzahlen. Ihr werdet den Sold für die Soldaten tragen. Der Rest bleibt euch.”
Ceptus spürte die Erleichterung wie eine große Welle über sich hinwegspülen. Der König hatte ihm die Absolution erteilt. Er fiel auf die Knie und dankte überschwänglich.
Der König betrachtete ihn noch einen Augenblick, dann winkte er ihn hinaus. Die Audienz war beendet.