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6.2 - Zusammenbruch

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6.2 - Zusammenbruch

Während er den Brei anrührte, hörte er, dass Ret’am sich auf dem Lager bewegte. X’exis stellte die hölzerne Schüssel auf den Boden und setzte sich zu ihr. Als er ihr die Hand auf die kalte, feuchte Stirn legte, öffnete sie die Augen und sah ihn an, die Brauen zusammengezogen, das Gesicht schmerzverzerrt.

“Ret’am”, murmelte er leise.

“Dein Sohn ...” Tränen standen in ihren Augen. Nie hatte er so viel Trauer gesehen. “Er tritt nicht mehr.”

“Die Alte wird dir helfen”, flüsterte X’exis. Er beugte sich vor und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. Ihre Haut war kalt wie frisches Quellwasser.

“Er tritt nicht mehr ...“, flüsterte sie noch einmal, und ihre Augen fielen wieder zu.

X’exis schüttelte sie vorsichtig. Er wollte nicht, dass sie ihn verließ; er wollte nicht, dass sie ihrem Sohn in das Reich der Ahnen folgte.

“Ret’am”, murmelte er leise. “Ret’am.”

Ret’am öffnete die Augen wieder. Nur ein wenig, kraftlos.

“Wer war die Kräuterfrau?“, fragte Rot’ud. X’exis fuhr zusammen. Er hatte vergessen, was Ag’am gesagt hatte, hatte es gehört, aber nicht mehr daran gedacht, hatte nicht verstanden, was sie ihm hatte sagen wollen.

“Wer war die Kräuterfrau?“, wiederholte er Rot’uds Frage. “Warum war sie hier? Warum hat sie dich besucht?”

“Kräuterfrau?” Ret’ams Stirn zog sich zusammen, ihr Blick wurde dumpf und unsicher. Dann hellte er sich ein wenig auf. “Kräuterfrau”, flüsterte sie, ein leises Lächeln auf den Lippen.

“Warum war sie hier?“, fragte X’exis. Er hielt Ret’am weiter umklammert. Ihr Kopf fiel kraftlos von einer Seite auf die andere. “Warum hat sie dich besucht?”

“Unserem Sohn Gutes tun ...“, murmelte sie.

“Gutes tun?” X’exis verstand nicht.

“Sie wusste von unserem Sohn. Sie kannte dich. Du bist ein großer Krieger.” Ret’ams Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Sie hustete einmal und ihr ganzer Körper erbebte.

X’exis sah ihre Kraft schwinden und sehnte die Alte herbei. Welche Kräuter musste sie sammeln? Warum war sie nicht hier und half?

“Du bist ein großer Krieger, ein mächtiger Mann. Ich bin sehr stolz auf dich.”

“Ret’am ...”

“Dein Sohn sollte so groß und mächtig werden wie du. Sie hatte einen Trank ...”

“Einen Trank?”

“Sie gab mir zu trinken”, flüsterte Ret’am. “Damit dein Sohn so groß und mächtig wird wie du.” Ihr Gesicht verzog sich.

“Was war das für ein Trank?“, rief X’exis außer sich.

“Schrecklich.” Ret’ams Körper erbebte bei der Erinnerung. “Scheußlich. Ich habe dir nicht davon erzählt. Ich habe mich geschämt.”

X’exis betrachtete Ret’am fassungslos.

“Du hast den Trank getrunken?”

“Als ich getrunken hatte ...” Wieder hustete sie. “Es ging mir schlecht.” Tränen sammelten sich in ihren dunklen Augen und lösten sich, rannen über ihre Wangen. “Ich konnte spüren, wie dein Sohn starb.”

X’exis wandte sich hilfesuchend nach Rot’ud und Tak’six um, aber die beiden schwiegen.

“Ret’am ...” Er wusste nicht, was er tun sollte.

Ihr Körper erschlaffte in seinen Armen, die Brust blieb still. Sie atmete nicht mehr; ihr Kopf fiel nach hinten. Sie war in das Reich der Ahnen enteilt.

X’exis legte sie vorsichtig auf das Lager zurück.

Tränen schossen ihm in die Augen, er konnte sie nicht mehr sehen. Sein Körper begann zu beben, er schluchzte, und schließlich wurde sein ganzer Körper von der Trauer um sein Weib erschüttert.

“Rot’ud ...“, stammelte er, aber sein Götze schwieg, und X’exis blieb allein in seiner Hütte zurück, allein mit seinem toten Weib.

Alles verschwamm, alles versank in einem dichten Nebel. Schatten bewegten sich um ihn herum, Schemen glitten durch seine Hütte. Es mochten die Nachbarn sein, es mochte die Kräuterfrau sein. X’exis erkannte nichts, X’exis nahm nur wahr. Er saß in einer Ecke des Raumes, hielt seine Beine umklammert und schrie und weinte um seine Frau und seinen Sohn, die ihm entrissen worden waren.

Er spürte Hände, die ihn trösteten, Arme, die ihn hielten, aber er wusste nicht, zu wem sie gehörten, wusste nicht, wer ihn trösten wollte. Er fiel in ein dunkles Loch ohne Licht. Er rief noch Tak’six, er rief nach Rot’ud, flehte um ihre Hilfe, flehte um ihren Rat, aber die beiden antworteten nicht.

Als Ret’am aus der Hütte getragen wurde, riss ihn das für einen Moment aus seiner Erstarrung. Er schien zu kämpfen, schien mit den Männern zu ringen, die ihm seine Frau entrissen, schien zu schlagen und zu treten und zu beißen, und vielleicht warf er jemanden zu Boden, vielleicht auch nicht. Vielleicht wurde er geschlagen und gestoßen, vielleicht wurde er sogar gebunden und in die Ecke gelegt, damit er die Männer nicht verletzte, die Ret’am aus seiner Hütte trugen, vielleicht aber auch nicht. Es war alles eins, und er war gefangen in dem dunklen Loch.

Dann wieder saß er in der Ecke seiner Hütte und hielt seine Beine umklammert und schwankte und weinte. Er war nicht gebunden, also war es vielleicht nur ein Traum gewesen; als habe ihm eine Kräuterfrau Pilze gegeben, die Bilder hervorriefen, aber vielleicht waren die wunden Stellen an seinen Handgelenken und an seinen Knöcheln auch ein Zeichen der Fesselung. Er wusste es nicht.

Gesichter schwebten vor ihm und verschwanden wieder, verschwammen und verwischten. Gesichter seiner Nachbarn und Gesichter von Fremden, vielleicht von Id’nan und X’unis, vielleicht von Ag’am, die er geholt hatte, um Ret’am zu helfen. Vielleicht von Ai’lif, der Prinzessin, die um ihn geworben und die er zurückgewiesen hatte. Er erinnerte sich daran, dass er sie zurückgewiesen hatte, auch wenn Rot’ud nicht bei ihm war, um es ihm zu erzählen.

Vielleicht kniete die Prinzessin vor ihm auf dem Boden seiner Hütte, vielleicht nahm sie sein Gesicht in ihre Hände und sprach zu ihm, vielleicht aber auch nicht. Er hörte ihre Worte nicht, sie drangen nicht zu ihm in das dunkle Loch, gingen unter in dem Heulen und dem Lärm, den er selbst verursachte, und schließlich ließ sie von ihm ab und verschwand wieder zwischen den Nebeln und Schemen, die ihn umgaben und die ständig ineinander übergingen.

Dann lag er auf der Seite und es war Nacht, und dann saß er wieder aufrecht und es war Tag, und das geschah und geschah, und er wusste nicht, wie oft, und all die Zeit flehte er zu Rot’ud und Tak’six, mit ihm zu sprechen, ihm Rat zu geben und ihm zu erklären, was er tun sollte, und all die Zeit schwiegen sie, und er spürte, dass etwas in ihm zerbrach. Und dann dachte er an die Zeit, die er mit Ret’am verbracht hatte und an den Sohn, den sie gemeinsam in die Welt hatten bringen wollen, und daran, dass nun alles vernichtet und er allein zurückgeblieben war, und das dunkle Loch umfing ihn und gab ihm ein wenig Ruhe.